Case Management für Menschen mit einer Demenzerkrankung

Case Management Aufbaumodul


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung der Zielgruppe
2.1 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)
2.2 Versorgungsfeld von Menschen mit Demenz-Erkrankung und psychomotorischer Unruhe
2.3 Problematik im bestehenden Versorgungsfeld

3. Betrachtung der Versorgungsproblematik

4. Case Management als Lösungsstrategie
4.1 Case Management als Handlungskonzept
4.1.1 Ziele und Aufgaben des Case Management
4.1.2 Funktionen im Case Management
4.1.3 Prozessschritte im Case Management
4.1.4 Ebenen des Case Managements
4.2 Case Management für Demenz Erkrankte mit dem Bedarf eines beschützten Lebensraums
4.2.1 Prozessschritte des Case Managements anhand der Zielgruppe
4.2.2 Netzwerkebenen des Case Managers anhand der Zielgruppe

5. Diskussio

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Statistische Bundesamt hat 2015 in der 13. Bevölkerungsvorausberechnung für die Bundesrepublik Deutschland vorausgesagt, dass im Jahr 2020 die über 65-jährigen etwa 22 Prozent der Bevölkerung ausmachen und im Jahr 2040 bereits 30 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2017c). Lebten im Jahr 2016 etwa 1,6 Millionen Demenz- kranke in unserem Land, so wird sich unter Bezug der erwähnten Bevölkerungsent- wicklung die Krankenzahl bis zum Jahr 2050 auf rund 3 Millionen erhöhen (Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V., 2016).

Dementielle Erkrankungen verlaufen progressiv und zeigen im Verlauf der Erkrankung einen erhöhten Versorgungsbedarf, der nicht selten mit einem herausfordernden Ver- halten einhergeht. Die Versorgung von dementen Menschen soll zeitnah, durchge- hend, nahtlos und eingegliedert stattfinden. Doch können die unübersichtlichen Ange- bote an Diensten und Einrichtungen, sowie die dazwischen fehlende Koordination die- sen Anspruch erfüllen? Angebotene Hilfen überlagern sich zeitlich wie inhaltlich und vorhandene Ressourcen der Betroffenen werden nicht ausreichend berücksichtigt.

Nicht nur Betroffene und pflegende Angehörige, sondern auch professionelle Institutio- nen erleben dann Situationen, in denen sie die Hilfe eines Lotsen, im Sinne eines Case Managers, benötigen (Bader, 2016).

Diese Ineffizienz des deutschen Gesundheitswesens stellt nicht nur ein Problem in der Versorgung dar, sie wird auch als einer der Hauptgründe bezüglich der steigenden Kosten im Gesundheitssystem herangeführt.

Der demografische Wandel, verbunden mit den knapp werdenden finanziellen Res- sourcen, stellt das Gesundheitssystem vor eine große Herausforderung. Kann Case Management eine Antwort auf diese Problematik sein? Entsprechende Ansätze wer- den mittlerweile auch in Deutschland intensiver erörtert und stellenweise bereits ange- wandt.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es darzulegen, dass Case Management ein gut geeigne- tes Instrument zur Verbesserung der Versorgung von demenzkranken Menschen ist. Im ersten Abschnitt wird die Zielgruppe, deren Versorgungsfeld und die dort bestehen- den Problematiken vorgestellt. Es folgt das Aufzeigen, wie Case Management als Lö- sungsstrategie genutzt werden kann. In der anschließenden Diskussion und Schluss- betrachtung werden die Möglichkeiten des Case Managements bezüglich dieses spe- ziellen Versorgungsauftrages, sowie der möglichen Hemmschwellen, die eine flächen-deckenden Implementierung des Case Managements verhindern, verglichen.

Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Hausarbeit kann zu dieser Fragestellung nur ein Überblick gegeben werden.

Die Literatur, die in dieser Hausarbeit verwendet wurde, stammt aus der umfangrei- chen Fachbibliothek der Klinik des Bezirks Oberbayern, des Isar-Amper Klinikum, des Klinikum München Ost, sowie aus dem Internet und gängigen Literaturdatenbanken. Die verwendete Literatur ist im Literaturverzeichnis zu finden.

