Alphabetisierung und Leseverhalten in der Neuzeit


Seminararbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICNIS

1. EINLEITUNG

2. ENTWICKLUNGEN DER ALPHABETISIERUNG IN EUROPA

3. MAßGEBLICHE ASPEKTE DER ALPHABETISIERUNG

4. BILDUNGSEINRICHTUNGEN IM 18. UND 19. JAHRHUNDERT

5. LESEVERHALTEN

6. QUELLENLAGE

7. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Die Epoche der Aufklärung“ beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Alphabetisierung und dem Leseverhalten dieser Epoche.

Das Medium Schrift und die Fähigkeit des Lesens sind die Eckpfeiler der Aufklärung. Wenn man sich in dieser Zeit mit Voltaire, Locke oder Kant auseinandersetzen wollte, musste man die Fähigkeit des Lesens besitzen.

Die Alphabetisierung hat das Ziel, dass immer mehr Menschen die Fähigkeit des Lesens und Schreibens erlernen. Aus diesem Grund ist die Alphabetisierung im Zusammenhang mit der Entwicklung der Schriftlichkeit zu sehen, die allerdings auch ein stockender und verlaufender Prozess gewesen ist. Ein wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit der Alphabetisierung ist die Errichtung eines organisierten Schulwesens, auf das ich in einem Kapitel auch noch eingehen werde und beleuchten möchte, inwiefern das aufkommende, organisierte Schulsystem in den deutschsprachigen Ländern dazu beigetragen hat, dass die Alphabetisierungsquote angestiegen ist.

Obwohl die Alphabetisierung bereits früher begann und mit der Erfindung des Buchdrucks einen enormen Aufschwung verspürte, werde ich diese Phase nicht näher behandeln, da es auch nicht in den Rahmen der Aufklärung passen würde. Ich werde mich vor allem auf das 18. und beginnende 19. Jahrhundert konzentrieren.

Im zweiten Kapitel erörtere ich die verschiedenen Entwicklungen der Alphabetisierung in Europa und versuche einen guten Überblick zu geben. Anschließend widme ich mich den wichtigsten Aspekten der Alphabetisierung und versuche die entscheidenden Elemente für eine Lese- und Schreibfähigkeit aufzuzeigen. Da ich ein Element, das Schulwesen, näher beleuchten möchte, gebe ich im vierten Kapitel einen kurzen Überblick über die Bildungseinrichtungen im 18. und 19. Jahrhundert. Die letzten beiden Kapitel beschäftigen sich zum Einen mit dem Leseverhalten der Menschen während dieser Zeit und zum Anderen möchte ich kurz auf die Quellenlage zu diesem Thema eingehen.

2. Entwicklungen der Alphabetisierung in Europa

Ein wichtiger Wendepunkt für die Bildung waren die „reformatorischen Bewegungen des 16. und 17. Jahrhunderts“. Daraus konnten sich zwei entscheidende Faktoren herausbilden, die für das Lernen und Lehren essentiell waren. Zum einen führte man die deutsche Sprache als Lehrmittel ein und zum anderen begann eine vermehrte Alphabetisierung einer breiteren Bevölkerungsschicht.1 Man kann behaupten, dass der Zugang zu einer Schulbildung einen großen Einfluss auf die Verbreitung der Lese- und Schreibfähigkeit hatte.

Im 18. Jahrhundert erklärte man die deutsche Sprache in der Schule zu einem Hauptfach, obwohl diese sich bereits in der Zeit des Barock als Sprache durchsetzte.2

In der Schweiz und in Deutschland kam es im 18. und 19. Jahrhundert zu einer Vereinheitlichung des Bildungswesens, die vor allem den Volksschulbereich betraf. Die Siege und Einnahmen von Napoleon zwangen beide Staaten sich neu zu orientieren. Sie hatten die Absicht, einen „bürgerorientierten Staat“ zu schaffen und dafür war eine gebildete, alphabetisierte Bevölkerung entscheidend. Damit einher kam der Anstoß aus Frankreich, die Kontrolle des Bildungswesens dem Klerus zu entziehen. Allerdings war die Kirche im 18. Jahrhundert auch für die voranschreitende Schreib- und Lesefähigkeit der Menschen verantwortlich, da sie die Schulen und Bildungseinrichtungen finanzierte.3

