"Neue Armut" und das Phänomen Sozialkaufhaus. Untersuchung der Stadt Rostock


Bachelorarbeit, 2016

51 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. Einleitung
1.1 Das Phänomen "Sozialkaufhaus" im Spannungsfeld der "neuen Armut"
1.2 Angewandte Methoden und zentrale Themenschwerpunkte

2. Eine allgemeine Betrachtung des Phänomens der Armut
2.1 Der Begriff der Armut
2.2 Ursachen und Folgen von Armut
2.3 Die Armutssituation allgemein in Mecklenburg-Vorpommern
2.4 Die Armutssituation speziell in Rostock

3. Das Sozialkaufhaus als ein Mittel zur Überwindung von Armut
3.1 Eine Einschätzung von Politikern der Rostocker Bürgerschaftsfraktionen
3.2 Eine kritische Betrachtung des Sozialkaufhauses als Bestandteil der Almosenökonomie

4. Die Entwicklung von Sozialkaufhäusern und ihre Arbeitsweise
4.1 Vorläufer und Entwicklung von Sozialkaufhäusern
4.2 Geschichte und Selbstverständnis eines Rostocker Sozialkaufhauses
4.3 Aufbau und Funktionsweise eines Sozialkaufhauses
4.3.1 Eine allgemeine Darstellung
4.3.2 Am Beispiel eines Rostocker Sozialkaufhauses
4.4 Das Klientel eines Sozialkaufhauses am Beispiel eines Rostocker Sozialkaufhauses

5. Alternative Konzepte zur Überwindung von Armut
5.1 Der Umgang mit Armut im Neuen Testament
5.2 Ein philosophischer Versuch: John Rawls Gesellschaftsentwurf
5.3 Notwendige Verbesserungen im soziokulturellen, politischen und ökonomischen Kontext

6. Abschließender Diskurs
6.1 Das Sozialkaufhaus als Provisorium
6.2 Das Sozialkaufhaus als Ersatz für fehlende sozialpolitische Aktivität
6.3 Fazit und Ausblicke

7. Anhang: Ergebnisse der Befragungen
7.1 Ergebnisse der Befragung der sozialpolitischen Sprecher
7.2 Ergebnisse der Befragung der Käufer-/innen des Sozialkauhauses Dierkow

I. Literaturverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Das Phänomen „Sozialkaufhaus“ im Spannungsfeld der „neuen Armut“

Das Sozialkaufhaus hat sich in der jüngsten Vergangenheit zu einem Mittel der kari- tativen Armutsbekämpfung entwickelt, indem sich ein Sozialkaufhaus der materiellen Unterstützung von Bedürftigen annimmt. Das Sozialkaufhaus sammelt gebrauchte Konsumgüter ein, welche als Sachspenden abgegeben werden. Bevor eine Auf- nahme von Sachspenden in das Sortiment eines Sozialkaufhauses erfolgt, sind be- stimmte Anforderungen in Bezug auf die Qualität und den Zustand zu erfüllen. Nach der Aufnahme in das Sortiment bietet man die gebrauchten Waren zum Verkauf an. Es kann durchaus der Fall sein, dass Mitarbeiter des Sozialkaufhauses vorher an den gebrauchten Konsumgütern Instandhaltungen vornehmen. Die angebotenen Waren im Sozialkaufhaus sind ausschließlich für Bedürftige vorbehalten. Vor dem käuflichen Erwerb ist die eigene Bedürftigkeit nachzuweisen, indem meistens eine Bescheinigung über den Bezug von Sozialleistungen vorzulegen ist. Die Preise er- geben sich nicht aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage, sondern haben sich als kostengünstig für Bedürftige zu erweisen. Das Sortiment des Sozialkaufhau- ses besteht aus Mobiliar, Einrichtungsgegenständen, Elektroartikeln, Textilien, Haushaltswaren, Unterhaltungsmedien, Printmedien und vielen weiteren denkbaren Gebrauchsgegenständen. Definitiv ausgenommen vom Sortiment sind Lebensmittel. Darüber hinaus nimmt ein Sozialkaufhaus in der Regel diejenigen, die sehr geringe Chancen auf dem regulären Arbeitsmarkt haben, in seine Belegschaft auf, was dem Zwecke der Wiedereingliederung ins Berufsleben dient. Außerdem gehören zu den Mitarbeitern eines Sozialkaufhauses neben den Festangestellten Freiwilligendienst- leistende, Praktikanten und jene, die Sozialstunden ableisten. Sozialkaufhäuser be- finden sich in der Regel in der Trägerschaft von Wohlfahrtverbänden oder gemein- nützigen Vereinen. Nähere und weitere Ausführungen zum Sozialkaufhaus sind im Gliederungspunkt 4 vorzufinden.

