Nach der klassischen Humankapitaltheorie investieren Unternehmen niemals in allgemeines Humankapital ihrer Mitarbeiter. Diese Arbeit erweitert die Humankapitaltheorie um Arbeitsmarktunvollkommenheiten. Herrschen Informationsasymmetrien bezüglich der Fähigkeiten der Arbeitnehmer, wird ein positiver Zusammenhang zwischen der Stärke des Kündigungsschutzes und der Ausbildungsintensität in einem Land unterstellt. Die Hypothese wird durch einen Ländervergleich auf EU Ebene anhand von Daten zur Ausbildungsaktivität der Europäischen Kommission sowie zur Stärke des Kündigungsschutzes der OECD getestet.
Die Untersuchung lässt auf einen leicht positiven Zusammenhang zwischen Kündigungsschutz und Anzahl Auszubildende je 1000 Arbeitnehmer schließen. Der Zusammenhang ist allerdings sehr gering und statistisch nicht robust.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literaturdiskussion
2.1 Ausbildungsentscheidung nach der klassischen Humankapitaltheorie
2.2 Erweiterungen der Humankapitaltheorie
2.2.1 Der Skill-Weights Approach
2.2.2 Ausbildung unter Arbeitsmarktunvollkommenheiten
2.2.3 Ausbildung als Personalbeschaffungsstrategie
2.3 Einordnung des eigenen Arguments in die Forschungslücke
3. Theoretisches Argument
4. Stilisierte Fakten im internationalen Vergleich
4.1 Datengrundlagen
4.2 Ausbildungsaktivitäten und Kündigungsschutz in den Ländern
4.3 Beschreibung und Diskussion der Ergebnisse
5. Forschungsdesign
6. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Stärke des Kündigungsschutzes und der betrieblichen Ausbildungsintensität unter Einbeziehung von Arbeitsmarktunvollkommenheiten wie Informationsasymmetrien. Das Ziel ist es, zu analysieren, warum Unternehmen in allgemeines Humankapital investieren, entgegen der klassischen Annahme, dass dies unter Wettbewerbsbedingungen nicht profitabel sei.
- Erweiterung der klassischen Humankapitaltheorie nach Becker
- Einfluss von Arbeitsmarktunvollkommenheiten und Informationsasymmetrien
- Empirischer Ländervergleich auf EU-Ebene
- Rolle von Kündigungsschutz und Monopsonmacht
- Diskussion von Ausbildung als Personalbeschaffungsstrategie
Auszug aus dem Buch
3. Theoretisches Argument
Nachfolgende Argumentationskette erläutert den positiven Zusammenhang zwischen der Ausprägung des Kündigungsschutzes in einem Land und den Anreiz der Unternehmen im Rahmen einer dualen Berufsausbildung Investitionen in allgemeines Humankapital ihrer Arbeitnehmer zu finanzieren.
Vorliegendes Modell trifft die Annahme, dass es auf dem Arbeitsmarkt unterschiedliche Typen von Arbeitnehmern gibt. Die Ausbildungssuchenden unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, z.B. in ihrer Leistungsfähigkeit, Begabung, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit oder ihrem Auffassungsvermögen (Niederalt 2004, S.89). Dies resultiert in einer unterschiedlichen Produktivität der Bewerber. Dabei ist es unerheblich, ob die Arbeitnehmer ihre eigenen Fähigkeiten kennen, weil der Arbeitgeber nicht zwischen den produktiven und unproduktiven Bewerbern unterscheiden kann. Da mehrheitlich Schulabgänger, die keinerlei Arbeitserfahrung haben, eine Ausbildung anfangen, ist davon auszugehen, dass den Bewerbern ihre beruflichen Begabungen nicht bewusst sind.
Den Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt sind die Fähigkeiten der Arbeitnehmer unbekannt. In den ersten Jahren der Karriere eines Arbeitnehmers werden jedoch viele Informationen über die Fähigkeiten eines Auszubildenden angehäuft. Die meisten Informationen werden vom aktuellen Arbeitgeber gesammelt, wobei andere Unternehmen darauf keinen Zugriff haben. Nach der Ausbildung eines Arbeitnehmers besteht folglich eine Informationsasymmetrie zwischen dem ausbildenden Unternehmen und anderen potentiellen Arbeitgebern auf dem Arbeitsmarkt bezüglich der Fähigkeiten des Lehrlings (Acemoglu und Pischke 1998). Diese Tatsache bezeichnet die Adverse Selektion (Akerlof 1970).
