Säkularisierung und religiöse Individualisierung. Welche Chancen haben sie für die christlichen Kirchen in Deutschland?


Hausarbeit, 2019
18 Seiten

Leseprobe

Gliederung

Gliederung

1. Einleitung

2. Mitgliedersituation in den christlichen Kirchen Deutschlands
2.1 Historische Entwicklung der Kirchenmitgliedszahlen in Deutschland
2.2 Kirchenmitglieder heute

3. Die Säkularisierungsthese

4. Religiöse Individualisierung
4.1 Luckmans These der Privatisierung von Religion
4.2 „Believing without belonging“ nach Davie
4.3 Die These der religiösen Bricolage
4.4 Die These der Subjektivierung der Religiosität

5. Chancen und Handlungsoptionen für die evangelische Kirche
5.1 Chancen in Anbetracht der Säkularisierungsthese
5.2 Chancen in Anbetracht der Individualisierungsthese

6 Fazit

1. Einleitung

Die christlichen Kirchen in Deutschland verlieren ihre Mitglieder. Zum einem führt der demographische Wandel zu diesem Mitgliederschwund, zum anderem treten 0,5% bis 1% der Kirchenmitglieder seit 1991 pro Jahr aus der evangelischen und der katholischen Kirche aus. Gelingt es den Kirchen nicht, diesen Mitgliederschwund zu stoppen, wird sich die Anzahl der Kirchenmitglieder bis 2060 um knapp die Hälfte reduzieren (Pick 2019).

Auf den folgenden Seiten werde ich erklären, inwiefern die Thesen der Säkularisierung und der religiösen Individualisierung Einfluss auf den Mitgliederverlust haben und wie sie gelesen werden können, um sie als Chancen und Handlungsoptionen für die christlichen Kirchen wahrzunehmen und damit dem Mitgliederverlust entgegenzuwirken.

Um das herauszufinden, wende ich mich zunächst der historischen Entwicklung der Mitgliederverluste der christlichen Kirchen in Deutschland zu und mache eine Bestandsaufnahme der aktuellen Mitgliedersituation. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V.KMU) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie auf den Artikel „Säkularisierung als Chance für die Kirchen. Ein Blick auf die aktuelle Lage von Kirche und Religion in Deutschland und auf Reaktionen (nicht nur) in der katholischen Kirche“ von Tobias Kläden, erschienen in Theo-Web, einer Onlinezeitschrift für Religionspädagogik.

Im nächsten Schritt werde ich die religionssoziologische These der Säkularisierung darlegen. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf Detlef Pollacks Werk „Rückkehr des Religiösen?“.

Darauf folgt die Betrachtung der These der religiösen Individualisierung, aufgegliedert in die drei Erklärungsmodelle des „Believing without Belonging“, des religiösen Bricolage sowie der Subjektivierung der Religiosität. In diesem Teil beziehe ich mich auf Pascal Siegers „Alternative Spiritualitäten“.

Welche Chancen und Handlungsoptionen sich für die christlichen Kirchen in Deutschland aus diesen beiden Thesen ergeben, werde ich im letzten Teil erläutern.

Den Schluss dieser Arbeit bildet mein Fazit.

Ich beschränke mich in dieser Arbeit ausschließlich auf die christlichen Kirchen in Deutschland, da sich die religiösen Verhältnisse in anderen Ländern sowohl historisch als auch gesellschaftlich stark zu denen in Deutschland unterscheiden.

2. Mitgliedersituation in den christlichen Kirchen Deutschlands

Betrachtet man die Mitgliederzahlen und Kirchenaustritte in Deutschland ist es sinnvoll zwischen Ost- und Westdeutschland zu unterscheiden. Die Kirchen der DDR waren von Seiten der SED erheblichen Repressionen ausgesetzt. Das wiederum führte zu starken Mitgliederverlusten in den Kirchen.

2.1 Historische Entwicklung der Kirchenmitgliedszahlen in Deutschland

Die historische Entwicklung der Anzahl der Kirchenmitglieder in Ost- und Westdeutschland verlief unterschiedlich.