Zentrales Thema der vorliegenden Arbeit bildet ist das Phänomen „Sozialkaufhaus“ im Spannungsfeld der „neuen Armut“. Daher ist eine nähere Begriffsbestimmung der „neuen Armut“ vorzunehmen. Zu diesem Zweck fand eine Befragung mit Danny Otto, Doktorand an der Universität Rostock, statt. Zunächst führte Otto an, dass sich „neue Armut“ als „kein absoluter Begriff“ ansehen lässt, der „eine allgemeingültige Defini- tion“ beinhaltet. „Neue Armut“ ist nämlich stets im Kontext zu sehen, so dass es sich um „einen relationalen Begriff“ handelt. Heutzutage bezieht sich „Neue Armut“ auf die Armut, welche aus den „arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Reformen der Agenda 2010“ hervorgeht. Otto führte in der Befragung an, dass es durch die besag- ten Reformen sowohl zu „einer Zunahme von Niedriglöhnen als auch deutlichen Ver- ringerung von gewährten Sozialleistungen“ kam. In dem Kontext sind die zahlreichen Eröffnungen von Sozialkaufhäuser von 2003 bis 2006 zu nennen. Als Ursachen neuer Armut sind für Otto nicht nur „Arbeitslosigkeit“ anzuführen, sondern auch „ein nicht ausreichendes Erwerbseinkommen, wovon besonders Familien mit mehreren Kindern betroffen sind, wie auch die steigende Zahl von Alleinerziehenden infolge von Trennungen oder Scheidungen“. Des Weiteren verwies Otto auf Ausführungen von Butterwegge1, woraus ein Abriss über die Verwendung des Begriffes der neuen Armut zu entnehmen ist. Butterwegge konstatiert, dass der „Begriff der >>neuen Ar- mut<< auf Heiner Geißler, dem ehemaligen Bundesfamilienminister und Generalsek- retär der CDU, zurückgeht“ (Butterwegge 2011, 128). Zunächst bezog sich laut But- terwegge „neue Armut“ auf verheiratete Familienväter, welche ihre Familie einzig von ihrem Arbeitsentgelt versorgten und von sozialstaatlicher Unterstützung ausgenom- men waren“ (ebd.). Wie Butterwegge weiter erwähnt, „ging Geißler von der Feststel- lung aus, dass die finanzielle Belastung für Familien-, Arbeiter- und Rentnerhaus- halte deutlich gestiegen ist und er forderte daher eine ausgiebige Unterstützung durch sozialstaatliches Handeln“ (ebd.). Weiterhin wies Otto auf eine Abhandlung von Kronauer2 hin, die sich ebenfalls dem Thema der „neuen Armut“ widmet. Kronauer führt an, dass „>>neue Armut<< in den 1980er Jahre Gegenstand der So- zialwissenschaften war“ (Kronauer 2010, 35). Diesbezüglich erläutert Kronauer: „Da- bei wurde unter Ausgrenzung zunächst die rechtliche Ausschließung von Arbeitslo- sen aus der Arbeitslosenversicherung verstanden, damit einhergehend aber zugleich soziale Ausgrenzung infolge von Stigmatisierung, die sich aus dem Bezug von Sozi- alhilfe ergab.“ (ebd.). In Zusammenhang mit der Verwendung des Begriffes von der „neuen Armut“ während der 1980er Jahre sind „lang anhaltende Arbeitslosigkeit“ so- wie der daraus resultierenden Armut, auf die „die westlichen Industrienationen Euro- pas völlig unzureichend reagierten“ (Kronauer 2010, 36). An den unterschiedlichen Verwendungen des Begriffes der „neuen Armut“ ist zu erkennen, dass eine nicht ausreichende bis kaum vorhandene Wirkung sozialstaatlicher Aktivität gegenüber vorherrschender Armut vorliegt, was mit der Zunahme von Forderungen nach politi- schem Handeln einhergeht.

1.2 Angewandte Methoden und zentrale Themenschwerpunkte

Im Vorfeld sind eigene Untersuchungen vorgenommen worden, um sich dem For- schungsfeld „Sozialkaufhaus“ zu nähern. Zunächst ist die persönliche Teilhabe an der Arbeitsweise des Sozialkaufhauses zu nennen, welche im Rahmen eines Praktikums erfolgte. Daran anschließend fanden teilnehmende Beobachtungen statt, die eine Be- standsaufnahme der Arbeitsabläufe des Sozialkaufhauses, der präsenten Käufer sowie Mitarbeiter beinhaltete. Innerhalb der teilnehmenden Beobachtungen konnten Befragun- gen mit den präsenten Kunden vorgenommen werden. Zwar waren Befragungen mit anwesenden Mitarbeitern vorgesehen, allerdings stellte sich kein Mitarbeiter des Sozial- kaufhauses dafür zur Verfügung. Es erfolgte lediglich ein ausführliches Gespräch mit dem Einrichtungsleiter über den Aufbau und die Funktionsweise des Sozialkaufhauses. Des Weiteren sind noch durchgeführte Befragungen, welche die Effektivität von Sozial- kaufhäusern thematisierten, mit sozialpolitischen Sprechern der Rostocker Ratsfraktio- nen zu erwähnen. Wie es im Großen und Ganzen zu erkennen ist, ist neben der Litera- turrecherche sowie Hinzuziehung von sachkundigen Personen mit empirischen Metho- den verfahren worden. Die empirischen Methoden dienen dazu, Erkenntnisse über das Phänomen „Sozialkaufhaus“ neben der Literaturrecherche durch eigene Untersuchun- gen zu gewinnen.

Der zentrale Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf dem Phänomen „Sozialkaufhaus“ und seine Wechselbeziehungen zum Spannungsfeld der „neuen Armut“. Daher ist sich zu- nächst ein allgemeiner Überblick über das Phänomen der Armut zu verschaffen, der sich mit den wesentlichen Begriffsbestimmungen von Armut sowie mit den Ursachen und Folgen von Armut befasst. Im Anschluss erfolgt eine Darstellung der Armutsverhältnisse allgemein in Mecklenburg-Vorpommern sowie speziell in Rostock. Daran anschließend ist der Frage nachzugehen, wie ein Sozialkaufhaus als ein Mittel der karitativen Armuts- bekämpfung fungiert. Zu dieser Fragestellung werden sowohl Beurteilungen von sozial- politischen Sprechern der Rostocker Bürgerschaftsfraktionen als auch eine kritische Re- flexion über das Sozialkaufhaus als Bestandteil der Almosenökonomie herangezogen. Weiterführend kommt es zu einer genaueren Veranschaulichung des Phänomens „So- zialkaufhaus“, welche zunächst die historische Entwicklung von vorläufigen Formen des Sozialkaufhauses sowie die Entstehung von Sozialkaufhäusern im Allgemeinen beinhal- tet. Im Anschluss wird ein Rostocker Sozialkaufhaus als Beispiel angeführt, dessen Ge- schichtesowie Selbstverständnis einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

Der weitere Abschnitt erläutert den Aufbau sowie die Funktionsweise eines Sozialkauf- hauses im Allgemeinen und zudem am Beispiel eines Rostocker Sozialkaufhauses. Die weiteren Ausführungen thematisieren das Klientel eines Rostocker Sozialkaufhauses auf der Basis einer vorgenommenen Befragung. Der nächste Gliederungspunkt stellt al- ternative Konzepte vor, die das Ziel verfolgen, bestehenden Armutsverhältnissen entge- genzuwirken. Dazu wird sich sowohl dem Umgang mit von Armut Betroffenen im Neuen Testament als auch John Rawls Gesellschaftsentwurf gewidmet. Wie auf die heutigen Armutsverhältnisse zu reagieren ist, wird anhand von Ausführungen aufgezeigt, die auf notwendigen Handlungsbedarf im politischen, ökonomischen sowie soziokulturellen Kontext aufmerksam machen. Der abschließende Diskurs nimmt eine Zusammenfas- sung sowie Schlussfolgerungen vor, welche Wirkungen eines Sozialkaufhauses sich auf das Spannungsfeld der „Neuen Armut“ erkennen lassen. Diesbezüglich ist der Frage nachzugehen, ob sich ein Sozialkaufhaus als Dauerlösung eignet und sich langfristig als förderlich erweist, was die Unterstützung der von Armut Betroffenen anbelangt. Daran schließt eine kritische Betrachtung darüber an, dass Sozialkaufhäuser ein unzureichen- der Ersatz für fehlende sozialstaatliche Unterstützung sind. Die vorliegende Arbeit schließt mit Schlussfolgerungen sowie Ausblicken über die langfristige Eignung von So- zialkaufhäusern auf der Grundlage eigener Einschätzungen ab.

