Sozialisation durch Sprache nach George Herbert Mead

Können wir eine eindeutige Identität entwickeln, wenn unsere Sprache mehrdeutig ist?


Hausarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition wichtiger Grundbegriffe

3. Die Identiätsentwicklung nach Mead durch den Faktor Sprache

4. Mehrdeutigkeit deutscher Wörter (mit Beispielen)

5. Kommunikation in der Schule
5.1. Lehrer - Schüler Kommunikation
5.2. Schüler - Schüler Kommunikation

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Sprachentstehungstheorie von George Herbert Mead. Als Forschungsgrundlage beziehe ich mich im Wesentlichen auf das Buch „Geist, Identität und Gesellschaft“ (1973) von George Herbert Mead. Auf Grundlage der daraus gewonnenen Eindrücke habe ich das Ziel dieser Hausarbeit entwickelt, die sich nun mit der Leitfrage „Können wir eine eindeutige Identität entwickeln, wenn unsere Sprache mehrdeutig ist?“ befasst.

Da es verschiedene Arten gibt, wie ein Wort mehrdeutig aufgefasst werden kann, habe ich mich für eine Art und Weise entschieden. Nachfolgend werde ich mich ausschließlich auf die Äquivokation, also den Umstand, dass zwei Wörter gleich klingen, aber, je nach Gebrauch und Auffassung des Empfängers, unterschiedliche Bedeutungen haben können, beziehen.

Auch laut Baumgart gibt es verschiedene Arten der Sprache. Die Sprache der Gesten, die Sprache des Mienenspiels und die Sprache der Worte oder die vokale Geste1. Letzteres ist das, worauf sich diese Hausarbeit im Kern bezieht und die mit der Äquivokation einhergeht.

2. Definition wichtiger Grundbegriffe

Im Kern von Meads Forschung steht die Frage nach der Identitätsfindung und der Identitätsbildung eines Menschen im Mittelpunkt. Doch was versteht Mead überhaupt unter Identität?

Zuerst einmal muss gesagt werden, dass Mead die Identität als „Objekt für sich selbst“ ansieht. Die Identität eines Menschen ist nichts, was eins mit dem Körper ist, sondern abgegrenzt davon zu betrachten ist2. Des Weiteren ist die Identität eines Menschen nicht von Geburt an vorhanden, sondern entwickelt sich erst im Laufe seines Lebens durch einen gesellschaftlichen Prozess, in dem der Mensch Erfahrungen macht und Tätigkeiten ausführt.3 Diese Erfahrungen werden in Austausch mit der Gruppe (oder anderen Individuen) gemacht, in der sich jener Mensch befindet, oder der er sich zuordnet. Je nach diesem Umfeld entwickelt sich die Identität eines jeden Einzelnen verschieden, beziehungsweise übernimmt man bestimmte Verhaltensmuster oder Denkweisen. Findet dieser Prozess nicht statt, so entsteht laut Mead auch keine Identität. Dieser Prozess ist auch auf die Sprache übertragbar, worauf ich im nächsten Kapitel noch genauer eingehen werde.

Ein weiterer Punkt, den ich hier nur kurz aufgreifen möchte, ist, dass jedes Individuum nie seine komplette Identität gegenüber seinem sozialen Umfeld preisgibt. Es gibt also Teile der Identität, die wir verdrängen, entweder bewusst oder unbewusst4.

Der zweite Begriff, den ich nun kurz definieren möchte, ist der, der Identitätsentwicklung. Nur das Wort selbst lässt bereits darauf schließen, dass Identität nicht von jetzt auf gleich erlangt werden kann, sondern ein Individuum verschiedene Stufen durchlaufen muss, bis man von einer Identitätsentwicklung sprechen kann5. Ein zentraler Punkt dabei ist die Bildung des „SELF“, „ME“ und „I“. Das „SELF“ steht hier für die Identität eines Menschen, die im Laufe der gesellschaftlichen Prozesse erlangt wird. Das „ME“ ist die Haltung einer Gruppe, die man selbst auf sich überträgt und einnimmt. Das „I“ wiederum ist die Reaktion eines Individuums auf die Haltung der Gruppe6.

Ganz klassisch kann man die drei Typen in dem Prozess des Spielens beobachten. Dieser ist ein Beispiel für die Rollenübernahme (laut Mead „ role-taking“), beziehungsweise die Identifizierung mit anderen Personen, Gruppen Mannschaften und ähnlichem. Hierbei nimmt man die Haltungen anderer Individuen ein und kann sich im Idealfall auch besser in diese hineinversetzen7.

