Das Aufbrechen der klassischen Struktur im Detektivroman. Die Identitätsdarstellung der argentinischen Gesellschaft in "El triple robo de Bellamore" von Horacio Quiroga


Hausarbeit, 2019
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Kontrastive Gegenüberstellung des cuento policial und der Anti- Kriminalerzählung

4. Manifestierung der Identitätsfrage in Horacio Quirogas El triple robo de Bellamore in der argentinischen Gesellschaft hinsichtlich der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit
4.1. Inhaltliche Beschreibung des cuento policial
4.2. Stilistische Leitmotivik Quirogas
4.3. Identitätskonzeption und Rollenentwurf der Figuren als Spiegel der argentinischen Gesellschaft

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

[...] [s]ólo robando podía hacerse hoy fortuna [...]”.1 Aufgrund zahlreicher Modernisierungs- und Beschleunigungsprozesse in Argentinien war insbesondere diese sich rasant entwickelnde Zeit Ausgangspunkt für die Entwicklung von Unsicherheit und Desorientierung seitens der argentinischen Bevölkerung, welche darüber hinaus eminenten Einfluss auf die Identität des Landes genommen hatte. Auch das vorliegende Zitat ist Ausdruck dieser Ungewissheit und untermauert die Einflussnahme der Disparität zwischen Arm und Reich auf die soziale Gesellschaft. Demnach beschäftigt sich die folgende Hausarbeit mit dem Thema Identitätsdarstellung im Antikriminalroman und widmet sich darauf basierend der Fragestellung, welche Bedeutung das Aufbrechen der klassischen Struktur des Detektivromans für die Identitätsdarstellung der argentinischen Gesellschaft anhand des Beispiels El triple robo de Bellamore von Horacio Quiroga hat. Die Legitimierung bezüglich des Ausgangspunkts des wissenschaftlichen Vorgehens bezieht sich auf die neu aufgeworfene Identitätsfrage in Horacio Quirogas Erzählung, die in sichtbarem Kontrast zu der klassischen Detektiverzählung des Genres steht. Da Quirogas Anti-Kriminalerzählung einen Bruch zum traditionellen Detektivroman darstellt und sich von den tradierten literarischen Normen und Werten einer Kriminalerzählung abwendet, spiegelt jene Konzeption die zeitgenössischen Konventionen wider. Bezüglich des Aufbaus der folgenden Arbeit wird zunächst die kontrastive Gegenüberstellung der cuento policial und der Anti-Kriminalerzählung vorangestellt, um die grundlegenden Charakteristika der Genres aufzuzeigen und miteinander zu vergleichen. Daraufhin folgt ein Einblick in den historischen Kontext, um Bezüge zwischen den damaligen gesamtgesellschaftlichen Ereignissen und der Analyse herstellen zu können. Das vierte Kapitel widmet sich der Manifestierung der Identitätsfrage in der argentinischen Gesellschaft hinsichtlich der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit, indem das Chaos der Lektüre und die dadurch entstehende Verwirrung die alltägliche Erfahrung der menschlichen Existenz in der Moderne illustrieren. Dafür wird zunächst eine kurze inhaltliche Beschreibung der cuento policial vorangestellt. Anschließend wird auf die stilistische Leitmotiv Quirogas eingegangen, um somit die thematischen Motive aufzuzeigen, welche im Hinblick auf die Wahrnehmung der zeitgenössischen Veränderungen eine äußerst wichtige Rolle spielten. Das darauffolgende Unterkapitel befasst sich mit der Konzipierung der Identität durch die Figurenkonstellationen und Rollenentwürfe, indem die Charaktere hinsichtlich der Repräsentation ihrer gesellschaftlichen Rolle analysiert werden. An dieser Stelle werden der Entstehungskontext und die damit verbundenen gesellschaftlichen Konstellationen betrachtet, um die Bedeutung der Identitätsfrage im Hinblick auf die Leitmotiviken sowie der zeitgenössischen Umbrüche zu untermauern.

