Flow-Erleben und Abhängigkeit im Ausdauersport. Wenn Sport zur Sucht wird


Bachelorarbeit, 2019

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Verhaltenssucht

3. Sportsucht
3.1 Sportabhängigkeit versus Sportsucht
3.2 Ursachen und Erklärungsansätze
3.3 Symptomatik

4. Flow-Erleben
4.1 Intrinsische Motivation
4.2 Was ist Flow?
4.3 Die Komponenten des Flow-Erlebens
4.4 Ursachen und Erklärungsansätze

5. Der Zusammenhang von Flow und Sportabhängigkeit

6. Hypothesen

7. Studie
7.1 Messinstrumente und Datenauswertung
7.2 Studienablauf
7.3 Deskriptive Statistik
7.4 Hypothesenprüfende Ergebnisse

8. Diskussion

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagen mit Anlagenverzeichnis

Abstract

Sport ist in der Gesellschaft ein großes Thema und dennoch wird die Abhängigkeit nur selten angesprochen oder mit anderen Konstrukten in Verbindung gebracht. Um das Thema Sportsucht mehr in den Mittelpunkt zu rücken ist das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit, den Zusammenhang zwischen der Bewegungsabhängigkeit und dem Flow-Erleben darzustellen und empirisch zu prüfen. Dazu werden im ersten Teil die theoretischen Hintergründe näher beleuchtet um Schnittstellen zu finden und vergleichen zu können. Die Grundlage der empirischen Analyse des zweiten Teils ist eine online Umfrage mit Ultra-Ausdauersportlern. Entgegen der Annahme verschiedener physiologischer und psychologischer Erklärungsansätze konnte kein positiver Zusammenhang zwischen den Konstrukten nachgewiesen werden. Zusätzlich wurde getestet, inwieweit der Leistungsgedanke eines Sportlers mit der Besorgnis einhergeht. Zur Überprüfung wurden die Ziele der Versuchsteilnehmer betrachtet und analysiert, wie sich die jeweiligen Besorgnis-Werte unterscheiden. Die Antworten der Fragebögen zeigten, dass die leistungsorientierten Probanden eine höhere Besorgnis aufwiesen. Eingebunden in die aktuelle Literatur wird in der wissenschaftlichen Arbeit diskutiert, inwieweit dies einen indirekten Zusammenhang der Konstrukte Flow und Abhängigkeit darstellen kann. Die Bachelorarbeit soll vorrangig Personen der Sportwissenschaft und Psychologie neue Erkenntnisse zum Thema Sportabhängigkeit bringen, um das Konstrukt besser verstehen und mit weiterer Forschung auf andere Gegenstandsbereiche übertragen zu können.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Das Suchtdreieck

Abbildung 2. Der Kreislauf des Belohnungssystems

Abbildung 3. Das Erlangen des Wohlbefindens

Abbildung 4. Das Quadrantenmodell des Flows

Abbildung 5. Das Erlangen des Wohlbefindens durch Flow-Erleben

Abbildung 6. Flow-Besorgniswerte im Vergleich der unterschiedlichen
Abhängigkeitsklassifikationen (asymptomatisch, symptomatisch und abhängig)

Tabelle 1 Pearson Korrelation zwischen den verschiedenen Dimensionen des Flows und der Sportabhängigkeit

Tabelle 2 Post-Hoc-Test der Besorgnis-Werte je nach Suchtdiagnose

Tabelle 3 Deskriptive Statistik der Besorgnis-Werte für die Gruppe Leistung und keine Leistung

Vorwort

Als Sportler war es immer ein Traum für mich das Hobby zum Beruf zu machen, da ich Sport schon immer als großen Bestandteil meines Lebens angesehen habe. Die meisten Bewegungsbegeisterten werden mir zustimmen können, dass vor allem die Herausforderung, das Streben nach immer neuen Zielen und die Möglichkeit Abstand von dem oft stressigen Alltag zu erlangen, Hauptgründe sind viel Zeit in das Hobby zu investieren. Doch erst nachdem ich mich dazu entschlossen habe unter anderem das Thema Sportsucht in meiner Abschlussarbeit aufzugreifen, beschäftigte ich mich auch mit den negativen Seiten, die diese Leidenschaft mit sich bringt. Oft sind wir uns nicht darüber bewusst, wie viel Energie wir in den Sport investieren und welche Dinge dabei zu kurz kommen. Ich möchte hiermit die Möglichkeit nutzen, mich bei meiner Familie und meinen Freunden zu bedanken, die bei Diskussionen und mit oft kritischem Feedback für weiteren Input der Arbeit gesorgt haben. Außerdem gilt mein Dank allen Probanden der Studie, die das Fundament der neuen Erkenntnisse gebildet haben und natürlich meiner Betreuerin Frau Professor Julia Schüler und ihrer Arbeitsgruppe, ohne die das Projekt nicht stattfinden hätte können.

