Eneasdichtung bei Veldeke und Vergil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Abkürzungen

2 Dido und Eneas
2.1 Wie kommt es zur Beziehung zwischen Dido und Enas?
2.1.1 Eneas` Auftrag
2.1.2 Dido und frouwe Venûs
2.2 Wie verläuft die Beziehung zwischen Dido und Enas?
2.2.1 Didos Qualen
2.2.2 Dido und Anna
2.2.3 Die Folgen des Jagdausflugs
2.2.4 Wie endet die Beziehung zwischen Dido und Enas?
2.2.5 Eneas` Weiterreise
2.2.6 Didos Selbstmord
2.2.7 Didos Schuld
2.2.8 Eneas` Schuld
2.3 Zusammenfassung

3 Lavinia und Eneas
3.1 Lavinia bei Vergil und Ovid
3.2 Lavinia im Roman d`Eneas und in Veldekes Eneasroman
3.2.1 Wie kommt es zur Beziehung von Lavinia und Eneas?
3.2.1.1 Das Minnegespräch zwischen Amata und Lavinia
3.2.1.2 Der Götterwille
3.2.2 Wie verläuft die Beziehung zwischen Lavinia und Eneas?
3.2.2.1 Die Minnemonologe der Lavinia
3.3 Zusammenfassung

4 Rehte oder unrehte Minne in Veldekes Eneasroman?
4.1 Warum eine Wertung?
4.2 Dido und Lavinia im Vergleich
4.3 Zusammenfassung

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Dido und Lavinia sind zwei Frauen, denen Eneas auf seinem Weg von Troja nach Italien begegnet. Beide Frauen verlieben sich in den Helden Eneas, der eine göttliche Mission, nämlich die Gründung Roms, zu erfüllen hat. Die Beziehung zu Dido endet unglücklich, während Lavinia Eneas heiratet. Ich möchte zunächst sowohl die Beziehung des Eneas zu Dido als auch zu Lavinia genau betrachten. Die grundlegende Fragestellung ist hierbei, welche Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede sich in der Darstellung der beiden Beziehungen in den Eneasdichtungen von Vergil bis zu Veldeke ausmachen lassen. Abschließend werde ich der Frage nachgehen, ob, wie vielfach behauptet wurde, Didos Liebe unreht und die der Lavinia reht ist und aus welchen Gründen dies so sein soll.

Anmerkung: Aus Gründen der Vereinfachung habe ich darauf verzichtet, den Namen des literarischen Helden in den drei völlig korrekten Schreibarten zu verwenden („Aeneis“ bei Vergil; „Aeneas“ bei Ovid und „Eneas“ im Roman d’Eneas und bei Veldeke). Da diese Arbeit sich vornehmlich mit dem Eneasroman Heinrich von Veldekes befasst, wird durchgehend die Schreibart„Eneas“ benutzt. Des Weiteren zählen die untersuchten Werke Ovids nicht zu der eigentlichen Eneasdichtung. Sie werden jedoch miteinbezogen, da sich zeigen lässt, dass sie Einfluss auf die mittelalterliche Eneasdichtung hatten.

1.1 Abkürzungen

Bei den Quellenangaben der Zitate im Fußnotentext werden folgende Abkürzungen verwendet:

HvV = Heinrich von Veldeke: Eneasroman.

Ovid/Verw. = Ovid: Verwandlungen.

Ovid/Her. = Ovid: Heroides.

RdE = Le Roman d`Eneas.

Vergil = Vergil: Aeneis.

