Die Entwicklung des Langlaufs in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung unter besonderer Berücksichtigung des Marathonlaufs


Magisterarbeit, 2005

135 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Historischer Rückblick auf den Lang- und Marathonlauf
1 Von den Anfängen
1.1 Laufen im alten Griechenland
1.2 Vom Kurierläufer über den höfischen Galaläufer zum Kunstläufer
1.3 England – das Vorbild für den deutschen Langlauf
1.4 Die Premiere des Marathonlaufs in Athen
1.5 42,195 km erstmals in London
2 Die Verbreitung des Langlaufsports in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg
2.1 Das Laufen bei GutsMuths und Jahn
2.2 Die Geburtsstunde des Sportläufers
2.3 Aufschwung und Etablierung des Marathonlaufs
2.3.1 Vom zögernden Beginn bis zur Zwangspause durch den Ersten Weltkrieg
2.3.2 Deutsche Meisterschaften im Marathonlauf ab 1925
Exkurs: Der Marathonlauf bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin

II Chronologie der Lang- und Marathonlauf-Entwicklung in BRD und DDR
1 Der Marathon-Neuanfang im zweigeteilten Nachkriegsdeutschland
2 Die Laufbewegung in der BRD bis zur Wende
2.1 Ein „Zweiter Weg“ für den Sport
2.2 Volksläufe seit 1963
2.3 Die „Trimm-dich“-Aktion seit 1970
2.3.1 Der Beginn der Joggingbewegung in den USA
2.3.2 „Lauf mal wieder“
2.4 Lauftreffs seit 1974
2.5 Stadtmarathons seit den Achtzigern
3 Die Laufbewegung in der DDR bis zur Wende
3.1 Die Rolle des Freizeit- und Erholungssports
3.2 „Lauf dich gesund“ seit 1967
3.3 „Eile mit Meile“ seit 1973
3.3.1 Die Meilentreffs
3.4 Der Rennsteiglauf: die dezentrale Kraft der DDR-Laufbewegung
3.4.1 Ursprünge
3.4.2 Die Auswirkungen des Rennsteiglaufes auf die Laufbewegung
3.5 Der KMU-Marathon – größter Stadtmarathon der DDR

III Der Lang- und Marathonlauf in der Wendephase und im geeinten Deutschland
1 Die Laufbewegung zur Wendezeit
1.1 Begegnungen
Exkurs: DDR-Leistungssportler – Aus der Fremdbestimmung in die Freiheit
1.2 Die Ost-West-Angleichung
1.3 Die Rezession nach der Wiedervereinigung
2 Ausdauerläufe in Deutschland boomen
2.1 Die teilnehmerstärksten Städtemarathons
2.2 Landschaftsläufe in den neuen Bundesländern immer beliebter

IV Langlauf-Manie und gesellschaftlicher Wandel
1 Vom Rekordjäger zum Freizeitläufer
1.1 Laufen als hauptsächliches Phänomen der oberen Mittelschichten
1.1.1 Läufer sind nicht gleich Läufer
1.1.2 Joggen in den Sinus-Milieus
1.2 Vermehrte Freizeit und Wertewandel
1.3 Der Ausbruch aus den Abhängigkeiten der Gesellschaft
2 Der Marathon – Bereicherung für Körper, Geist und Seele
2.1 Das Motiv der Gestaltung des Alltags
2.2 Das Motiv der Erprobung der körperlichen und psychischen Belastungsfähigkeit
2.3 Das Motiv der Neubelebung des Egos
3 Der Marathonlauf im Zeitalter der Kommerzialisierung
3.1 Die Kommerzialisierungswelle überrollt die Laufbewegung
3.1.1 Kommerzialisierungsprozesse in der BRD seit den Siebzigern
3.2 „Die Eventisierung des Festlichen“
3.3 Von der herkömmlichen Laufveranstaltung zum schillernden Event
3.3.1 Das Riesenunternehmen Stadtmarathon
3.3.2 Die Zugkräfte einer regionalen Kleinveranstaltung
3.3.3 Über den existenziellen Einsatz kommunaler Träger und Ehrenamtlicher

Schlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Vom Dorflauf über Kleinstadtläufe bis hin zu den professionellen Marathons in den Großstädten in der offiziellen Statistik des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) sind im Jahr 2004 3.638 Laufveranstaltungen eingetragen. Neben den Volksläufen mit unterschiedlichen Distanzen von 5 km, 10 km über Halbmarathon und Marathon, werden seit kurzer Zeit auch Cross- und Bergläufe in der Erhebung berücksichtigt. Die Königsdisziplin unter den Laufveranstaltungen ist der Marathonlauf. Aktuelle Schätzungen für das Jahr 2005 belaufen sich auf 153 Marathonveranstaltungen in Ost und West.

Präsentierte sich Ende der 60er Jahre der Bräunlingen-Marathon, ein Naturmarathon im Südschwarzwald mit rund 2.000 Teilnehmern, zeitweilig als größter Marathon der Welt, so beherrschen heute die vielen Stadtmarathons das Laufgeschehen. Der Lauf der Superlative ist der Berlin-Marathon als größtes Marathon-Event in Deutschland und eines der größten weltweit. Seitdem dieser Lauf in den 80er Jahren in die Westberliner Innenstadt verlegt wurde, schnellten die Teilnehmerzahlen in die Höhe und läuteten einen noch nicht gekannten Marathonboom innerhalb der Bevölkerung ein. Einzigartiger Höhepunkt in der Geschichte des Berlin-Marathons ist aber der „Lauf in die Deutsche Einheit“, der drei Tage vor dem offiziellen Staatsakt der deutschen Wiedervereinigung stattfand und durch die gesamte Metropole führte. Erstmals in der Historie dieses Stadtmarathons durchliefen Läufer aus Ost und West das Brandenburger Tor, ohne dass dies zuvor von sportpolitischen Stellen abgesegnet werden musste.

Während der Teilung Deutschlands war es der restriktiven Politik des DDR-Regimes verschuldet, dass DDR-Freizeitläufer beim Berlin-Marathon und auch bei anderen überstaatlichen Massenläufen aufgrund der Reisebeschränkungen offiziell nicht teilnehmen durften. Auch die Beteiligung westdeutscher Sportler bei den Laufveranstaltungen in der DDR war untersagt. Systemfremde Einflüsse wie das Aufkommen neuer innovativer Sportarten oder die Modifikation von Formen und Funktionen sportiver Praxis abseits des Leistungssport-Gedankens wurden in der DDR nicht als Neuerungselemente begriffen, sondern als Störung der manifesten Ordnung gesehen (Hinsching 1995, 68f). Ungeachtet der politisch-ideologisch motivierten Gegebenheiten erreichte die ab Mitte der 60er Jahre aufkommende Laufbewegung in der DDR großen Zuspruch. Auf das innewohnende Potenzial der von unten aufkeimenden selbsttätig und individuell ausgerichteten Bewegung reagierte das DDR-Regime jedoch frühzeitig mit kontrollierter Offensive. Durch staatlich organisierte Aktionskampagnen wie „Lauf Dich gesund“ und „Eile mit Meile“ wollten „die Herrschenden brisanten bzw. intransparenten Stellen“ – wie diese die Laufbewegung für sie unweigerlich beherbergte – vorbeugen (Engler 1999, 127). Dennoch konnte sich die Laufbewegung als Einfallstor für „privatistische“ Tendenzen und informelle Gruppierungen neben der staatlich verordneten „Lauf-dich-gesund“- und Meilenlauf-Bewegung von „unten“ weiter ausbreiten und sich letztendlich durch den im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) konstituierten „Freizeit- und Erholungssport“ (FES) gesellschaftlich legitimieren (vgl. Wonneberger 1982, 307ff; Hinsching 1998, 15ff; Austhermühle 2000, 119ff).