2. Eine allgemeine Betrachtung des Phänomens der Armut

2.1 Der Begriff der Armut

Eine prägnante Definition von Armut bietet das „Lexikon der Wirtschaft“3 von der Bun- deszentrale für politische Bildung. Demnach kennzeichnet Armut insofern die „wirtschaft- liche Situation von Individuen oder Gruppen“, dass ein Unvermögen zum „eigenständi- gen Bestreiten des Lebensunterhaltes“ festzustellen ist, was als Grundlage für „objektive Armut“ anzusehen ist. Die „subjektive Armut“ besteht schließlich darin, dass die eigene „materielle Lage als Mangel empfunden wird.“ Weiterhin wird in dem Lexikonartikel an- geführt, dass sich der zu bestreitende Lebensunterhalt als keine konstante Größe er- weist, sondern steht in einem „Abhängigkeitsverhältnis zu der kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Situation der Gesellschaft“ befindet. Der Lexikonartikel gibt als Maß- nahme zur Abwendung von Armut „Sozialleitungen“ an, die zur „Sicherung des wirt- schaftlich-sozialen Existenzminimums“ dienen.

Eine recht ausführliche Darstellung des Armutsbegriffs ist bei Christoph Butterwegge4 vorzufinden. Zunächst konstatiert Butterwegge, dass Armut nicht einer einzigen Katego- rie zuzuordnen ist, sondern bei ihm ist von einer „Mehrdimensionalität der Armut“ die Rede. Als ein wesentliches Merkmal von Armut ist eine „Mittellosigkeit“ bzw. „monetäre Defizite“ vor allem in „marktwirtschaftlich-kapitalistisch organisierten Gesellschaften“ an- zuführen (vgl. Butterwegge 2011, 17). Weiterhin stellt Butterwegge fest, dass in dem Zusammenhang ein zwangsläufiger „Verzicht auf bestimmte Güter und Dienstleistun- gen“ vorliegt. Als nächstes erwähnt Butterwegge einen „dauerhaften Mangel an lebens- notwendigen bzw. allgemein für unverzichtbar gehaltenen Gütern und Dienstleistungen“, welche einen „Ansehensverlust bei anderen Gesellschaftsmitgliedern“ zur Folge haben. Eine weitere Komponente von Armut sieht Butterwegge in der „Notwendigkeit, staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen“, da sich der Lebensunterhalt nicht mehr aus ei- gener Kraft bestreiten lässt. Anschließend versucht Butterwegge eine Ursachenfindung im lebensweltlichen Kontext sowie den damit verbundenen Folgen vorzunehmen, was jedoch erst im nachfolgenden Abschnitt näher zu betrachten ist. Als sehr ergänzungs- würdig erweisen sich die Ausführungen von Butterwegge5 zu dem „Armutsverständnis in Deutschland“. Wie Butterwegge es darstellt, lässt sich Armut nicht auf das Fehlen von Geld reduzieren, sondern bedeutet hierzulande „einen dauerhaften Mangel an unent- behrlichen und allgemein für notwendig erachteten Gütern“ (Butterwegge 2011, S.28). Infolgedessen kommt es zu einer „Benachteiligung in unterschiedlichen Lebensberei- chen“ wie auch zu einem „Ausschluss von (guter) Bildung, (Hoch-)Kultur und sozialen Netzwerken“ (vgl. ebenda). Des Weiteren erwähnt Butterwegge eine „Vermehrung der Existenzrisiken, Beeinträchtigung der Gesundheit und Verkürzung der Lebenserwar- tung“ (vgl. ebenda). Abschließend fügt Butterwegge noch hinzu, dass Arme sowohl einer despektierlichen als auch diskriminierenden Umgangsweise ausgesetzt sind, welche sich nicht förderlich auf die Selbstachtung auswirkt.

Im Großen und Ganzen ist Armut nicht nur als eine wirtschaftliche Handlungsunfähigkeit zu verstehen, sondern zieht weitere Einschränkungen nach sich, welche die Teilhabe am gesellschaftlichen wie auch kulturellem Leben begrenzen. Demzufolge kommt es zu erheblichen Beeinträchtigungen in der Lebensqualität sowie der psychischen Verfas- sung von Betroffenen.

