Rezeption der "Divina Commedia" im Trecento. Boccaccios Esposizioni sopra la Comedia di Dante im Spiegel der Zeit


Hausarbeit, 2013
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Dante-Rezeption im Trecento
2.1 Vorläufer Boccaccios
2.2 Boccaccios Lesungen
2.3 Esposizione litterale und allegorica
2.4 Grenzen der Auslegung

3. Boccaccio zwischen sprachlicher, theologischer und ideologischer Kritiken
3.1 Das sprachliche Spannungsfeld
3.2 Theologische Skepsis gegenüber der DC
3.3 Die humanistische Auslegung der DC

4. Ausblick zur Rezeptionsgeschichte bis heute

5. Resümee

6. Bibliographie

1. Einleitende Gedanken

Dante Alighieris poetische Jenseitsreise durch das Inferno (Hölle), Purgatorio (Läuterungsberg) und das Paradiso (Paradies), ist als eines der bedeutendsten Werke des Mittelalters in die Weltliteratur eingegangen. Entstanden ist die Divina Commedia wahrscheinlich zwischen 1304 und 1321. Bereits kurz nach Dantes Tod , am 13-14 September 13211, beginnt die Dante- Rezeption und setzte sich bis heute fort. Sie lässt sich dabei in drei große kulturelle Phasen einteilen: von der Scholastik bis zum Humanismus, von der Renaissance bis zur Aufklärung und von der Romantik bis zum Strukturalismus. Im Rahmen dieser Arbeit soll die Rezeption der Commedia im Trecento näher betrachtet werden. Besonderes Augenmerk wurde auf Giovanni Bocaccio (1313-1375) gelegt, der unter anderem für seine Novellensammlung Decameron Berühmtheit erlangt hat. Uns sind seine Esposizioni sopra la Comedia di Dante (1373-1374), die auch als Cometo bezeichnet werden, überliefert. Diese sollen in dieser Arbeit näher beleuchtet werden und in den zeitgeschichtlichen Kontext gestellt werden. Es lassen sich zahlreiche Gründe für die Relevanz dieser thematischen Wahl finden: zum ersten gilt das Trecento aus literaturwissenschaftlicher Sicht als ein goldenes Jahrhundert, in dem Autoren die Dante zeitnah waren, den unumstrittenen Vorteil gegenüber den modernen Autoren haben, die Sprache auch als kulturelle Konnotationen unmittelbar entschlüsseln zu können2. Boccaccio erkennt den unschätzbaren Wert der Commedia und Dantes, dem es nämlich gelingt ein episches Lehrgedicht in der Sprache des Volkes und nicht auf Latein, der Sprache der Intellektuellen, zu verfassen. Die aus heutiger Sicht nur noch schwer entschlüsselbare Enzyklopädie des Mittelalters, vereint kosmologisches, theologisches, mythologisches, politisches, zeitgenössisches und biblisches Wissen in einem kohärenten Wissenssystem. De Sanctis (1855) schreibt dazu: „La Divina Commedia è la più vasta unità che la mente umana abbia concetta, universo poetico con leggi e ordini a suoi proprii“3. Das Volgare wird kunstvoll verwendet, gleichwohl erst etwa ein Jahrhundert zuvor zum ersten Mal auf Italienisch geschrieben worden war. Mit Boccaccio beginnt somit erstmals ein volkssprachliches Kommentarwesen4.

Am Übergang von der Scholastik zum Humanismus stehend, unternimmt Boccaccio den Versuch die bildhaft beschriebene Reise nach Wahrheit und geistiger Erneuerung des lyrischen Ichs, Dante, auf wortwörtlichen und allegorischen Sinn auszulegen. Ganz im Sinne des Humanismus, soll die angesprochene moralische Wandlung aller Menschen und deren didaktische Nachvollziehbarkeit5 dem Volk zugänglich gemacht werden. Zwar sind keine Überlieferungen zur Rezeption der frühen Höher und Leser der Dante- Lesungen vorhanden und auch ist es schwer die mündliche Weitergabe nachzuvollziehen, hat aber die Form der schriftlich überlieferten Dante- Lesung den entscheidenden Vorteil, Rückschlüsse auf die Gesellschaft ziehen zu können. „Lettore e commentatore non si sono distinti mai nel lungo cammino del’esegesi dantesca, meno ancora nei primi tempi. [...] La l., più ancora del commento, presuppone oggi come ieri l’immediatezza e la presenza del pubblico, cui il lettore, anche istintivamente è indotto ad adattare la sua esposzione.“6