Der Laufsport in der vereinsorganisierten Bundesrepublik war bis in die 50er und 60er Jahren ähnlich wie in der ehemaligen DDR ausschließlich wettkampforientiert ausgerichtet. Durch initiierte Aktionen des Deutschen Sport Bundes (DSB) wie die des „Zweiten Weges“ und der „Trimm-Dich-Bewegung“ etablierte sich ein alternatives Laufsportverständnis (vgl. Dieckert 2002, 26ff; Kreitz 1996, 81ff; Baur 2000; 62). Angesichts der vorausgegangenen breitensportlichen Initiativen des „Klassenfeindes“ nahm der mit der zentralistische Leitung des FES betraute DTSB, die Entwicklungen (beginnend mit der phänomenalen Volkslauf- und Lauftreffentwicklung über die „Trimm-dich“-Kampagne bis hin zu den Städtemarathonläufen) auch für die eigenen sportpolitischen Aktionen in Augenschein (vgl. Hennig 1998, 92). Während sich aber in der Bundesrepublik aus den Initiativen des DSB und auch aus freien Kräften von Hochschulen und Selbstorganisationen eine breite Lauflandschaft entfalten und verändern konnte, wurde in der DDR bekanntermaßen alles der politischen Planung und Entscheidung unterworfen und neumodische Trends nur mit Vorbehalt geduldet (vgl. Dieckert 2002, 30; Hinsching 1995, 68f; Kremer 1998, 227f ).[1]

Mit der Wiedervereinigung erreichte die plurale westdeutsche Laufkultur auch die neuen Bundesländer. Eine Umfrage von KNIES (1991) unter 223 regelmäßig, sportlich aktiven Läufern zum Thema„Wettkampfverhalten der ostdeutschen Läufer im Jahre 1“ergab, dass diese im Zuge der Einheit im Jahr 1990 durchschnittlich 24 Wettkämpfe bestritten und damit fünf Wettkämpfe mehr als im Vorjahr absolvierten. Dabei standen die Stadtmarathonläufe in der Beliebtheitsskala unangefochten an der Spitze. Kaum Anklang bei den Befragten fanden dagegen Läufe durch die Landschaft, was sicherlich auf die vorher weit verbreitete Landschaftslaufszene der ehemaligen DDR zurückzuführen war. Auch Läufer aus dem Westen ließen ihrer Reiselust freien Lauf und sorgten mit der Teilnahme an den Laufveranstaltungen im Osten für einen regen Zulauf (vgl. Kremer 1998, 249; Steffny 1990, 13; Knies 1990, 41).

Momentan finden sechs der zehn größten Landschaftsläufe im Osten statt und das, obwohl auf dem Gebiet der ehemaligen DDR deutlich weniger Menschen leben. (vgl. Dahms 2005, 41f). Die Hoffnungen des Ostens neben den Westmarathons endlich auch einen ansehnlichen Stadtmarathon zu präsentieren, erfüllten sich jedoch nicht. Ein Ranking der deutschen Marathonläufe im Jahr 2004 zeigt auf, dass ausgenommen von dem Berlin-Marathon die Top 15 nur von den westdeutschen Städtemarathons beherrscht werden (vgl. Dahms 2005, 86, Weising 2005, 13).[2]

Der wieder aufflammende Laufboom nach der einheitsbedingten Krise führte in Ost- und Westdeutschland zum lang ersehnten Aufschwung. In einem Artikel der Runner’s World konnten im Jahr 2004 20 Marathonveranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern gezählt werden, im Vorjahr dagegen waren es erst 18 (vgl. Weber 2004). Die Suche nach einem unverwechselbaren, individuellen Erlebnis, nach außeralltäglichen Erfahrungen ist es, was die Teilnahme an einem Marathon so interessant macht. Und überhaupt sind die heutigen Marathonveranstaltungen im Zeitalter zunehmender Kommerzialisierung weit von früheren traditionellen Sportfesten entfernt. Aufwendig inszenierte Veranstaltungen mit Eventcharakter dominieren das aktuelle Geschehen.

