Das Interesse der Nationalsozialisten an einer Neuordnung von Verwaltung und Verfassung ergab sich aus zwei Quellen: zum einen die ideologische Motivation, die Strukturen des „Parlamentarismus” auf allen Ebenen zu beseitigen und durch eigene, aus der Staatstheorie der Nationalsozialisten entwickelten Verwaltungsformen zu ersetzen; zum anderen das Bedürfnis, die eigene Macht zu festigen und abzusichern.
Die Ausschaltung des Parlaments durch das Ermächtigungsgesetz sowie die Gleichschaltung der Parteien und Verbände können als erste Schritte in Richtung eines Staates, der entsprechend der NS-Ideologie aufgebaut ist, gesehen werden. Doch nach der Erlangung und Festigung der Macht war es eine viel schwierigere Aufgabe, innerhalb der „Bewegung“ einen Konsens über den weiteren Fortgang der Umgestaltung zu finden. Viele NSDAP-Kader hatten sich in verschiedenen Ämtern eingefunden, allen voran die Reichsstatthalter, und hatten aus ihrer neuen Perspektive andere Interessen als vor der Machtübernahme.
Eine Darstellung der zentralen Themen der Reichsreformdiskussion, der Positionen der Hauptakteure, und eine Schilderung des Verlaufes der Diskussion machen den Inhalt des ersten Teils dieser Arbeit aus. Der schleppende Verlauf der Reform im Altreich, geprägt von einer Vielzahl von Akteuren mit festgefahrenen Positionen, ließ den Blick des interessierten Beobachters auf die eingegliederten Gebiete Österreichs, des Sudetenlandes und Polen fallen. Dort wurden neue Regelungen geschaffen, die mit Blick auf die Verwirklichung der Prinzipien, die im Altreich diskutiert, aber nicht umgesetzt wurden, interessante Ergebnisse erzielten, die zu der These einer „Vorbildfunktion“ der Ostgaue geführt haben. Vor allem der Warthegau wird häufig als „Mustergau“ bezeichnet. Deswegen wird sich der zweite Teil dieser Arbeit auf diese neuen Reichsgau konzentrieren. Dabei sollen genügend Informationen über die Verwaltungssituation, aber auch über die Praxis und Hintergründe der Besatzungspolitik im Warthegau präsentiert werden, um am Ende eine Stellungnahme von der These einer „Musterfunktion“ des Warthegaus abgeben zu können.
Inhaltsübersicht
I. Einleitung
II. Bemerkungen zur Literatur
1. Die Diskussion um die Neugliederung der Verwaltung im Altreich
1.1. Die Ausgangslage nach dem Gesetz über den Neuaufbau des Reiches vom 30.1.1934
1.2. Der Standpunkt des NSDAP-Apparates und der Entwurf Adolf Wagners
1.3. Helmut Nicolai
1.4. Franz Albrecht Medicus
1.5. Reichsminister des Innern Wilhelm Frick
1.6. Schilderung und Bewertung des Ablaufs der Reformdiskussion im Altreich
2. Die Verwaltung der annektierten Gebiete
2.1. Die ideologische Grundlage der Politik in den neuen Reichsgauen
2.2. Die Verwaltung in Österreich
2.3. Die Verwaltung im Sudetenland
2.4. Die Aufteilung des besetzten Polens
2.5. Der Warthegau
2.5.1. Das Gebiet und die Verwaltung
2.5.2. Bevölkerungsentwicklung im späteren Warthegau bis 1939
2.5.3. Nationalsozialistische Bevölkerungspolitik im Warthegau und den übrigen ehemals polnischen Gebieten
2.5.4. Die Kirchenpolitik im Warthegau
2.6. Zusammenfassung und Ausblick – der Warthegau als „Muster“ des zukünftigen Reichsaufbaus?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Reichsreformbestrebungen im Nationalsozialismus, die im Altreich weitgehend an behördlichen Rivalitäten und mangelndem Konsens scheiterten, sowie deren spezifische Umsetzung in den annektierten Ostgebieten am Beispiel des Warthegaus, um die Frage nach einer etwaigen „Vorbildfunktion“ dieser Gebiete für den zukünftigen Staatsaufbau zu klären.
- Analyse der administrativen Neuordnungsversuche im Altreich.
- Untersuchung der nationalsozialistischen Verwaltungspraxis in Österreich, dem Sudetenland und Polen.
- Darstellung der rassenpolitisch motivierten Bevölkerungspolitik im Warthegau.
- Erörterung der kirchenfeindlichen Politik als radikales Beispiel nationalsozialistischer Herrschaftspraxis.