In Westdeutschland blieb die Anzahl der Kirchenmitglieder zwischen Kriegsende und den 80er Jahren relativ stabil. 1950 gehörten noch circa 96% der Westdeutschen der evangelischen oder der katholischen Kirche an, zur Volkszählung 1987 waren es immerhin noch 85%.

Die Ausgangsbedingungen in der DDR nach dem zweiten Weltkrieg waren den Ausgangsbedingungen in der BRD sehr ähnlich. Trotzdem sank die Anzahl der Kirchenmitglieder demgegenüber drastisch. Waren 1950 noch 91% der ostdeutschen Bevölkerung Mitglied der christlichen Kirchen, so gehörten dieser 1991 nur noch 35%-40% an (Kläden 2014: 46). Das ist damit zu erklären, dass es Mitgliedern der SED und ihren Familienangehörigen untersagt war Kontakte zur Kirche zu pflegen. Formal galt in der DDR zwar die Meinungsfreiheit und damit auch die Religionsfreiheit, trotzdem sahen sich Mitglieder der Kirchen Überwachung von Seiten der Stasi ausgesetzt. (Martens 2010)

Seit 1991 treten zwischen 0,5% und 1% der Mitglieder der katholischen und der evangelischen Kirche aus der Kirche aus, wenden sich also aktiv von ihrer Kirchengemeinde ab. (Kläden 2014: 46)

2.2 Kirchenmitglieder heute

Laut der allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften des Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Köln sind 2016 circa 60% der deutschen Bevölkerung Mitglieder in der katholischen oder evangelischen Kirche. Die Aufteilung dieser 60% zwischen katholischer und evangelischer Kirche ist nahezu identisch. Während in den alten Bundesländern 67% der Bevölkerung der evangelischen oder katholischen Kirche angehörten, waren es in den neuen Bundesländern nur 23% (Pickel 2018). Es lässt sich also erkennen, dass die Repressionen gegen Mitglieder der Kirche zu Zeiten der DDR ihre Spuren in die Gegenwart hinterlassen hat.

Statistiken und Umfragen zu Religiosität in der Praxis lassen vermuten, dass der Unterschied in der Kirchenbindung zwischen Ost- und Westdeutschland perspektivisch geringer wird.

In der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V.KMU) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurden Mitglieder der evangelischen Kirche befragt, ob sie darüber nachdenken, aus der Kirche auszutreten. 2,9% der befragten Teilnehmenden gab an, sie werden „(…) ganz bestimmt so bald wie möglich austreten.“ (Evangelische Kirche Deutschland (2015: 488). 4,4% der Teilnehmenden gab an, sie seien „(…) fast schon entschlossen, es ist nur noch eine Frage der Zeit.“ (Evangelische Kirche Deutschland 2015: 488). Die Gründe für den Kirchenaustritt sind dabei vielfältig. In der V.KMU wurden Teilnehmende, die mindestens schon einmal darüber nachgedacht haben aus der Kirche auszutreten nach ihrer Motivation befragt. Als Hauptmotivation stellte sich das Einsparen der Kirchensteuer heraus (58,4%). Viel interessanter ist jedoch die Häufigkeit der folgenden Antwortmöglichkeiten. 55,1% der Befragten gab an, dass ihnen die Kirche gleichgültig sei, 53,5% der Befragten gab an, dass sie auch ohne Kirche christlich sein könnten. Lediglich 9,2% der Befragten gab an, dass sie eine andere religiöse Überzeugung hätten (Evangelische Kirche Deutschland 2015: 489).

Diese Ergebnisse können so gedeutet werden, dass der Glauben an sich zwar weiterhin vorhanden ist, die Befragten in ihrer religiösen Überzeugung jedoch nicht zwangsläufig einen Zusammenhang zur Institution Kirche herstellen.

