Lesen im didaktischen Kontext. Über die Förderung der einzelnen Dimensionen von Lesekompetenz in Lernaufgaben der Grundschule


Hausarbeit, 2017
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretisches Fundament
2.1 Definition Lesen
2.2 Der Leseprozess von der Rekodierung der Laute bis zur semantischen Wortaufnahme

3 Lesekompetenz
3.1 Grundlagen der Lesekompetenz
3.2 Das Mehrebenenmodell des Lesens
3.3 Aspekte von Leseflüssigkeit

4 Leseförderung
4.1 Grundlagen der Lesediagnostik
4.2 Förderungsmöglichkeiten der einzelnen Dimensionen von Lesekompetenz
4.2.1 Förderung im Bereich der Prozessebene
4.1.2 Förderung im Bereich der Subjektebene
4.1.3 Förderung im Bereich der sozialen Ebene

5 Exemplarische Aufgaben für die Grundschule

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Fähigkeit zu Lesen ist eine elementare Voraussetzung, um am Alltag unserer Gesellschaft teilhaben zu können. Straßenschilder zu erkennen, Zeitungen und Bedienungsanleitungen zu lesen oder sogar das Durchsehen eines Facebook-Feeds, sind nur einige Beispiele, die ohne die Fähigkeit zu lesen nur sehr bedingt möglich wären. Zur Partizipation am gesellschaftlichen Alltag ist die Entwicklung einer mindestens rudimentären Lesekompetenz daher unabdingbar und muss dementsprechend bereits im frühen schulischen Alltag gelehrt und gefördert werden.

In den herausgegebenen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für den Primarbereich werden daher auch die vier Teilbereiche1 im Kompetenzbereich "Lesen - mit Texten und Medien umgehen"2 als fundamentale Standards dargestellt.

Insbesondere im didaktischen Kontext muss hierbei beachtet werden, dass die Lesekompetenz für sich bereits ein vielschichtiges Konstrukt ist und aus mehreren Teilfertigkeiten auf verschiedenen Kompetenzebenen besteht.3

Im Kontext einer Leseförderung spielt das Bewusstsein der Differenzierung einzelner Dimensionen von Lesekompetenz eine wichtige Rolle, wie anhand des "Mehrebenenmodell des Lesens"4 von Rosebrock & Nix anschaulich dargestellt wird.

Die vorliegende Hausarbeit konzentriert sich im Zuge einer intensiven Auseinandersetzung auf das Lesekompetenzmodell von Rosebrock & Nix und geht der Fragestellung nach, wie die dort dargestellten Dimensionen von Lesekompetenz in Leseaufgaben der Grundschule gefördert werden können.

Dazu wird zunächst ein theoretisches Fundament erarbeitet (2), in welchem der Terminus "Lesen" definiert und der Vorgang des Lesens detaillierter erläutert wird. Daraufhin erfolgt eine Beschreibung der Grundlagen von Lesekompetenz (3), eine Erarbeitung des "Mehrebenenmodell des Lesens" sowie eine Darstellung der Aspekte von Leseflüssigkeit. Im Abschnitt "Leseförderung" (4) werden zuerst kurz die Grundlagen der Lesediagnostik dargestellt, um daraufhin die Förderungsmöglichkeiten der einzelnen Dimensionen von Lesekompetenz genauer zu analysieren. Abschließend erfolgen einige exemplarische Lernaufgaben (5) sowie das Fazit (6).

2 Theoretisches Fundament

2.1 Definition Lesen

Der Terminus "Lesen" "kommt von lat. 'legere' und bedeutete zunächst '(ein-, auf-)-sammeln'. In dieser Bedeutung findet er sich noch in Wörtern wie 'Weinlese', 'handverlesen'; 'Auslese'."5

Lesen beinhaltet allerdings weit mehr, als nur "etwas Geschriebenes, einen Text mit den Augen und Verstand [zu] erfassen."6

Das Lesen ist nicht einfach nur ein technischer Prozess, "in dem die einzelnen Buchstaben in Laute übersetzt und aneinander gereiht werden"7, sondern ein informationsverarbeitender Prozess, in dessen Zuge Buchstaben und Wörtern eine semantische Bedeutung entnommen wird. Es wird demnach vom Leser nicht nur die mechanische Übersetzung von Buchstaben in Laute erwartet, sondern das komplexe Zusammenspiel von hörsprachlicher Kompetenz, Allgemeinwissen, Wortschatz und Suchstrategie gefordert, um zu einer semantisch sinnvollen Bedeutungssynthese zu gelangen.

