Islam und Gewalt. Kritische Reflexion des Gewaltbegriffes im Islam


Essay, 2017
4 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Am 19.12.2016 entführt der 1992 in Tunesien geborene Mann Anis Amri einen LKW einer polnischen Spedition in Berlin. Gegen 20 Uhr fährt er diesen mitten in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche auf dem Berliner Breitscheidplatz. Dabei sterben laut Angaben der Behörden 12 Personen, darunter der LKW-Fahrer Lukasz U. und 56 weitere Personen werden verletzt. Schnell wird klar, dass es sich bei dem Täter um eine Person mit Verbindung zum so genannten Islamischen Staat handelt. Amri wird vier Tage später in Mailand gefasst und von der italienischen Polizei erschossen.

Der Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz kurz vor Weihnachten war der erste wirkliche Anschlag auf deutschem Boden, zu dem sich der Islamische Staat bekannt hat. Er reiht sich in eine Kette schlimmer Ereignisse ein, welche zuvor in ganz Europa, beispielsweise in Paris oder Nizza bei der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiteten. Leider wurden diese Ereignisse auch von zumeist rechtspopulistischen Parteien instrumentalisiert, um gegen geflüchtete Menschen, aber allen voran gegen den Islam als Religion zu hetzen. Irrtümlicherweise haben sich diese Menschen sich nicht wirklich mit dem Islam als solchen beschäftigt, sondern verallgemeinern ihn mit Terror und Gewalt im 21. Jahrhundert. Jedoch ist genau diese Beschäftigung mit dem Islam enorm wichtig, um sich ein reflektiertes Bild diesbezüglich machen zu können.1

Doch wie verhält sich der Islam zu Krieg und Gewalt, welche Legitimation hat die Ideologie der Attentäter, welche sich zum Islamischen Staat bekennen, im Kontext dieser Weltreligion? Dieser Aufsatz versucht die Kriegslehren des Islam darzustellen, blickt daraufhin auf einige Beispiele aus dem Kontext des Dschihadismus, insbesondere mit Blick auf den so genannten Islamischen Staat und versucht abschließend die Leitfrage „ Ist die Hetze berechtigt, hat der Islam eine Gewaltideologie, welche ein Attentat wie das in Berlin legitimiert?“ zu beantworten.

Um in diesem nächsten Schritt des Essays auf die Sicht des Islam auf Krieg und Gewalt zu blicken, muss zunächst klar gesagt werden, dass der Islam sehr viele, mehr oder auch weniger, nach der westlichen Weltanschauung, aufgeklärte, Strömungen impliziert, welche sich in vielen Ritualen und Ansichten klar voneinander unterscheiden. Es ist trotz alledem möglich die Kriegslehren des Islam darzustellen. Der Islam ist, wie die anderen beiden abrahamitischen Weltreligionen, also das Christen- und Judentum auf einem Schriftzeugnis aufgebaut, in diesem Falle auf dem Koran.

Der Koran besteht aus 114 Suren und circa 6236 Versen. Ihm wird häufig eine bellizistische und gewaltlegitimierende Tendenz unterstellt. Jedoch ist der Koran keinesfalls auf seine, sich mit dem Krieg und der Gewalt befassenden Verse, wie beispielsweise 2,216 : „ Und kämpft gegen sie, bis niemand (mehr) versucht, (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen, und bis nur noch Gott verehrt wird! Wenn sie jedoch (mit ihrem gottlosen Treiben) aufhören (und sich bekehren), darf es keine Übertretung geben, es sei denn gegen Frevler “ oder 9,5: „ Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und Almosensteuer geben, dann laßt sie ihres Weges ziehen! Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.“2 zu beschränken. Der Koran beinhaltet vielmehr Aussagen über andere Dinge, wie beispielsweise das Paradies, die Einzigartigkeit Gottes, oder die Geschichte der Vorläufer von Mohammed. Darüber hinaus stehen den bellizistischen Versen des Koran 114 Verse in 54 Suren gegenüber, welche ein friedliches Miteinander unterschiedlicher religiöser Gruppen voraussetzen und zudem noch viele, welche friedlicher Natur sind.