Der Titel„Die Langlauf-Entwicklung in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung – unter besonderer Berücksichtigung des Marathonlaufs“erfordert es, den Schwerpunkt der Arbeit auf die Darstellung und Systematisierung der Lang- und Marathonlaufentwicklung in den zwei vorausgegangenen Gesellschaftssystemen der BRD und DDR zu legenund sich mit dem Wendeprozess und den daraus resultierenden Neuordnungs- und Umstrukturierungsprozessen im ostdeutschen Laufbereich auseinander zu setzen. Darüber hinaus impliziert der Titel aber auch, sich hinleitend auf dieses Thema mit der Vor- und Frühgeschichte des Langlaufs zu beschäftigen und die aktuellen freizeitsportlichen Entwicklungen und Tendenzen des Lang- und Marathonlaufs im geeinten Deutschland aufzuzeigen und zu ergründen.

Die hier nur angedeuteten Aspekte vermitteln bereits einen ungefähren Eindruck von der breiten Fächerung des Themas. Die weitere Arbeit wird die in der Einleitung nur angerissene Problematik mit der notwendigen Gründlichkeit darlegen.

I Historischer Rückblick auf den Lang- und Marathonlauf

1 Von den Anfängen

1.1 Laufen im alten Griechenland

Die ersten Körperübungen sind bis in die Urgesellschaft zurückzuverfolgen, wo man die lebenswichtige Versorgung mit Nahrung nur durch die Jagd bewerkstelligen konnte. Zur Sicherung des Nahrungserwerbs schuf man besondere Formen des Laufens, Springens und Werfens, die auch als Übungs- und Wettkampfformen Anklang fanden. Überlieferte Felszeichungen und Höhlenmalereien bieten bis heute eindrucksvolle Beweise über die damalige Lebensweise (Dahms 2001, 9).

Bei den Olympischen Spielen in der griechischen Antike wurde der Lauf als Wettkampfdisziplin im Stadion barfüßig auf einer festgestampften Sandschicht absolviert. Bedingt durch die rechteckige Form des Stadions wurden die Laufbahnen parallel-geradlinig angelegt. Der Start der Teilnehmer erfolgte in aufrechter Position und wurde durch ein Trompetensignal initiiert, wobei man einen Fehlstart mit Gertenhieben ahndete. Der älteste Wettkampflauf war der Stadionlauf – ein Kurzstreckenlauf, der über eine Distanz von 600 Fuß (entspricht in Olympia 192,27 m) führte und in der Regel von den Waffenläufern mit Schild zurückgelegt wurde. Den Diaulos-Lauf über die doppelte Distanz bestritten die sogenannten Pendelläufer. Hierbei mussten eine oder mehrere Wenden um die sich im Start- und Zielbereich befindlichen Pfosten absolviert werden. Die längste gemessene Laufdistanz zu jener Zeit umfasste 24 Stadien, was etwa 4500 m entspricht (Wiersing 2004, 263f).

Langstreckenläufe nach unserem heutigen Verständnis wurden also bei den Olympischen Spielen der griechischen Antike noch nicht praktiziert. Im alten Griechenland gab es jedoch sehr viele trainierte Läufer, die zumeist über mehrere Tage dauernde Entfernungen zurücklegten, welche aber wie bei allen alten Gesellschaftssystemen üblich, als militärische und zivile Meldeläufer zur Überbringung wichtiger Nachrichten eingesetzt wurden. Historisch nachgewiesen sind die Hemerodromoi, die sogenannten Tagesläufer, die im unwegsamen Gebirgsland Nachrichten schneller als Reiter oder Boote überbringen konnten, sowie die Bematistai, die Schrittmesser Alexander des Großen, die auf seinen Feldzügen das Land vermaßen und ihre Aufgabe meist so genau erledigten, dass einige von ihnen sogar den Umfang der Erdkugel exakt errechnen konnten (Lennartz 1999, 146). Die schnelle Nachrichtenübermittlung stellte einen wesentlichen Faktor für die Regierbarkeit ganzer Reiche dar. Das perfekt ausgeklügelte Botensystem Alexanders des Großen wies auf der 2.683 Kilometer langen „Königsstrasse“ zwischen dem kleinasiatischen Sardes und dem persischen Susa 100 feste Stationen mit Stafettenläufern auf, die den schnellen Transport der Botschaften gewährleisteten. Organisierte Botenketten wurden in ähnlicher Weise bei den Inkas, den Römern, den Persern und den Arabern genutzt. So benötigte die Läuferstafette aus dem Inkareich von Cuzco nach Quito über eine Distanz von 1600 km Luftlinie, gespickt mit Höhenunterschieden, zur Zustellung einer Nachricht nur ganze sieben Tage (Dahms 2001, 10).