Forschungsrelevanz ergibt sich aus dem Verständnis zur Rezeptionsgeschichte der neueren Literaturtheorien die sie als„Verlagerung der Aufmerksamkeit im Prozess literarischer Kommunikation vom Autor oder Text auf den Leser“ begreifen. Dies bedingt, das literarische Texte nicht überzeitlich fixiert sind, sondern vielmehr entscheidend durch den Leser in einem hermeneutischen Kommunikationsprozess aufgenommen werden und die Wirkungsgeschichte eines Kunstwerks maßgeblich beeinflussen7. Abhandlungen über die Entwicklung der Dante- Rezeption können damit, so Vallone (1981), die intellektuelle Geschichte Europas umreißen8. Vallone beschreibt es für die Forschung der Rezeptionsgeschichte als Notwendigkeit: „[...] di seguire, età per età, fase per fase, le correnti di pensiero, le vicende storiche, le tendenze di gusto, le prevaricazioni polemiche, la partecipazione „straniera“, [...] per quel molto o poco che hanno inciso nella esegesi dantesca (e in prevalenza nella Commedia), stimolando nuove aperture o creando reazioni a catena.“9

Die Kommentierung der Commedia ist ein Rezeptionsphänomen, weil „die Interpretationsgeschichte keines anderen Werkes der Epoche gewährt einen vergleichbaren Einblick in die zeitgenössische Prinzipien des Dichtungsverständnisses und in die Wandlungen, die sie durchmachen.“10

Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen welche sozialen, kulturellen und sprachlichen Einflüsse Boccaccios Rezeption der Commedia beeinflusst haben und wie die wandelnden Ideale des Humanismus eine neue Art der Auslegung (Moralisierung) des Werkes bedingten.

Zuerst soll ein kurzer Überblick über die Rezeption der Commedia bis Boccaccio gegeben werden um dann auf die Umstände der Lesungen der Esposizioni zu kommen. Danach wird das Vorgehen und der Aufbau des beschrieben und mit Hilfe einer Textstelle näher beleuchtet. Die Grenzen der Auslegung werden im Kap. 2.4 aufgezeigt. Im Kapitel 3 soll das Spannungsfeld beschrieben werden, welches sich durch die Wahl des Volgare zwischen den Gelehrten und den Laien ergeben hat. Damit verbunden ist die lang anhaltende theologische Kritik an Dantes Werk und der die Auswirkungen auf Boccaccios Rezeption der Commedia. Auch wird die Wandlung in der Auslegung der DC durch Boccaccio unter Einfluss des humanistischen Denkens dargelegt. Diese Arbeit schließt ab mit einem kurzen Ausblick zur Rezeptionsgeschichte bis heute und einem Resümee.

2. Dante- Rezeption im Trecento

2.1 Vorläufer Boccaccios

Vor Boccaccio (1313-1375) entstanden bereits Kommentare, die eine unvollständige oder komplette Analyse der Commedia lieferten. Keine dieser Verstehenshilfen sticht besonders heraus, sie hatten jedoch wohl eine „vorbereitende, stimulierende Funktion“ für die Dante Philologie11. Im Jahre 1322, also einem Jahr nach Dantes Tod, veröffentlicht sein Sohn Iacopo Alighieri den ersten Kommentar zur Verstehenshilfe12. In dieser Verseinführung beschreibt er die Struktur des Inferno und kommentiert die allegorisch vermittelte ethische Lehre13. Weitere wichtige Dante-Kommentatoren sind Graziolo Bambaglioli (1324, lateinischer Inferno - Komentar), Jacopo della Lana (vor 1328, erster Gesamtkommentar). Besonders nennenswert sind zudem der im Vulgärlatein geschrieben Ottimo Commento (um 1333-1340 wahrscheinlich von Andrea Lancia, der bereits vorhanden Kommentare zusammenfasst) und Guido da Pisa, der eine italienische Verserklärung des Inferno mit lateinischen Erläuterungen schreibt (1328)14. Boccaccio nimmt Inhalte dieser teilweise in seinen Kommentar auf, sein primärer Fokus bei der Interpretation liegt jedoch auf dem Leben Dantes15. Er war nämlich nicht nur leidenschaftlicher Danteleser, sondern auch sein erster Biograf. Im nächsten Abschnitt sollen seine Lesungen in Florenz näher betrachtet werden.