Der Zustand der Adversen Selektion wäre vernachlässigbar, könnten Unternehmen einen unproduktiven Arbeitnehmer ohne Probleme entlassen. In vielen Ländern gibt es allerdings institutionelle Rahmenbedingungen, die einen starken Kündigungsschutz implizieren und somit den Arbeitnehmer langfristig an das Unternehmen binden. Zu den Institutionen gehören nicht nur der gesetzliche Kündigungsschutz, sondern auch Gewerkschaften sowie Betriebsräte, die eine Kündigung schwer durchsetzbar machen. Je stärker der Kündigungsschutz in einem Land ist, desto höher sind die Entlassungskosten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des dualen Ausbildungssystems ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Investition in allgemeines Humankapital trotz Arbeitsmarktunvollkommenheiten.
2. Literaturdiskussion: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die klassische Humankapitaltheorie von Becker sowie moderne Erweiterungen, die Mobilitätskosten und Informationsasymmetrien berücksichtigen.
3. Theoretisches Argument: Hier wird die Argumentationskette hergeleitet, dass ein starker Kündigungsschutz durch Informationsasymmetrien den Anreiz für Unternehmen erhöht, in Ausbildung zu investieren.
4. Stilisierte Fakten im internationalen Vergleich: Dieses Kapitel prüft das theoretische Argument empirisch anhand eines Vergleichs von EU-Staaten unter Verwendung von OECD-Daten.
5. Forschungsdesign: Es wird die Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf das duale Studium diskutiert und die methodische Herangehensweise für künftige Untersuchungen skizziert.
6. Schlussbemerkungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass nur ein schwach positiver Zusammenhang zwischen Kündigungsschutz und Ausbildung existiert, der statistisch nicht signifikant ist.
Schlüsselwörter
Humankapitaltheorie, duale Berufsausbildung, Kündigungsschutz, Arbeitsmarktunvollkommenheiten, Informationsasymmetrie, Adverse Selektion, Monopsonmacht, Ausbildungsintensität, EU-Ländervergleich, allgemeines Humankapital, duales Studium, Fachkräftemangel, Personalbeschaffungsstrategie, Lohnkompression, Arbeitsmarktfriktionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die ökonomischen Gründe, warum Unternehmen in allgemeines Humankapital ihrer Lehrlinge investieren, obwohl diese theoretisch nach der Ausbildung zu anderen Arbeitgebern abwandern könnten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die klassische Humankapitaltheorie, Arbeitsmarktunvollkommenheiten, institutionelle Rahmenbedingungen wie Kündigungsschutz und die Analyse von Ausbildungsdaten im europäischen Vergleich.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das theoretische Argument zu belegen, dass ein strenger Kündigungsschutz in einem Land zu einer höheren betrieblichen Ausbildungsbereitschaft führt, da Unternehmen durch die Ausbildung Informationsvorteile erlangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung kombiniert eine Literaturdiskussion theoretischer Modelle mit einer empirischen Analyse (Querschnittsvergleich) von EU-Ländern sowie der Berechnung von Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizienten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung des Zusammenhangs zwischen Kündigungsschutz und Ausbildung sowie die empirische Prüfung dieses Zusammenhangs anhand von Daten der Europäischen Kommission und der OECD.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch Begriffe wie Humankapitaltheorie, Adverse Selektion, duale Ausbildung und institutionelle Arbeitsmarktfaktoren wie Kündigungsschutz geprägt.
Warum spielt die Adverse Selektion eine so wichtige Rolle in der Argumentation?
Sie erklärt, warum Arbeitgeber einen Informationsvorsprung gegenüber externen Wettbewerbern haben, da sie während der Ausbildung die tatsächliche Produktivität des Lehrlings besser einschätzen können als andere Firmen.
Wie lässt sich das Ergebnis des Ländervergleichs bewerten?
Das Ergebnis zeigt nur einen sehr schwachen, statistisch nicht signifikanten positiven Zusammenhang, was darauf hindeutet, dass viele weitere Faktoren die Ausbildungsentscheidungen in den untersuchten Ländern beeinflussen.
- Arbeit zitieren
- Lisa Nätscher (Autor:in), 2013, Das duale Ausbildungssystem im Lichte der Humankapitaltheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504633