2. Historischer Kontext

Im Jahre 1880 kam es in ganz Lateinamerika zu einem wirtschaftlichen Modernisierungsprozess, welcher zur einer tiefgreifenden Umgestaltung der Gesellschaft führte, denn aufgrund der Eingliederung Lateinamerikas in die internationale Wirtschaft entwickelte sich dieser Kontinent zu einem der wichtigsten Rohstofflieferanten und Nahrungsproduzenten für Europa und die Vereinigten Staaten.2 Insbesondere Argentinien erlebte in dem Zeitraum von 1880 bis 1929 einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung, da mit der Unabhängigkeit des Landes die Basis für eine eigenständige Wirtschaftsentwicklung gelegt war.3 Auch angesichts der enormen Einwanderungswelle aus Europa, welche das soziale und kulturelle Gefüge vieler Regionen beeinflusste, schritt die Industrialisierung des Landes rasch voran4. Innerhalb kürzester Zeit machten sich die Modernisierungs- sowie Industrialisierungsprozesse in ganz Argentinien bemerkbar. Das Wachstum stützte sich immer mehr auf die Industrie und die Agrarproduktion.5 Auch wurde der Entwicklung neuer Infrastrukturen viel Aufmerksamkeit gewidmet. Allerdings führte die Weltwirtschaftskrise im Jahre 1889 zu dem Zerfall der Wirtschaft und Politik Argentiniens. Dazu trugen vor allem die unkontrollierte Neuverschuldung, die Kapitalflucht und das Bankenchaos bei. Somit begann eine lange Phase gekennzeichnet von politischer Instabilität.6 Hinsichtlich der Situation der Banken kamen ebenfalls diverse Problematiken auf. Im Jahre 1890 brach die Krise aus, als die bedeutende Londoner Barings Bank, eines der weltweit führenden Institute, das in Argentinien besonders engagiert war, argentinische Wertpapiere nicht mehr zu angemessenen Preisen verkaufen konnte und an den schnell an Wert verlierenden Papieren unterzugehen drohte.7 Somit konnte Argentinien seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen. In den 1930er Jahren vollzog sich in Argentinien ein Militärputsch, sodass die konservativ-nationalen Kräfte an die Macht gelangten. Infolgedessen kam es zu zahlreichen Konflikten zwischen Arm und Reich. Arbeiter protestierten gegen die erzkonservativen, meist durch Wahlbetrug an die Macht gekommenen Regierungen, denn mittels eines wohldurchdachten Wahlbetrugssystem wurde der Vielzahl der Bevölkerung die politischen Rechte vorenthalten. Das System, welches sämtliche mit den Wahlen zusammenhängende Institutionen vereinte, basierte auf unterschiedlichen Komponenten: Verweigerung der geheimen Wahl8, Mehrfachwahl einzelner Bürger, Fälschung der Wählerlisten, Ablehnung unerwünschter Wähler, Nichtanerkennung und Annullierung von hinderlichen Wahlergebnissen.9 Demnach durften ausschließlich Bürger, welche der oberen Schicht angehörten oder aber mit der Regierung kollaborierten, sich an den Wahlen beteiligen. In der Folgezeit kam es zu mehrfachen Paradigmenwechsel, dessen Regierungen sich ebenfalls in der Wirtschaftspolitik mit stark wechselnden Ideologien niederschlugen. Die politischen Regime, welche zwischen Diktatur und liberalistischen Ideen wechselten, evozierten somit die Disparität zwischen armer und reicher Bevölkerung und provozierten dadurch die sozial und politisch instabile Situation Argentiniens.

3. Kontrastive Gegenüberstellung der cuento policial und der Anti- Kriminalerzählung

Da sich die vorliegende Hausarbeit der konkreten Fragestellung widmet, welche Bedeutung das Aufbrechen der klassischen Struktur des Detektivromans für die Identitätsdarstellung der argentinischen Gesellschaft anhand des Beispiels El triple robo de Bellamore von Horacio Quiroga hat, gilt es zunächst die spezifischen Charakteristika dieser divergenten Genres aufzuzeigen und anschließend Bezüge zueinander herzustellen.

