Die tiergestützte Intervention. Ethischer Umgang mit Tieren in der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2019
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Anthropologische Sicht
1.2 Tierhaltung in der Gegenwart

2. Tiergestützte Interventionen
2.1 Abgrenzung Tiergetsützte Interventionen
2.2 Tiergestützte Pädagogik
2.3 Tiergestützte Therapien
2.4 Tiergestütze Aktivitäten.

3. Ethischer Umgang mit Tieren
3.1 Rechte der Tiere
3.2 Tiere entsprechend dem Präferenzutilitarismus (Singer
3.3 Tierschutzorganisationen

4. Diskussion

Literaturverzeichns

1. Einleitung

Erst kürzlich revolutionierte der Anbieter Beyond Meat den deutschen Lebensmittelmarkt für Liebhaber des Fleischgeschmacks. Innerhalb weniger Minuten war das Fleischersatzprodukt beim Discounter Lidl ausverkauft (Welt, 30.05.2019). Auch andere Anbieter, wie Rügenwalder und Wiesenhof machen mittlerweile einen beträchtlichen Teil ihres Umsatzes mit den Fleischimitaten (Reiche, 27.06.2018; Wiesenhof, 2019). Fleischlose Alternativen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit und liegen klar im Trend. Der Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte kann als Zeichen einer wachsenden Verantwortung im Umgang mit Tieren gedeutet werden. Auch werden Petitionen zum Schutze der Bienen und Artenvielfalt unterzeichnet und die Zahl der Haustiere steigt. Ein Indikator dafür, welchen Stellenwert die Tiere im täglichen Leben einnehmen, können auch die Umsatzzahlen der Heimtiernahrungs- und Bedarfsindustrie sein. So betrug der Gesamtumsatz 2017 4,838 Milliarden Euro, aufgeteilt auf die Rubriken Fertignahrung, Bedarfsartikel und Zubehör, Online-Shopping und Wildvogelfutter (Presseportal, 08.05.2018).

Die genannten Beispiele stellen einen Auszug einer möglicherweise vorangeschrittenen Sensibilisierung im Umgang mit Tieren dar. Dies gibt Anlass die Thematik des ethischen Umgangs mit Tieren näher zu beleuchten. Im Rahmen dieser Arbeit soll ein weiterer Fokus auf den Umgang mit Tieren im Sozialen Feld gelegt werden, in dem Tiere für die Arbeit mit Menschen gezielt genutzt werden. Ziel dieser Arbeit ist es, sowohl die Anthropologische Sicht der Menschen und Tiere näher zu erfassen als auch einen Abgleich der Tierhaltung in der heutigen Zeit mit den einhergehenden Gesetzen zum Thema Tierschutz in Deutschland herzustellen. Zentral werden die verschiedenen Felder der Tiergestützten Intervention beleuchtet und mögliche Arbeitsfelder der jeweiligen Praxis vorgestellt. Zudem wird der ethische Umgang mit Tieren unter Berücksichtigung des Präferenzutilitarismus nach Singer analysiert und zwei der größten deutschen Tierschutzverbände vorgestellt.

1.1 Anthropologische Sicht

Es gibt keine andere Beziehung im Laufe der Geschichte, die so facettenreich ist, wie die Beziehung zwischen Tier und Mensch. Ein Grundstein für die gemeinsame Geschichte ist die Domestikation, in der die wildlebenden Tiere aus ihrer ursprünglichen Natur in die Natur des frühzeitlichen Menschen integriert wurden, um so als Gebrauchstiere genutzt zu werden. Der Hund ist der älteste Gefährte des Menschen, der sich durch die Domestikation vor ca. 100 000 Jahren von seiner Wildform abspaltete. Die enge Verbundenheit zwischen Mensch und Tier zeigt sich in Höhlenmalereien auf der ganzen Welt, in denen die eigene Lebenswelt oder die Verbindung zu jeweiligen Gottheiten dargestellt wurden. (Simeonov, 2014). Die ersten Grundsteine für eine tierfreie Ernährung und die dadurch verbundene Gleichstellung fanden in der Antike durch die Religion Orphik statt, welche als Erlösungs- und Mysterien Religion im 6 Jahrhundert v. Chr. galt. Ziele dieses Glaubens waren unter anderem das Streben nach Askese, zu dem sollte auf den Verzehr eines beseelten Wesens, wie auch das Tragen tierischer Produkte und der Verzehr tierischer Erzeugnisse verzichtet werden. (Wibbecke, 2013)