Es gibt so gesehen einen Transferprozess, bei dem sich ein Individuum in einen „mit Geist begabten Organismus“8 verwandelt. Der Geist eines Menschen entwickelt sich ebenfalls in einem gesellschaftlichen Prozess9. Bei beiden Prozessen spielt laut Mead die Sprache eine zentrale Rolle. Zudem setzt sie auch das Funktionieren und Bestehen einer Gesellschaft voraus, die sich über diese Sprache zu verständigen weiß und unter Sprache das Gleiche versteht. Wer spricht, beziehungsweise ein Verständnis von Sprache hat und sich so mit anderen verständigen kann, hat laut Mead eine Identität entwickelt10.

3. Identitätsentwicklung nach Mead durch den Faktor Sprache

In seinem Kapitel über die Identitätsentwicklung stellt Mead ganz deutlich heraus, dass der Sprachprozess „maßgebend“ für jene ist.11 Mead vertritt die Meinung, dass sich die Sprache eines Individuums durch die Teilnahme an der Gesellschaft entwickelt. Entgegen seiner Meinung steht die des Psychologen John B. Watson, der die gesellschaftliche Komponente bei der Sprachentstehung vollständig außer Acht lässt12. Doch die Wechselbeziehungen und das Reagieren auf andere Personen in dem Umfeld eines Menschen oder einer Gruppe ist genau das, was Sprache so spannend macht. Durch das Sprechen drücken wir Gedanken und Ideen aus und teilen diese mit unserer Umgebung. Dieser Ausdruck ist folglich ein Ausdruck eines „denkenden Wesens“, welches durch das Denken einen Geist besitzt. Die Sprache und das Denken formen im Zusammenschluss den Geist eines Individuums; alle drei vereint bilden die Bausteine der Identität13. Bringt man das Ganze in eine chronologische Reihenfolge des Entstehens, so existiert zuerst die vokale Geste aus welcher dann die Sprache entsteht. Schlussendlich bildet sich dann aus diesen beiden der Geist eines denkenden Wesens heraus14. Ausgehend von der Sprache an sich, von der Mead immer wieder betont, sie sei das Fundament der Identität15, gehen wir nun auf die nächste Ebene und betrachten die vokale Geste genauer. Damit eine Kommunikation funktioniert, muss sich jeder über die Gesten, die er selbst aussendet im Klaren sein und deren Bedeutung kennen. Dies ist die Grundvoraussetzung dafür, dass eine Verständigung mit anderen möglich ist. Hinzu kommt, dass die vokale Geste die einzige ist, die sich auf jedes Individuum an sich gleich stark auswirkt, wie auf Andere16. Dazu ein kleiner Exkurs zur Reiz-Reaktion, die ich später noch genauer ausführen werde: Ich verspüre ein Hunger oder Appetitgefühl. Wenn ich meinem Gegenüber nun sehr ausführlich von einem leckeren, locker gebackenen und ofenfrischen warmen Brot erzähle, wird dieser meist zwangsläufig ein ähnliches Gefühl wie der Erzähler bekommen. Allerdings müssen die Gesten, die in der Person selbst ausgelöst werden, mit denen übereinstimmen, die sie bei anderen auslösen – dies geschieht zu allererst nicht auf der Gefühlsebene, sondern auf der geistigen17. Andernfalls kommt es zu Missverständnissen. Aus diesem Grund spielt die Gesellschaft auch eine so tragende Rolle bei der Identitätsentwicklung, da sonst keine Wechselseitigkeit gegeben wäre. Doch was passiert, wenn wir unter dem gleichen Wort etwas anderes verstehen?

Wie im letzten Kapitel bereits erwähnt übernimmt der Mensch verschiedenste Eigenheiten und Denkweisen seines sozialen Umfeldes, da dies prägend für die eigene Identität ist. Angewendet auf die Sprache lässt sich dies an folgendem Beispiel erklären: Die Mutter von Person A verwendet seit diese denken kann immer ein Wort in einem „falschen“ Kontext, beziehungsweise anders, als der Großteil der sozialen Gruppe es versteht. Person A ordnet diesem Wort nun aber immer die Bedeutung zu, die seine Mutter verwendet und stößt dabei in der Gruppe auf Unverständnis. Dies passiert so lange, bis die Gruppe die Denkweise von Person A ändert, zum Beispiel durch eine Erklärung oder weil Person A nun mehr Zeit mit der Gruppe anstatt mit seiner Mutter verbringt und sich so an die Denkweise der Gruppe anpasst. Aus diesem Grund spricht er in seinem Werk nicht nur von Sprache, sondern von Sprachsymbolik, weil wir Worte und Kommunikation bewusst nutzen. Diese hängt eng zusammen mit dem Symbolischen Interaktionismus: Wie handeln bestimmte Menschen, wie stimmen sie sich aufeinander ab und wie messen sie bestimmten Symbolen (Gesten) Bedeutung bei?