Der Detektivroman ist ein Genre innerhalb der Kriminalliteratur und bildet somit eine Subgattung des Kriminalromans, in dessen Mittelpunkt die Aufdeckung eines rätselhaften Verbrechens durch die strategische Erkenntnisfähigkeit des Detektives steht. Den Schwerpunkt der Narration bildet somit ein lösungsorientierter Ermittlungsvorgang, welcher das Auftreten des Detektivs angesichts des Anlasses der Aufklärung des Rätsels rechtfertigt.10 Dabei wird der zu Beginn noch unerklärbare Fall durch unterschiedliche Indizien des Ermittlers sukzessiv aufgeklärt, sodass am Ende der Erzählung die ermittelte Lösung steht, welche die Gesamtheit aller rätselhaften Ereignisse und Beziehungen aufklärt.11 Trotz möglicher Verfolgung falscher Spuren oder fehlender wichtiger Hinweise gelingt es dem Detektiv letztlich den Täter zu überfallen und das Verbrechen schließlich aufzudecken. Demnach repräsentiert die literarische Figur des Detektivs den Protagonisten des Detektivromans, welcher die Komplexität reduziert und damit die Polysemien beseitigt.12 Aufgrund der Kontinuität bezüglich der Beantwortung von Fragen ist der Leser dazu in der Lage das Mystery-Rätsel zusammenstellen und somit die strategische Abduktionsweise des Ermittlers nachzuvollziehen. Zudem hegt der Leser großes Vertrauen in den Detektiv, da er mittels seiner Wissenskenntnisse eine gewisse Vertrauensbasis schafft, die den Leser dazu verleitet, sich mit der Rolle des Ermittlers zu identifizieren.

Der Anti-Detektivroman hingegen ist eine Form intertextueller Bezugnahme, welche die grundlegenden Charakteristika des Detektivromans nutzt, um sie mittels neuer Inhalte und narrativer Techniken zu erweitern oder gar zu sprengen.13 Dementsprechend handelt es sich nicht allein um eine Weiterentwicklung des Genres, dessen basales Element der Detektivroman ist, sondern es geht vielmehr um eine Auflösung durch Parodie im Sinne einer negativen Bezugnahme, welche mit tradierten Mustern spielt, um Gegenkonzepte zu entwerfen.14 Diese reziproke Beziehung lässt sich demnach als Verhältnis der Intertextualität bzw. Gerád Genettes Definition in Palimpseste zufolge als Hypertextualität erklären.15 Dabei stehen der Prätext und der Posttext in einer hypertextuellen Beziehung zueinander, sodass eine textuelle Transformation stattfindet. Hinsichtlich der Variante der Hypertextualität kann der Posttext nicht ohne den Prätext existieren, da er sich auf dieselben literarischen Merkmale bezieht, diese allerdings durch seine stilistische Eigenart modifiziert. Anti-Detektivromane hingegen beziehen sich jedoch nicht auf einen singulären Hypotext, sondern auf das gesamte Genre des Detektivromans, auf die Summe generischer Texte und deren Charakteristika.16 Somit bildet der Anti-Detektivroman ein neues Genre, dessen schematischer Aufbau sowie Motiviken revidiert werden. Dabei befindet sich die literarische Figur des Detektivs in einem Prozess der Destabilisierung, denn mit der destabilisierten Welteinsicht des Protagonisten geht auch die Nutzung sinndestabilisierender narrativer Techniken einher.17 Somit wird das Genre des Anti- Detektivromans von einem fragmentarischen Charakter porträtiert. Gleichzeitig ist er sinngekennzeichnet von Grenzüberschreitung und seinem experimentellen Charakter. Insbesondere aufgrund der typischen Regelhaftigkeit im Detektivroman werden diese literarischen Brüche bezüglich klassischer Gesetzlichkeiten im Anti-Detektivroman akzentuiert. Demnach kann die Konstruktion des Textes mit einem labyrinthischen Charakter identifiziert werden, welcher das Gefühl von Orientierungslosigkeit bei dem Leser evoziert, da er aufgrund mangelnder Identifikationsmöglichkeiten und divergenter Informationen an der Rolle sowie an die Fähigkeiten des Detektivs zweifelt. Somit wird die Figur des Detektivs auf der Suche nach der Lösung des Rätsels selbst zum Rätsel.18 Auch angesichts des abrupten Abbruchs der Narration gelingt es dem Leser nicht, die Verbrechensaufklärung rational nachzuvollziehen, sodass das Scheitern der Reorganisation der Welt das Gefühl von Desorientierung hervorruft. Demnach ist der Wegfall der Auflösung bzw. der Abbruch der Erzählung wesentliches Merkmal des Anti- Detektivromans, welche den Leser an der Lösung des Detektivs zweifeln lässt.19