2. Beschreibung der Zielgruppe

Bei der in dieser Hausarbeit gewählten Zielgruppe handelt es sich um Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Als Diagnose besteht eine neurodegenerative Erkrankung in Form einer Demenz. Es besteht eine erhöhte psychomotorische Unruhe bei ratlosem Affekt und weiteren Symptomen wie herausforderndes Verhalten, gestörter Tag- Nachtrhythmus und einem erhöhten Sturzrisiko.

Im mittelschweren Stadium der Demenz zeigen Patienten1 ein vermehrtes Herumwan- dern, dies ist die zweithäufigste Verhaltensstörung in dieser Phase (Brazil, Hasler, McAiney, Stark-Smith & Tettman, 2003). Es tritt eine krankheitsbedingte Unruhe auf und die Demenzkranken sind motorisch hyperaktiv.

Im Verlauf der Erkrankung können Menschen mit einer Demenzerkrankung ihre Bewe- gungsabläufe zunehmend weniger kontrollieren. Es entwickelt sich ein schlurfendes kleinschrittiges Gangbild mit einem vorn übergebeugten Oberkörper. Menschen mit Demenz sind sich auch im Hinblick ihrer Bewegungsfähigkeit dem fortschreitenden Verlust nicht bewusst. Während diesem fließenden Übergang des sicheren und eigen- ständigen Bewegens und dem völligen Verlust der Motorik besteht ein deutlich erhöh- tes Sturzrisiko (Diekämper, 2010).

2.1 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behin- derung und Gesundheit (ICF)

Die internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, besser bekannt als ICF, wurde im Jahr 2001 von allen 191 WHO-Mitgliedsstaaten an- erkannt. Der ICF ist ein gemeinsamer Standard, der helfen soll, Funktionsfähigkeit und Behinderung beschreibbar und messbar zu machen (World Health Organization, 2018).

Die Patienten der hier beschriebenen Zielgruppe zeigen im ICF gleiche Probleme im Bereich der geschädigten Körperfunktion und Körperstrukturen auf. Diese sind auf- grund der Demenz bei den mentalen Funktionen und im Nervensystem anzusiedeln.

Beeinträchtigungen in den Aktivitäten und der Teilhabe zeigen sich im Rahmen der primären Erkrankung je nach Stadium in allen Bereichen in unterschiedlichen Ausprä- gungen. Diese Fallgruppe zeigt eine besondere Beeinträchtigung im Bereich der Mobi- lität.

Zum Aufnahmezeitpunkt stellen meist das Fehlen von Erzeugnissen und Technologien, sowie nicht ausreichende Dienste, Systeme und Handlungsgrundsätze zu den Themen Wohnungswesen und Transportwesen Barrieren bezüglich der persönlichen Mobilität dar.

Die Verbindung von geschädigten, mentalen Funktionen wie Orientierung und Antrieb mit der Einschränkung der Mobilität, sowie die Problematik in der persönlichen Mobili- tät und im Wohnungswesen ergeben die Notwendigkeit eines intensiven Assessments.

2.2 Versorgungsfeld von Menschen mit Demenz-Erkrankung und psychomotorischer Unruhe

Wieviel Patienten aufgrund von Demenz im Krankenhaus behandelt werden müssen lässt sich nicht genau sagen. Im September 2017 meldete das Statistisches Bundes- amt einen Anstieg der Patienten, die wegen einer Alzheimer Erkrankung im Kranken- haus behandelt werden mussten, von 85% in den letzten 15 Jahren. Im Jahr 2015 wa- ren dies 19 049 Patienten. Berücksichtig man, dass es noch weitere Demenz Formen gibt und es nicht klar ist wie viele Menschen aufgrund von Begleitsymptomen wie den oben beschriebenen Unruheständen ins Krankenhaus kommen, muss insgesamt von einer deutlichen höheren Zahl ausgegangen werden.

Etwa 2,9 Millionen Menschen in Deutschland, die im Sinne des Pflegeversicherungs- gesetzes als pflegebedürftig gelten, lebten im Jahr 2015 zu Hause. Nicht ganz drei Viertel von ihnen wurde zu Hause durch Angehörige oder durch Angehörige und einem Pflegedienst versorgt. Von den 2,9 Millionen Menschen wiesen etwa ein Drittel erhebli- che eingeschränkte Alltagskompetenzen auf, die eine Folge einer dementiellen Ent- wicklung sein könnten (Statistisches Bundesamt Wiesbaden).

