Chancengleichheit und Habitus. Auswirkungen des sozialen Umfelds auf die Bildungsentscheidungen


Bachelorarbeit, 2019

44 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Herkunft
2.1. Soziale Schichten
2.2. Soziales Milieu
2.3. Chancengleichheit
2.4. Soziale Ungleichheit
2.5. Soziale Benachteiligung
2.6. Historische Entwicklung der gesellschaftlichen Schichten
2.6.1. Ständegesellschaft
2.6.2. Klassengesellschaft
2.6.3. Neue Strukturen sozialer Ungleichheit

3. Bildung
3.1. Bildungschancen
3.2. Bildungsbeteiligung in Deutschland
3.3. Bildungsexpansion im Hochschulbereich
3.4. Entstehung von Bildungsungleichheiten

4. Das Habitus-Konzept
4.1. Der Habitus
4.2. Soziale Felder und das Modell des sozialen Raums
4.3. Das Feldkonzept
4.4. Kapitalsorten
4.4.1 Das ökonomische Kapital
4.4.2. Das kulturelle Kapital
4.4.3. Das soziale Kapital
4.4.4. Symbolisches Kapital
4.4.5. Kapitalumwandlungen
4.5. Determinationskraft der sozialen Herkunft
4.6. Klassenzugehörigkeit und ihre Reproduktion
4.7. Illusion der Chancengleichheit im Bildungssystem .
4.8. Kritik am Modell .

5. Motivation und Folgen eines sozialen Auf- bzw. Abstiegs

6. Fallbeispiel anhand einer Einzelfallstudie
6.1. Der Fall „Sunay“
6.2. Erstes Interview
6.3. Zweites Interview

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Quellenangaben Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Du musst dich schon anstrengen, wenn du im Leben etwas erreichen willst“. So lautet ein weit verbreiteter Satz vieler Eltern. Unsere moderne Leistungsgesellschaft ist da- rauf konditioniert, die soziale Position eines Menschen von seiner Leistungsfähigkeit und seinem sozialen Status abhängig zu machen. Wichtig ist, was die Person in ihrem Leben geschafft hat. Idealerweise besitzt sie einen hohen Bildungsabschluss, eine damit verbunden hohe Position im Beruf, wertvolle materielle Güter sowie ein erweiter- tes und stabiles, soziales Umfeld.

Durch unzählige Förder- und Bildungsangebote ist für alle gesellschaftlichen Schichten ein scheinbar realistischer Weg entstanden, der den sozialen Aufstieg durch Fleiß und Anstrengung ermöglicht. Dass dieser Weg von den Menschen auch eingeschlagen wird, erweist sich bei näherer Betrachtung allerdings als eher unwahrscheinlich. Grade in Deutschland ist zu beobachten, dass ein enger Zusammenhang zwischen der sozia- len Herkunft, dem Bildungserfolg und dem sozialen Status besteht.

Nach Pierre Bourdieu hänge das Agieren eines Menschen, also auch die Wahl seines beruflichen und sozialen Status, von den Prägungen des unmittelbaren, sozialen Um- feldes und somit vom persönlichen Habitus ab. Der Habitus beschreibt das Auftreten einer Person und den damit verbundenen Lebensstil, die Wortwahl und das äußere Erscheinungsbild. Dieser orientiert sich an seinem unmittelbaren sozialen Umfeld und übernimmt zunächst dessen Verhaltensmuster, Einstellungen und Ziele. Der Habitus stellt also das Produkt eines geschichtlichen Prozesses dar (vgl. Stangl 2019). Dies wirft die Fragestellung auf, inwieweit das soziale Umfeld Einfluss auf den Bildungsweg nimmt. Es ist fraglich, ob Menschen aus einem sozial benachteiligten Umfeld wirklich die gleichen Bildungschancen haben wie diejenigen, die in einem gehobenen Umfeld leben. Weitere Fragestellungen, die sich aus dieser Thematik ergeben, sind, unter wel- chen Bedingungen ein sozialer Aufstieg sowie die damit verbundene Habitustransfor- mation gelingen kann und welche Folgen daraus resultieren können.