Die Beziehung zwischen Menschen und Tieren im Mittelalter war eher von Ablehnung geprägt. Die durchschnittliche Bevölkerung wies zum damaligen Zeitpunkt ein geringeres Bildungsniveau auf und ging davon aus, dass durch Tiere Krankheiten übertragen werden. Auch ging man davon aus, dass Tiere für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Es fanden Gerichtsprozesse gegen Tiere statt, in denen diese, wie Menschen, für ihre Taten belangt wurden. Dies spiegelt unter anderem das damalige Tierbild wider. Tiere wurden sowohl, wie Menschen verurteilt und mussten gleichzeitig, wie Sklaven auf dem Feld arbeiten. Es gab dennoch Denker wie Thomas von Aquin und Augustinus, die nicht an die Vernunftfähigkeit der Tiere glaubten (Wibbecke, 2013). Luther sprach im 16.ten Jahrhundert den Tieren eine erlösungsfähige Seele zu und stoß somit ein weitläufiges Umdenken an, durch das sich auch die Stellung des Tieres veränderte. In den nachfolgenden Jahren bildeten sich Abspaltungsreligionen zum Puritanismus und Quäkertums, welche das Schützen der Tiere als hohen Stellenwert ansahen und es als festen Bestandteil ihrer Religion verstanden. Diese Glaubensausprägungen haben ihre Wurzeln in Großbritannien und verbreiteten sich im gesamten anglo-amerikanischen Raum. Diese gelten auch heute noch als Grundlage der Tierschutzbewegungen in England und den Vereinigten Staaten. Durch den steigenden Wohlstand in bildungsorientierten Schichten, kirchliche Veränderungen, ein stärker an Bedeutung gewinnendes Bürgertum sowie ein stärkeres Verantwortungsgefühl der Bürger, begann eine neue Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhundert erreichte die Haltung von Haustieren eine größere Beliebtheit. Rassehunde wurden zu Prestigeobjekten, auch das Pflegen der Tiere wurde gesellschaftlich hoch anerkannt (Simeonov, 2014).

1.2 Tierhaltung in der Gegenwart

Derzeit sind zwei gegenläufige Trends in Deutschland und weltweit zu erkennen. Auf der einen Seite nimmt das Bewusstsein für Tierwohl und Umweltfaktoren enorm zu, so dass die Massentierhaltung aufgrund des hohen CO2 Ausstoßes angeprangert wird, das Tierwohllabel über die Haltungsbedingungen informiert, Biowaren in den letzten Jahren einen massiven Anstieg verbuchen und die Adoptionen von Haustieren auch über Ländergrenzen hinweg ansteigen. Auch werden Tiertransporte in der Politik diskutiert und Vegetarismus und Veganismus sind auf dem Vormarsch. Gleichzeit nimmt jedoch der Fleischkonsum aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung und des ansteigenden Wohlstands weltweit zu. Erst kürzlich wurde daher beispielsweise in China eine Stadt aus Hochhäusern erbaut, in denen Schweine in Massentierhaltung auf unzähligen Stockwerken ohne Tageslicht gemästet werden. Die Massentierhaltung ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch, so dass beispielsweise über zwei Drittel der Rinder in Betrieben mit über 100 Tieren gehalten werden (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2019). Tierschutzorganisationen prangern zudem an, dass neben der konventionellen Tierhaltung, die mit furchtbaren Zuständen der Tiere einher geht, auch die ökologische Tierhaltung weit entfernt von einer artgerechten Tierhaltung ist. So stehen einem 50 bis 110 Kilogramm schweren Schwein gerade mal 0,75 Quadratmeter zur Verfügung, dem Mastschwein aus ökologischer Haltung 1,3 Quadratmeter. Mastschweine werden nach 6 Monaten getötet, obwohl diese regulär eine Lebenserwartung von 15 – 20 Jahren hätten. Im Bereich der Legehennen ist es noch gravierender. Hier werden die männlichen Nachkommen direkt nach dem Schlüpfen durch das sogenannte „Schreddern“ getötet. Auch wenn dieses Verfahren seit langem umstritten ist, gehört es weiterhin zur gängigen Praxis und ist vollkommen legal. In Deutschland werden jedes Jahr knapp 800 Millionen Tiere aus konventioneller und ökologischer Landwirtschaft für die Ernährungsindustrie getötet. Die größte Gruppe ist die der Hühner, mit ca. 701 Millionen Tieren jährlich, ca. 1,5 Millionen Tonnen Fleisch und ca. 13,7 Milliarden Eier werden hierbei produziert und vermarktet. Aus ökologischer Erzeugung kommen gerade mal 1 Prozent des Fleisches und 7 Prozent der Eier. 59 Millionen Mastschweine produzieren 5,6 Millionen Tonnen Fleisch. Der Anteil des ökologisch hergestellten Schweinefleischs liegt bei 0,4 Prozent. In der Rinderhaltung wurden 3,7 Millionen Tiere geschlachtet und 30 Millionen Tonnen Milch produziert, 2-4 Prozent davon im Biobereich (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2019).