Dies stellt einen Unterschied zur Reiz-Reaktion dar. Zur Verdeutlichung dieser hier ein Beispiel: Ein Kind möchte Pudding essen. Es muss dazu wissen, dass es die Eltern zuerst darum bitten muss, Pudding zu kochen, damit es welchen bekommt. Vorausgesetzt wird auch, dass Kind und Eltern das gleiche unter Pudding verstehen. Dies zeigt, dass, wenn wir kommunizieren, wir das Gleiche unter den Worten verstehen müssen, damit es zur Verständigung kommen kann18. Eine gelungene Verständigung setzt unter anderem auch Empathie und Antizipation voraus, sowie eine Einschätzung der Folgen der eigenen Handlung in der Bedeutung für andere und die Vorwegnahme der Reaktion des anderen. Jeder muss sich selbst also mit den Augen eines jeden anderen betrachten und dessen Handlung als eigene vorwegnehmen können – dies beschreibt Mead als Rollenübernahme. Wir versetzen uns in unser Gegenüber hinein, um diesen zu verstehen und die gleiche Haltung oder das gleiche Verständnis zu oder von einer Sache zu bekommen.

Letzterer Punkt der Reiz-Reaktion stimmt aber mit der vokalen Geste überein, beziehungsweise wird ein Teil dessen. Wir müssen das gleiche unter den Wörtern verstehen, mit denen wir uns verständigen. Ist das nicht der Fall, so kommt es zu einer Fehlkommunikation19. Je nach Ausmaß der Fehlkommunikation kann es dabei zu gravierenden Missverständnissen kommen. Diese mögen vielleicht auf den ersten Blick nicht weiter schlimm sein, allerdings kann sich unser Gegenüber missverstanden, verletzt oder geringschätzig behandelt fühlen, ohne, dass es unsere Absicht war. Zwischen Freunden oder Bekannten mag sich so ein Umstand schnell klären, aber wenn es beispielsweise um einen Geschäftsvertrag oder ein politisches Abkommen geht, so sieht es mit den Folgen schon weittragender aus. Wenn ein Mensch in seiner Identitätsentwicklung einen Schritt weiterkommen möchte und dies auch kontinuierlich fortsetzen will, ist es unabdingbar, dass er sich immer wieder mit seinem Umfeld rückschließt, ob er auch verstanden wird. Da die gelungene Kommunikation durch vokale Gesten das Fundament der Identität eines jeden ausmacht, können wir also keine Identität entwickeln, wenn wir uns nicht ansatzweise störungsfrei miteinander verständigen können. Denn nur durh Kommunikation können wir den Anschluss an eine gesellschaftliche Gruppe halten, die wir zur Identitätsentwicklung benötigen.

4. Mehrdeutigkeit deutscher Wörter (mit Beispielen)

Viele deutsche Wörter sind gleich – und auch wieder nicht. Zwar sehen sie auf den ersten Blick gleich aus, doch die Bedeutung kann je nach Verwendung eine ganz unterschiedliche sein. Zum einen verschafft dieses einen gewissen Reiz, zum anderen kann dieser Umstand aber für starke Verwirrung sorgen. Zwar kann dies ganz lustig sein, wenn man einen Witz mit einem Wortspiel erzählt -20

„«Warum haben Fische keine Haare?» - «Weil sie Schuppen haben.» - «Und warum haben sie Schuppen?» - «Weil sie nichts dagegen tun.» - «Und warum tun sie nichts dagegen?» - «Damit sie ihre Fahrräder unterstellen können.»“21

zum anderen kann dies unbeabsichtigte Assoziationen hervorrufen und im schlimmsten Fall für Konflikte sorgen. Der Umstand, dass Wörter falsch verwendet werden, muss nicht zwangsläufig mit Intelligenz zu tun haben. Es reicht vollkommen aus, wenn man ein neues Wort zu seinem Wortschatz hinzufügt und dessen Bedeutung noch nicht richtig einordnen kann. Manche Begriffe erscheinen (gerade Jüngeren) in gewisser Weise stringent, wie folgendes Beispiel aus einem Schüleraufsatz beweist:

„[…] Gegenüber dem Park war ein Haus, wo die Mütter ihre Kinder gebären. Eine Gebärmutter schaute aus dem Fenster und winkte uns freudig zu.“22

Nun dürfte jedem, der ein bisschen belesen ist und in Biologie nicht ganz abwesend war schlüssig sein, was der Begriff „Gebärmutter“ eigentlich bedeutet und in welcher Weise er regulär verwendet wird. Jedoch ergibt er für einen Menschen, der diesen Begriff gerade erst erlernt in diesem Kontext einen Sinn oder erschließt sich auch ganz logisch, wenn man die andere Bedeutung nicht kennt. Dies ist auch ein wichtiger Punkt, den Mead in seiner Ausführung beschreibt: „Voraussetzung ist, dass jene Reaktion ausgelöst wird, die zum angezeigten Objekt gehört.“23 Mit „gehört“ wird in diesem Sinne die Bedeutung verstanden, welche die breite Masse oder, anders gesagt, der Großteil der Gesellschaft dem Wort beimisst. Wenn also eine Person A uns etwas mitteilt, dann versuchen wir zu verstehen, was diese uns mit ihrer Aussage artikulieren möchte. Zu Beginn dieses Prozesses fassen wir jene Aussage mit den uns bekannten sprachlichen Symbolen und Bedeutungen dieser/dieses Symbole/Symbols auf, die nicht zwangsläufig die sind, die Person A in uns hervorrufen möchte. Es ist schwierig, gerade bei komplexeren Prozessen, dass diese ohne Missverständnisse oder Fehlkommunikation ablaufen.24 Vergleichend dazu kann man die Meinung von dem Psychologen Wilhelm M. Wundt heranziehen, der feststellte, dass wenn die „gleiche vokale Geste“ bei jedem die „gleiche Idee“ auslöst, dann haben wir eine „Basis für Kommunikation“.25 Das setzt allerdings voraus, dass das benannte Objekt, in diesem Falle die „Gebärmutter“, für jedes Individuum nicht nur vokal, sondern auch geistig als solches definiert sein muss, damit der Sinn des Gesagten erfasst werden kann.26

5. Kommunikation in der Schule

Kommunikation, egal wo sie betrieben wird, ist störanfällig. Da Schüler, genau wie Lehrer, einen großen Teil ihres Alltags in der Schule verbringen und viel miteinander kommunizieren, bietet dies einen perfekten Raum für Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse. Denn eine „perfekte Kommunikation gibt es im realen Leben kaum“27.

[...]


1 Baumgart, S. 126.

2 Mead,1973, S. 178.

3 Mead,1973, S. 177.

4 Mead,1973, S. 184.

5 siehe Baumgart, S. 126.

6 Vgl. Baumgart, S. 134 f., Mead, 1973, S. 27.

7 Mead,1973, S. 191 ff., S. 202.

8 Mead,1973, S. 23.

9 Siehe Mead,1973, S. 18, S. 207.

10 Vgl. ebd..

11 Mead,1973, S. 177.

12 Mead,1973, S. 18 f. .

13 Siehe Mead,1973, S. 191; S. 25 f..

14 Vgl. ebd. , Vgl. Baumgart, S. 131.

15 Vgl. ebd..

16 Siehe Mead,1973, S. 191; S. 24.

17 Siehe Mead,1973, S. 24, S. 189, S.191.

18 Vgl. Mead, 1973, S. 53.

19 Baumgart, S. 127.

20 Im Anhang findet sich eine Liste mit doppeldeutigen/mehrdeutigen Wörtern zur Unterstützung dieses Kapitels.

21 Web, deutschunddeutlich.de, S. 1.

22 Web, magazin.sofaautor.

23 Mead, 1973, S.137.

24 Mead, 1973, S.88.

25 Mead, 1973, S.96.

26 Mead, 1973, S.110.

27 Wagner, S.38.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Sozialisation durch Sprache nach George Herbert Mead
Untertitel
Können wir eine eindeutige Identität entwickeln, wenn unsere Sprache mehrdeutig ist?
Hochschule
Universität zu Köln  (Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V504164
ISBN (eBook)
9783346047151
ISBN (Buch)
9783346047168
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Sprache, George Herbert Mead, Identität
Arbeit zitieren
Freda Jansen (Autor), 2019, Sozialisation durch Sprache nach George Herbert Mead, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504164

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