In der vorliegenden Arbeit wird daher zunächst der Begriff der sozialen Benachteiligung untersucht und sich anschließend der Bildungsarmut und der sozialen Ungleichheit gewidmet. Es soll aufgezeigt werden, wie soziale Ungleichheiten im Bildungssystem entstehen und wodurch sie verstärkt werden. Anschließend wird das Habitus-Konzept nach Pierre Bourdieu näher betrachtet um Aufschluss darüber zu geben, wie der per- sönliche Erfolg vom sozialen Umfeld beeinflusst wird. Zum Ende werden Motivations- faktoren aufgezeigt, durch die der Bildungsweg unabhängig von der sozialen Herkunft positiv beeinflusst werden kann. Es folgt ein Fallbeispiel aus einer Einzelfallstudie von Eva Schneider, die den Weg eines türkischstämmigen Mädchens von der Hauptschule in die gymnasiale Oberstunde aufzeigt. Den Abschluss bildet das Fazit, in dem es die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfasst.

2. Soziale Herkunft

Die soziale Herkunft beschreibt das soziokulturelle Erbe von Ressourcen und Werte- systemen, welches von der Schicht bzw. Klasse bestimmt wird, in die ein Individuum hineingeboren wurde (vgl. Körner u. Betz 2012).

In unserer Gesellschaft gibt es verschiedene soziale Schichten und Milieus, welche im Folgenden näher erläutert werden.

2.1. Soziale Schichten

Die soziale Schicht umfasst Menschen, welche innerhalb einer oder mehrerer Dimen- sionen den gleichen Status haben (vgl. Nieschlag, Dichtl u. Hörschgen, 1997, S. 189 ff.). Dieser Status bezieht sich im Einzelnen auf Merkmale wie den Beruf, die Herkunft, das Einkommen und den Besitz. Durch die Kombination dessen wird die Stellung eines Menschen im gesellschaftlichen Kontext ermittelt, wobei die berufliche Stellung und die hierfür notwendigen Qualifikationen mit dem daraus resultierenden Einkommen als Kernstruktur des gesellschaftlichen Gefüges gelten (vgl. ebd.).

Nach Hradil berge die jeweilige Schichtzugehörigkeit einige Konsequenzen, welche erst durch die Vor- bzw. Nachteile der Schichtzugehörigkeit deutlich werden. Diejeni- gen, die einer höheren Schicht angehören, handeln „im Allgemeinen optimistischer, leistungsorientierter, planender, zukunftsorientierter und durchsetzungsfähiger“ (Hradil 2012, S. 158). Außerdem seien sie seltener krank, leben länger und werden seltener straffällig. Sie verfügen außerdem über größere Netzwerke mit mehr „Beziehun- gen“ und die Kinder haben bessere Bildungschancen (vgl. ebd.).

Demnach kann im Umkehrschluss gesagt werden, dass die Mitglieder in der unteren Schicht tendenziell eher pessimistisch, planlos und weniger durchsetzungsfähig sind und weniger Wert auf ihre Leistungen und ihre Zukunft legen. Sie sind demnach öfter krank, werden häufiger straffällig, leben vergleichsweise kürzer und die Bildungs- chancen ihre Kinder sind schlechter. Auch hinsichtlich der Erziehung, Gesundheit und Partizipation hat die jeweilige Schichtzugehörigkeit Folgen, die Vor- und Nachteile mit sich bringen (vgl. Hradil 2012, S. 174). Eltern aus höheren Schichten erziehen ihre Kinder eher zur Selbstständigkeit und fördern den Leistungswillen der Kinder, während die Eltern aus unteren Schichten vorrangig sowohl die Regelbefolgung als auch die bloße Unterordnung anstreben. In unteren Schichten wird innerhalb der Familie weni- ger gesprochen, wobei die Sprache und die Erziehung sich dem jeweiligen Umfeld anpassen. Auch innerhalb der gleichen sozialen Schichten fallen die Mentalitäten und Verhaltensweisen differenziert und teilweise schichtübergreifend ähnlich aus (vgl. ebd.). Der Begriff „soziales Milieu“ soll im nächsten Kapitel diesen Unterschied deutlich ma- chen.