3. Die Säkularisierungsthese

Der Begriff der Säkularisierung kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden: Zum einem aus der Perspektive der Abwendung von Kirche, zum anderem als Emanzipation von kirchlicher Autorität und ihrer Macht ( Pollack 2009: 21). Auf den folgenden Seiten wird der Begriff der Säkularisierung aus dem Blickwinkel der Abwendung von der Kirche beschrieben.

Die Säkularisierungsthese trennt den Begriff Religiosität nicht vom Begriff der Religion.

Säkularisierung bezeichnet die Abwendung der Menschen von Kirche und Religion, hin zu einer nichtreligiösen Weltanschauung und dem damit einhergehenden Bedeutungsverlust von organisierten Religionen in den Lebenswelten von Menschen. Die Gründe für Säkularisierung sind vielfältig.

Der Ursprung der Säkularisierung liegt in der Epoche der Aufklärung. Entstanden durch Philosophen wie Hobbes, Kant oder Descartes, ermutigte sie dazu, Rationalität vor religiöse Gesetze zu positionieren. Das Handeln nach eigenem Verstand anstelle von Unterwerfung unter gesellschaftliche Stände und Monarchie nahm der christlichen Kirche ihre ursprünglich so starke Machtposition und führte zu einem Abwenden der Bevölkerung von ihr (Schneider/Toyka-Seid o.D.).

Bei der Betrachtung des Säkularisierungsprozesses der Mitte des 20. Jahrhunderts begann, muss aufgrund von unterschiedlichen politischen Gegebenheiten zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Westdeutschland zu einer Zuwendung zu den Kirchen, erklärbar zum einem dadurch, dass die moralische Verrohung aus den vorherigen Jahren ausgeglichen werden wollte, zum anderen durch das Streben nach Sicherheit durch eine traditionelle und damit auch christliche Gesellschaftsordnung. Die Veränderung von gesellschaftlichen Werten Ende der 60er Jahre, weg von traditionellen Ordnungswerten, hin zu Selbstverwirklichungswerten, verursacht durch, unter anderem, die Steigerung des materiellen Lebensniveaus und die Studentenbewegung führte wiederum gehäuft zu Kirchenaustritten. Durch diese Neuorientierung verlor die Kirche einen Teil ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, Mitglieder der Kirche wendeten sich von ihr ab (Pollack 2012: 81).

In Ostdeutschland erreichten die Kirchenaustritte ihren Höhepunkt in den 50er Jahren, als die Unterdrückung der Kirchen und christlicher Personen durch die SED am stärksten war. Politische Freizeitangebote als Alternative zu kirchlichen Freizeitangeboten entstanden in hohem Maße. Wie in Westdeutschland steigerte sich das materielle Lebensniveau. Menschen aus dem Bildungsbürgertum und Besitzende, die vor dem Zweiten Weltkrieg ein hohes Ansehen genossen und die Hauptstützen für die Kirche waren, wurden durch die SED verdrängt. An ihre Stelle traten Personen aus der Arbeiterschicht, die sich in der Führung im Sinne der DDR durchsetzten (Pollack 2012: 80).

Ein weiterer Grund für die Säkularisierung in der Moderne ist die kulturelle und strukturelle Veränderung von Lebenswelten. So führe, laut Pickel, zum Beispiel die Urbanisierung und die erhöhte Mobilität dazu, dass sich der soziale Zusammenhalt in örtlich festgelegten religiösen Gemeinschaften auflöse. Durch den fehlenden Bezug zu Religion geht religiöse Sozialisierung und Wissen um Religion, durch nicht mehr stattfindende religiöse Erziehung von Generation zu Generation verloren (Pickel 2018).

Im Gegensatz zur Zeit vor der Aufklärung, ist Religion heute weder notwendig um die eigene Existenz zu sichern, noch um sich in einem sozialen Umfeld zu bewegen. Sie wird also nur aufgrund von persönlichen Bedürfnissen gelebt und damit erhalten.

