Sterben auf Italienisch


Seminararbeit, 2005

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Tabubegriff und das Sprachtabu

2 Sprachliche Mittel zur Umschreibung von Tabubegriffen
2.1 Euphemismus und Dysphemismus
2.2 Metapher und Metonymie

3 Quellen

4 Semantische Kategorien
4.1 Weiterleben
4.1.1 Reise und Fortgehen
4.1.2 anderes Leben
4.1.3 anderer Ort
4.1.4 Gemeinschaft mit Gott und anderen Wesen
4.2 Vergeltung
4.3 Tod als Ende allen Seins
4.4 Biologische Vorstellung und körperlicher Zerfall
4.5 Verbildlichung des Toten im Grab , Bezugnahme auf Beerdigung
4.6 Tod als Schlaf und als Ruhe und Erlösung
4.7 Trennung von Körper und Seele
4.8 Sicht der Hinterbliebenen
4.9 Verschiedenes

Quellen

Literatur

Anhang

Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Tabuwort morire. Wieso der Tod als Tabu angesehen wird und welche Folgen, dass für den Sprachgebrauch hat, soll im Folgenden erläutert werden.

Darüber hinaus wurde eine Wortliste für die Umschreibungen von morire erstellt (s. Anhang), deren Lexeme in semantische Kategorien eingeteilt worden sind.

Da dieses Lexeminventar hauptsächlich aus Wörterbüchern stammt, nehme ich davon Abstand, näher auf den Sprachstil einzelner Lexeme einzugehen und sie verschiedenen Sprachebenen zuzuordnen. Die Untersuchungen von Radtke und Anders ergeben nämlich, dass die meisten Wörterbucheinträge Lexeme aus der höheren Sprachschicht enthalten.

Das gesammelte sprachliche Material ist auch nicht daraufhin untersucht worden, ob es noch gebraucht wird. Wenn manche Wörter also selten oder gar veraltet sind, so werden sie dennoch kritiklos in die Untersuchung aufgenommen.

1 Der Tabubegriff und das Sprachtabu

Ursprünglich stammt das Wort "Tabu" aus dem Polynesischen, wo es "verboten" bzw. "sanktioniert" bedeutet. In den Naturvölkern Polynesiens trafen diese Eigenschaften u.a. auf religiöse Symbole, Tiere und Pflanzen, auf sexuelle Handlungen, den Tod, die Namen von Toten, Geister und Dämonen zu. Diese Bereiche durften einerseits aus religiös-magischen Gründen (Dämonenabwehr und Aberglaube) nicht sprachlich realisiert werden, andererseits wurden sie auch gemieden, weil sie eine Domäne berührten, die etwas Nicht-Verstandenes und Unbewältigtes beinhaltet (s. H. Anders).

Auch wenn unsere heutige Gesellschaft offenbar wenig mit der der Naturvölker gemeinsam hat, so gleichen sich dennoch die Tabubereiche auf auffällige Art und Weise.

Der Sprachwissenschaftler Richard Spears (s. H. Anders, S. 25) teilt die in der westlichen Gesellschaft vorhandenen Tabus in folgende Kategorien ein:

1. sexuelle Themen (vgl. dazu die Untersuchung von Edgar Radtke über „membro virile“)
2. Religion (z.B. Gotteslästerung)
3. Begriffe für Exkremente
4. Tod
5. physische und mentale Behinderungen/Krankheiten
6. Prostitution (s. Edgar Radtke)
7. Homosexualität

Es sei aber darauf hingewiesen, dass nicht alle dieser Bereiche gleich stark tabuisiert sind und der Grad der Tabuisierung auch innerhalb verschiedener Gesellschaftsgruppen in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, sozialer und regionaler Herkunft des Sprechers und Hörers und der Gesprächssituation stark variieren kann. So spricht Radtke in seiner Untersuchung über den Wortschatz des Sexuell-Erotischen von einer partiellen (Ent-)Tabuisierung des Sexuellen, da zwar u.U. über dieses Thema gesprochen und geschrieben wird, aber die verwendeten Lexeme modifiziert oder substituiert werden, um den eigentlichen „verbotenen“ Begriff zu verschleiern.

