„Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch offenbaren kann“; „Dada ist die beste Medizin und verhilft zu einer glücklichen Ehe“; „Dada ist der Urgrund aller Kunst. Dada ist für den ´Ohne-Sinn´ der Kunst“; „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“ Dada ist Dada. Dada ist Techno. Dada ist Alles und Nichts (je nach Situation, man beachte das Prinzip der Kontextdependenz und der basalen Wirkungsabsicht!) und Dada ist vor allem eins: nicht zu fassen. Unfaßbar vielfältig. Unfaßbar einfältig, zweifältig, dreifältig, multifältig, multikultifältig... So will ich denn im folgenden auf einen einzelnen bedeutenden Vertreter der dadaistischen Weltsicht zu sprechen kommen, der als einer der „extreme[n] Individualisten“, die „jeder für sich, ihren eigenen beschwerlichen Weg [gingen]“ den Dadaismus gründete und sich, als er glaubte, die Zeit wäre gekommen, davon abwandte: Hugo Ball. Ich beschränke mich in meinen Ausführungen im wesentlichen auf Balls TextDas Carousselpferd Johann,unter Berücksichtigung damaliger (und heutiger) zeit- und kunstpolitischer Fragestellungen. Zweifelsohne ein problematischer Versuch, hatten doch die Dadaisten selbst wiederholt den Aktualitätswert von Kunst problematisiert und deren „Ablaufdatum“ zur Diskussion gestellt: „Die echten Werke Dadas dürfen höchstens sechs Stunden leben.“Für die Verfasserin dieser Zeilen ergibt sich somit die Frage, inwiefern einem solchen Werkbegriff Rechnung getragen werden muß, in concreto: inwiefern die vorhandenen Energien (zur Analyse des Ball-Textes) nicht vielmehr in die Produktion eines eigenen Textes gesteckt werden sollten, der in seinen „Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit“, unserer Zeit präsentiert?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Versuch einer Positionierung Hugo Balls
3. Lautgedichte: Nonsens-Produkte oder Nonsens-Verse?
4. Bemerkungen zum Carousselpferd Johann
4.1. Textsorte und Erzählperspektive
4.2. Die Feindeslager oder: Narrentreiben in der Wüste
4.3. Interpretatio mundi
4.4. Idealismuskritik
4.5 Zum (Un-)Wert der Intelligenz
4.6. Schlußwort
5. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Schaffen von Hugo Ball, mit einem besonderen Fokus auf seinen Prosatext "Das Carousselpferd Johann", um dessen politisch-soziale Dimensionen und die Auseinandersetzung mit der dadaistischen Weltsicht vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs aufzuzeigen.
- Analyse der dadaistischen Ästhetik und Sprachauffassung.
- Untersuchung der Erzählperspektive und Struktur in "Das Carousselpferd Johann".
- Kritik an Idealismus, Rationalismus und den verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen der Zeit.
- Dekonstruktion des Begriffs der Intelligenz aus dadaistischer Perspektive.
- Erörterung des dadaistischen Kunstpostulats im Kontext politischer Realitäten.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Feindeslager oder: Narrentreiben in der Wüste
Der „sterilisierte Phantastenklub ´Blaue Blume´“ (73), namentlich Benjamin, Jopp, Stießelhäher, Runzelmann, und das Carousselpferd Johann treffen im Niemandsland, in der Libyschen Wüste, auf das verfeindete Lager in Gestalt Häuptling Feuerscheins. Die Szene mutet geradezu kafkaesk an. Häuptling Feuerschein präsentiert sich uns in seinen Handlungen als dienstbeflissener und obrigkeitstreuer Soldat. Er fordert die Aufgegriffenen auf, sich zu demaskieren und unterzieht sie einer eingehenden Unterredung. Ihre Beteuerungen, das Pferd sei ein Symbol, pariert er mit der nüchternen Feststellung: „´Symbol hin, Symbol her, Sie haben das Pferd dem Heeresdienst entzogen.´“ (73) In dieser Bemerkung offenbart sich die grenzenlose Dummheit Häuptling Feuerwinds, der sich im Vollzug seiner Diensthandlungen so recht groß fühlen darf. Man ist versucht mit Horváth auszurufen: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“22 Was beabsichtigt Ball mit dieser Szene?