Andere Gründe für das beständige Fortschreiten der Alphabetisierung waren die religiösen Streitigkeiten, die in der frühen Neuzeit in Europa vorherrschten. Die Protestanten erfüllten das Bedürfnis der Menschen nach Bildung. Sie schufen Bildungseinrichtungen und starteten Bildungsinitiativen. In den protestantischen Ländern war die Alphabetisierung weiter fortgeschritten, als in katholischen Ländern. In Frankreich, Irland und den Niederlanden waren meist die Calvinisten besser ausgebildet, als die Katholiken.4

Ein weiterer Punkt der zu einem Fortschreiten der Lesefähigkeit führte, war, dass es im 18. Jahrhundert zu einer wahren „Explosion des Buch- und Zeitschriftenmarktes“ kam, woraufhin die Mehrheit der Bevölkerung Zugang zu verschiedenen Informationen erhielt. In der Forschung wird dieser Prozess als Presserevolution bezeichnet, worauf im Anschluss auch eine „Leserevolution“ stattfand.5

Obwohl es kaum empirische Daten zu der Lesefähigkeit der Menschen im 18. Jahrhundert gibt, haben Engelsing und R. Schenda Schätzungen vorgenommen, die von der Forschung akzeptiert werden. Demnach betrug die Zahl der lesenden Erwachsenen Mitte des 18. Jahrhunderts rund 10 %. Um 1800 war die Anzahl auf rund 25 % angestiegen, um 1870 waren es bereits 75 % und im Jahre 1900 war die lesende Bevölkerung6 auf 90 % angewachsen.7 Zu beachten ist hierbei allerdings, dass in den niedrigen sozialen Schichten vor allem das Vorlesen eine verbreitete Form war.8

Einen großen Unterschied der Lesefähigkeit gab es zwischen der städtischen und ländlichen Bevölkerung. In den „Residenz-, Universitäts- oder Handelsstädten“ lag der Alphabetisierungsgrad weit höher, als in den ländlichen Gebieten.9 Die Aufklärung, als geistige Strömung, im 18. Jahrhundert wandte sich vor allem „gegen die Bevormundung des Menschen, gegen Vorurteile und Autoritätsglauben“. Der Mensch sollte „mit vernunftgeleiteten Erkenntnissen“ in die Selbstbestimmung geführt werden.10 Aber die allgemeine Alphabetisierung stand thematisch nicht im Mittelpunkt der Volksaufklärer11, sondern das gemeine Volk sollte in die Lage gebracht werden, dass Leben pflichtbewusst zu gestalten und produktiver zu werden, aber die Staatsordnung dabei nicht in Frage zu stellen.12

Der Kern des Bildungsideals der Aufklärung war die Literatur, die sich auf zwei Arten vollzog. Zum Einen gestaltete sie sich als eine „geistig-idealistische Bewegung der literarischen Intelligenz“ und zum anderen war sie praktisch orientiert, also den sozialen Unterschichten und Bauern gewidmet, die von der ersten Ebene, genauso wie auch Frauen ausgeschlossen waren.13

Die Alphabetisierung erfolgte teilweise sehr unterschiedlich. Es gab Menschen, die Texte aufschlüsseln konnten, also in der Lage waren die Buchstaben und Silben zu erkennen, diese laut vorzulesen und auswendig zu lernen. Dabei kam es auch vor, dass sie das Gelesene nicht verstanden. Dieser Anteil der Bevölkerung war sozusagen „halbalphabetisiert“. Gelehrte oder Menschen mit einem höheren Bildungsstand lasen still, verstanden die Texte und dachten über das Gelesene nach. Eine ganzheitliche Alphabetisierung erlangten lediglich die Leute, die auch im Stande waren, selbst etwas zu schreiben. Dadurch konnte man die eigenen Reflexionen zu verschiedenen Texten übermitteln und hatte eine Alternative zur mündlichen Überlieferung. Ein weiterer Aspekt der Alphabetisierung, der nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist die Fähigkeit des einfachen Addierens, was im Alltagsleben der Menschen sehr wichtig war. Eine kleine Elite konnte lateinische Texte in andere Sprache übersetzen bzw. eigenständig verfassen. Diese Minderheit war vollständig alphabetisiert. Menschen die keine dieser Fertigkeiten hatten, waren dennoch nicht ausgeschlossen, sondern hörten aufmerksam zu und konnten sich auf diese Weise an Gesprächen oder einem Meinungsaustausch beteiligen.14