Aus diesen Zahlen kann gefolgert werden, dass die Anzahl der Patienten aus der Fall- gruppe, die zu Hause leben, nicht unerheblich ist. Ein weiterer Teil der hier beschrie- benen Fallgruppe lebt in offen geführten Einrichtungen.

2.3 Problematik im bestehenden Versorgungsfeld

Die motorische Unruhe, welche auch oft nachts auftritt, verbunden mit einem verken- nenden und damit oft herausfordernden Verhalten, ist meist der auslösende Grund für eine Einweisung in die beschützt geführten gerontopsychiatrischen Einheiten des kbo Isar-Amper-Klinikum München Ost. Meist wird in diesem Aufenthalt festgestellt, dass eine intensive Veränderung des bestehenden Betreuungssystems erfolgen muss. Dies kann eine Unterbringung in einer beschützt geführten Pflegeeinrichtung, aber zu- mindest der Ausbau von aufsuchenden Strukturen, Unterstützungsmaßnahmen von pflegenden Angehörigen und adäquater Bereitstellung diversen Hilfsmitteln sein.

Die im ICF beschriebenen Aktivitäten des Kommunizierens sowie des sicheren Gehens und der korrekten Verwendung von Geräten und Ausrüstung können unterschiedlich stark beeinträchtigt sein. Ergibt sich ein erhöhtes Sturzrisiko, bedingt durch die Schädi- gungen der neuromuskuloskeletalen Funktionen, werden bewegungseinschränkende oder sogar freiheitsentziehende Maßnahmen wie eine Sensormatte vor dem Bett oder ein Rucksackgurt im Rollstuhl zumindest zeitweise benötigt. Oft kennen Angehörige die verschiedenen Maßnahmen und deren rechtlicher Rahmenbedingungen nicht. Auch die korrekte Handhabung solcher Instrumente ist den wenigsten bekannt. Aber nicht nur die weitere Versorgung zu Hause wird dadurch erschwert, auch das finden eines beschützt geführten Platzes in einem Pflegeheim gestaltet sich dadurch schwieriger.

3. Betrachtung der Versorgungsproblematik

Laut der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management, im Weiteren als DGCC abgekürzt, ist Case Management angezeigt, wenn Versorgungssysteme mit multidisziplinären Akteuren, die auch einrichtungsübergreifend tätig sind, Menschen in umfassenden hilfebedürftigen Situationen ein passendes Hilfs- und Unterstützungsan- gebot bereitstellen sollen. Dies bedeutet, dass eine komplexe Bedarfslage vorliegt, verbunden mit einer hohen Akteursdichte, wenn Regelbehandlungspfade nicht greifen und professionelle Hilfen notwendig sind. Diese komplexe Hilfssituation ergibt sich meist durch die, in dieser Fallgruppe oft vorkommende, Multimorbidität. Denn diese macht das Engagement von mehreren Leistungserbringern, die koordiniert werden müssen notwendig (Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management, 2009).

Dieses Schnittstellenmanagement ist allerdings eines der erheblichen Probleme in un- serem Gesundheitssystem (Ehlers, 2011).

Im Jahr 1998 haben Cesta, Tahan und Fink Aufnahmekriterien für verschiedenen Ver- sorgungsbereiche formuliert, die ein intensives Assessment wie das Case Manage- ment erfordern. Für die hier vorgestellte Fallgruppe treffen Aufnahmekriterien aus dem Versorgungsbereich der Geriatrie zu. Diese sind vor allem die Veränderung des Le- bensbereiches und die zunehmende Gebrechlichkeit. Aber auch die fehlenden sozialen Unterstützungssysteme sind immer wieder ein Thema in der Versorgung älterer hilfs- bedürftiger Menschen.

4. Case Management als Lösungsstrategie

Im ersten Schritt wird in diesem Kapitel das Case Management konzeptionell vorge- stellt. Im zweiten Schritt wird das Handlungskonzept Case Management in Bezug der hier in Kapitel 2 vorgestellten Fallgruppe dargestellt.