Die Tatsache, daß Häuptling Feuerwind das Carousselpferd der Kavallerie zurechnet, zeigt ihn als einen völlig lächerlichen Idioten und/oder decouvriert seine Dienstbeflissenheit und seinen vorauseilenden Gehorsam. Dabei ist zu bedenken, daß er, so denke ich, als Repräsentant einer ganzen Gattung angelegt ist und den Typus des nicht reflektierenden, obrigkeitstreuen Erfüllungsgehilfen (Preußischer Prägung) repräsentiert. Darüber hinaus problematisiert Ball mit der Lächerlichmachung Feuerscheins die hinter ihm stehende Institution Heer, einen wesentlichen Pfeiler eines jeden autoritär geführten Staates.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das dadaistische Manifest und die programmatische Unfassbarkeit Dadas ein und begründet die Entscheidung, Hugo Balls "Das Carousselpferd Johann" einer linguistischen Untersuchung zu unterziehen.
2. Versuch einer Positionierung Hugo Balls: Dieses Kapitel verortet das dadaistische Projekt als einen Versuch, in das als verkommen erlebte Klima des Ersten Weltkriegs einzugreifen, wobei Hugo Balls Arbeit sowohl Lautgedichte als auch Prosatexte umfasst.
3. Lautgedichte: Nonsens-Produkte oder Nonsens-Verse?: Es wird analysiert, wie Balls Lautgedichte, trotz ihrer scheinbar willkürlichen Struktur, aus einer tiefen Sprachkritik heraus entstanden sind und als verzweifelter Versuch gegen den Missbrauch der Sprache gelesen werden müssen.
4. Bemerkungen zum Carousselpferd Johann: Der Hauptteil bietet eine detaillierte Analyse des Textes, wobei Themen wie die Erzählperspektive, die Parabel-Struktur, die Idealsimuskritik und die Ablehnung der bürgerlichen Intelligenzkonzepte im Zentrum stehen.
5. Bibliographie: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten und verwendeten Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Hugo Ball, Dadaismus, Das Carousselpferd Johann, Avantgarde, Lautgedicht, Sprachkritik, Idealismuskritik, Phantastenklub, politische Literatur, Moderne, 1916, Erzählperspektive, Symbolik, Ephemerität, Anomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Schaffen von Hugo Ball, insbesondere den Text "Das Carousselpferd Johann", und analysiert ihn als Ausdruck dadaistischer Weltsicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der dadaistischen Sprachkritik, der Ablehnung des preußischen Obrigkeitsstaates sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der Aufklärung und dem bürgerlichen Intelligenzbegriff.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Text "Das Carousselpferd Johann" durch eine linguistische Untersuchung zu interpretieren und als politischen Text zu entschlüsseln, der trotz seiner märchenhaften Fassade gesellschaftskritische Wahrheiten birgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine linguistische Textanalyse unter Berücksichtigung kultur- und zeithistorischer Kontexte der Avantgarde sowie eine hermeneutische Auslegung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zur Erzählperspektive, zur Rolle der Symbole, zur scharfen Kritik am deutschen Idealismus und zur (Un-)Wertschätzung der Intelligenz im Kontext der dadaistischen Flucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Dadaismus, Sprachkritik, Hugo Ball, Idealismuskritik, Moderne und politische Literatur.
Wie deutet die Autorin den "Nürnberger Trichter" in Balls Text?
Er wird als symbolischer Wegweiser für das autoritäre Lehrverfahren des Staates gedeutet, an dem die dadaistische Narrengruppe ihr "narrenkuges" Denken als Gegensatz abarbeitet.
Welche Funktion hat die Figur Benjamin im fiktionalen Geschehen?
Benjamin wird als Anführer des Phantastenklubs, als "denkender Kopf" und zugleich als mögliches Alter Ego von Hugo Ball innerhalb der mehrdimensionalen Textkomposition identifiziert.
- Quote paper
- Kristina Werndl (Author), 2006, Hugo Ball: Aspekte seines literarischen Schaffens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50439