- Bewertung der These einer „Musterfunktion“ der neuen Reichsgau-Strukturen.
Auszug aus dem Buch
2.5.1. Das Gebiet und die Verwaltung
Dem Warthegau fiel der Großteil der eingegliederten Gebiete zu, die auch vor 1914 nicht zum Reich gehört hatten. Im nordöstlichen Teil des Warthegaus war die Ostgrenze des Reiches gegenüber 1914 um 150-200km nach Osten verschoben worden, um auch die Kongreßpolnischen Landkreise zwischen Kalisch und Lodz sowie zwischen Inowroclaw (Hohensalza) und Ostralenko zu umfassen.
Folglich ergab sich die aus NS-bevölkerungspolitischer Sicht problematische Konstellation, dass von den 4,2 Millionen Einwohnern des Gaus 85% Polen waren, und nur 7% Deutsche. Hinzu kamen die 366 000 Juden (8% der Gesamtbevölkerung), größtenteils in Lodz.42
Die Bevölkerungspolitische Konstellation im Warthegau, dem Reichsgau mit dem geringsten Anteil an „Volksdeutschen“ unter der Bevölkerung, sollte zum bestimmenden Faktor in der Entwicklung der Verwaltung dieses Gebietes sein und war auch der Hauptgrund, warum es zum Schwerpunkt der Umsiedlungsmaßnahmen wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung erläutert die ideologische Motivation der Nationalsozialisten zur Neuordnung der Verwaltung und stellt die Forschungsfrage zur „Vorbildfunktion“ der neuen Reichsgau-Strukturen.
II. Bemerkungen zur Literatur: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Quellenlage und diskutiert die Schwierigkeiten bei der Literatursuche zu den Verwaltungsstrukturen im Altreich und den besetzten Gebieten.
1. Die Diskussion um die Neugliederung der Verwaltung im Altreich: Das Kapitel analysiert die verschiedenen Reformansätze und die machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Partei, Ministerialbürokratie und Reichsstatthaltern, die letztlich zum Scheitern der Reformen führten.
2. Die Verwaltung der annektierten Gebiete: Hier wird die Umsetzung der nationalsozialistischen Verwaltungs- und Bevölkerungspolitik in Österreich, dem Sudetenland und Polen untersucht, wobei der Fokus besonders auf dem Warthegau liegt.
Schlüsselwörter
Reichsreform, Nationalsozialismus, Warthegau, Verwaltung, Führerprinzip, Reichsstatthalter, NSDAP, Bevölkerungspolitik, Eindeutschung, Besatzungspolitik, Kirchenpolitik, Reichsgau, Neuaufbau des Reiches, Polen, Ostgebiete.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Bestrebungen der Nationalsozialisten zur administrativen Neuordnung des Reiches und analysiert, warum diese im Altreich scheiterten, während in den annektierten Ostgebieten eine radikalere Verwaltungspraxis etabliert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die bürokratischen und machtpolitischen Konflikte um die Reichsreform, die ideologischen Grundlagen der Expansionspolitik sowie die rassenpolitischen und kirchenfeindlichen Maßnahmen in den neuen Gauen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die These einer „Vorbildfunktion“ des Warthegaus und anderer Ostgaue für den künftigen Reichsaufbau kritisch zu prüfen und zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode, basierend auf der Auswertung von zeitgenössischen Gesetzen, Denkschriften, Berichten und einschlägiger wissenschaftlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der gescheiterten Reformdiskussion im Altreich und eine detaillierte Analyse der Verwaltung, Bevölkerungs- und Kirchenpolitik in den annektierten Gebieten, insbesondere im Warthegau.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Reichsreform, Führerprinzip, Warthegau, Bevölkerungspolitik, Eindeutschung und Einheit von Partei und Staat geprägt.
Warum nahm der Warthegau unter den neuen Reichsgauen eine Sonderstellung ein?
Aufgrund des äußerst geringen Anteils an „Volksdeutschen“ und des hohen Bevölkerungsanteils von Polen und Juden sah das NS-Regime den Warthegau als ein besonderes Experimentierfeld für rassenpolitische Umwälzungen an.
Welche Rolle spielten die Reichsstatthalter in der Verwaltung des Warthegaus?
Die Statthalter im Warthegau konnten eine weitgehende Dominanz der Partei über die Verwaltung etablieren und die Autorität des Reichsinnenministers faktisch ignorieren, was eine extremere Ausprägung des Führerprinzips darstellte als im Altreich.
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- Sean McGinley (Author), 2004, Die Reichsreformdiskussion im Dritten Reich und die Verwaltung der annektierten Ostgebiete am Beispiel des Warthegaus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50440