Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Funktion herauszuarbeiten, die der Peisistratiden-Exkurs im Geschichtswerk des Historikers Thukydides erfüllt. Dafür wird zunächst zur Kontextualisierung die Tyrannis der Peisistratiden-Dynastie in ihren Grundzügen umrissen. Anschließend werden die Äußerungen des Historikers über die Peisistratidenzeit ausgewertet und mit der öffentlichen Meinung der Athener verglichen. Da sich eine Bestimmung der Funktion des Exkurses nicht bei einer isolierten Betrachtung verwirklichen lässt, soll zuletzt der Kontext untersucht werden, in den der Peisistratiden-Exkurs formal eingearbeitet ist; dafür wird die Alkibiadeshandlung in aller Kürze zusammengefasst, wobei der Fokus auf der Person des Alkibiades und seiner politischen Entwicklung innerhalb des demokratischen Systems in Athen liegt. Auf dieser Grundlage wird der Zusammenhang zwischen der Alkibiadeserzählung und dem Peisistratiden-Exkurs herausgestellt, um abschließend ein Fazit über die Funktion des Exkurses ziehen zu können.
Zu der Zeit, als der griechische Geschichtsschreiber Thukydides seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges schrieb, hatte es seit Generationen keine Tyrannenherrschaften mehr in Griechenland gegeben. Ungebrochen war allerdings das Interesse der Griechen an dieser vergangenen Phase ihrer Geschichte, die in der heutigen Geschichtswissenschaft - in Abgrenzung zu der Tyrannis des hellenistischen Zeitalters - als "ältere" Tyrannis bezeichnet wird. Die Bewertung dieser Tyrannen fiel überdies mehrheitlich negativ aus. Eine dieser Tyrannenherrschaften, die besonders in der kollektiven Erinnerung der athenischen Polis haften blieb, war die des Aristokraten Peisistratos und ihm nachfolgend seines Sohnes Hippias, die - im Vergleich zu den übrigen Tyrannenherrschaften - eine ungewöhnlich lange Dauer hatte. Die Tyrannis der Peisistratiden-Dynastie stand für die unterdrückende Gewaltherrschaft eines despotischen Alleinherrschers. Dieses negative Bild der Peisistratidenherrschaft führte zu einer tiefsitzenden Furcht der Athener vor der Tyrannis. Auch im Geschichtswerk des Thukydides findet die Herrschaft der Peisistratiden Erwähnung. Allerdings zeigt sich, dass Thukydides' Bild der Peisistratidenherrschaft deutlich von dem seiner Zeitgenossen abweicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Herrschaft der Peisistratiden-Dynastie
3. Die Beurteilung der Peisistratidenzeit bei Thukydides
3.1 Die Herrschaft des Peisistratos
3.2 Die Ermordung des Hipparchos
3.3 Das Ende der Peisistratidenherrschaft
4. Die Stellung des Peisistratiden-Exkurses im Geschichtswerk
4.1 Die Alkibiadeshandlung
4.2 Der Zusammenhang zwischen der Alkibiadeshandlung und dem Peisistratiden-Exkurs
5. Fazit
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion des sogenannten Peisistratiden-Exkurses innerhalb des Geschichtswerks des Thukydides. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, warum der Autor diesen historisch distanzierten Einschub in seine Darstellung der zeitgenössischen Alkibiadeshandlung integriert und inwieweit er damit die zeitgenössische athenische Wahrnehmung von Tyrannis und politischer Gefahr korrigieren sowie in einen größeren historischen Kontext einordnen möchte.
- Historische Kontextualisierung der Peisistratiden-Dynastie
- Kritische Analyse von Thukydides' Darstellung der Tyrannis
- Zusammenhang zwischen der Alkibiades-Biographie und dem Exkurs
- Untersuchung der athenischen "Tyrannenphobie" und deren politische Auswirkungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Herrschaft des Peisistratos
Thukydides´ Darstellung und Einschätzung der Herrschaft der Peisistratiden im Allgemeinen – und der des Peisistratos im Besonderen – ist entgegen der späteren Darstellung der Tyrannen durchaus positiv:
„Auch sonst führte er [Peisistratos] sein Amt ja in einer Weise, die von der breiten Masse nicht als bedrückend empfunden wurde, sondern hatte sich so eingerichtet, dass es keinen Grund für Beschwerden gab; überhaupt haben diese Leute als Alleinherrscher die längste Zeit mit edler Gesinnung und klugem Verstand regiert und, obwohl sie von den Athenern nur fünf Prozent der Einkünfte als Steuern eintrieben, ihre Stadt mit schönen Bauten geschmückt, die Kriege bis zum Ende durchgefochten und Opfergaben für die Heiligtümer bereitgestellt. Ansonsten hielt die Stadt an den zuvor gültigen Gesetzen fest, außer dass die Herrscherfamilie dafür sorgte, dass immer einer der Ihren unter den maßgeblichen Amtsträgern war. So bekleideten sowohl andere aus dieser Familie das auf ein Jahr befristete Archontat in Athen als auch Peisistratos.“
Aus dieser aufschlussreichen Äußerung des Historikers geht hervor, dass die Peisistratiden zur Sicherung ihrer Herrschaft die wichtigsten Ämter des Gemeinwesens nur innerhalb der eigenen Familie vergaben, sodass andere – den Peisistratiden eventuell feindlich gesinnte – Aristokraten gar nicht erst die Gelegenheit dazu bekamen, ihre Machtstellung innerhalb der Tyrannis zu einem Sturz des amtierenden Tyrannen zu missbrauchen. Trotz dieser herrschaftssichernden Maßnahmen betont Thukydides, dass die Bevölkerung Athens in keiner Weise unter dem Tyrannen zu leiden hatte; weder in physischer noch in ökonomischer Hinsicht. Vielmehr hebt der Historiker hervor, dass die Steuerlast lediglich bei fünf Prozent der Einkünfte lag, die Baumaßnahmen innerhalb Athens dennoch in ausreichendem Maße zur Verschönerung der Stadt dienten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert das Interesse der antiken Griechen an der "älteren" Tyrannis und leitet zur abweichenden Darstellung des Thukydides über, der die athenische Naivität bezüglich der Peisistratiden kritisiert.