Als einen weiteren Grund für Säkularisierung führt Pollack die religiöse Pluralisierung auf. Religiöse Pluralität meint einen Zustand in dem Menschen einer Gesellschaft unterschiedlichen Religionen angehören und schließt auch nichtreligiöse Menschen mit ein. Durch diese religiöse Pluralität schwinden staatlich vorgegebene christlich-religiöse Einflüsse in öffentlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten wie zum Beispiel Schulen oder Universitäten, da eine Abbildung sämtlicher Religionen und Religiositäten nicht umsetzbar ist (Bruce 2002, 2006 in Pollack 2009: 23 ff). Diese Absenz von alltäglicher Sichtbarkeit von Religion in den eben genannten Kontexten führt zu einem Verlust von Bewusstsein von Religion und damit auch zu einem Verlust von gelebter Religion. Weiterhin ist in einer Gesellschaft, in der Religion im öffentlichen Raum wenig sichtbar ist, die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder von ihren Eltern religiös erzogen werden, geringer. Potenzielle Kirchenmitglieder, die die Anzahl der Kirchenmitglieder stabil halten könnten fallen also weg.

Eine weitere Säkularisierungsthese sieht einen Grund für die Säkularisierung in der funktionalen Differenzierung nach Luhmann. Luhmann geht dabei von drei Ebenen aus in denen die Bedeutung von Religion sinkt: Die personale Ebene, die gesellschaftliche Ebene und die kognitiv-sinndeutende Ebene.

Die personale Ebene berührt individuelle religiöse Entscheidungen die getroffen werden können. War eine individuelle, religiöse Wahlmöglichkeit zum Beispiel vor der Aufklärung unvorstellbar, so ist durch den Prozess der funktionalen Differenzierung eine andere Motivation als die intrinsische nicht mehr maßgeblich.

Auf der gesellschaftlichen Ebene sieht Luhmann keine Notwendigkeit von allgemein gültigen Normen und Werten durch Religion zur Integration von Individuen in eine Gesellschaft. Vielmehr erfolge die Integration durch eine wechselseitige Beziehung der einzelnen funktionalen Teilsysteme wie Recht, Erziehung, Wissenschaft oder Familie.

Die kognitiv-sinngebende Ebene betrachtet die Diskrepanz zwischen Immanenz und Transzendenz. Durch Wissenschaft und Forschung werden vorher nicht erklärbare Phänomene erklärbar gemacht. Phänomene die nicht erklärbar sind, werden als nicht bestimmbar deklariert. Für Religion ist diese Diskrepanz zwischen Immanenz und Transzendenz kaum zu vereinbaren, folglich verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.

Während Religion auf die personale und die gesellschaftliche Ebene immer noch Einfluss nehmen kann, ist sie auf kognitiv sinngebender Ebene der Weltanschauung der Modernen ausgesetzt (Pollack 2009: 26 f).

Noch einen Einfluss auf den Säkularisierungsprozess hat die Stabilität der existentiellen Sicherheit einer Gesellschaft. Während das Bedürfnis nach Religion als sicherheitsstiftender Faktor in existentiell bedrohlichen Lebensumständen, sei es durch Naturkatastrophen, Krieg oder wirtschaftliche Armut, hoch ist, ebbt es in stabilen Lebensumständen einer Gesellschaft ab, ist also variabel. In einem Umfeld, in der die gesamtgesellschaftliche Existenz weitestgehend gesichert ist, ist eine Abwendung von Religion wahrscheinlicher (Norris/Inglehart 2004 in Pollack 2009: 27).

Säkularisierungsprozesse entstehen also zumeist aus äußeren, also veränderlichen Einflüssen aus den Bereichen Politik, Kultur und Wirtschaft.

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Säkularisierung und religiöse Individualisierung. Welche Chancen haben sie für die christlichen Kirchen in Deutschland?
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie - Das Rauhe Haus
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V504542
ISBN (eBook)
9783346056634
ISBN (Buch)
9783346056641
Sprache
Deutsch
Schlagworte
säkularisierung, individualisierung, welche, chancen, kirchen, deutschland
Arbeit zitieren
Mareike Koch (Autor), 2019, Säkularisierung und religiöse Individualisierung. Welche Chancen haben sie für die christlichen Kirchen in Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504542

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