2.2 Ursachen und Folgen von Armut

Bevor auf eine umfassende Darstellung der Folgen von Armut einzugehen ist, ist eine nähere Betrachtung der Ursachen von Armut vorzunehmen. Dafür sind wesentliche Er- läuterung von Ullrich6 heranzuziehen. Bereits vorwegnehmend weist Ullrich darauf hin, dass Armut aus einer „Form von Ungleichheit“ resultiert, wovon besonders die unteren Gesellschaftsschichten betroffen sind (vgl. Ullrich 2005, 117). Eine weitere Vorweg- nahme für die Ursachen von Armut zeigt sich in der Aussage von Ullrich, dass ein fest- gelegter „Minimalstandard, der in einem „gesellschaftlichen, historisch-zeitlichen sowie geografischen“ Kontext steht, Auswirkungen auf das Ausmaß von Armut hat (vgl. Ullrich 2005, 118). Konkret thematisiert Ullrich die Ursachen in einer erst nachfolgenden Stelle, wo er die „Arbeitslosigkeit“ als eine entscheidende „Hauptursache“ nennt (vgl. Ullrich 2005, 129). Eine weitere Verschärfung tritt nach Ullrichs Darstellung beim Verlust des „Anspruches auf mehr Arbeitslosengeld“ auf. Darüber hinaus zeigt sich ein erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt als eine nicht unverkennbare Ursache von Armut, sodass in dieser Hinsicht „bestimmte Gruppen Benachteiligungen“ erfahren (vgl. ebenda). Ebenso gibt Ullrich zu bedenken, dass sogar Erwerbstätige nicht vor Armut geschützt sind. Ull- rich führt außerdem an, dass soziale Gruppen existieren, die durch ein Verharren in Ar- mut gekennzeichnet sind, keine Möglichkeit zur Selbstversorgung haben und von sozi- alstaatlichen Maßnahmen ausgeschlossen sind. Ullrich stellt nicht nur Ursachen von Ar- mut bei betroffenen Einzelpersonen oder Kollektiven fest, sondern nimmt auch sozial- staatliche Verfahren in den Fokus (vgl. Ullrich 2005, 130). In diesem Kontext nennt Ull- rich den Verzicht auf „Hilfeleistungen“, „Wartefälle“ sowie das „Sich-Befinden in Lang- zeitarbeitslosigkeit“ beispielsweise infolge einer „verweigerten Arbeitsaufnahme“ (vgl. ebenda). Zwar eignen sich die Darstellungen von Ullrich als Einführung in die Ursachen von Armut, allerdings sind noch ergänzende Ausführungen von Anita Pfaff7 heranzuzie- hen. Wie auch Ullrich sieht Pfaff in der „steigenden Arbeitslosigkeit“ eine zentrale Ursa- che für das Anwachsen von Armut (vgl. Pfaff 1995, 41). Es ist demzufolge ein proporti- onales Verhältnis zwischen steigender Arbeitslosigkeit und dem Anwachsen von Armut erkennbar. Aus diesen sich bedingenden Faktoren schließt Pfaff auf eine Zurückführung auf die „Lage des Arbeitsmarktes“ (vgl. ebenda). Darüber hinaus zieht Pfaff den „Ausfall des Hauptverdieners“ in einem Haushalt als unübersehbare Ursache von Armut in Be- tracht (vgl. ebenda). Weiterhin nennt Pfaff als Armutsursache eine gezahlte Rente, die „geringer als das vorige Arbeitsentgelt“ ausfällt (vgl. ebenda). Pfaff erachtet die man- gelnde Bereitschaft zum Nachgehen einer Erwerbstätigkeit als eine selbstverschuldete Ursache von Armut (vgl. Pfaff 1995, 42). Anschließend konstatiert Pfaff einen bestehen- den Zusammenhang zwischen fehlenden Erwerbsmöglichkeit sowie der daraus resultie- renden Armut. Im anschließenden Abschnitt sieht Pfaff sich darin bestätigt, dass zwi- schen Arbeitslosigkeit und Armut eine unauflösliche Kausalbeziehung vorhanden ist (vgl. Pfaff 1995, 46).

Die Folgen sowie Auswirkungen von Armut lassen sich anhand der Darstellungen von Ullrich8 veranschaulichen. Ullrich nimmt eine Differenzierung „zwischen den individuel- len Folgen für die Betroffenen und kollektiven Folgen für die Gesellschaft“ vor (vgl. Ullrich 2005, 130). Dass Armut insgesamt betrachtet eine Verschlechterung der Lebensqualität zur Folge hat, steht für Ullrich außer Frage. Zunächst konstatiert Ullrich auf der Seite der Betroffenen, dass infolge von Armut materielle Unterversorgung wie auch „deutlich en- gere finanzielle Spielräume“ vorliegen (vgl. ebd.). Weiterhin lassen sich sowohl Ein- schränkungen in Bezug auf die gesellschaftliche Partizipation als auch „eine Verschlech- terung des Gesundheitszustands und damit verbunden eine „geringere Lebenserwar- tung“ feststellen (vgl. ebenda). Darüber hinaus besteht laut Ullrich bei Betroffenen ein verstärkter Hang zu einem unangemessenem Verhalten wie auch zu kriminellen Hand- lungen (Ullrich 2005, 131). Ullrich fügt noch hinzu, dass sich eine erhöhte Aufgeschlos- senheit gegenüber radikalen Gemeinschaften konstatieren lässt, die antidemokratisch eingestellt sind (vgl. ebenda). Zu den zuletzt genannten Folgen von Armut bemerkt Ull- rich, dass moralische Abwägungen von beabsichtigten Handlungen an Bedeutung ver- lieren. Im Anschluss geht Ullrich der Frage nach, wie sich ein langfristiger Bezug von Transferleistungen auswirkt. Ullrich kommt zu der Schlussfolgerung, dass ein Verlust der Eigenständigkeit sowie Selbsthilfefähigkeit eintritt, was mit einer abnehmenden Bereit- schaft zur Aufnahme von Arbeit einhergeht (vgl. ebd.). In dem Kontext geht Ullrich zu den gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen über. Diesbezüglich nennt Ullrich die ge- stiegenen „Kosten für den Wohlfahrtsstaat“, was eine zunehmende „Belastung für die öffentlichen Haushalte“ darstellt (vgl. ebd.). Infolgedessen ergibt sich eine starke Dezi- mierung von „potentiellen Steuer- und Beitragszahlern“ (vgl. ebd.). Es lässt sich laut Ull- rich ein weitreichender Desintegrationsprozess“ erkennen, der zu einer „dauerhaften Ex- klusion“ führt (vgl. ebd.). Ullrich sieht außerdem die Gefahr aufkommen, dass sich Ar- mutssiedlungen herausbilden. Ullrich ist von einer „Zunahme sozialer Konflikte“ überzeugt, die eine ernstzunehmende „Gefahr für die innere Sicherheit und politische Stabilität“ sind (vgl. Ullrich 2005, 132).

Eine zusammenfassende Darstellung der Folgen von Armut ist bei Gron-Samburg und Voges9 zu finden. Zwar stimmen Gron-Samburg und Voges mit Ullrich in ihrer jeweiligen Veranschaulichung von Armutsfolgen überein, aber dennoch ist diesbezüglich nicht nur auf eine Quelle zurückzugreifen. Zunächst führen Gron-Samburg und Voges an, dass infolge von Armut jede Menge Einschränkungen in puncto Lebensqualität festzustellen sind: Angefangen bei „sozialer Isolation“ über „gesundheitliche Risiken“ bis hin zur „ein- geschränkten Mobilität“ sowie „geringen Bildungschancen“ (vgl. Gron-Samburg/Voges 2005, 58). Außerdem kommen „soziale Konflikte“, „Stressbelastungen“, fehlende „Aner- kennung“ und viele weitere Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Lebensbereichen hinzu (vgl. ebd.). Ebenfalls sind sich Gron/Samburg und Voges darin einig, dass Armut als ein eindeutiger Hinweis auf soziale Ungleichheit zu verstehen ist (vgl. ebd.).