Wie kann es also sein, dass die Menschen auf der einen Seite ein erhöhtes Bewusstsein für das Tierwohl und die Wahrnehmung der Tiere als lebendige Wesen haben und gleichzeitig derartig viele tierische Produkte überwiegend in konventioneller Tierhaltung produziert werden? Hierbei gilt es einen Blick auf die Marktsituation zu werfen. Die Tierhaltung ist geprägt von Werbung in denen erst Minderjährigen und später Erwachsenen ein falsches Bild der Tierhaltung vermittelt wird. Es wird versucht eine Illusion der landwirtschaftlichen Haltung darzustellen, die nicht der Realität entspricht. Kühe, die auf der Weise grasen, scharrende und pickende Hühner auf Bauernhöfen, auf denen morgens noch der Hahn zum Aufstehen kräht. Dies sind die Bilder, die uns auf Hochglanzpackungen entgegenstrahlen. Gleichzeitig werden Tiere als Lebewesen und die Fleisch- und Milchproduktion voneinander entkoppelt. Den Konsumenten ist im Moment des Kaufens und Verzehrens eines tierischen Produkts nicht mehr bewusst, dass dies von einem lebendigen Wesen stammt, das hierfür ausgebeutet wird oder sogar sein Leben lässt. Derjenige, der das saftige Steak auf dem Grill liegen sieht, denkt nicht an das Tierleid, das hinter den Kulissen stattfindet. Dadurch, dass die Produkte im Supermarkt, oft sogar in Großstädten weit weg von Höfen und Mastbetrieben gekauft wird, ist vielen Menschen der Bezug verloren gegangen. Dies spiegelt den Bereich der Nachfrage wider und versucht zu erklären, weshalb die Nachfrage trotz vieler veganer und vegetarischer Alternativen weiter hoch ist. Der andere Aspekt der Marktsituation ist das lohnende Geschäft mit tierischen Produkten. Der Export von Fleisch aus Deutschland in andere Länder, überwiegend China stieg von 3 283 000 Tonnen Fleisch in 2008 auf rund 4 200 000 Tonnen Fleisch (Statista, 2019). Mit der Ausfuhr von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs wurden in 2016 rund 22 000 Millionen Euro erwirtschaftet. Der Export lebender Tiere spülte rund 1.058 Millionen Euro in deutsche Kassen (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2017). Dies gibt Hinweise darauf, wieso das Geschäft mit Lebewesen trotz voranschreitender Sensibilisierung boomt.

2. Tiergestützte Intervention

2.1. Abgrenzung Tiergestützte Interventionen

Für die Arbeit mit Tieren im sozialen Feld existieren in der Literatur eine Vielzahl von unterschiedlichen Definitionen. Meist unterscheiden diese sich im Umgang mit den Tieren, der therapeutischen oder pädagogischen Zielsetzung und der Ausbildung der Tiere oder betreuenden Personen. Auch kann danach unterteilt werden, ob ein einheitlicher Therapieplan verfolgt wird oder die Ausbildung offiziell anerkannt ist. Grundsätzlich stark verbreitet sind die Begrifflichkeiten der Tiergestützten Pädagogik und der Tiergestützten Therapie, die jedoch in der Praxis verschwimmen. Da die Begrifflichkeiten im deutschsprachigen Raum nicht geschützt sind und sich folglich kein einheitlicher Terminus für die Arbeit mit Tieren gebildet, orientiert sich diese Arbeit an der Definition von Vernooij und Schneider (2018, S. 48), die den Oberbegriff der Tiergestützten Intervention in die Gruppen Tiergestützte Pädagogik, Tiergestützte Therapien und Tiergestützte Aktivitäten gliedert. Die Autoren differenzieren die Untergruppen der Tiergestützten Intervention insbesondere hinsichtlich der Ausbildung der Tiere und des Personals sowie hinsichtlich der Zielsetzung der Maßnahme. Auch die Art und Weise der Dokumentation findet hierbei Berücksichtigung (Vernooij & Schneider, 2018, S. 48). Diese einzelnen Untergruppen werden in den nachfolgenden Kapiteln näher erläutert.