An letzter Stelle muss noch berücksichtigt werden, dass in dieser Arbeit auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung verzichtet wird, um eine leichtere Lesbarkeit zu gewährleisten. Die jeweiligen Begriffe sind daher im Kontext der Gleichberechtigung einzuordnen.

1. Einleitung

Sport ist in unserer Gesellschaft kaum wegzudenken. Zu Beginn des neuen Jahres versuchen sich Millionen von Menschen an den neuen Fitnessvorsätzen und auch die Teilnehmerzahlen an Volkslaufveranstaltungen verbuchen seit einigen Jahrzehnten einen rasanten Anstieg (Steffny, 2016). Unterstützt wird das positive Bild des Sports durch die Medizin. Hier gilt sportliche Aktivität häufig als Mittel der Risikominimierung bestimmter körperlicher, als auch psychischer Krankheiten wie Depressionen (Biddle & Asare, 2011). Außerdem rückt in der Behandlung von Suchtkranken der Einsatz von Bewegung als Therapieform häufig in den Fokus (Bloch, 2013). Die Krankenkassen haben den positiven Einfluss des Sports erkannt und fördern verschiedenste Laufprogramme (Steffny, 2016). Nicht zuletzt die Werbung suggeriert den meisten Menschen: Sport scheint das Erfolgsrezept für Gesundheit und Lebensqualität zu sein.

„JA, SO MACHT LAUFEN SPASS! DIE RICHTIGEN ZIELE, DER ULTIMATIVE MOTIVATIONSKICK“ (RUNNER'S WORLD, 2016, Titel).

In unserer westlichen Gesellschaft scheint vielmehr der Bewegungsmangel anstelle des exzessiven Sporttreibens präsent zu sein. So vermag es durchweg positiv zu erscheinen, wenn es einem gelingt körperlich aktiv zu sein. Gepusht von den Leitbildern fällt dabei kaum einem die dunkle Seite des Sports auf. Was, wenn die Aktivität krankhaft wird, wir nicht mehr in der Lage sind aufzuhören und pausenlos an nichts anderes denken als an die nächste Trainingseinheit?

In der aktuellen Forschung rückt das Thema Sportabhängigkeit immer weiter in das Interessenszentrum. Hausenblas & Symons Downs (2002b) geben einen Überblick über 77 Sportsucht-Studien in der Zeitspanne von 1970 bis 1999. Dabei stehen vor allem Vergleichsanalysen zwischen süchtigen und essgestörten Personen, übermäßig und wenig Trainierenden bzw. Trainierenden und nicht Trainierenden, im Mittelpunkt. In den letzten Jahren wurden durch weitere Studien neue Variablen mit in die Untersuchungen einbezogen. Schüler, Knechtle, & Wegner (2018) fanden beispielsweise durch eine Analyse mit 323 Multi-Triathlon-Athleten heraus, dass es einen indirekten Zusammenhang zwischen der niedrigen Grundbedürfniszufriedenheit und der Abhängigkeit im Sport gibt. Zudem wurden weitere Faktoren, wie das Geschlecht (Dumitru, Dumitru, & Maher, 2018), in die Sportsuchtforschung mit einbezogen. Dennoch steht die Sportabhängigkeit immer noch relativ unverbunden neben Konstrukten wie dem Flow-Erleben. So wird die Flow-Hypothese in der Literatur lediglich am Rande erwähnt und davon ausgegangen, dass die dauerhafte und extreme Suche nach Flow zur Sucht führen kann (Pritz, 2009). Empirische Analysen, die beide Phänomene direkt in Verbindung miteinander bringen, sind jedoch nicht bekannt.