2.2 Der Leseprozess von der Rekodierung der Laute bis zur semantischen Wortaufnahme

Lesenlernen ist ein fordernder und lang anhaltender Prozess. Leseanfänger müssen sich jedes Wort erarbeiten. "Das heißt, die visuelle Wahrnehmung und Unterscheidung einzelner Buchstaben, die artikulatorische Umsetzung und das Synthetisieren von Buchstaben zu Silben und Wörtern, die sich bei geübten Lesern gar nicht als Einzelprozesse wahrnehmen lassen, spielen hier eine bedeutende Rolle."8

Allgemein lässt sich der Lesevorgang in drei Ebenen unterteilen9:

1. Die Ebene der Buchstaben- und Worterkennung mit basalen analytischen und synthetischen Teilprozessen
2. Die Ebene der syntaktischen und semantischen Analyse von Wortfolgen und schließlich
3. die Textebene in ihrem satzübergreifenden Aufbau einer kohärenten Textstruktur

Auf der ersten Ebene erfolgt die visuelle Wahrnehmung des Buchstabens und die daraus entstehende Graphem-Phonem-Zuordnung. Dies geschieht Buchstabe für Buchstabe, bis man sich das jeweilige Wort "erlesen" hat. Obwohl "parallel Suchprozesse im inneren Lexikon beginnen, um das Rätsel der Wortbedeutung lösen zu können"10, führt "das Erlesen eines Wortes nicht selbstverständlich zur Sinnentnahme"11, da "man den Buchstaben nicht ansehen kann, ob und in welcher Klangvariante sie ausgesprochen werden müssen."12

Die kontextabhängige und bedeutungstragende Aussprache eines Lautes bzw. Buchstabens, "ergibt sich erst über ihre Anordnung innerhalb der Silben eines Wortes."13

Der Zugang zur semantischen Synthese erfolgt daher erst über die Silben- und Lautanalyse und führt daraus resultierend zur Sinnverknüpfung. Auf der zweiten Ebene des Leseprozesses erfolgt nun der Zugriff auf ein "inneres Lexikon", in welchem sich der bereits erworbene und semantisch zugeordnete Wortschatz befindet. Das einzelne Wort wird nun mit einer Bedeutung assoziiert und danach im Rahmen der Wortfolge im syntaktischen Kontext betrachtet und analysiert.

Die dritte Ebene ist die Ebene des Textverständnisses. Die vorangegangene semantische Wortanalyse führt nun zu einem "Verstehen von Sinnzusammenhängen auf Satz und Textebene"14 und schließlich dem inneren Aufbau einer kohärenten Textstruktur.

Im Rahmen einer Betrachtung des Leseprozesses ist es wichtig festzuhalten, dass sich zwischen guten und schwachen Lesern teils deutliche Differenzen auf den verschiedenen Ebenen zeigen. Die Lernentwicklung schwacher Leser verläuft langsamer, insbesondere in einzelnen Teilbereichen wie z. B. der Aneignung der Graphem-Phonem-Zuordnung, den darauf aufbauenden Syntheseleistungen und daraus resultierend dem Aufbau eines Sichtwortschatzes, gestaltet sich der Lernprozess deutlich mühseliger.15

Generell gehört es zum Lesenlernen aber, unabhängig von gutem oder schwachem Leser, auch dazu Fehler zu machen, diese sollten allerdings nicht stigmatisiert, sondern als Lernschritte betrachtet und korrigiert werden. Unterscheidend zwischen guten und schwachen Lesern ist nicht einzig die Art und Weise oder das Auftreten eines Fehlers, sondern "die Art, wie sie mit [...] Fehlern umgehen"16, beeinflusst maßgeblich ihre Lesekompetenz.

3 Lesekompetenz

3.1 Grundlagen der Lesekompetenz

Der Begriff der Lesekompetenz bezeichnet im Allgemeinen "die Fähigkeit, kontinuierliche, diskontinuierliche und multimediale Texte im Medium der Schrift zu verstehen und sie für individuelle und gesellschaftlich bedingte Zwecke zu nutzen."17 Die Fähigkeit lesen zu können, bildet daher die Grundlage für weitergehenden Wissenserwerb, kommunikative Handlungsfähigkeit und ist folglich essentiell "für eine erfolgreiche Lebensführung in der Informations- und Mediengesellschaft."18

Allerdings ist nicht jedes Individuum, welches die Fähigkeit zu lesen besitzt, damit einhergehend auch als lesekompetent zu bezeichnen. Das Konstrukt der Lesekompetenz ist sehr vielschichtig und definiert sich durch mehrere Teilfähigkeiten, wie anhand der bisherigen Darstellungen bereits in Teilen ersichtlich wurde.

Ein systematischer Blick auf die Dimensionen der Lesekompetenz und die beteiligten Teilkomponenten erfolgt nun exemplarisch anhand des Mehrebenenmodell des Lesens von Rosebrock & Nix, welches die kognitiven Erwerbswege des Lernprozesses in den Vordergrund stellt und damit im Vergleich zu anderen Kompetenzmodellen, wie z. B. dem PISA-Konzept19, die zu dem Zwecke dieser Hausarbeit differenzierteste Analyse der Förderungsformen ermöglicht.

