Der Zusammenhang zwischen dem Begriff des Guten (agathon), des Glücks (eudaimonia) und der spezifisch menschlichen Tüchtigkeit (areté) im 1. Buch der Nikomachischen Ethik


Hausarbeit, 2004
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Begriffskonstellation agathon - eudaimonia – areté
2.1 Der Begriff des Guten (agathon)
2.2 Der Begriff der Glückseligkeit (eudaimonia)
2.3 Der Begriff der Tüchtigkeit (areté)

3 Grundgedanken zu dem Verhältnis von areté und eudaimonia

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Die Nikomachische Ethik zählt zu den Moralphilosophien des Altertums. Sie unterscheidet sich jedoch von den anderen aus der Antike überlieferten Abhandlungen dadurch, dass sie keine „Gebrauchsanweisung“ zum vollkommenen Leben gibt und nicht den perfekten Menschen fordert. Sie ist das erste Werk überhaupt, das sich mit dem Thema befasst, was auch die Philosophie der Gegenwart als eine ihrer wichtigsten Aufgaben ansieht: „die phänomenologische Bestandsaufnahme der gegebenen ethischen Tatsachen.“[1]

Die Nikomachische Ethik behandelt die Lehre von der Sittlichkeit oder Tugend. Durch die Tugend erfüllt der Mensch seine Bestimmung, die darin besteht, dass er seine natürliche Vollendung erlangt und dadurch glücklich wird. Wie alles Lebendige nach einem Gut, dem höchsten Ziel strebt, so strebt auch der Mensch nach diesem höchsten Gut, der Glückseligkeit. Aristoteles schenkt der jenseitigen Glückseligkeit kaum Beachtung und beschäftigt sich mit der diesseitigen und irdischen Glückseligkeit.

Die folgende Hausarbeit soll sich mit der in dem ersten Buch der Nikomachischen Ethik eingeführten Begriffskonstellation agathon, eudaimonia, und areté beschäftigen. Hierbei werden zunächst die einzelnen Begriffe entsprechend ihrer Herleitung und Bedeutung definiert, und anschließend der Zusammenhang zwischen den Begriffen ausführlich herausgearbeitet und kurz diskutiert.

Die Frage nach dem letzten Ziel des Handelns, dem höchsten Gut für den Menschen, bildet den Ausgangspunkt der Nikomachischen Ethik und die Basis der zu erläuternden Begriffskonstellation.

2 Die Begriffskonstellation agathon - eudaimonia – areté

2.1 Der Begriff des Guten (agathon)

Aristoteles stellt zu Anfang seiner Nikomachische Ethik folgendes fest:

„Jede Kunst und jede Lehre, ebenso jede Handlung und jeder Entschluß scheint irgendein Gut zu erstreben. Darum hat man mit Recht das Gute als dasjenige bezeichnet, wonach alles strebt.“ (NE 1094 a 1)

Nach Aristoteles strebt demnach jedes menschliche Handeln nach irgendeinem Gut, besser gesagt, alles strebt nach einem gewissen Ziel. Zunächst gilt es allerdings zu untersuchen, was dieses Gut, vielmehr dieses Ziel beinhaltet. Ein Streben benötigt einen Gegenstand, ein Ziel (telos) des Strebens. Das Ziel oder der Zweck kann ein Werk sein, so z.B. die Schusterei. Diese gehört zur Kunst oder Kunstfertigkeit (techné). Bei einer techné wie dem Schusterhandwerk ist folglich das telos das ergon (Werk, Ergebnis, Produkt). In jeder Hinsicht beinhaltet also jedes Ziel etwas Gutes, welches angestrebt wird. Somit ist das Gute das, wonach alles strebt. (NE 1091 a 2) Die Tätigkeit kann aber auch selbst das Ziel sein, wie das z.B. beim „Leben“ der Fall ist, welches Aristoteles als Selbsttätigkeit, Selbstbewegung bestimmt. Das telos ist also die energea (Tätigkeit, Aktivität) selbst.[2]

Somit geht Aristoteles von zwei verschiedene Arten von Zielen aus: entweder liegt das Ziel in der Tätigkeit selbst, oder eben außerhalb dieser Aktivität. Das Produkt einer Handlung kann also konkret oder abstrakt sein. Aristoteles stellt sich alle Tätigkeit als zielgerichtet vor, er geht immer vom Resultat, dem (erreichten) Ziel aus.