4.1 Case Management als Handlungskonzept

Das Sozial- und Gesundheitswesen hat in den letzten Jahrzehnten einen stetigen Wandel erlebt. Die Stärkung der Patientenrechte, sowie das notwendige und zuneh- mend geforderte reflektierte Einsetzen der knapp werdenden finanziellen Ressourcen, muss uns davon ausgehen lassen, dass dieser Wandel noch lange nicht abgeschlos- sen ist. Schon im Jahr 2008 schrieben van Riet und Wouters dem Case Management eine wichtige Rolle in diesem Veränderungsprozess zu.

4.1.1 Ziele und Aufgaben des Case Management

Ziel des Case Managements ist es, die Versorgungsqualität über strukturierte Versor- gungspläne zu verbessern und die Versorgungskontinuität sicherzustellen. Dies soll darüber geschehen, dass Case Management Hilfeleistungen so koordiniert, damit eine wohnortnahe, aufeinander abgestimmte, anhaltende und bedarfsgerechte Versorgung angeboten werden kann (Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management, 2009).

Durch das Erkennen von Potentialen zur Versorgungskoordination und einer Optimie- rung der Nutzung der bestehenden Ressourcen sollen Kosteneinsparungen erreicht werden bzw. zumindest kein weiterer Anstieg der Ausgaben im Gesundheitssystem erfolgen (Szathmary, 1999).

Laut Weatherly (2011) können die Aufgaben und die Ziele des Case Managements auch unter den Aspekten „innerbetrieblich“ und „extern“ betrachtet werden. Innerbe- triebliche Abläufe und Organisationen sollen durch den Case Manager evaluiert und verbessert werden. Nach extern erfüllt das Case Management die Rolle des direkten Ansprechpartners zum Beispiel gegenüber ambulanten Pflegediensten bei einer benö- tigten Nachbehandlung.

4.1.2 Funktionen im Case Management

Um diese vielfältigen Ziele und Aufgaben zu erreichen haben sich unterschiedliche Funktionen und Rollen formiert. Drei sogenannte Hauptfunktionen kommen in allen bekannten Konzepten zum Case Management in ähnlicher Form vor.

a) Advocacy oder die anwaltschaftliche Funktion

Er vertritt die Belange des Patienten oder einer bestimmten Patientengruppe. Diese Funktion wird im unmittelbaren Kontakt mit dem Patienten wahrgenommen.

b) Broker oder die vermittelnde Funktion

In diese Funktion will der Case Manager Menschen mit einem komplexen Versor- gungsbedarf eine Übersicht der Versorgungstruktur zu geben.

c) Gate-Keeper oder die selektierende Funktion

Durch gezieltes Selektieren und andauerndes Monitoring der verschiedenen Angebote im Gesundheitssystem stellt diese Funktion sicher, dass jeder die notwendige und an- gemessene Behandlung erhält und dabei das System bedarfsorientiert genutzt wird.

Alle drei Rollen haben, trotz ihrer Unterschiede das gemeinsame Ziel, auf die facetten- reichen Probleme des Gesundheitswesens eine akzeptable Lösung zu finden (Ewers, 2005). Deswegen kann in der Realität keine dieser Funktionen für sich abgegrenzt an- getroffen werden, es findet eher eine Kombination mit unterschiedlichen Schwerpunkt- setzungen statt.

4.1.3 Prozessschritte im Case Management

Wie jeder Prozess arbeitet auch Case Management in aufeinander folgenden, in sich logischen, Arbeitsschritten. Die Autorin dieser Hausarbeit bezieht sich bei der Be- schreibung dieser Prozessschritte auf die Rahmenempfehlung zum Handlungskonzept Case Management im Sinne der DGCCM (Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management, 2009).

[...]


1 Im Folgenden wird für den besseren Lesefluss auf die Nennung beider Geschlechter verzich- tet. Die Aussagen in dieser Hausarbeit sind jeweils geschlechtsneutral zu verste-hen und stellen keine Diskriminierung eines Geschlechtes dar.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Case Management für Menschen mit einer Demenzerkrankung
Untertitel
Case Management Aufbaumodul
Hochschule
Fachhochschule der Diakonie GmbH  (Fachhochschule der Diakonie Bielefeld)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V505180
ISBN (eBook)
9783346051417
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Case Management, Gerontopsychiatrie, Systemebene
Arbeit zitieren
B.A. psychiatrische Pflege Sabine Brüchmann (Autor), 2018, Case Management für Menschen mit einer Demenzerkrankung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505180

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