2.3 Die Armutssituation allgemein in Mecklenburg-Vorpommern

Für die Darstellung der Armutssituation in Mecklenburg-Vorpommern sind Ausführungen von Weiß und Corthier10 heranzuziehen. Weiß und Corthier gehen von der unwiderleg- baren Feststellung aus, dass in Bezug auf „die Lebensqualität in Mecklenburg-Vorpom- mern erhebliche Defizite“ vorhanden sind. Als Gründe führen Weiß und Corthier an, dass Mecklenburg-Vorpommern sowohl die „höchste Arbeitslosigkeit“ als auch „das geringste Einkommen“ hat und die Lebenshaltungskosten als besonders hoch anzusehen sind (Weiß/Corthier 2015, 293). Weiterhin sind „große räumliche Distanzen zwischen den wirtschaftlichen Zentren“ zu erkennen, die zur Begünstigung der Armut entscheidend beitragen (ebd.). Als ein weiterer Faktor in diesem Kontext sind noch „Einsparungen bei öffentlichen Beförderungsmitteln“ zu nennen, welche die Überwindung großer Entfer- nungen zusätzlich erschweren (ebd.). Insgesamt betrachtet steht für Weiß und Cothier fest, dass die Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern im erhöhten Maße von Armut betroffen ist (vgl. ebd.). Die weit verbreitete Armut hat zur Folge, dass „Abwanderungen“ in ein anderes Bundesland zunehmen (Weiß/Corthier 2015, 294). Darüber hinaus er- wähnen Weiß und Corthier, dass das Fehlen adäquater Berufsmöglichkeiten nach einer „abgeschlossenen Ausbildung oder abgeschlossenem Studium“ ebenfalls ausschlagge- bend ist (ebd.). Besonders im „ländlichen Raum sind die Abwanderungen gestiegen“, wo die „Zahl der Bedürftigen“ besonders hoch ist (ebd.). Weiß und Corthier sehen die „räum- lichen Distanzen und die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten öffentlicher Verkehrs- mittel“ als ein schwerwiegendes Manko an (Weiß/Corthier, 2015, 295). Infolgedessen besteht die Notwendigkeit, „über ein PKW zu verfügen“ (ebd.), jedoch ist es der Fall, dass „der Besitz eines PKWs die finanziellen Verhältnisse vieler Einwohner in Mecklen- burg-Vorpommers übersteigt“ (ebd.). Demzufolge lässt sich eine „doppelte Benachteili- gung“ konstatieren (ebd.). Davon abgesehen resultieren aus „den weiten Distanzen lange Fahrzeiten“, die als „Belastung“ zu erachten sind (ebd.). Vor allem im ländlichen Raum besteht eine unausweichliche Notwendigkeit für längere Fahrten aufgrund der „Versorgung mit Konsumgüter des täglichen Bedarfs, erforderlicher Arztbesuche oder Behördengänge.“ (ebd.) Daneben sind außerdem die „Nutzung von Kultur- sowie Frei- zeitangeboten“ zu nennen (ebd.). Hier zeigt sich, dass es zu einem „Ausschluss von der Teilhabe am gesellschaftlichen sowie kulturellen Leben“ (ebd.) kommt. Weiterführend erwähnen Weiß und Corthier, dass „Kommunen“, in denen die Armutsverhältnisse be- sonders stark ausgeprägt sind, an „ihre Leistungsgrenzen stoßen“ (ebd.). Als Lösung für die Überforderung der besagten Kommunen schlagen Weiß und Corthier „einen Finanz- ausgleich“ zwischen den einzelnen Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern vor (ebd.). Zum Abschluss postulieren Weiß und Corthier eine erforderliche Debatte über „gleich- wertige Lebensbedingungen“, welche allerdings keine einfache Herausforderung ange- sichts „der demographischen Entwicklung“ darstellt. Die Politik trägt diesbezüglich eine besondere Verantwortung, welche unvereinbar mit einem „vorschnellen Sozialabbau, ei- nem Abbau von Infrastruktur sowie Leistungspotentialen“ ist (ebd.).