Ein Gut stellt demnach das Ziel dar, wonach sich alles Streben und Handeln richtet. Der Begriff des höchsten Gutes darf hier jedoch nicht als ein bestimmtes, einziges Gut aufgefasst werden, nach dem alles strebt. Aristoteles betont daher die Vielfältigkeit der Ziele. (NE 1094 a 6) Um den Begriff des Guten im aristotelischen Sinne richtig zu verstehen und in Zusammenhang zu bringen, sollte man die Behauptung „Ein Gut ist das Ziel, wonach alles strebt“ wie folgt umformulieren: „Jedes strebt jeweils auf ein Gut hin, welches das Ziel der jeweiligen Handlung darstellt.“[3] Das agathon ist also jeweils das Ziel einer einzelnen Handlung bzw. techné und stellt nicht, wie man annehmen könnte, ein allumfassendes Ziel allen Strebens dar.

Aristoteles geht bei dem Begriff „Handlungen“ nicht von bestimmten individuellen Einzelhandlungen aus. Demnach soll nicht von den Einzelzielen konkreter Handlungssituationen und Handlungsträgern die Rede sein, sondern von dem eigentlichen Wesen des einzelnen Handlungstyps und seinem Ziel insgesamt im Dasein. Das Gute (agathon) ist nicht zu verstehen als das ethisch-moralisch gute Strebeziel einer bestimmten Person, welche die Handlung ausübt, sondern bezieht sich auf das durch Handeln erstrebte und erwünschte Gute. Der Anteil am höchsten Gut (agathon) verhilft dem Menschen zum einen zu einer umfassenden Weisheit, die jeder erwerben muss, um ein gottgefälliges und gemeinschaftsförderndes Leben führen zu können. Zum anderen bestimmt der Anteil am höchsten Gut die Qualität der eigenen Tüchtigkeit, des Könnens auf verschiedenen Gebieten menschlichen Wissens.

Die Ziele werden oftmals nicht ihrer selbst willen, sondern wegen anderer Ziele angestrebt, daher unterscheidet Aristoteles diese verschiedenen Ziele. Er bestimmt abermals das höchste Gut als dasjenige, das um seiner selbst willen angestrebt wird. Es ist also reiner Zweck und niemals nur ein Mittel. Daneben ist es auch vollkommener Zweck, was bedeutet, dass es keine Steigerung mehr geben kann, wenn man es erreicht hat. Dieses höchste Gut ist nach Aristoteles die Glückseligkeit (eudaimonia). (NE 1094 a 3)

Bis zu diesem Punkt lässt sich der Begriff des Guten inhaltlich und formal allerdings nur schwer fassen. Es erscheint ersichtlich, dass ein Gut das Ziel des Strebens darstellt, da jede Handlung von ihrem Wesen her zielgerichtet ist. Jedoch wird der Begriff „Gut“ durch die genannte Vielzahl von Handlungen, deren Zielen und somit einer Vielzahl von erstrebten Gütern bisher nicht ausreichend deutlich gemacht.

Da nicht alle Ziele gleichwertig sind, legt Aristoteles im weiteren Verlauf des ersten Buches der Nikomachischen Ethik eine Rangordnung der Ziele fest. Durch diese hierarchische Gliederung einzelner zu einem Handlungsbereich gehörenden technai gelangt man Schritt für Schritt zu einer leitenden techné, deren Ziel nicht das Mittel zum nächst höheren Zweck darstellt, sondern nur um seiner selbst willen erstrebt wird.[4]

Aristoteles verdeutlicht dies am folgenden Beispiel: Die Sattlerei dient der Reitkunst, welche wiederum den Zweck der Kriegsführung verfolgt. Die techné der Kriegskunst zielt auf das Gute für die Polis ab. (NE 1094 a 9)

Der bisher verwendete Begriff des Guten erfährt im Folgenden eine Steigerung in Form des ariston: das Beste, das vollkommene Gute, das höchste Gut. Ein Ziel, welches wir nicht um eines anderen Gutes willen anstreben, muss folglich das letzte und höchste Ziel sein, das ariston. Dass es von allen Gütern ein Bestes geben muss, begründet Aristoteles damit, dass das Wesen des menschlichen Strebens nach einem bestimmten Endpunkt verlangt. Ansonsten sei das Streben und Handeln leer und vergeblich, da wir die Ziele immer um eines höheren Zieles wegen verfolgen würden und unser Wollen somit niemals befriedigt sei, da kein Endpunkt des Strebens in Aussicht sei.