In den übrigen Fußnoten werden gleichfalls nur die Kurztitel angegeben. Die vollständigen bibliographischen Angaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

2 Dido und Eneas

2.1 Wie kommt es zur Beziehung zwischen Dido und Enas?

2.1.1 Eneas` Auftrag

In Vergils Aeneis ist es von vornherein klar, dass Eneas vom Schicksal, das heißt von den Göttern[1] den Auftrag erhalten hat, Rom zu gründen.[2] Eneas gelangt auch eindeutig durch Götterwillen nach Karthago, indem Juno[3] im Zorn die Trojaner „über das Meer warf“[4] und sie jahrelang durch Stürme und Unwetter fahren ließ. In Ovids Verwandlungen gibt es lediglich einen Hinweis auf Eneas’ Ankunft in Karthago;5[5] es lässt sich aber in Ovids Heroides finden: „Aber ich zweifle nicht: auch dich verdammen die Götter, jagt ja des siebten Jahrs Winter durch Land dich und Meer. Wellen spülten dich her- [...]“[6] Dido spricht hier aus, dass Eneas von den Göttern nach Karthago gesandt worden ist. Dass sich bei Ovid keine weiteren Hinweise auf den Götterbefehl an Eneas finden lassen, kann dadurch erklärt werden, dass Ovid die Vergils Aeneis nicht rezitieren wollte. Im Roman d’ Eneas und bei Veldeke erhält Eneas während des Krieges in Troja den göttlichen Befehl, nach Italien zu fahren „dannen dardanûs geboren was.“[7] Abermals ist es in den mittelalterlichen Werken die Göttin Juno, die die Trojaner nach einem siebenjährigen Seesturm schließlich in Karthago landen lässt.[8] Eneas’ Auftrag, nach Italien zu fahren, ist in allen vier untersuchten Quellen auf die gleiche Weise beschrieben und lediglich mehr oder weniger ausgeschmückt. Die Ankunft des trojanischen Helden in Karthago steht also in jedem Werk unter den gleichen Vorzeichen: Eneas gelangte durch eine Laune der Göttin Juno von seinem eigentlichen Kurs ab, über den er sehr wohl schon informiert war. Die Landung in Karthago war also auch für Eneas zweifelsfrei als Umweg zu erkennen und er musste sich darüber bewusst sein, dass sein Aufenthalt so kurz wie möglich zu halten war, um dem göttlichen Befehl nachzukommen.

2.1.2 Dido und frouwe Venûs

Die Liebesgöttin Venus benutzt Ascanius, den Sohn des Eneas, als Übermittler der Liebe. Wer Ascanius zuerst küsst, wird von der Liebe ergriffen. In Vergils Aeneis küsst Ascanius Eneas und Dido,[9] ebenso im Roman d’Eneas.[10] Bei Heinrich von Veldeke küsst Ascanius nur Dido.[11] Dies ist bereits ein Hinweis darauf, dass bei Veldeke die Einseitigkeit der Liebe zwischen Dido und Eneas hervorgehoben werden sollte. In Veldekes Eneasroman küsst Dido Eneas zudem direkt bei seiner Ankunft, ohne dass sie sich sofort in ihn verliebt.[12] Bei Vergil und im Roman d’Eneas wird Eneas als absolut schöner Mann beschrieben;[13] diese Hinweise sind bei Heinrich von Veldeke in abgeschwächter Form zu finden.14[14] Es ist bei Veldeke zuerst nicht Dido, die Eneas als einen „schône man“[15] beschreibt, sondern der Erzähler. Der Anblick oder der Kuss ist also eindeutig nicht der Auslöser für das Verliebtsein, sondern das Eingreifen der Götter.[16] In Anspielung darauf ließ Ovid Dido in dem Abschiedsbrief an Eneas schreiben „Was hat Ascanius denn und was die Penaten[17] verschuldet?“[18] Diese Frage muss so verstanden werden, dass Dido zum Ausdruck bringen will, dass weder die Penaten noch Ascanius eine Schuld an ihrem Schicksal trifft. Bei Ovid klagt Dido gewissermaßen Venus und Amor an, die die eigentlichen Verursacher ihres Selbstmordes waren. Lediglich in Veldekes Eneasroman sind nicht nur Venus oder Amor für das Entfachen der Liebe bei Dido verantwortlich, sondern auch Eneas wird als Schuldiger genannt.[19] Diese Stelle deutet einerseits bereits auf eine Entmythologisierung hin, die aber später noch deutlicher wird. Auf der anderen Seite lässt sich durch diese Entmythologisierung aber auch darauf schließen, dass es speziell Veldeke im Gegensatz zu seinen Vorgängern in erster Linie auf die Plötzlichkeit ankam, mit der die Liebe bei einem Menschen entfacht wird. Doch die Unerklärlichkeit, die den Zustand des Verliebtsein ausmacht, „verlangt eben ein Bild vom Wirken einer magischen außermenschlichen Kraft.“[20] Diese magische Kraft meint aber in allen untersuchten Werken vornehmlich den göttlichen Einfluss.