2.4 Die Armutssituation speziell in Rostock

Als Grundlage dafür, wie es sich konkret mit der Armutssituation in Rostock ver- hält, dienen die Ausführungen von Anika Stürtz im „Gesundheitsbericht der Han- sestadt 2015“ von Markus Schwarz11. Erwähnenswert ist die von Stürtz darge- botene Darstellung der Beschäftigungsquoten der einzelnen Stadtteile in Rostock unter Berufung auf Statistiken der Hansestadt Rostock. Daraus geht hervor, dass die Stadt- teile Dierkow (51- 54%), Lütten Klein (weniger als 51%) und Schmarl (weniger als 51%) die niedrigsten Beschäftigungsquoten aufweisen (vgl. Stürtz 2015, 27). Hinsichtlich der Entwicklung der Arbeitslosigkeit zieht Stürtz anhand von Statistiken der Bundesargentur für Arbeit ein positives Fazit, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit im Jahr 2013 auf 11,5% erkennbar ist (vgl. Stürtz 2015, S.29). Der Anteil der arbeitslosen Männer ist deut- lich höher als der Anteil der arbeitslosen Frauen (vgl. Stürtz 2015, 30). Die höchste Ar- beitslosigkeit liegt laut Stürtz in Groß Klein mit 14,2% gefolgt von Lütten Klein, Schmarl und Dierkow vor (vgl. Stürtz 2015, 31f.). Bevor Stürtz auf konkrete Statistiken zur Ein- kommens-/Armutsverteilung in Rostock eingeht, verdeutlicht Stürtz, dass „ein ausrei- chendes und kontinuierlich fließendes Einkommen als Voraussetzung für eine individu- elle Lebensführung“ anzusehen ist, welche den Zweck verfolgt, eine „Versorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen“ sicherzustellen sowie eine „Teilhabe sowohl am kulturellen als auch sozialen Leben“ zu ermöglichen (vgl. Stürtz 2015, 32f.). Die „Ein- kommensverteilung ist folglich als Indikator für Wohlstand“ auf der einen Seite und „für Armut“ auf der anderen Seite anzusehen. (vgl. ebd.). Das verfügbare Einkommen bildet folglich einen wesentlichen Gradmesser. Als „verfügbares Einkommen“ fasst Stürtz den Betrag zusammen, der sich nach „Abzug aller regelmäßigen Zahlungsverpflichtungen“ ergibt sowie für „private Konsum- und Sparzwecke“ Verwendung findet (vgl. Stürtz 2015, 33). In diesem Kontext führt Stürtz an, dass das jährliche „verfügbare Einkommen eines Haushaltes in Rostock“ für das Jahr 2012 bei 16.352 Euro liegt (vgl. ebd.). Demzufolge lässt sich laut Stürtz sagen, dass das verfügbare Einkommen für einen Haushalt pro Jahr gestiegen ist, jedoch liegt Rostock damit deutlich sowohl unter den Landes- als auch Bundesdurchschnitt (vgl. ebd.). Unter Bezugnahme auf Statistiken der Hansestadt Rostock vom Jahr 2013 verdeutlicht Stürtz, dass Männer weniger Nettoeinkommen als Frauen erhalten (vgl. Stürtz 2015, 35). Die Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren verfügt nach Darstellungen von Stütz über das wenigste Nettoeinkommen. Ebenso fällt eine deutliche Abnahme des verfügbaren Nettoeinkommens ab dem Rentenalter auf. Des Weiteren ist aus den Statistiken zu entnehmen, dass sowohl Alleinstehende als auch Alleinerziehende von einem geringen Nettoeinkommen betroffen sind (vgl. ebd.). Unter dem Gesichtspunkt der „Stellung im Erwerbsleben“ lässt sich feststellen, dass Arbeits- lose das geringste Nettoeinkommen vorzuweisen haben. An zweiter Stelle stehen Per- sonen, die sich in einer Ausbildung befinden. Nachdem Stürtz Statistiken herangezogen hat, die nach Personengruppen aufgeschlüsselt sind, veranschaulicht Stürtz die Vertei- lung von niedrigem Einkommen (unter 1300 €) in den verschiedenen Stadtteilen von Rostock (vgl. Stürtz 2015, 36). Es zeigt sich, dass besonders die Stadtteile Schmarl, Lütten Klein, Groß-Klein, Evershagen sowie Dierkow betroffen sind. Anschließend be- merkt Stürtz, dass diesbezüglich seit dem Jahr 2010 keine Veränderungen aufgetreten sind (vgl. ebd.). Weiterhin widmet sich Stürtz dem Themenschwerpunkt der relativen Ar- mut. Stürtz erklärt, dass „relative Armut in der Bundesrepublik von zentraler Bedeutung ist.“ (Stürtz 2015, 37). Für Stürtz besteht nämlich die „relative Armut“ darin, dass man lediglich „über geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügt“ wie auch ein „Aus- schluss von derjenigen Lebensweise“ stattfindet, welche „die unterste Grenze des Ak- zeptablen“ darstellt (ebd.). Im Anschluss gibt Stürtz an, dass die „Armutsgefährdungs- grenze für das Jahr 2013 in Rostock bei 857 Euro“ liegt, wovon „13% der Rostocker Privathaushalte“ betroffen sind (ebd.). Aufgeschlüsselt nach Stadtteilen ist „die Armuts- gefährdungsgrenze“ in Schmarl, Lütten Klein sowie Groß-Klein am höchsten (vgl. Stürtz 2015, 38). Im nachfolgenden Abschnitt fokussiert sich Stürtz auf den Schwerpunkt der öffentlichen Sozialleistungen. Zunächst erläutert Stürtz, dass „eine Beanspruchung von Sozialleistungen aufgrund bestimmter Notlagen“ in Betracht kommt (Stürtz 2015, 39f.). Die besagten „Notlagen“ liegen beispielsweise im Fall von „Invalidität, Alter, Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Arbeitslosigkeit,“ usw. vor (ebd.). Die Höhe der gezahlten Sozialleis- tung orientiert sich am „Bedarf des Empfängers“, welche das „Ziel der sozialen Siche- rung“ verfolgt (ebd.). Stürtz setzt ihre Ausführungen damit fort, dass ein „leichter Anstieg der Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt“ zu verzeichnen ist (Stürtz 2015, 41). Am meisten ist es bei denjenigen Einwohnern zu erkennen, die über 60 Jahre alt sind. Was die „Grundsicherung im Alter bzw. bei Erwerbminderung“ betrifft, zeigt sich ebenfalls „ein leichter Anstieg“ (Stürtz 2015, 42). Zieht man die „Grundsicherung für Arbeitssuchende“, „das Wohngeld“, und „das Elterngeld“ in Betracht, lassen sich geringfügige Abnahmen konstatieren (Stürtz 2015, 42f.). Stürtz erachtet die „gezahlten Sozialleistungen als Grad- messer für soziale Problemlagen“ (Stürtz 2015, 39) und kommt zu der Schlussfolgerung, dass aufgrund der vorliegenden Zahlen keine wesentlichen Verbesserungen bezüglich der „sozialen Problemlagen“ zu bemerken sind (Stürtz 2015, 43).

3. Das Sozialkaufhaus als ein Mittel der Armutsbekämpfung

3.1 Eine Einschätzung von Politikern der Rostocker Bürgerschaftsfraktionen

Inwiefern sich ein Sozialkaufhaus als ein Mittel zur Überwindung von Armut eignet, ist zu diesem Zweck eine Befragung mit Rostocker Kommunalpolitikern vorgenommen wor- den. Für die Befragung stellten sich freundlicherweise sozialpolitische Sprecher der CDU, SPD, FDP und Linken zur Verfügung. Eine Veranschaulichung der Befragungser- gebnisse ist im Anhang vorzufinden.

Eingangs erfolgte eine subjektive Beurteilung über den Gesamteffekt eines Sozialkauf- hauses auf die bestehende Armutssituation. Aus den gegebenen Antworten war zu ent- nehmen, dass zwar keine deutliche Wirkung zu verzeichnen ist, jedoch ist in Ansätzen ein Beitrag zum Abbau von Armut festzustellen (vgl. Abb. 1). Im Anschluss antworteten die Befragten auf die Frage, welcher Effekt nach eigenem Empfinden durch Sozialkauf- häuser auf die Kluft zwischen Arm und Reich eintritt. Die Mehrheit befand, dass Sozial- kaufhäuser keinen Einfluss auf die Divergenz zwischen Arm und Reich haben (vgl. Abb. 2). Die nächste Frage an die sozialpolitischen Sprecher widmete sich der Beziehung zwischen dem Standort eines Sozialkaufhauses sowie den dort vorkommenden sozialen Verhältnissen. Zwar sprachen sich die meisten dafür aus, dass ein Zusammenhang zu konstatieren ist, aber dahingegen gab ein einziger Kommunalpolitiker an, dass es für ihn nicht der Fall ist (vgl. Abb. 3). Es ist an dieser Stelle zu bemerken, dass sich anhand der vorliegenden Statistiken des Rostocker Gesundheitsberichtes, die der vorangehende Abschnitt näher behandelt, eine Beziehung zwischen der sozialen Lage und dem Stand- ort eines Sozialkaufhauses herstellen lässt.