Warum es gerade ein ariston geben muss, veranschaulicht Aristoteles mit dem Bild des Bogenschützens. (NE 1094 a 23) Der Schütze fixiert einen Zielpunkt, die Mitte der Zielscheibe. Er muss sich darin üben, diesen richtigen Punkt zu treffen. Irgendwo auf die Scheibe zu treffen ist gut, jedoch ist die Mitte das Beste für den Schützen, das Wünschenswerteste. Genauso gilt dies für das menschliche Streben: wir suchen eben auch nicht irgendein bestes Gut, sondern das für den Menschen Beste und Erstrebenswerteste.[5]

„Das tägliche Werk, wie es zum Abschluß zu bringen ist, wie es so zu machen ist, daß es gelingt, ist in einer so intensiven Vertrautheit bekannt, daß es „selbstverständlich“ ist. Ebenso selbstverständlich ist es, daß man immer besser beherrscht, was man ständig ausübt, und daß man mit der Zeit an Tüchtigkeit gewinnt. Dank dem „Selbstverständlichen“ versteht man sich darauf, was Werk, Abschluß, Gelingen, Tüchtigkeit heißen, und daß sie zusammen die menschliche Praxis ausmachen.“[6]

Man kann also festhalten, dass der gesuchte Begriff des Guten eine Steigerung erfahren muss in ein bestes Gut, um das Erstrebenswerteste unter allen Gütern für den Menschen bestimmen zu können. Was Aristoteles genau unter dem Begriff ariston versteht und in diesem Zusammenhang weiter konkretisiert, soll im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.

2.2 Der Begriff der Glückseligkeit (eudaimonia)

Für Aristoteles, wie auch für Platon und die meisten anderen Philosophen der griechischen Antike, steht im Zentrum der Ethik der Begriff der Glückseligkeit. Da dem Begriff des Glücks im deutschen Sprachgebrauch verschiedene Bedeutungen zukommen, bedarf es bei der begrifflichen Eingrenzung einer genaueren Analyse. Im Deutschen gibt es folgende Unterscheidungen: Zum einen, Glück haben, im Falle eines glücklichen Zufalls und zum anderen das Glücklichsein an sich. Im Griechischen gibt es für die unterschiedlichen Zustände je ein eigenes Wort, so bezeichnet der Begriff der eudaimonia eine glückliche Person, während der Begriff eutychia einen glücklichen Zufall benennt. Aristoteles richtet sein Hauptaugenmerk an dieser Stelle auf den Begriff der eudaimonia. Dies zeigt seine Betonung der Glückseligkeit im Sinne der aktiven Betätigung, des „Gut-Lebens“, in Abgrenzung zur Glückseligkeit, welche man durch glückliche äußere Umstände passiv erfährt. Eine Person ist folglich glückselig im aristotelischen Sinne, wenn das Leben durch eine aktive gute Lebensführung, durch gutes Handeln und Verhalten in ganzer Hinsicht gelingt, und nicht dadurch, dass das Schicksal es gut mit der Person meint.[7]

[...]


[1] Gigon, Olof: Aristoteles. Die Nikomachische Ethik, München. 2002. Vorwort

[2] Vgl. Wolf, Ursula: Aristoteles` >Nikomachische Ethik<. Darmstadt. 2002, Seite 25.

[3] ebd, Seite 26-27.

[4] Vgl. Wolf, Ursula: Aristoteles` >Nikomachische Ethik<. Darmstadt. 2002, Seite 28.

[5] Vgl. Wolf, Ursula: Aristoteles` >Nikomachische Ethik<. Darmstadt. 2002, Seite 28 - 30.

[6] Szilasi, Wilhelm: Macht und Ohnmacht des Geistes. Freiburg.1949, Seite 109f.

[7] Vgl. Wolf, Ursula: Aristoteles` >Nikomachische Ethik<. Darmstadt. 2002, Seite 31.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen dem Begriff des Guten (agathon), des Glücks (eudaimonia) und der spezifisch menschlichen Tüchtigkeit (areté) im 1. Buch der Nikomachischen Ethik
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Proseminar Aristoteles Nikomachische Ethik
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V50424
ISBN (eBook)
9783638466486
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zusammenhang, Begriff, Guten, Glücks, Tüchtigkeit, Buch, Nikomachischen, Ethik, Proseminar, Aristoteles, Nikomachische
Arbeit zitieren
Daniela Schmitt (Autor), 2004, Der Zusammenhang zwischen dem Begriff des Guten (agathon), des Glücks (eudaimonia) und der spezifisch menschlichen Tüchtigkeit (areté) im 1. Buch der Nikomachischen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50424

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