Auf Grundlage verschiedener Erkenntnisse aus der Forschung, welche folglich näher betrachtet werden sollen, wird angenommen, dass es eine positive Korrelation zwischen Flow-Erleben und der Sportsucht gibt. Es wird in einer empirischen Studie mit extremen Ausdauersportlern Abhängigkeit vorhergesagt und der Zusammenhang zwischen Bewegungssucht und dem Flow durch einen Web-Survey überprüft. Die empirische Untersuchung und eine kritische Diskussion sollen den Mittelpunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit darstellen.

Die Analyse soll dazu beitragen, das Konstrukt der Sportabhängigkeit besser zu verstehen sowie zukünftige Therapiekonzepte für die Bewältigung der Sucht zu entwickeln. Außerdem können die Erkenntnisse unterstützend für einen neuen Blickwinkel des Sporttreibens wirken, sodass eine kritische Auseinandersetzung mit dem exzessiven Bewegen stattfinden kann.

2. Verhaltenssucht

Heutzutage kommen Verhaltenssüchte immer häufiger zur Sprache. Doch sie sind kein Phänomen, das erst jetzt in Erscheinung tritt. Bereits im antiken Römischen Reich, Griechenland und Indien wurde diese Thematik beschrieben (Bilke-Hentsch, Wölfling, & Batra, 2014). Der Begriff Sucht kommt von siech (englisch: sick) und bedeutet übersetzt krank. Das englische Wort für Sucht (addiction), das vorwiegend im klinischen Alltag verwendet wird, stammt von addicere und lässt sich mit Versklavung übersetzen. Bereits die Wortbedeutungen können Aufschluss über die Erscheinung einer Sucht geben. Nach Schneider (2015) handelt es sich um eine psychische Störung, die mit einem unbezwingbaren Verlangen einhergeht. Darüber hinaus beschreibt er einen damit verbundenen periodischen Verlust der Selbstkontrolle, welcher beispielsweise durch Habsucht oder Geltungssucht zum Ausdruck gebracht werden kann. Infolge einer maßlosen, zwanghaften Ausführung kommt es zu erheblichen psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen. Außerdem ist zu unterscheiden, dass bei isoliertem Zwangverhalten die Abwehr von negativen Gefühlen im Vordergrund steht, wohingegen bei Suchtverhalten vor allem das Belohnungssystem aktiviert wird und der Fokus auf die positive Wirkung gerichtet wird (Schneider, 2015).

Heutzutage treten wir so vielen Phänomenen gegenüber, dass zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten differenziert wird (Gross, 2016). Stoffgebundene Süchte werden durch psychotrope Substanzen erzeugt, die Funktionen des zentralen Nervensystems verändern (Rothenhäusler & Täschner, 2013). Von Drogen ist hingegen die Rede, wenn die psychotrope Substanzen in Teilen des Gehirns Veränderungen in der Signalübertragung erzeugen (Schneider, 2015). Während in den letzten Jahrzehnten primär stoffgebundene Abhängigkeiten, wie exzessiver Alkoholkonsum oder der übermäßige Gebrauch von Nikotin und Cannabis, im Fokus der Gesellschaft standen, wird das Augenmerk immer mehr auf den Gegenstandbereich der stoffungebundenen Sucht gerichtet, bei der das Verlangen nicht auf eine Droge, sondern ein Verhalten bezogen ist (Gross, 1995).

3. Sportsucht

Die Sportsucht kann nach der International Classification of Diseases (ICD-10) zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen gezählt werden. Die Begriffe Sport oder Bewegung tauchen in diesem Kontext jedoch nicht auf. Lediglich die Kategorie der weiteren abnormalen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle lässt eine Zuordnung für die Bewegungsabhängigkeit zu. Beschrieben werden die Verhaltensweisen dort als wiederholend und unangepasst. Weiter wird dargestellt, dass die Personen dem Impuls des Verhaltens nicht widerstehen können und währenddessen ein Gefühl der Erleichterung eintritt (Dilling, Mombour, Schmidt, & Schulte-Markwort, 2016).