2.2 Wie verläuft die Beziehung zwischen Dido und Enas?

2.2.1 Didos Qualen

„Mit arbeit und ungemach beginnt die Minne.“[21] Das heißt, die minnende Person erleidet in erster Linie Qualen, wird umgetrieben, kommt nicht zur Ruhe. So ergeht es zunächst auch Dido, die schon bei Vergil und Ovid an der Minnekrankheit litt.[22] Diese Minnekrankheit wird in den mittelalterlichen Eneasromanen viel umfangreicher beschrieben als in den antiken Vorlagen.[23] Die Symptome der Minnekrankheit sind vielfältig: Dido wird heiß und kalt, sie zittert und meint zu verbrennen, sie kann nicht schlafen und hat keinen Hunger.[24] Diese Merkmale gehen in erster Linie auf die Ovidsche Darstellung der Minnekrankheit zurück, die aufgegriffen und weiter ausgearbeitet wurde.[25] Dido empfindet Qualen, weil sie Eneas ihre Liebe noch nicht eingestanden hat und fürchtet, er könnte ihre Liebe nicht erwidern.[26] Außerdem denkt Dido aber auch an ihren verstorbenen Mann, dem sie ewige Treue geschworen hatte,[27] sowie an ihr Ansehen, das sie verlieren könnte.[28] Dido befindet sich in einer scheinbar ausweglosen Lage: Welche Möglichkeit sie auch immer wählen würde, es wäre niemals eine wirklich gute Lösung. Die größten Qualen empfindet Dido jedoch ob ihres Treueschwures, den sie ihrem verstorbenen Mann gegeben hatte. Die Zweifel, die sie in dieser Hinsicht plagen, sind im französischen Roman d’Eneas besonders ausgeprägt; Veldeke hingegen hat Didos Zweifel an ihrem eigenen Handeln wieder zurückgedrängt - zugunsten einer detaillierten Darstellung der Minnekrankheit. Wie dies zu bewerten ist, werde ich in dem Kapitel „Didos Schuld“ erläutern.

2.2.2 Dido und Anna

Dido wird sowohl in Vergils Aeneis als auch im Roman d’Eneas und in Veldekes Eneasroman von ihrer Schwester Anna enorm beeinflusst. Anna rät Dido gradezu zum Bruch des Treueversprechens, wovon Dido zunächst alles andere als überzeugt ist. Anna ist der Auffassung, dass es keinen Sinn mehr hat, wenn Dido ihrem toten Mann die Treue hält: Wenn sie in Eneas verliebt sei, so solle sie sich zu dieser Liebe bekennen. Bei Vergil begründet sich das auf die großartige Herrschaft, die aus dieser Verbindung erwachsen würde,[29] im Roman d’Eneas und bei Veldeke sagt Anna hingegen, dass es für Dido nicht gut sei, wenn sie bis zu ihrem Tod keinen Mann mehr lieben würde. Der Schwur hätte keine Bedeutung mehr und für Didos Leben sei es wichtig, sich zu ihrer jetzigen Liebe zu bekennen.[30] Erst nach dieser Unterredung ist Dido entschlossen, Eneas ihre Liebe zu gestehen. Sie ist zwar nach wie vor bedacht, ihre êre zu wahren, doch ohne Annas Zuspruch hätte Dido vielleicht nicht gewagt, ihre Liebe zu offenbaren; mit Sicherheit nicht so schnell. Es lässt sich deutlich erkennen, dass in den mittelalterlichen Werken im Gegensatz zu der antiken Vorlage hier Dido als Frau und nicht als Herrscherin im Vordergrund steht. Dem Verfasser des Roman d’Eneas und Heinrich von Veldeke ging es nicht in erster Linie darum, Didos Zweifel als Königin in den Mittelpunkt zu rücken, sondern ihre Qualen als liebende Frau.