Leider werden gerade solche gewaltverherrlichenden Verse einer antiken Schrift, wie es der Koran nun mal ist von radikalen Islamisten wörtlich genommen und werden zu Propagandazwecken Missbraucht, um junge Menschen für die eigenen Zwecke zu radikalisieren und für den Krieg zu rekrutieren.

Als Beispiel hierfür nehme ich die Aussagen des in Deutschland aufgewachsenen türkischstämmigen Mannes Erhan A., welcher sich dem Islamischen Staat anschloss. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung antwortet A. auf die Aussage des Reporters, dass Menschen im Islamischen Staat, welche sich diesem nicht beugen, gesteinigt, geköpft und gekreuzigt werden mit: „ Ich befürworte nicht alles, was die Gruppe macht. Aber im Koran steht nun mal, dass wir diejenigen bekämpfen sollen, die uns bekämpfen. Wenn auf uns geballert wird, dann können wir ja nicht einfach dastehen und sagen: »Ja, macht es doch halt!« Wir müssen uns wehren. Wenn man für eine gute Sache tötet, ist das legitim.“3 A. bezieht sich hierbei direkt auf den Koran und begründet das Handeln seiner Gruppe ebenfalls mit einem Vers des Korans.

Doch reichen diese Aussagen und Bezüge, um den Islam als gefährlich einzustufen und deswegen alle gläubigen Muslime in einen Topf zu werfen? Dies ist als sehr kritisch zu betrachten, da dieser radikalisierte Islamismus und seine Anhänger einen enorm kleinen Teil dieser Weltreligion darstellen. Der Islam leidet leider darunter, dass er vor allem in Westen hauptsächlich nur durch die Medien bei Terroranschlägen behandelt wird und in der schulischen und politischen Bildung einen sehr geringen Platz hat. Aktuell hat der Islam das große Problem, dass über ihn kaum aufgeklärt wird. Nach dem oben benannten Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz gab es einen interreligiösen Gottesdienst, an dem auch eine Vielzahl der Berliner Muslime teilnahm. Allein dies sollte doch zeigen, dass der Islam als Religion nicht als das böse in der Welt dargestellt werden darf. Vielmehr sollte man sich hierzulande die Frage stellen, warum der Islamische Staat überhaupt existiert und für den Kampf gegen den Westen propagiert.

Religionen sind nicht das Böse in der Welt, Religionen haben eine enorme Kraft, Menschen im positiven Sinne zu vereinen und ihnen Hoffnung zu geben, allerdings sind sie seither, aufgrund ihrer zumeist nicht wörtlich zu nehmenden Schriftstücke anfällig für Radikalisierungen und Einbeziehungen in eigentlich nicht geistliche, sondern weltliche Konflikte. Im 21. Jahrhundert wird der Islam häufig sehr oberflächlich behandelt. Doch gerade deshalb sollte sich jeder Mensch, der diese Weltreligion, mit Millionen von Anhängern, im negativen Sinne verallgemeinert zunächst einmal mit ihr beschäftigen, um zu lernen, dass ein Aufgeklärter Islam keinen Terroranschlag legitimiert.

[...]


1 https://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2016/12/attentat-berlin-breitscheidplatz-weg-anis-amri.html 26.05.2017

2 Übersetzung und Zählung von: Paret, Rudi: Der Koran, 11. Aufl., Stuttgart 2010

3 http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42259/2/1 27.05.2017

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Islam und Gewalt. Kritische Reflexion des Gewaltbegriffes im Islam
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Genozit-und Diasporaforschung)
Veranstaltung
Politische Gewalt im 21. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V504641
ISBN (eBook)
9783346046277
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Gewalt, Dschihad, Islamischer Staat, Anschlag
Arbeit zitieren
Robin Großkopf (Autor), 2017, Islam und Gewalt. Kritische Reflexion des Gewaltbegriffes im Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504641

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