Eine zusätzliche Klassifizierung ist die Unterteilung in primäre und sekundäre Sportsucht. Die sekundäre Sportsucht wurde die letzten Jahre aus vielen Perspektiven analysiert. Die Abhängigkeit von sportlicher Aktivität steht bei dieser Form mit verschiedenen Essstörungen, wie der Anorexie, in Verbindung (Pritz, 2009). Im Kontrast dazu, liegt bei der primären Sportsucht der Blickpunkt autonom auf der sportlichen Aktivität und die Person zeigt vorwiegend intrinsische Motivation1 (Schipfer, 2015). Dies ist auch der Ansatzpunkt, um die Sportsucht von der vorwiegend extrinsischen Leidenschaft oder dem Engagement zu differenzieren, bei denen der Sport zwar auch eine wichtige Rolle einnimmt, aber nicht den Lebensmittelpunkt darstellt (Landolfi, 2013). Grundsätzlich ist jedoch zu beachten, dass die primäre Sportabhängigkeit in vielen Quellen kritisch diskutiert wird, da sie klinisch noch nicht anerkannt wurde (Schipfer, 2015).

3.1 Sportabhängigkeit versus Sportsucht

Für den Begriff Sucht existiert keine einheitliche Definition. Die Weltgesundheitsorganisation hat deshalb angeraten, anstelle dessen, das Wort Abhängigkeit zu verwenden (Agarwal, 1987). In der Literatur im Allgemeinen wird die Gleichsetzung der Sportabhängigkeit und Sportsucht kritisch gesehen. Laut Pritz (2009) bilden bei der Bewegungsabhängigkeit (exercise dependence) vorwiegend die klinischen Kriterien den Schwerpunkt. Schneider (2015) hingegen beschreibt mit der Abhängigkeit die höchste Ausprägung einer Störung und trennt dabei die Sucht, welche Anteile des Verhaltens und Erlebens beinhaltet und ein aktives Streben darstellt, von der laut ihm eher passiven Abhängigkeit. Bei Studien in der Vergangenheit wurden für ähnliche Untersuchungen verschiedene Begriffe verwendet. Bonaparte sprach von Exercise Commitment, Brehm & Steffen von obligatory exercise und Chapman & DeCastro veröffentlichten ihre Ergebnisse unter dem Begriff running addiction (Hausenblas & Symons Downs, 2002b).

Da es keine genauen Abgrenzungen der Begrifflichkeiten zu geben scheint, werden für die erleichterte Lesbarkeit im Rahmen dieser Arbeit die Begriffe synonym verwendet.

3.2 Ursachen und Erklärungsansätze

3.2.1 Das Suchtdreieck nach Gross

Es existieren verschiedene Faktoren, die bei der Entstehung einer Sucht mitwirken. Diese stehen miteinander in Bezug, weshalb sie laut Gross (1995) in einem Dreieck (siehe Abb.1, S.7) dargestellt werden können. Demzufolge stehen der Mensch mit seiner Persönlichkeit, die Gesellschaft mitsamt der Akzeptanz gegenüber dem Suchtmittel sowie das süchtige Verhalten mit den Gefahren und Anreizen in direkter Verbindung miteinander (Gross, 1995).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Das Suchtdreieck (nach Gross, 1995, S.24)

Die Existenz der Suchtpersönlichkeit wird in der Literatur kritisch diskutiert. Im Falle des Sports sind laut Bilke-Hentsch et al. (2014) häufig Rigidität und Perfektionismus zu erkennen, weshalb die Sportabhängigkeit oft in Zusammenhang mit Essstörungen gebracht wird. Der Körper steht infolgedessen für Sportsüchtige häufig im Fokus. Während sie davon ausgehen, dass es Frauen um das optische Erscheinungsbild geht, steht bei Männern vielmehr der Leistungsgedanke im Vordergrund. Darüber hinaus vergleichen sich beide Geschlechter dauerhaft mit ihren Mitmenschen (Bilke-Hentsch et al., 2014). In diesem Kontext ist auch March (2004) der Auffassung, dass die Persönlichkeit einen Suchtcharakter aufweisen kann. Gerade Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl sind demnach gefährdet, aus Situationen zu flüchten und im exzessiven Sporttreiben eine Ersatzhandlung zu suchen (March, 2004). Neben der ästhetischen Form der Sportabhängigkeit gibt es jedoch noch weitere Unterteilung, wie beispielsweise die erlebnisorientierte Sportsucht (Bilke-Hentsch et al., 2014). Durch diese verschiedenen Perspektiven der Abhängigkeit sind die Persönlichkeitseigenschaften häufig inkonsistent. Teesson, Degenhardt, & Hall (2008) beschreiben im Kontrast dazu die Sucht als ein Zusammenspiel zwischen Genetik und Lebensumfeld. Auf Grund dessen wäre die Sucht zu einem großen Teil von Geburt an vorbestimmt und wurde durch den Einfluss der Gesellschaft verstärkt oder abgeschwächt werden.