[...]


[1] Ich verweise hier auf Karl Büchner, der in seinem Aufsatz „Der Schicksalsgedanke bei Vergil“ den Götterwillen mit dem Schicksal gleichsetzt. (Seite 276) Dies erscheint mir legitim, da der Götterwille zur Zeit Vergils unumstößlich und somit eins mit dem Schicksal war.

[2] Vergil, 1. Buch, Vers 2.

[3] Juno, eigentlich die Göttin der Frauen, des Hauses und der Hochzeit (Vgl. Gerhard Fink: Who is eho in der antiken Mythologie. Seite 155.) ist erzürnt, da Paris, ein Trojaner, Aphrodite für schöner hielt als sich. Interessant ist hier m. E., dass ausgerechnet Juno es ist, durch die letztendlich eine Frau, Dido, in den Selbstmord getrieben wird. Der Frage, ob sich darin letztendlich die Rache der Juno vollzieht, kann hier aber nicht näher betrachtet werden.

[4] Vergil, 1. Buch, Vers 29.

[5] Ovid/Verw., 14. Buch, Vers 77.

[6] Ovid/Her. VII, Vers 85 ff.

[7] HvV, Vers 168 ff. Vgl. RdE, Vers 183 ff.

[8] Vgl RdE, Vers 183 ff. und HvV, Vers 156 ff.

[9] Vergil, Vers 715 ff.

[10] RdE, Vers 807 ff.

[11] HvV, Vers 831 f.

[12] Vgl. HvV, Vers 734 ff.

[13] Vergil, 1. Buch, Vers 588 ff. und RdE, Vers 717 ff.

[14] HvV, Vers 796 f.: „her was lobelich genûch, hern mohte niht bezer sîn“.

[15] HvV, Vers 695.

[16] Im Gegensatz zu Rüdiger Schnell: Causa amoris. Seite 212 ff.

[17] Römische Schutzgottheiten, die Eneas in Troja gerettet und nach Italien mitgebracht haben soll. Vgl. Ovid/Verw. 15. Buch, Vers 450 f. und Vers 861 ff.

[18] Ovid/Her. VII, Vers 75.

[19] HvV, Vers 1442 f.

[20] Ludwig Wolff: Die mythologischen Motive in der Liebesdarstellung des höfischen Romans. Seite 54.

[21] Werner Schröder: Dido und Lavine. Seite 168.

[22] Vergil, 4. Buch, Vers 66 ff. und Ovid/Her. VII, Vers 24 f.

[23] Vgl. RdE, Vers 1201 ff. und HvV, Vers 1385 ff.

[24] Vgl. HvV, Verse 1342-1361 und 1385-1387. Vgl. auch RdE, Verse 1228-1264.

[25] Vgl. Ovid: Amores, 1. Buch, 2,1-3,5 und Ars amatoria, 1. Buch, Vers 728 ff.

[26] Vgl. RdE, Vers 1394.

[27] Vgl. Vergil, 4. Buch, Vers 15 ff.; RdE, Vers 1304 ff. und HvV, Vers 1486 ff.

[28] Vgl. HvV, Vers 1304 f.

[29] Vergil, 4. Buch, 47 f.

[30] Vgl. RdE, Vers 1327 ff. und HvV, Vers 1494 ff.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Eneasdichtung bei Veldeke und Vergil
Hochschule
Universität Hamburg  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Mythen im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
30
Katalognummer
V50482
ISBN (eBook)
9783638466950
ISBN (Buch)
9783638916431
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneasdichtung, Veldeke, Vergil, Mythen, Mittelalter
Arbeit zitieren
Stefanie Krüger (Autor:in), 2002, Eneasdichtung bei Veldeke und Vergil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50482

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