2.2. Soziales Milieu

Das soziale Milieu beschreibt eine Gruppe von Menschen, die ähnliche Wertehaltun- gen und Grundeinstellungen vertreten. Die Mitglieder des Milieus erleben und interpre- tieren ihre sachliche Umwelt und ihre menschliche Mitwelt überwiegend konform und stützen sich in dieser Haltung. Zu beobachten ist, dass die Menschen des gleichen sozialen Milieus häufig auch im selben Umfeld wohnen und arbeiten. Soziale Milieus bilden sich zum einen durch die „soziale Schichtung“ der Gesellschaft heraus, nämlich „durch gleiche soziale Herkunft und die ähnlichen sozialisatorischen, beruflichen und gesellschaftlichen Erfahrungen der Mitglieder sozialer Schichten“ (ebd., S. 155). Zum anderen tragen aber auch kulturelle Faktoren, wie z.B. historische, regionale und reli- giöse Aspekte zur Bildung des sozialen Milieus bei.

In praxisorientierten sozialwissenschaftlichen Studien spielt das Konzept des sozialen Milieus eine große Rolle, denn es ist weitestgehend abhängig vom sozialen Milieu und dessen Lebensstil, wie Kinder erzogen werden, zu welcher Partei Menschen neigen, wie die Wohnverhältnisse sind, wie sie ihre Freizeit verbringen oder was konsumiert wird (vgl. ebd.). Als Lebensstil wird die Gesamtheit der immer wiederkehrenden Denk- und Verhaltensweisen, also die Routine eines Menschen bezeichnet. Diese dienen nicht nur einem bestimmten Zweck, sondern stellen auch die Identität des Menschen dar. Ähnliche Lebensstile erstrecken sich, aufgrund von gesellschaftlichen Anglei- chungs- und Auseinandersetzungsprozessen, auf größere gesellschaftliche Gruppie- rungen und bilden sich durch eine hohe Anzahl an Faktoren aus. Beispielsweise kön- nen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Familien- und Lebensform, Bildungsstand, Schichtzugehörigkeit und eigene Entscheidungen sowie Einflüsse den Lebensstil ge- stalten. Der Unterschied zur Milieuzugehörigkeit liegt darin, dass Lebensstile nicht so fest verankert sind und sich deshalb leichter ändern lassen (vgl. ebd., S. 155f.).

2.3. Chancengleichheit

Trotz der unterschiedlichen sozialen Schichten, Lebensstile und Milieus sollen alle Menschen die gleichen Zugänge und Möglichkeiten zu Bildung haben, denn vor dem Gesetzt sind alle Bürgerinnen und Bürger gleichgestellt. Dies fordert zumindest unser Grundgesetz, dort heißt es:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“ (Grundgesetz, Artikel 2).

Mit dem Begriff der „Gleichheit“ sind unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen ver- bunden. Chancengleichheit ist daher mit der „Herstellung von Verteilungsgerechtig- keit“ bedeutsam, wobei hier zwischen der Ex ante-Chancengleichheit und der Ex post- Chancengleichheit unterschieden wird (vgl. Hradil 2013, S. 154).

Bei der ex ante-Chancengleichheit sehen die „Vertreter der normativen Idee der Leis- tungsgerechtigkeit [die] Chancengleichheit erreicht, wenn jedes Individuum die glei- chen Chancen hat, sein Leistungspotential“ (ebd.) entwickeln zu können. Dies beinhal- tet die Existenz von formal gleichen Rechten für alle und schließt Diskriminierung auf- grund von bestimmten Merkmalen, wie beispielsweise sozialer Herkunft, Geschlecht, Religion, kulturellem Hintergrund etc. aus. Eine Ungleichheit bei der Einkommensver- teilung wird als legitim und sinnvoll erachtet, solange jeder die gleichen Chancen hat, ein höheres Bildungsniveau zu erzielen. Aus wirtschaftsliberaler Sicht wird „die Herstel- lung von ex ante-Chancengleichheit als Alternative zur Umverteilungspolitik betrach- tet“ (ebd.). Bei der ex post-Chancengleichheit wird darauf aufmerksam gemacht, dass aufgrund der Ungleichheit der Einkommen ungleiche Voraussetzungen für die Einkommenser- zielungsmöglichkeiten der nachfolgenden Generation geschaffen werden. Bedingt durch das Elternhaus und das soziale Umfeld haben Kinder aus „Gutverdiener- Haushalten“ bessere Startbedingungen für die Erreichung eine höheren Bildungsab- schlusses, als jene aus Haushalten mit geringem Einkommen (vgl. Krämer o. D.). Demnach herrscht also eher eine Chancenungleichheit, die vorrangig zwischen Bil- dungs- und Berufsgruppen, Familien und kinderlosen Haushalten, Bewohnern unter- schiedlicher Regionen, den Geschlechtern, Altersgruppen und ethnischen Gruppierun- gen besteht und damit gleichzeitig die wichtigsten Determinanten sozialer Ungleichheit darstellt (vgl. Hradil 2013, S. 154). Hierbei gilt zu beachten, dass einige dieser Deter- minanten gesellschaftlich zugeschrieben und andere wiederum individuell erworben sind. Während die einzelne Person ihren Bildungsgrad, den Beruf und die Familien- bzw. Lebensform größtenteils frei wählen kann, können das Geschlecht, das Alter, die soziale Herkunft, oder die ethische Zugehörigkeit tendenziell nicht verändert werden. In der modernen Gesellschaft gelten darauf beruhende Chancenungleichheiten als nicht akzeptabel und werden stark kritisiert (vgl. ebd.).