Betrachtet man den Standpunkt des Sports in der Gesellschaft genauer, fällt auf, dass vor allem die Gesundheit als ein wichtiger Wert anerkannt wird. So wird Sport vorwiegend als positiver Einflussfaktor für das Wohlbefinden gesehen und erst bei akutem Kontrollverlust, wenn das Interessenfeld stark eingeengt und trotz Verstärkung des Verhaltens die Befriedigung verringert wird, die Sucht als solche erkannt (Schneider, 2015). Außerdem ist man beim Drogenkonsum meist auf sich alleine gestellt, während der Sport unter anderem die Möglichkeit bietet, bei Veranstaltungen mit einem Publikum, die Tätigkeit in der Gemeinschaft zu erleben. Nicht zuletzt muss bedacht werden, dass die heutige westliche Gesellschaft an Leistungen orientiert ist. Um dem Druck gerecht zu werden, wird von Sportlern voller Einsatz erwartet, weshalb eine stetige Trainingssteigerung für viele unabdingbar scheint.

Um die dritte Komponente, das süchtige Verhalten, besser verstehen zu können, sollen im Folgenden die physiologischen und psychologischen Hintergründe näher beleuchtet werden.

3.2.2 Physiologischer Erklärungsansatz

Es wird kontrovers diskutiert, inwieweit die Sportsucht zu Veränderungen im Gehirn und den neuronalen Schaltkreisen führt. Abbildung 2 (S.9) veranschaulicht den Kreislauf physiologischer Abläufe des Belohnungssystems. So wird vorrangig der Neurotransmitter Dopamin und endogene Opioide, wie beispielsweise Endorphine, in den gleichen Hirnregionen freigesetzt (Schneider, 2015).

Kommt es zu natürlich lohnenden Ereignissen sorgt das mesolimbische System für eine Freisetzung lusterzeugender Stoffe (Sarges, 2013). Doch nicht nur das Verhalten an sich, sondern auch die Vorfreude darauf sorgt für die Ausschüttung endogener Opioide (Schneider, 2015), welche die Stimmung positiv beeinflussen (Aderhold & Weigelt, 2018), Schmerzen und Angst minimieren und als Glückssubstrat gelten (Gross, 1995).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Der Kreislauf des Belohnungssystems (in Anlehnung an die im Text aufgeführten Quellen)

Durch die Vermittlung des positiven Effekts während der Handlung, wird bei folgender Ausführung eine Belohnung assoziiert (Bilke-Hentsch et al., 2014). Das Motivationssystem setzt als Konsequenz den Neuromodulator Dopamin frei, welcher einen motivierenden Effekt auf das Verhalten erzeugt (Biesinger, 2019). Neurowissenschaftliche Befunde konnten zeigen, dass die erhöhte Menge des Botenstoffs Dopamin im Gehirn der Grund ist, weshalb die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines bestimmten Verhaltens gesteigert wird (Ganten & Ruckpaul, 1999).

Das Katecholamin Dopamin ist in diesem Kontext jedoch nicht nur ein Haupttransmitter für Motivation und Erwartungen, sondern verantwortlich für die Entwicklung eines Zwangs (DiSalvo, 2014). Schneider (2015) beschreibt hierbei den kontinuierlichen Prozess von einem Wunsch, über ein Verlangen bis zum Zwang. Während zu Beginn das Verhalten genutzt wird, um den positiven Effekt einfacher zu erzielen, ist der Süchtige später von dem Verhalten abhängig. Physiologisch erklärt Schneider (2015) es dadurch, dass der Körper durch die immer wiederkehrende Ausschüttung mit einer reduzierten eigenen Produktion reagiert. Wird das Verhalten daraufhin vermindert, führt es zu Entzugserscheinungen (Meyer & Bachmann, 2005).