Die nächsten Fragen fokussierten sich auf die Käuferschaft eines Sozialkaufhauses. Zu- nächst positionierten sich die Politiker zu der Frage, ob Sozialkaufhäuser ihr Klientel, das sich hauptsächlich aus Geringverdienern sowie Empfängern von Transferleistungen zusammensetzt, vom herkömmlichen Einzelhandel fernhalten. Der Großteil der Befrag- ten tendierte dazu, dass ein Sozialkaufhaus derartiges definitiv nicht tut, was die Befrag- ten damit begründeten, dass Käufer das Sozialkaufhaus freiwillig aufsuchen (vgl. Abb. 4). Im Anschluss richtete sich die Frage an die Politiker, ob Sozialkaufhäuser eine dis- kriminierende Wirkung aufweisen, da der herkömmliche Einzelhandel für Besserverdie- ner vorbehalten zu sein scheint. Die Mehrheit verneinte diese Frage, auch wenn es für einen der Befragten zum Teil der Fall ist (vgl. Abb. 5).

Der letzte Fragenkomplex bezog sich auf die Effektivität eines Sozialkaufhauses einer- seits in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht sowie für den Einzelnen andererseits. Auf die Frage, ob nach eigener Einschätzung Sozialkaufhäuser zu einer tatsächlichen Verbes- serung der sozialen Lage beitragen oder eher eine Polarisierung begünstigen, antwor- teten die meisten, dass zwar eine Verbesserung eintritt, jedoch nur in bedingter Weise (vgl. Abb.6). Ein Sozialpolitiker zeigte sich unentschlossen, das für ihn nämlich weder eine Verbesserung noch eine Polarisierung eintritt. Die abschließende Frage nahm Bezug auf den Lebensstandard des Einzelnen, wo die befragten Politiker geteilter Meinung waren. Für die eine Seite kommt es ansatzweise zu einer Verbesserung, jedoch ist für die andere Seite vielmehr das Gegenteil der Fall (vgl. Abb.6). Was lässt sich insgesamt über die Befragungsergebnisse zeigen? Die befragten Kommunalpolitiker halten zwar ein Sozialkaufhaus für ein geeignetes Mittel, um gegen die vorhandenen Armutsverhält- nisse vorzugehen, jedoch sind die daraus resultierenden Verbesserungen eher als be- grenzt zu erachten. Das Sozialkaufhaus stellt nämlich für die meisten sozialpolitischen Sprecher keine optimale Dauerlösung dar, sondern nur ein Provisorium, das lediglich zu einer vorübergehenden Abmilderung von materieller Bedürftigkeit führt.