2.4. Soziale Ungleichheit

„In der soziologischen Terminologie wird immer dann von sozialer Ungleichheit gespro- chen, wenn als 'wertvoll' geltende 'Güter' nicht absolut gleich verteilt sind" (Hradil 2001, S. 29).

Die soziale Ungleichheit meint außerdem das Ungleichgewicht bzgl. der Lebensbedin- gungen und der Verwirklichungschancen bestimmter Bevölkerungsteile. Damit sind vor allem Faktoren wie der Bildungsgrad, die Höhe des Einkommens oder die Wohnver- hältnisse gemeint. Das Ungleichgewicht wird darin definiert, dass diese Faktoren, ge- messen an den jeweils geltenden Maßstäben, die Möglichkeit geben, die eigene Per- sönlichkeit entfalten zu können, was wiederum als ein „gutes Leben“ anerkannt wird. Da die Vorteile nicht immer von den jeweiligen Personen voll ausgeschöpft werden, können auch Menschen mit eigentlich Erfolg versprechenden Bedingungen ein „elen- des Leben“ führen (vgl. Hradil 2001, S. 27 – 46).

Jean-Jaques Rousseau ging davon aus, dass gesellschaftliche Unterschiede gottge- wollt und damit natürlich sind. Diese Annahme ist heute allerdings nicht mehr haltbar, denn es gilt aus wissenschaftlicher Perspektive als unbestritten, dass soziale Un- gleichheit ein Produkt der Gesellschaft ist und somit einen Raum für Gestaltung und Veränderung bietet (vgl. Solga et al. 2009, S. 11).

Hierbei bezieht sich das Adjektiv „sozial“ auf den Entstehungsprozess der Ungleichheit. Die „soziale Ungleichheit“ bezeichnet also eine Ungleichheit, die durch menschliche Interaktionen und menschliches Handeln hergestellt und reproduziert werden (vgl. Ber- ger 2004 in Rameder 2015).

2.5. Soziale Benachteiligung

Nach El-Mafaalani ist der Begriff „Benachteiligung“ vieldeutig und vielseitig anwendbar. Es hängt von der vorzunehmenden Definition ab, wann eine Person als benachteiligt bezeichnet werden kann (vgl. (El-Mafaalani 2012, S.19). Chancengleichheit kann nach Geißler in Bezug auf Bildung und als Gegenteil von Chancenbenachteiligung, in das Proporzmodell und in das meritokratische Modell konzipiert werden (vgl. Geißler 2008 in ebd.).

Beim Proporzmodell ist von Chancengleichheit die Rede, „wenn eine Gruppe anteils- mäßig auf ein hierarchischen Ebenen des Bildungssystems so vertreten ist, wie in der Gesamtbevölkerung“ (ebd.). Dies wäre eingetroffen, wenn neben dem, dass beispiels- weise Frauen und Männer als jeweilige Hälfte der Bevölkerung, ebenso jeweils die Hälfte der Absolventen/innen der verschiedenen Schulformen und Hochschulen bilden würden und in den unterschiedlichen Kompetenzniveaus gleichmäßig vertreten wären. Dies gilt zusätzlich zum Genderaspekt auch für die Merkmale „soziale Schicht“ und „Migrationshintergrund“ (vgl. ebd.).