Weiter wird diskutiert, inwieweit ein Suchtgedächtnis existiert, welches für eine immer höhere Dopaminausschüttung sorgt und damit die Zuwendung hin zu der Suchthandlung verstärkt (Bilke-Hentsch et al., 2014). Dies würde bedeuten, dass nicht nur nach dem angeborenen Antrieb gehandelt wird, sondern durch Lernen eine Verhaltensadaptation stattfinden kann. Folglich kann der Mensch seine Aufmerksamkeit gezielt auf ein Verhalten richten, mit dem eine Belohnung in Verbindung gebracht wird und dieses mithilfe des Gedächtnisses speichern. In der Psychologie wird dieses Phänomen als Konditionierung bezeichnet (Barth, 2016). Ziemlich schnell entsteht eine routinierte Kette von Schlüsselreiz, Aufmerksamkeit, Verhalten und der anschließenden Belohnung (Schneider, 2015). Da die positiven Folgen jedoch nur noch ab und zu in Erscheinung treten, wird das Verhalten immer weiter gesteigert, bis die Grenze zur Abhängigkeit überschritten ist. Bilke-Hentsch et al. (2014) gehen in diesem Bezugsrahmen davon aus, dass die konditionierte Aufmerksamkeitszuwendung zu der Suchtaktivität durch das implizite Gedächtnis ein Rückfallgrund, trotz einer langen Zeitspanne der Abstinenz, ist.

Im Ausdauersport, insbesondere bei den Läufern, fällt in diesem Kontext häufig der Begriff des runner’s high. Der Zustand, der als runner’s high beschrieben wird, steht vor allem mit dem Gefühl von Schwerelosigkeit und der Ausschüttung bestimmter Endorphine in Verbindung (March, 2004). Auf Grundlage verschiedener Studien der Vergangenheit wird davon ausgegangen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Endorphin-Freisetzung durch Ausdauertätigkeiten und einer Laufsucht gibt. So wurde herausgefunden, dass es während und nach einer sportlichen Aktivität zu einer signifikanten Erhöhung der Beta-Endorphinkonzentration kommt (Carr et al., 1981). Dieses ist hauptsächlich für die Euphorie und die Herabsetzung des Schmerzempfindens verantwortlich (Poppelreuter & Gross, 2000; Stoll, Pfeffer, & Alfermann, 2010) und wird unter anderem auch bei der Therapie Substanzabhängiger genutzt (Schneider, 2015). Die Endorphin-Hypothese wird jedoch die letzten Jahre kritisch diskutiert, da Studien bereits gezeigt haben, dass es trotz weiter Laufdistanzen zu keiner signifikanten Ausschüttung gekommen ist (Pestell, Hurley, &Vandongen, 1989).

Als letzte physiologische Veränderung ist die Regulation des präfrontalen Kortex zu betrachten. Neben dem limbischen System ist dieser ein, am Motivationsprinzip beteiligtes, wichtiges Hirnareal (Stoll et al., 2010). Bei der Untersuchung von Glücksspielsüchtigen konnte festgestellt werden, dass es zu einer Herunterregulation des ventromedialen präfrontalen Kortex kommt, was seinerseits zu einer Verminderung der Entscheidungsfindung der Personen führt (Bilke-Hentsch et al., 2014).

3.2.3 Psychologischer Erklärungsansatz

Das Wohlfühlen ist für den Menschen ein erstrebenswertes Ziel. Auf der Grundlage Schneiders (2015) soll darauf im Folgenden näher eingegangen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Das Erlangen des Wohlbefindens (nach Schneider, 2015, S. 24)

Er stellt die vier psychologischen Grundbedürfnisse dar, die vorwiegend für das Wohlbefinden verantwortlich sind (siehe Abb. 3, S.11). Die Kontrolle, der Selbstwert, die Bindung und das Luststreben bzw. die Unlustvermeidung. Der Mensch versucht demzufolge den Sinn seiner selbst herauszufinden. Er möchte sich möglichst perfekt zeigen und strebt in einem bestimmten Maß nach Kontrolle und Spaß. Wird ein Bedürfnis auf Kosten eines anderen Bedürfnisses befriedigt, kann das Wohlbefinden gestört werden.

Außerdem haben nach Schneider (2015) die Außenwelt, biologische Mechanismen und das eigene Handeln einen Einfluss auf das Wohlfühlen. Während der Mensch kaum eine Handhabe über die Außenwelt und die körperlichen Vorgänge hat, kann er durch das Denken, Arbeiten, die Kontaktaufnahme als auch einen Drogenkonsum das Wohlbefinden verändern. Das Ausführen einer sportlichen Tätigkeit ist demnach zielgerichtet und verfolgt den Sinn des Wohlfühlens (Schneider, 2015).