3. Maßgebliche Aspekte der Alphabetisierung

Einer der wichtigsten Faktoren für die Lesefähigkeit waren die Schulreformen im 19. Jahrhundert, die eine Alphabetisierung in allen Gesellschaftsschichten nach sich zog. Der Grad der Lese- und Schreibfähigkeiten der Bevölkerung war im 18. Jahrhundert deutlich geringer, was auch an den Bildungsunterschieden von Land und Stadt lag. Allerdings waren die Bauern und einfache Arbeiter von diesem Phänomen meist noch ausgenommen. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert änderte sich dieser Umstand und der Leserkreis vergrößerte sich auf Großbauern, Facharbeiter, Bergleute, Handwerksgesellen und Soldaten.15

Der Fortschritt der Alphabetisierung in Europa hing von verschiedenen Elementen ab, die allerdings sozial unterschiedlich waren. Durch diesen Umstand kam es zu kontinuierlichen Disproportionen bei der Alphabetisierung, die eine allgemeine und flächendeckende Lese- und Schreibfähigkeit der Menschen ausschloss. Ein wesentlicher Bestandteil war der Zugang zu einer schulischen Bildung und den Bedarf zu besitzen, diese grundlegenden Fähigkeiten einzusetzen. Die Möglichkeit eine Bildungseinrichtung zu besuchen, hing von diversen Umständen ab. Es spielte vor allem „die Vermögensverhältnisse, das Geschlecht, das Erbrecht, die beruflichen Aussichten, die Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder und sogar die Sprache“ eine große Rolle. Trotzdessen, dass die Schulbildung ein entscheidendes Element war und das Interesse daran groß, konnten die meisten Kinder aufgrund der hohen Kosten, die Schule nur für eine kurze Zeit besuchen.16 Obwohl im ausgehenden 18. Jahrhundert eine Vielzahl von Grundschulen in Mitteleuropa existierte, war die Lesefähigkeit in den ländlichen Gebieten dürftig. In den Wintermonaten waren die Klassen mit bis zu fünfzig Kindern überfüllt, die binnen weniger Jahre hauptsächlich in Religion, Schreiben, Lesen und zum Teil auch Rechnen unterrichtet werden sollten. Die Lehrpersonen waren meist selbst nicht sehr gebildet und hauptberuflich oftmals Viehhirten, Schneider, Schuster oder Weber. Sie konnten größtenteils nur notdürftig lesen und schreiben und hatten dementsprechend auch keine Autorität bei den Kindern. Die improvisierten Lehrkräfte mussten die Schüler meist mit körperlicher Zucht zur Ordnung rufen, was dazu führte, dass die Kinder die Schule hassten. Auch den Bauern war eine Schulbildung zuwider, da sie in den Sommermonaten auf Arbeitskräfte verzichten mussten und sie außerdem keinen praktischen Nutzen darin sahen.17

[...]


1 vgl. Fend, Geschichte des Bildungswesens, S. 111.

2 ebd., S.130.

3 ebd., S. 150.

4 vgl. Houston, Alphabetisierung, in: EGO, http://ieg-ego.eu/de/threads/hintergruende/alphabetisierung#citation (07.03.2018).

5 vgl. Meyer, Die Epoche der Aufklärung, S. 117.

6 Engelsing meint in diesem Zusammenhang alle Menschen, die älter als sechs Jahre alt waren.

7 vgl. Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 174.

8 vgl. Faulstich, Die bürgerliche Mediengesellschaft, S. 26.

9 vgl. Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels. S.174-175.

10 vgl. Zirbs, Literaturlexikon, S. 33.

11 vgl. Siegert, Zum Stellenwert der Alphabetisierung in der deutschen Volksaufklärung, in: Goetsch (Hg.), Lesen und Schreiben im 17. Und 18. Jahrhundert. Studien zu ihrer Bewertung in Deutschland, England, Frankreich, S. 124.

12 vgl. Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 176.

13 vgl. Faulstich, Die bürgerliche Mediengesellschaft, S. 17-18.

14 vgl. Houston, Alphabetisierung, in: EGO, http://ieg-ego.eu/de/threads/hintergruende/alphabetisierung#citation (12.03.2018).

15 vgl. Medick, Ein Volk mit Büchern, in: Bödeker (Hg.), Lesekulturen im 18. Jahrhundert, S. 59-61.

16 vgl. Houston, Alphabetisierung, in: EGO, http://ieg-ego.eu/de/threads/hintergruende/alphabetisierung#citation (12.03.2018).

17 vgl. Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 175-176.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Alphabetisierung und Leseverhalten in der Neuzeit
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V504381
ISBN (eBook)
9783346040022
ISBN (Buch)
9783346040039
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuzeit, Alphabetisierung Europa
Arbeit zitieren
Katja Knauder (Autor:in), 2017, Alphabetisierung und Leseverhalten in der Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504381

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