2.2 Boccaccios Lesungen

Boccaccio fertigte zahlreiche Abschriften der Commedia an, welche für die Erfolgs- und Übersetzungsgeschichte eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die Verbreitung der Commedia beeinflusste er auch maßgeblich mit seinen dem Volk zugänglichen Dante- Lesungen, mit denen er den Anfang der ‚Lectura Dantis’ begründet16. Die Esposizioni sopra la Comedia di Dante beinhalten 60 öffentliche Lesungen über die ersten 17 Gesänge des Epos, die zwischen Oktober 1373 und Januar 1374 in der Florentinischen Kirche des Santo Stefano in Badia abgehalten wurden. Es war der Florentinische Rat, der Dank einer Bürgerinitiative den Auftrag gab diese (bezahlten) Lesungen zu dem gesamten Werk über ein Jahr durchzuführen. Die schlechten gesundheitlichen Zustände hinderten Boccaccio jedoch daran, weiter als zum XVII Gesang des Inferno zu kommen17. Das Publikum bestand zum größten Teil aus dem Volk, es nahmen jedoch auch gebildete Menschen, Literaten und Theologen an den Lesungen teil18. Wittschier (2004) schreibt dazu: „Mit diesem Projekt wollte die Stadt ihren nun so großen, einst von ihnen aus den Mauern verstoßenen Dichter rehabilitieren, ihn eine überfällige Homage erweisen, obwohl dieser dort nicht unumstritten war! Das deuten die sechs Nein-Voten bei der Abstimmung über das Vorhaben an.“19

Boccaccio kann bei der Auslegung auf vertiefte Kenntnisse heidnischer antiker und zeitgenössischer Literatur, Kultur und Geschichte zurückgreifen und „Dantes philosophische, theologische, politische und historische Mitteilungen, Urteile und Sinnbezüge erklären und Quellen angeben.“20 Die Esposizioni sind dabei keine systematische Auslegung des Texts, da Boccaccio die für die Lesungen bestimmten Materialien nicht in einem geordneten Band hatte editieren können. Padoan (1965) hebt hervor: „Il primo carattere fondamentale del Cometo è dato dagli squilibri di stesura, e sopratutto dai cenni di appunto.“21 Es ist daher unsicher, ob die Notizen Boccaccios mit dem Original der Vorlesungen übereinstimmen. So ungeordnet die Notizen jedoch auch sein mögen, es gelingt Boccaccio jedenfalls, die Abweichungen und Entwicklungen aller Deutungsversuche die es bis dahin gab, strukturiert in den Esposizioni aufzunehmen. Auch ist es von entscheidender Bedeutung, dass sein Arbeitsvorgehen, also bei Inferno I zu beginnen und die Gesänge der Re ihenfolge nach zu kommentieren, alle späteren Dante- Kommentatoren beeinflusst würde22

2.3 Esposizione littelerale und allegorica

Boccaccio schreibt eine für das Mittelalter typische Einführung (Accessus) um sich dann im Kommentar auf zwei Ebenen zu beziehen: auf die esposizione litterale, also die wortwörtliche Bedeutung des Texts und auf die esposizione allegorica, die Ebene der Allegorien (Inferno I bis IX und XII bis XIV)23. „ La ... distinzione tra ‚esposizione litterale’ ed ‚esposizione allegorica’ [...] è innovazione , rispetto a tutti i precedenti commenti, di eccezionale rilievo.“24 Jeder dieser Canti ist also in zwei Unterkapitel geteilt. Zunächst erfolgt die esposizione litterale und dann die esposizione allegorica. Boccaccio geht dabei jeweils Vers für Vers vor und paraphrasiert das Gesagte. Ausgewählt soll die esposizione litterale anschaulich am ersten Vers „Nel mezzo del cammin di nostra vita“ gezeigt werde. Boccaccio kommentiert den Vers zunächst so:

Ove, ad evidenza di questo principio,è da sapere: la vita de’mort ali è, massimamente di quegli li quali a quel termine divengono il quale pare che per convenevole ne sia posto, settanta anni, quantunque alquanti e pochi più ne vivano si comprende nel Salmo LXXXVIIII [...] e perciò colui, il quale perviene a trentacinque anni, si può dire essere nel mezzo della nostra vita.“25

Auf einer angenommenen Lebensspanne von etwa 70 Jahren, wird „Nel mezzo del cammin di nostra vita“ also als ein 35-jähriger Mensch ausgelegt.