3.2 Eine kritische Betrachtung des Sozialkaufhauses als Bestandteil der Almo- senökonomie

Viele Soziologen verorten das Phänomen „Sozialkaufhaus“ im Bereich der Almosenöko- nomie bzw. Mitleidsökonomie. Als weitere Beispiele der Almosenökonomie sind noch Suppenküchen und Kleiderkammern zu nennen. Für einen allgemeinen Einstieg in eine kritische Betrachtung der Almosenökonomie ist auf Axel Grönemeyer und Fabian Kessl12 zurückzugreifen. Zunächst ist davon auszugehen, dass „seit dem Ende des 20. Jahrhun- derts im deutschsprachigen Raum die Entstehung eines neuen Systems der Armutsbe- kämpfung zu beobachten“ ist (Grönemeyer/Kessl 2013, 17). Grönemeyer und Kessl sprechen davon, dass eine deutliche Zunahme der almosenökonomischen Angebote festzustellen ist. Zwar werden die almosenökonomischen Angebote aus karitativer Über- zeugung betrieben, dennoch kommen „marktorientierte Modelle“ zum Vorschein (Grö- nemeyer/Kessl 2013, 18). Besonders zeigt es sich bei den immer mehr werdenden So- zialkaufhäusern. Die Funktionsweise lässt sich so beschreiben, dass eine „Abgabe so- wie Verteilung von überschüssigen wie auch gebrauchten Waren stattfindet“ (Gröne- meyer/Kessl 2013, 18). Grönemeyer und Kessl sind sich darin einig, dass man nicht mehr von „einem Provisorium“ reden kann, sondern davon, dass schon eine „feste Ver- ankerung im System der Armutshilfe“ besteht sowie „sozialstaatliche Maßnahmen“ er- gänzen. Grönemeyer und Kessl führen an, „dass spenden- oder almosenorientierte Sys- teme einen Ausdruck verfehlter und defizitärer staatlicher Sozialpolitik sowie sozialer Si- cherungssysteme darstellen“ (Grönemeyer/Kessl 2015, 20). Grönemeyer und Kessl füh- ren das gehäufte Vorkommen der almosenökonomischen Angebote auf die Sozialge- setzgebung der jüngeren Vergangenheit zurück. Die Senkung der Sozialausgaben wie auch die Reduzierung staatlicher Unterstützung von Bedürftigen sind Kernelemente der neuen Sozialgesetze. Grönemeyer und Kessl üben nämlich Kritik daran, dass sich der Staat seiner Fürsorgepflicht gegenüber der Gesellschaft entzieht. Der Staat lenkt von sich ab, indem er darauf hinweist, dass der sozialen und ökologischen Verantwor- tung nachzukommen ist. Daher sind überschüssige Waren an Bedürftige zu verteilen anstatt sie zu entsorgen (vgl. Grönemeyer/Kessl, 2013, 21). Grönemeyer und Kessl füh- ren an, dass die „Erhaltung des Lebensstandards“ maßgebend für das sozialstaatliche Handeln ist, jedoch ist es in der heutigen Praxis nicht der Fall (Grönemeyer/Kessl 2013, 22). Grönemeyer und Kessl sehen in dem derzeitigen Sozialstaat das Produkt ökonomi- scher Wunschvorstellungen, so dass das Wohlergehen bedürftiger Bevölkerungsschich- ten an Bedeutung verloren hat (vgl. ebd.). Das Loch, das durch fehlende sozialstaatliche Hilfe entstand, füllen bürgerliche Initiativen sowie ehrenamtliches Engagement, welche sich in den Dienst der Armenfürsorge stellen, wie Grönemeyer und Kessl mit ihren Aus- führungen fortfahren (vgl. Grönemeyer/Kessl 2013, 24). Darüber hinaus sind die nach- teiligen Folgen von Deregulierungen im Bereich der Beschäftigungspolitik zu nennen, welche „zu einer deutlichen Erhöhung unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, einer Ver- festigung prekarisierter Lebenslagen, aber auch einem Gefühl der sozialen Unsicherheit bei Angehörigen der Mittelschicht“ führten (ebd.). Außerdem sind noch Erwerbstätige anzuführen, deren Verdienst „unter dem soziokulturellen Existenzminimum liegt“ und auf die „Inanspruchnahme der Grundsicherung“ angewiesen sind (vgl. Grönemeyer/Kessl 2013, 25). Unter Berufung auf Stellungnahmen der beiden christlichen Wohlfahrtsver- bände sind almosenökonomische Angebote durch eine „begrenzte Tauglichkeit“ ge- kennzeichnet, dass sie keineswegs ein Ersatz für entfallende „sozialstaatliche Angebote“ sind (Grönemeyer/Kessl 2013, 27). Grönemeyer und Kessl ziehen den Schluss, dass die Angebote der Almosenökonomie zu Unrecht für vorbildlich befunden werden, indem man sie als „herausragendes Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement“ würdigt (Grönemeyer/Kessl 2013, 28). Die Begründung, dass almosenökonomische Angebote eine wertvolle Ergänzung zu sozialstaatlichen Unterstützungen bilden, zur Förderung der Armutsbekämpfung beitragen und eine sinnvolle Verwertung überschüssiger Pro- dukte ermöglichen, lehnen Grönemeyer und Kessl ab (vgl. ebd.). Weiterführend erwäh- nen Grönemeyer sowie Kessl, dass „das System der Mitleidsökonomie sich vorwiegend aus materiellen (Geld und Sachmittel) und immateriellen Spenden (Zeit und Dienstleis- tungen) finanziert“ (ebd.). Bei allem sozialem Engagement der Almosenökonomie stellen Grönemeyer und Kessl fest, dass eine „stigmatisierende“ Behandlung Bedürftiger durch almosenökonomische Einrichtungen stattfindet, was durch das Vorzeigen des Berechti- gungsnachweises deutlich wird (vgl. Grönemeyer/Kessl 2013, 30). Der Bedürftige erleidet aus der Sicht Grönemeyers sowie Kessls ohnehin schon eine enorme psychische Belastung infolge „von Unsicherheiten“, weil eine ausrei- chende materielle Versorgung nicht aufrechtzuerhalten ist, und hat dazu noch „die Rolle des Bedürftigen einzunehmen“, sodass insgesamt betrachtet das „Selbstbild bzw. Selbstwertgefühl“ massiv darunter zu leiden haben (ebd.). Grönemeyer und Kessl kom- men zu der Feststellung, dass „ein Spannungsverhältnis zwischen Anbieter und Nutzer“ vorliegt (Grönemeyer/Kessl 2013, 31). Abschließend konstatieren Grönemeyer und Kessl, dass sozialökonomische Angebote „neue Armutsbilder“ produzieren, welche fernab von jeglicher Wertschätzung sind (ebd.).

[...]


1 Butterwegge, Christoph: Reich in einem reichen Land. Frankfurt a. M. 2011. S.128f.

2 Kronauer, Martin: Exklusion – Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt a.M. 2010, S. 35f.

3 Pollert, Achim: Armut. In: Das Lexikon der Wirtschaft – Grundlegendes Wissen von A bis Z, Hrsg. von Bauer, Michael & Hogen, Hildegard. Bonn 2004, S.12

4 Butterwegge, Christoph: Armut in einem reichen Land. Frankfurt a.M. 2011. S. 17

5 Butterwegge, Christoph: Armut in einem reichen Land. Frankfurt a.M. 2011. S. 28

6 Ullrich, Carsten G.: Soziologie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt a.M. 2005. S. 117f./S.129f.

7 Pfaff, Anita: Was ist das Neue an der neuen Armut? In: Neue Armut. Hrsg. von Karl-Jürgen Bieback und Helga Milz. Frankfurt a.M. 1995. S.41-46

8 Ullrich, Carsten: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Frankfurt a.M. 2005, S.130f.

9 Groh-Samburg, Olaf/Voges, Wolfgang: Armut und soziale Ausgrenzung. In: Handbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Hrsg. von Steffen Mau und Nadine M. Schöneck. Wiesbaden 2013. S. 58

10 Weiß, Wolfgang/Corthier, Jochen: Regional-Demographie der Armut in Mecklenburg-Vorpommern. In: Aspekte der Armut in Mecklenburg-Vorpommern – Forschungsbericht im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt MV. Hrsg. von Bernd Tünker. Schwerin 2015, S.293ff.

11 Stürtz, Anica: Bevölkerung und Soziales. In: Gesundheitsbericht der Hansestadt Rostock 2015. Hrsg. von Mar- cus Schwarz. Rostock 2015. S.25-43

12 Grönemeyer, Axel/Kessl, Fabian: „Die neue Almosenökonomie – ein neues System der Armutshilfe?“. In: Sozi- ale Arbeit in der Krise. Hrsg. von Karin Böllert. Wiesebaden 2013. S.17f./20-31

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
"Neue Armut" und das Phänomen Sozialkaufhaus. Untersuchung der Stadt Rostock
Hochschule
Universität Rostock  (Theologische Fakultät der Universität Rostock)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
51
Katalognummer
V505252
ISBN (eBook)
9783346056771
ISBN (Buch)
9783346056788
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Sozialkaufhaus, Politik, Sozialpolitik, Prekariat, Karitativ, Wohlfahrt, Wohltätigkeit, Die Tafel, Unterschicht, Reichtum, Geld, Diakonie
Arbeit zitieren
Wilhelm Weber (Autor:in), 2016, "Neue Armut" und das Phänomen Sozialkaufhaus. Untersuchung der Stadt Rostock, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505252

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