Beim meritokratischen Modell werden die individuellen Kompetenzen und Leistungen vordergründig betrachtet. Deutlich wird dies u. a. im Bereich Bildung, wenn beispiels- weise besonders talentierte und leistungsstarke Kinder ein Gymnasium besuchen und dort ihr Abitur machen, während leistungsschwächere Kinder eine andere Schule be- suchen, an der sie ihren Leistungsfähigkeiten entsprechend einen einfachen oder mitt- leren Abschluss erlangen. Chancengleichheit meint bei diesem Modell also die von dessen Leistung abhängige Bildungskarriere eines Kindes, unabhängig von der Fokus- sierung der Gruppenzugehörigkeit (vgl. ebd., S. 19f.).

Die Modelle unterscheiden sich bzgl. des Gerechtigkeitsbegriffes. Das Proporzmodell geht von der Grundannahme aus, dass Begabung über die Gruppenmerkmale hinweg gleichermaßen verteilt ist. Es konzentriert sich also eher auf die Verteilungsgerechtig- keit. Das meritokratische Modell hingegen betrachtet das Resultat der Leistungsge- rechtigkeit und schließt dabei die Faktoren aus, die die Leistungsgerechtigkeit zustan- de kommen lassen, wie beispielsweise die unterschiedlich intensive Förderung oder die Definition der relevanten Fähigkeiten und deren Messung (vgl. ebd., S.20f.).

PISA-Studien wiesen in den letzten Jahren immer wieder darauf hin, „dass der schuli- sche Erfolg in Deutschland eng mit sozialer und ethnischer Herkunft zusammen- hängt“ (El-Mafaalani 2014, S. 5). Das Fazit der Studien veranschaulicht, dass Bil- dungschancen im Wesentlichen von Bildungssystemen abhängen.

In seiner empirischen Untersuchung „Vom Arbeiterkind zum Akademiker“ zeigt El- Mafaalani deutlich auf, „dass beruflicher Erfolg und soziale Mobilität nicht nur auf das Bildungsniveau reduziert werden dürfen und dementsprechend die Ungleichheitsbe- dingungen nicht nur im Bildungswesen selbst zu finden sind“ (ebd.). Er befragte in sei- ner qualitativen Studie vierzig „Extremaufsteiger“, welche ursprünglich in einer soge- nannten „Unterschichtfamilie“ geboren wurden und trotzdem den Aufstieg in eine hohe Position geschafft haben. Die Teilnehmer hatten teilweise einen türkischen und vietna- mesischen Migrationshintergrund. Die grundlegende Prägung erfahren bildungsferne Kinder und Jugendliche in einem familiären Umfeld, welches durch Knappheit an öko- nomischem Kapital, beispielsweise Geld oder Besitztümer, kulturellem Kapital, wie Bil- dung und Wissen und an sozialem Kapital, also soziale Netzwerke und Anerkennung gekennzeichnet ist. Hieraus entsteht ein Habitus der Notwendigkeit, der durch folgende Fragestellung „was bringt mir das?“ zum Ausdruck kommt (vgl. ebd., S. 5f.).

Für Kinder ergibt es wenig Sinn Dinge zu erlernen, die sie nicht direkt umsetzen, bzw. anwenden können. Diese Tatsache schränkt nicht nur den Bildungshorizont von nicht privilegierten Kindern enorm ein, er senkt zusätzlich den Motivationsspiegel dafür, et- was Neues zu lernen oder richtig gut zu können, wie beispielsweise ein Musikinstru- ment zu spielen. Problematisch hierbei ist, dass der Inhalt der Lehrangebote zukunfts- orientiert ist und sich der oben genannte Effekt somit auch hier widerspiegelt. Laut El- Mafaalani befördert die milieuspezifische Sozialisation schon früh ein „Management von Knappheit“, welches nicht einfach veränderbar ist (vgl. ebd., S. 6).

2.6. Historische Entwicklung der gesellschaftlichen Schichten

Die historische Entwicklung soll in den folgenden drei Unterkapiteln aufzeigen, wie weit die Unterteilung von gesellschaftlichen Schichten in der Geschichte zurückgeht, um zu verdeutlichen, wie gefestigt diese Struktur der Einteilung ist.

Das nun Folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Ständegesellschaft aus dem Mittelal- ter und der frühen Neuzeit.