4. Manifestierung der Identitätsfrage in Horacio Quirogas El triple robo de Bellamore in der argentinischen Gesellschaft hinsichtlich der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Manifestierung der Identitätsfrage in der argentinischen Gesellschaft hinsichtlich der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit, indem konkreter Bezug auf den Anti-Detektivroman El triple robo de Bellamore genommen wird. Dabei werden sowohl gesamtgesellschaftliche Konstellationen, als auch unterschiedliche Leitmotiviken betrachtet, um die Bedeutung des Genres der Anti-Kriminalerzählung im Hinblick auf das alltägliche Leben der argentinischen Bevölkerung und damit einhergehend die argentinischen Identitätsfrage zu beleuchten.

[...]


1 Quiroga, Horacio, El triple robo de Bellamore, 1903 in: Setton, Román (Hrsg.): El candado de oro. 12 cuentos policiales argentinos (1890–1910), Buenos Aires: Adriana Hidalgo 2013, 130.

2 Vgl. Rössner, Michael (Hgg), Lateinamerikanische Literaturgeschichte, Stuttgart: Metzler 3200, 200-205.

3 Vgl. Spiller, Roland, Zwischen Utopie und Aporie: Die erzählerische Ermittlung der Identität in argentinischen Romanen der Gegenwart; Juan Martini, Tomás Eloy Martínez, Ricardo Piglia, Abel Posse und Rodolfo Rabanal, Frankfurt am Main: Vervuert 1993, 71.

4 Vgl. Rinke, Stefan, Geschichte Lateinamerikas vom 19. bis zum 21. Jahrhundert: Quellenband, Stuttgart: Metzler 2009.

5 Vgl. Zottmann, Anton, „Argentiniens Industrialisierung”, URL:https://www.zeit.de/1947/08/argentiniens-industrialisierung (04.03.2019).

6 Vgl. Hein, Wolfgang / Huhn, Sebastian, „Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert“, URL: http://www.bpb.de/izpb/8105/entwicklungen-im-19-und-20-jahrhundert?p=all (20.02.2019).

7 Vgl. Historische Gesellschaft der Deutschen Bank, „125 Jahre Deutsche Bank in Lateinamerika“, URL: http://www.bankgeschichte.de/de/docs/Historische-Rundschau-27.pdf (02.03.2019).

8 Vgl. Forte, Ricardo: La crisis argentina de 1890: estado liberal,política fiscal y presupuesto público, Relaciones 1996, 128.

9 Vgl. Botana, Natalio, El orden conservador. La política argentina entre 1880 y 1916, Buenos Aires: Ed. Sudamericana 1994, 174-176.

10 Vgl. Schmidt, Mirko F., Der Anti-Detektivroman: Zwischen Identität und Erkenntnis, Paderborn: Fink 2014, 16.

11 Vgl. ebd., 10.

12 Vgl. ebd., 9.

13 Vgl. ebd., 39.

14 Vgl. ebd., 39.

15 Vgl. ebd., 52.

16 Vgl. Schmidt, Der Anti-Detektivroman, 53.

17 Vgl. ebd., 57.

18 Vgl. ebd., 56.

19 Vgl. ebd., 57.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Aufbrechen der klassischen Struktur im Detektivroman. Die Identitätsdarstellung der argentinischen Gesellschaft in "El triple robo de Bellamore" von Horacio Quiroga
Hochschule
Universität Paderborn  (Romanistik)
Veranstaltung
Argentinische Kriminalliteratur
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V505396
ISBN (eBook)
9783346059796
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalroman, Antidetektivroman, Horacio Quiroga, cuento policial, argentinische Bevölkerung, Anti-Kriminalerzählung
Arbeit zitieren
Julia Sobel (Autor), 2019, Das Aufbrechen der klassischen Struktur im Detektivroman. Die Identitätsdarstellung der argentinischen Gesellschaft in "El triple robo de Bellamore" von Horacio Quiroga, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505396

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