Da an einigen Stellen auf diese Art dieser „Verschleierung“ eingegangen wird, sollen im nächsten Kapitel die wichtigsten Begriffe noch einmal erläutert werden.

Trotz dieser Enttabuisierung der oben erwähnten Bereiche des menschlichen Lebens, ist das Tabu um den Tod noch immer aktuell. Laut Heidi Anders (S. 26ff.) ist dieses Tabu logisch nur durch die Rücksichtnahme auf die Hinterbliebenen zu rechtfertigen; dass man also mit den Angehörigen des Toten nicht über dieses Thema spricht, um ihre Gefühle nicht zu verletzen. Weiterhin schreibt Anders allerdings, dass das Todestabu nicht nur mit Logik zu fassen ist und führt als Beispiele die Totenruhe, die „verbotene“ Berührung des Toten und die Tatsache, dass über einen Toten generell nicht schlecht gesprochen wird, an.

Als ein Grund für die Tabuisierung des Todes auch in unseren Zeiten, nennt Anders die allgemeinmenschliche Angst vor dem Tod. Was den Tod für den Menschen so beängstigend mache, sei das Unbekannte, dass mit ihm verknüpft ist. Der Mensch wisse weder, was mit ihm im Moment des Sterbens passiert, noch ob es etwas danach gibt. Die menschliche Psyche könne sich weder eine Nicht-Existenz vorstellen, noch eineewigeExistenz. Einen sehr starken Faktor mache auch die Unausweislichkeit des Todes aus.

2 Sprachliche Mittel zur Umschreibung von Tabubegriffen

2.1 Euphemismus und Dysphemismus

Laut Radtke sind die häufigsten sprachlichen Realisierungen, die aus einem Sprachverbot resultieren, der Euphemismus, der eine Möglichkeit darstellt, das Tabu beschönigend und zuweilen humorvoll zu umgehen, und der Dysphemismus, dessen herabsetzende, zynische Direktheit dem umschriebenen Begriff eine negative Konnotation (hin)zufügt. Gemeinsam ist diesen beiden Periphrasen, dass sie dem eigentlichen Begriff die Neutralität nehmen und wertend wirken. Gerade diese letzte Eigenschaft macht es schwierig, Euphemismus und Dysphemismus klar voneinander zu trennen, da es oft von der Intuition und der Einstellung des Individuums abhängt, ob ein Lexem als euphemistisch, dysphemistisch oder neutral gewertet wird. Dieser subjektive Faktor muss auch in der Klassifizierung der Lexeme in meiner Untersuchung berücksichtigt werden.

2.2 Metapher und Metonymie

Eine weitere Art, Sprachverbote zu umschreiben, ist der Gebrauch von Metaphern oder Metonymien. Beide nutzen die Methode der Verbildlichung eines Sachverhaltes.

Daher ist die Grenze zwischen Metapher und Metonymie oft fließend und ungewiss.

Allgemein fallen in die Kategorie der Metaphern die bildlichen Umschreibungen, die auf der Ähnlichkeit von zwei Sachverhalten, Gegenständen oder Begriffen beruhen. Es findet also eine Bezeichnungsübertragung statt, die auf gleichen oder ähnlichen Bedeutungsmerkmalen basiert.

Die Metonymie hingegen bezeichnet jene bildlichen Umschreibungen, deren Ähnlichkeit nicht auf Bedeutungsmerkmalen beruht, sondern auf sachlichen Zusammenhängen und auf Zusammengehörigkeit zu einem gemeinsamen semantischen Bereich.

3 Quellen

Als Quellen für die Erstellung des Lexeminventars für „morire“ dienten mir folgende (Synonym-) Wörterbücher:

- De Mauro, Tullio: Grande dizionario italiano dell’uso.
- Gabrielli, Aldo: Dizionario dei sinonimi e contrari.
- Il vocabolario Treccani
- Moss, Howard; Motta, Vanna: Using Italian Synonyms.
- Quartu, B.M.: Dizionario del modo di dire della lingua italiana.
- Ratti, D. e Biorci, G.: Sinonimi. Dizionario compatto dei sinonimi.
- Spada, Marco (Hrsg.): Sinonimi e contrari. Dizionario.
- Zingarelli, Nicola: Lo Zingarelli.