Boccaccio führt sein Publikum dann in die allegorische Auslegung ein, indem er die allegorische Bedeutung als etwas beschreibt, was unter einer „roza corteccia delle parole“ versteckt ist, die man öffnen und erklären kann26. Boccaccio beruft sich hier auch auf Dante und zitiert den Canto II Paradiso. In der allegorischen Auslegung scheinen die Kommentare oft ausführlicher zu sein und teilweise werden mehrere Interpretationsmöglichkeiten angeboten. Allein nur für Inferno I umfasst der Kommentar zur allegorischen Bedeutung somit insgesamt beträchtliche 40 Seiten27.

In der allegorischen Auslegung werden Wissenswertes und Anekdoten, sowie Fakten über Dante und Bibelzitate zur Untermauerung seiner Kommentare integriert. Für den gleichen Vers werden drei allegorische Bedeutungen angeboten. So sei der Vers zum Beispiel ein allegorischer Hinweis auf die Mühen etwas zu erlernen28.

Die Deutungsaufschlüsselung der Divina Commedia wurde von Dante selber in einem Brief an Cangrande angeboten, die Boccaccio aufnimmt 29. Bis dahin war der vierfache Schriftsinn lediglich für die Bibel selbstverständlich, während für die profane Dichtung dies bereits von Thomas von Aquin vehement abgelehnt wurde. Im Brief an Cangrande, wird deutlich, dass Dante sein Werk als eine Art Lehrwerk mit wissenschaftlichem Anspruch betrachtet30. Die Passage, in der Dante im Brief an Cangrande die Auslegung nach dem vierfachen Schriftsinn bespricht, übernimmt Boccaccio sogar übersetzt in seiner fünften Lesung31. Für Boccaccio stelle die Commedia „un groviglio difficile da districare“32 dar. Ohne Zweifel muss der Versuch der Interpretation angesichts der Fülle des Wissen, der Symbole und Allegorien über religiöse, heidnische sowie politische und historische Ereignisse kein einfaches Unterfangen gewesen sein. Einige Autoren nennen in diesem Zusammenhang die Grenzen von Boccaccios Auslegung, die hauptsächlich durch unterschiedliche Schwerpunktsetzung und eine unterschiedliche kulturelle Prägung bedingt sind.

[...]


1 vgl. Zoli, Sbrilli 2002, S.7

2 Hegel 1878, S. 1, zit. in Wittschier 2004, S. 132

3 De Sanctis 1855, S.3, Vorlesungen, Turin 185i, zit. in Wittschier 2004, S. 20

4 vgl. Prill 1999, S. 124, 127

5 vgl. Prill 1999, S. 124; Wittschier 2004, S. 21.

6 Vallone 1981, S. 279

7 vgl. Nünning 2008, S. 621, 623

8 Vallone 1981 , S. 7

9 ebd.

10 Kapp 2007, S. 43

11 Wittschier 2004, S. 132

12 vgl. Prill 1999, S. 180

13 vgl. Kapp 2007, S. 43

14 vgl. Buck 1987, S. 174, 183

15 vgl. ebd. S. 136

16 vgl. Padoan 1965, S. VII

17 ebd.; Wittschier 2004, S. 128f.

18 vgl. Padoan 1965, ebd.

19 Wittschier 2004, S. 129

20 ebd. S. 131

21 Padoan 1959, S. 17

22 vgl. ebd.

23 vgl. Branca 1994, S.18

24 Padoan 1965, s: XXII

25 Branca 1965, S. 19f

26 vgl. Branca 1965, S. 53

27 vgl. ebd.

28 vgl. ebd.

29 vgl. Wittschier 2004, S. 130

30 vgl. Buck, 1987, S. 168.

31 vgl. ebd., S. 194

32 vgl. Rossi 1990, zit. in Wittschier 2004, S. 132

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Rezeption der "Divina Commedia" im Trecento. Boccaccios Esposizioni sopra la Comedia di Dante im Spiegel der Zeit
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Romanistik - TU Dresden)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V504590
ISBN (eBook)
9783346051141
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeption, spiegel, dante, comedia, esposizioni, boccaccios, trecento, commedia, divina, zeit
Arbeit zitieren
Hanna Zeidler (Autor), 2013, Rezeption der "Divina Commedia" im Trecento. Boccaccios Esposizioni sopra la Comedia di Dante im Spiegel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504590

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