2.6.1. Ständegesellschaft

In der Ständegesellschaft waren sowohl die Hauptdeterminanten als auch die zentralen Dimensionen sozialer Ungleichheit andere wie heutzutage (vgl. Hradil 2001, S. 156). Der Besitz von Grund und Boden brachte, wie in jeder Agrargesellschaft, Macht, Wohl- stand und Ansehen. Die herausragende Stellung vom König und die abweichenden Stellungen innerhalb des Adelsstandes bildeten sich durch eine abgestufte Hierarchie von Lehensvergaben. Sowohl die freien, als auch die abhängigen Bauern und Pächter machten zusammen damals 80% der Bevölkerung aus. Sie verfügten über relativ gro- ße Besitzrechte an Grund und Boden. In der Stadt hingegen war die Anzahl der Bürger wesentlich höher. Viele Bürger waren Händler oder Handwerker mit kleinen oder grö- ßeren Erwerbsmöglichkeiten. Den Bereich der innerhalb der Ständegesellschaft eher unten angesiedelt war, bildeten die unterständischen Gruppierungen. Das waren Leute wie Mägde, Knechte, Lehrlinge, Gesellen, Wanderarbeiter oder jene mit unehrlichen Berufen (vgl. ebd.).

Im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der für alle Bürger gleiche Rechte gelten, bildeten ungleiche Rechte damals eine wesentliche Dimension der sozialen Ungleichheit. In- nerhalb der Stände und ihren Untergliederungen waren Angelegenheiten wie Er- werbsmöglichkeiten, Lebensgestaltung und Abgaben durch rechtliche Bestimmungen detailliert geregelt. Somit wurde auch geregelt, wer beispielsweise ein Gewerbe ausü- ben durfte, wo er dies tun durfte und welchen Preis er für seine Waren oder Dienstleis- tungen verlangen konnte. Ebenso wurde bestimmt wie viel er von diesen Einnahmen abgeben musste und sogar welche Kleidung er tragen durfte. Die Stellung des Men- schen wurde vor allem anhand der Herkunft entschieden. Der Status und Lebensweg wurde durch den jeweiligen Familienstatus entschieden, also ob man Teil des Adel- standes, des Bürgertums, des Bauernstandes oder einer unterständischen Familie war. Ein Wechsel in einen anderen sozialen Status war selten, selbst innerhalb der jeweili- gen Stände gab es nur selten Aufstiege. Hingegen kam es häufiger zu sozialen Abstie- gen, beispielsweise wurden einige freie zu unfreien Bauern (vgl. ebd.).

Im nächsten Kapitel wird die in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begonnene frühe Industriegesellschaft näher betrachtet, da sich mit ihr eine Vielzahl an rechtlichen Ungleichheiten erübrigte (vgl. ebd., S. 157).

2.6.2. Klassengesellschaft

Durch Besitztümer, besonders jene der neuen industriellen Produktionsmittel, wurde der Faktor der sozialen Herkunft als dominierende Determinante der sozialen Un- gleichheit abgelöst. Es entstand eine neue obere Klasse, welche sich durch ihre Besitztümer ebenfalls die Vorzüge der adeligen Schicht leisten konnte. Diejenigen, die wiederum über keine Besitztümer verfügten, ihren Bauernhof nicht mehr tragen oder mit ihrem bisherigen Gewerbe nicht weiter mit der Konkurrenz der Industrie mithalten konnten, mussten sich häufig als Arbeiter zu elenden Arbeitsbedingungen verdingen. Die Ständegesellschaft entwickelte sich zu einer Klassengesellschaft und es entstand die „soziale Frage“ (vgl. ebd.).

Es kam dazu, dass es im 19. und 20. Jahrhundert vermehrt Menschen gab, die als Unselbstständige erwerbstätig waren. Später arbeiteten rund 90% der Erwerbstätigen als Arbeiter, Angestellte oder Beamte, wobei einige von ihnen den Status als Fach- und Hilfsarbeiter erreichten. Somit gewann die soziale Ungleichheit unter den Unselbst- ständigen an Bedeutung. Zwischen den Unselbstständigen und den Selbstständigen nahm die soziale Ungleichheit hingegen ab. Die soziale Schichtung orientierte sich nun an der beruflichen Hierarchie und ragte als dominierende Struktur der sozialen Un- gleichheit über das auf das Besitztum fokussierte Klassengefüge (vgl. ebd.).

Schließlich folgt die Beschreibung der postindustriellen Informations- und Dienstleis- tungsgesellschaft.