Zusätzlich wurden 360 Todesanzeigen aus willkürlich ausgesuchten Ausgaben von „Corriere della Sera“ und „La Repubblica“ auf die dort verwendeten Lexeme untersucht.

Insgesamt umfasst das erstellte Lexeminventar 136 Umschreibungen von „morire“[1], von denen allerdings viele ähnlich sind und sich nur z.B. durch andere Verben unterscheiden (andare in Cielo – volare in Cielo – salire in Cielo).

4 Semantische Kategorien

Bei der genaueren Betrachtung der gesammelten Ausdrücke haben sich verschiedene semantische Muster gebildet, nach denen man die Lexeme in neun Kategorien einteilen kann. Da Sprache nicht immer nach klaren Regeln aufgebaut ist, werden einige Wörter und Ausdrücke mehreren Kategorien entsprechen, während andere vielleicht inhaltlich in keine der Gruppierungen passen. Letzteres mag auch an der zahlenmäßigen Begrenztheit des Untersuchungsmaterials liegen.

4.1 Weiterleben

Eine Vielzahl der Umschreibungen von „morire“ implizieren, dass das Leben mit dem Tod nicht zuende ist, sondern an einem anderen Ort weitergeführt wird. Daher darf es nicht verwundern, dass für diese Kategorie nur Euphemismen gefunden worden sind.

Das Diesseits und das Jenseits werden als zwei voneinander getrennte Gebiete angesehen, woher sich die nicht nur im Italienischen übliche Metapher vom Tod als Reise ableitet. Im Folgenden werden die Lexeme näher betrachtet, die aus diesem metaphorischen Bereich kommen.

4.1.1 Reise und Fortgehen

In diesen Bereich fallen alle jene Umschreibungen, die die Metapher des Sich-Fortbewegens anwenden, aber keine genauen Angaben über den Zielort machen. andarsene, girsene, irsene, perire (von lat. PER- und –IRE „andare“)[2]und dipartirsi beschreiben allein das Wegbewegen des Toten. Ebenso verhält übrigens sich das synchron nicht mehr transparente decedere, das sich etymologisch betrachtet aus lat. DE- und -CEDERE (muoversi) zusammensetzt und folglich in den Bereich der Fortbewegung aufgenommen werden muss.

Ob der Verstorbene in eine andere Welt aufgenommen wird, ist bei diesen Umschreibungen ungewiss. trapassare, partire da questo mondo, sloggiare da questo mondo, abbandonare il mondo, abbandonare questa terra, lasciare il mondo, lasciare questa terra lassen hingegen vermuten, dass sie aus der Vorstellung von einer “anderen” Welt entspringen, in die man nach dem Tode eintritt.

Die Metapher der Reise machen sich folgende Ausdrücke zu eigen: intraprendere il viaggio estremo, far l’ultimo viaggio, far fagotto, dare addio alla vita, dare addio alla terra, dare l’ultimo addio al mondo.

Im Gegensatz zum einfachen Fortbewegen impliziert eine Reise eigentlich ein Wiederkehren des Reisenden. Dieser Aspekt verstärkt im Bereich des Todes angewandt das euphemistische Moment der Umschreibung.

Besonders interessant sind in dieser Gruppe far fagotto und dare addio da sie

[...]


[1]Siehe Anlage

[2]Alle Angaben über die Etymologie entstammen Garzanti Dizionario Etimologico.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sterben auf Italienisch
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Italienische Lexikologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V50487
ISBN (eBook)
9783638466981
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Proseminarsarbeit zu Tabuwörtern/Sprachtabus
Schlagworte
Sterben, Italienisch, Italienische, Lexikologie
Arbeit zitieren
Heike Ewert (Autor:in), 2005, Sterben auf Italienisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50487

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