2.2. Tiergestützte Pädagogik

Tiergestützte Pädagogik gilt als ein Model der Tiergestützten Intervention, das darauf abzielt, die Fähigkeit insbesondere von Kindern ressourcenorientiert zu stärken und strukturiert zu fördern. Die Initiierung von emotionalen und sozialen Lernprozessen stellt hierbei eine Kernaufgabe dar. Die Durchführung erfolgt durch verschieden qualifiziertes Personal aus dem pädagogischen Umfeld, wie Lehrpersonal, Sozialpädagogen, aber auch Sprachheil- und Physiotherapeuten. Die eingesetzten Tiere wurden spezifisch für den Einsatz ausgebildet, um Entwicklungsfortschritte (Vernooij & Schneider, 2018). Durch die emotionale Wirkung der Tiere auf Menschen, die der evolutionären Entwicklung zuzuschreiben ist, wird dies im Pädagogischen Bereich vielfältig genutzt (Saumweber, 2013, S.13; Wibbecke, 2013, S.89).

Die Pädagogische Arbeit mit Tieren in Deutschland entstand Anfang der 1970er Jahre in Form von Jugendfarmen und Aktivspielplätzen, daraus entwickelte sich 1972 der Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze e.V. als bundesweit tätiger Verband. Aus den ersten Kinderbauernhöfen, die 1981 gegründet wurden, entwickelten sich im weiteren Verlauf über 500 Einrichtungen in ganz Deutschland. Das Angebot beschränkt sich größtenteils auf Kinder und Jugendliche im Schulalter, die unter pädagogischer Anleitung auf den Farmen und Spielplätzen Behausungen für Kleintiere basteln, Futter für Tiere anbauen und sich um die Säuberung der Ställe kümmern. Pädagogische Spielplätze sind für Kinder und Jugendliche kostenlos und in der Regel ganzjährig geöffnet (Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze, 2019).

Mittlerweile hat sich die Tiergestützte Pädagogik auch auf andere Felder ausgeweitet und es existieren eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote. Ein Beispiel für die Tiergestützte Pädagogik ist der Einsatz eines Schulhundes, der zusammen mit einer für den Hunde-Einsatz ausgebildeten Lehrkraft zur Verbesserung des Klassenklimas, der Sozialisation und der Förderung individueller Kompetenzen der Schüler beiträgt. Der Einsatz erfolgt gezielt an wenigen Tagen pro Woche und wird nur in bestimmten Unterrichtseinheiten aktiv einbezogen. Schätzungen zufolge sind derzeit an weit über 1000 Schulen in Deutschland Hunde im pädagogischen Einsatz (Tiergestützte Pädagogik - Labradorhündin Paula, 2019).

Auch der Einsatz von Sprachhunden zeigt sich in der Tiergestützten Pädagogik wirksam. Der Hund, der auf Basis eines speziellen Konzepts trainiert wurde, arbeitet zusammen mit Sprachförderkräften, die die Kinder dabei unterstützen sollen, Fremdsprachen zu erlernen und zur Verbesserung der Motorik, mentalen Unterstützung und der Aussprache beitragen. (Sprachhund, 2019)

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die tiergestützte Intervention. Ethischer Umgang mit Tieren in der Sozialen Arbeit
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. München
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V504861
ISBN (eBook)
9783346059871
ISBN (Buch)
9783346059888
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tierethik, Rechte der Tiere, Tiere im Sozialen Feld, Tiergestützte Pädagogik, Tiergestütze Aktivitäten
Arbeit zitieren
Marco Magerl (Autor), 2019, Die tiergestützte Intervention. Ethischer Umgang mit Tieren in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504861

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