3.2 Das Mehrebenenmodell des Lesens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Mehrebenenmodell des Lesens

In der kegelförmigen Darstellung wird der Vorgang des Lesens in drei Dimensionen eingeteilt: Die Prozessebene, die Subjektebene und die soziale Ebene.

Die Leseflüssigkeit wird dabei in der Prozessebene verortet, wo sich die hierarchieniedrigen Prozesse befinden.20 Diese kognitiven Fähigkeiten umfassen die elementaren geistigen Prozesse beim Lesevorgang, wie z. B. die Buchstaben-, Wort- und Satzerkennung durch Dekodierung sowie die lokale Kohärenzbildung, durch sinnbildende Verknüpfung der Satzfolgen.

Sobald diese hierarchieniedrigen Prozesse beherrscht werden, können die hierarchiehöheren Prozesse, wie z B. die Bildung globaler Kohärenz oder das Erkennen von Superstrukturen gelingen. Kompetente Leser schaffen es nun den Text als Ganzes wahrzunehmen21 und Textsortenwissen zu aktivieren, so dass formale Gestaltungen, Textformen und Gestaltungsmittel wie z. B. Symbole "erkannt und damit erwartbar werden."22

Die Ebene mit der höchsten Komplexität übt ein kompetenter Leser aus, in dem er Darstellungsstrategien identifiziert und sich z. B. beim Lesen eines Gedichtes oder einer Wahlkampfrede "bewusst macht, warum der Text hier so verfährt wie er verfährt."23

Auf der Subjektebene befinden sich nun die in Wissen, Beteiligung, Motivation und Reflexion eingeteilten Bereiche, die insbesondere im Hinblick auf das Selbstkonzept des Lesers, und dadurch auch auf die Motivation, eine wichtige Rolle spielen. Ohne eine subjektive und emphatische Beteiligung am Textgeschehen, kann z. B. die Analyse der Motive einer literarischen Figur nicht gelingen.24

Innerhalb der sozialen Ebene wird nun der Aspekt der Anschlusskommunikation dargestellt. Bezogen wird sich hierbei auf die verschiedenen Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Peers. Die Sozialisation übt einen großen Einfluss auf die Lesemotivation und den Erwerb sowie Ausbau der Lesekompetenz aus. Erst das Aktivieren und Trainieren der Kompetenzen innerhalb der Anschlusskommunikation des Alltags sorgen für einen tiefergehenden Lernerfolg im Bereich der Lesekompetenz.

[...]


1 Die Teilbereiche sind: über Lesefähigkeiten verfügen; über Leseerfahrungen verfügen; Texte erschließen & Texte präsentieren

2 vgl. KMK. (2005)

3 siehe Rosebrock, C. (2012) [online] S. 4

4 siehe Rosebrock, C. & Nix, D. (2008) S. 16

5 siehe Weinhold, S. (2005) S. 7

6 siehe Duden.de. (2017) [online]

7 siehe Weinhold, S. (2005) S. 7

8 siehe Weinhold, S. (2005) S. 8

9 siehe Schründer-Lenzen, A. (2004) S. 87

10 siehe Schründer-Lenzen, A. (2004) S. 88

11 siehe Weinhold, S. (2005) S. 9

12 ebd.

13 ebd.

14 siehe Schründer-Lenzen, A. (2004) S. 96

15 vgl. Schründer-Lenzen, A. (2004) S. 94

16 siehe Dehn, M. (1988) S. 34 in Weinhold, S. (2005) S. 13

17 siehe Krelle, M. (2013) in Rothstein, B.; Müller, C. (Hrsg.) (2013) S. 228 f.

18 ebd.

19 vgl. Pisa.tum.de (2017) [online]

20 vgl. Philipp, M. (2012)

21 siehe Rosebrock & Nix (2012) S.13 ff.

22 siehe Rosebrock, C. (2012) [online] S. 5

23 ebd.

24 vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Lesen im didaktischen Kontext. Über die Förderung der einzelnen Dimensionen von Lesekompetenz in Lernaufgaben der Grundschule
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Sprache, Literatur und Medien)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V505740
ISBN (eBook)
9783346058539
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schriftspracherwerb, Dimensionen von Lesekompetenz, Mehrebenenmodell des Lesens, Aspekte von Leseflüssigkeit, Lesekompetenz, Leseflüssigkeit
Arbeit zitieren
Moritz Köpp (Autor), 2017, Lesen im didaktischen Kontext. Über die Förderung der einzelnen Dimensionen von Lesekompetenz in Lernaufgaben der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505740

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