Da der Fokus jedoch so stark auf das Suchtverhalten beschränkt ist und alles andere in den Schatten gestellt wird, ist es nur eine Ersatzbefriedigung (March, 2004), sodass, auf lange Zeit betrachtet, der Drang nach Bedürfnisbefriedigung immer weiter zunimmt. Weiter verschwindet das Bewusstsein der ursprünglichen Fähigkeiten zur Erlangung des Wohlfühlens und das Suchtverhalten wird zur Gewohnheit (Schneider, 2015). Die Betroffenen können dabei eine Freudlosigkeit entwickeln, die bis zur Depression führen kann (Schrake, 2015).

Die bereits oben erwähnten Änderungen in der Freisetzung von Hormonen und Transmittern bei Sportsüchtigen sind auch in diesem Kontext wichtig, da sie die Reaktion des Gehirns für die Erwartung auf das Eintreten des Wohlbefindens sind (Schneider, 2015). Schneider (2015) formuliert eine psychische Abhängigkeit demnach wie folgt:

„Psychisch abhängig ist jemand, wenn der Suchtmittelgebrauch zum vorherrschenden Mittel für die Herstellung von Wohlbefinden und die Bewältigung von Belastungen und Verstimmungen geworden ist.“ (Schneider, 2015, S. 195).

3.3 Symptomatik

Die Bewegungsabhängigkeit ist klinisch nicht eindeutig definiert, dennoch treten in den Studien der Vergangenheit häufig ähnliche Symptome im Zusammenhang mit der Sportsucht auf.

Entzugssymptome

Die Entzugserscheinungen gelten als wichtiges Kriterium der Sportsucht. Sie sind präsent, wenn die sportliche Aktivität über einen gewissen Zeitraum nicht ausgeführt wird (Bilke-Hentsch et al., 2014). Infolge physiologischer Entzugserscheinungen kann es zur muskulären Erschöpfung, Magen-Darm-Störungen, Kopfschmerzen und Schlafstörungen kommen (Breuer & Kleinert, 2009; Griffiths, 1997; Pritz, 2009). Des Weiteren sind psychische Entzugssymptome üblich. Hier berichten Studien vor allem von Depressionen (Bamber, Cockerill, Rodgers, & Carroll, 2003), Angstzuständen (Bamber et al., 2003; Breuer & Kleinert, 2009; Griffiths, 1997) und Reizbarkeit (Griffiths, 1997; Stoll et al., 2010).

Kontrollverlust

Der Kontrollverlust tritt ein, wenn der Betroffene die Häufigkeit oder Intensität der sportlichen Tätigkeit nicht reduzieren kann, obwohl er dies, aufgrund der Erkenntnis negativer Effekte, versucht (Bilke-Hentsch et al., 2014).

Konflikte und Probleme im sozialen Umfeld

Die sportliche Aktivität entwickelt sich immer weiter zum Lebensmittelpunkt des Abhängigen. Daraus resultierend werden andere Lebensbereiche wie der Beruf, Familie und Freunde vernachlässigt (Bamber et al., 2003), was häufig zu Konflikten im sozialen Umfeld führt (Breuer & Kleinert, 2009; Stoll et al., 2010).

Zwanghaftigkeit/Intentionalität

Das Symptom beinhaltet ein Gefühl der Hilflosigkeit und wird als Leidensdruck wahrgenommen (Pritz, 2009). In der Literatur ist die Zwanghaftigkeit als Symptom der Sportsucht stark umstritten. Während es die einen für essentiell anerkennen, sind andere der Meinung, dass es eine Differenzierung zwischen Zwang und Sucht geben sollte (Bilke-Hentsch et al., 2014).

[...]


1 Intrinsisch: Motivation durch Anreize, die in der Handlung selbst liegen (Wild & Möller, 2009).

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Flow-Erleben und Abhängigkeit im Ausdauersport. Wenn Sport zur Sucht wird
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
52
Katalognummer
V505515
ISBN (eBook)
9783346050335
ISBN (Buch)
9783346050342
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sportsucht, Sportabhängigkeit, exercise addiction, Flow, Psychologie, Studie, Ausdauersport, Sucht, Abhängigkeit, Sport, Sportwissenschaft, bachelorarbeit, Marathon, Triathlon
Arbeit zitieren
Pia Frischknecht (Autor), 2019, Flow-Erleben und Abhängigkeit im Ausdauersport. Wenn Sport zur Sucht wird, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505515

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