2.6.3. Neue Strukturen sozialer Ungleichheit

Deutschland gilt seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr als Industriege- sellschaft, sondern als „postindustrielle Informations- und Dienstleistungsgesell- schaft“ (Hradil 2014, S. 158). Grund dafür ist, dass 50% der Erwerbstätigen mittlerweile im Bereich des Dienstleistungssektors arbeitet. Damals glaubten die Menschen, dass ihnen durch den Dienstleistungssektor und dem Schrumpfen der Industrie eine geistig anspruchsvolle, angenehme und vor allem sichere Arbeit geboten würde. Durch die hohe Nachfrage hofften die Menschen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz, verbunden mit der Zunahme der Verteilungs- und Chancengleichheit, welche sich bestenfalls auch in der postindustriellen Gesellschaft fortsetzen würde. Diese Erwartungen bestätigten sich bisher allerdings nicht. Die Industrie schrumpfte und viele Arbeiter verloren ihren Arbeitsplatz und ihre Perspektive (vgl. ebd.).

Zu beobachten war, dass im Bereich des Dienstleistungssektors neue Ungleichheiten aufkamen. Die Erwerbstätigen können in zwei Klassen aufgeteilt werden, in die Hoch- qualifizierten und die Geringqualifizierten. Hochqualifizierte, die in produktiven Bran- chen arbeiten, haben gute Verdienstmöglichkeiten. Ihr Risiko arbeitslos zu werden ist gering, denn durch die Globalisierung der Arbeitsmärkte und den Fachkräftemangel als Resultat des demografischen Wandels steigt ihr Wert auf dem Arbeitsmarkt. Gering- qualifizierte hingegen arbeiten häufig in weniger produktiven Branchen und müssen häufig einen Arbeitsplatz mit erschwerten Bedingungen und gleichzeitig niedrigen Löh- nen in Kauf nehmen. Zudem ist die Konkurrenz innerhalb dieser Branche, durch die hohe Anzahl der Geringqualifizierten, hoch. Das führt dazu, dass die Menschen in der Mittelschicht zunehmend Ängste in Bezug auf ihre Zukunft bekommen und ein Gefühl der Unsicherheit stetig wächst. Es ist derzeit noch nicht absehbar, inwieweit sich das Schichtungsgefüge auf Grund der Verschärfungen von sozialer Ungleichheit grundsätz- lich verändern wird. Allerdings trägt eine marktgängige Bildung und Ausbildung mehr als zuvor dazu bei, die individuellen Lebenschancen zu verbessern (vgl. ebd., S. 158f.).

3. Bildung

Durch Bildung werden die individuellen Lebenschancen, die Zukunft moderner Gesell- schaften sowie die Wohlfahrt von Generationen zunehmend bestimmt. Die soziale Herkunft ist hierbei vor allem in Deutschland der wichtigste „Bestimmungsfaktor für die Bildungschancen“ (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung o. D.).

3.1. Bildungschancen

Die Bildungschancen sind auf Grund der Bildungsexpansion gestiegen. Sie stehen allen Sozialschichten zur Verfügung und haben bisher zu einer allgemeinen Höherqua- lifizierung der Bevölkerung geführt (vgl. Becker 2011, S. 55). Trotzdem existieren zwi- schen den verschiedenen sozialen Herkünften weiterhin Bildungsungleichheiten. Laut Becker hängen die Bildungschancen „im Wesentlichen von der sozialen und nationalen Herkunft des Elternhauses ab“ (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Chancengleichheit und Habitus. Auswirkungen des sozialen Umfelds auf die Bildungsentscheidungen
Hochschule
Fachhochschule der Diakonie GmbH
Note
1,8
Autor
Jahr
2019
Seiten
44
Katalognummer
V504490
ISBN (eBook)
9783346049766
ISBN (Buch)
9783346049773
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Abstract und das methodisches Vorgehen fehlen. Die zweite Fragestellung hätte ausführlicher beantwortet werden können.
Schlagworte
Habitus, Chancengleichheit, soziale Benachteiligung, Bildung, Pierre Bourdieu, Schule, Chancenungleichheit, soziale Schichten, soziales Milieu
Arbeit zitieren
Marie Steinkamp (Autor), 2019, Chancengleichheit und Habitus. Auswirkungen des sozialen Umfelds auf die Bildungsentscheidungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504490

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