2. Die Herrschaft der Peisistratiden-Dynastie: Das Kapitel schildert den Aufstieg des Peisistratos durch politische Rivalitäten und militärische Erfolge sowie die Festigung seiner Herrschaft bis zu seinem Tod.
3. Die Beurteilung der Peisistratidenzeit bei Thukydides: Hier wird analysiert, wie Thukydides die Tyrannis entgegen dem negativen kollektiven Gedächtnis der Athener als eine Variante der Machtausübung im bestehenden rechtlichen Rahmen bewertet.
3.1 Die Herrschaft des Peisistratos: Es wird dargelegt, warum Thukydides die Regierungszeit des Peisistratos als effizient, wohlwollend und ökonomisch stabil beschreibt.
3.2 Die Ermordung des Hipparchos: Dieses Kapitel behandelt das Attentat von 514 v. Chr., das Thukydides als persönliche, nicht politische Angelegenheit deutet, um die irrige Vorstellung eines heroischen Tyrannenmordes zu korrigieren.
3.3 Das Ende der Peisistratidenherrschaft: Es wird erläutert, wie sich der Charakter der Herrschaft erst nach der Ermordung des Hipparchos durch das Vorgehen des überlebenden Hippias drastisch verschlechterte und somit zur negativen Tradition der Tyrannis beitrug.
4. Die Stellung des Peisistratiden-Exkurses im Geschichtswerk: Das Kapitel erklärt, wie der Exkurs formal in die Alkibiades-Biographie eingebettet ist, um eine Brücke zwischen vergangener Tyrannis und zeitgenössischer Politik zu schlagen.
4.1 Die Alkibiadeshandlung: Diese Sektion bietet einen Abriss über den politischen und militärischen Werdegang des Alkibiades, seine Verbannung, Rückkehr und letztendlichen Fall.
4.2 Der Zusammenhang zwischen der Alkibiadeshandlung und dem Peisistratiden-Exkurs: Hier wird die Analogie zwischen der irrationalen Furcht des Demos vor der Tyrannis in der Vergangenheit und der Wahrnehmung des Alkibiades in der Gegenwart aufgezeigt.
5. Fazit: Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass der Exkurs als historisches Exempel dient, um die Ursachen für die Niederlage Athens gegen Sparta in der politischen Hysterie und der Verkennung historischer Fakten zu verorten.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten antiken Quelle und der weiterführenden geschichtswissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Thukydides, Peisistratiden, Tyrannis, Alkibiades, Athen, Peloponnesischer Krieg, Geschichtswerk, Peisistratos, Hippias, Hipparchos, Tyrannenmord, Geschichtsschreibung, politische Kultur, Demos, Staatskrise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion des Peisistratiden-Exkurses im Geschichtswerk des Thukydides und untersucht, wie dieser Exkurs als rhetorisches und historisches Mittel genutzt wird, um die politische Stimmung Athens während des Peloponnesischen Krieges zu kommentieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Bewertung der Tyrannis bei Thukydides, die Diskrepanz zwischen kollektivem Gedächtnis und historischer Realität sowie die politische Karriere des Alkibiades.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Exkurs weit mehr als eine historische Fußnote ist; er dient als Exempel, das erklärt, wie eine irrationale Tyrannenfurcht der Athener zu Fehlentscheidungen führte, die maßgeblich zum Scheitern der Stadt im Krieg beitrugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische Analyse des thukydideischen Textes unter Einbeziehung relevanter fachwissenschaftlicher Literatur zur archaischen Tyrannis und zur politischen Geschichte Athens.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Peisistratidenherrschaft, die Analyse der thukydideischen Sicht auf den Tyrannenmord sowie die Verknüpfung dieser historischen Ereignisse mit der Alkibiadeshandlung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Thukydides", "Tyrannenfurcht", "Alkibiades", "Geschichtsexempel" und "Peisistratiden" charakterisieren.
Warum spielt die Person des Hippias eine so entscheidende Rolle für Thukydides?
Hippias wird als Wendepunkt markiert; erst nach dem Tod seines Bruders Hipparchos veränderte er seinen Herrschaftsstil in eine grausame Richtung, was für Thukydides der entscheidende Grund für den negativen Ruf der gesamten Epoche war.
Inwiefern beeinflusste die "Tyrannenphobie" den Fall des Alkibiades?
Der Demos betrachtete den aristokratischen und prunkvollen Lebensstil des Alkibiades durch die Brille der vergangenen Peisistratiden-Tyrannis als Bedrohung, was zu Misstrauen führte und den fähigsten Strategen Athens politisch isolierte.
- Arbeit zitieren
- Julian Kroth (Autor:in), 2019, Die Funktion des Peisistratiden-Exkurses in Thukydides' "Geschichte des Peloponnesischen Krieges", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505774