1.2 Vom Kurierläufer über den höfischen Galaläufer zum Kunstläufer

Die älteste Funktion des bediensteten Läufers beruhte auf der Übermittlung von Botschaften und Nachrichten. Im Europa des 16. Jahrhunderts hatte sich mit der Entstehung des Post- und Nachrichtenverkehrs der Kurierläufer der „laufende Bote im Nachrichtenwesen“ als Berufsstand in den Städten und Gemeinden gebildet. Die laufenden Boten waren in der frühen Neuzeit auch als städtische Beamte tätig und bekamen als „Ratsläufer“ ein Jahresgehalt ausgezahlt. In den Farben ihres Brotherren und mit dessen Wappen bekleidet, diente deren Ausstattung als Pass und Schutzbrief (Lennartz 1999, 147). Die in den höfischen Diensten stehenden „Hofkuriere“, „Kabinettskuriere“ und „Feldkuriere“ empfingen für ihre Leistungen eine verhältnismäßig hohe Bezahlung: Für die Strecke Wien – München erhielten die Boten 150, Wien – Paris 600 und Wien – Madrid 1200 Gulden. Der Ausbau und die Perfektionierung der Kaiserlich Thurn und Taxis´schen Post machten den Beruf des laufenden Boten am Ende des 17. Jahrhunderts überflüssig, doch er verschwand nicht gänzlich. Seine sportliche Renaissance erlebte er in den Großstaffel- und Sternläufen im wilhelminischen Zeitalter (Bernett 1992, 35f).

Nach dem „laufenden Boten“ trat im 18. Jahrhundert an den Höfen Mitteleuropas mit dem herrschaftlichen Läufer oder Vorläufer eine neue Berufsgruppe hervor. Der prächtig anzuschauende „Galaläufer“ erfüllte zu jener Zeit das Repräsentationsbedürfnis des Adels, indem er sich im Straßenverkehr„Platz fordernd vor Sänften und Carossen der Vornehmen“herbewegte (ebd. 36). Weiterhin musste er zu Gewährleistung der Sicherheit seiner Herrschaften die Wegstrecke auskundschaften, nachts mit einer Fackel vor der Kutsche herlaufen und bei Radbrüchen Hilfe herbeiholen. Das äußere Auftreten des Vorläufers in aufwendig verarbeiteten Kostümen konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Berufsstand innerhalb der Gesellschaft wenig Ansehen genoss und dementsprechend gering bezahlt wurde. Weiterentwicklungen im Ausbau des Straßensystems führten im 19. Jahrhundert letztendlich dazu, dass der Beruf des Vorläufers immer mehr an Bedeutung verlor und der Adel ihn nur noch als Prestigeobjekt nutzte. So berichtete Fritz Reuter in seinem Roman „Dörchläuchting“ aus dem Jahre 1866 über einen Herzog von Mecklenburg-Strelitz, der seine goldene Kutsche mit uniformierten „Löpers“ begleiten ließ und damit sein verkümmertes Selbstwertgefühl aufzubessern versuchte (ebd. 37). Weiterhin organisierte man von 1822 bis 1847 im Prater in Wien so genannte „Lauferfeste“, wo die herrschaftlichen Läufer ihre Leistungsfähigkeit demonstrieren sollten. Vor den Augen tausender Zuschauer wurde weniger auf die erlaufene Zeit Wert gelegt, sondern es kam vor allem darauf an, welche drei Adelshäuser sich mit ihren Läufern besonders weit vorn positionierten (Dahms 2001, 12f). Zurückgelegt wurde eine Distanz von etwa 9 km,[3] auf der sich die Läufer in den Farben ihrer Herrenhäuser präsentierten und von den Zuschauern auch darüber identifiziert wurden. Rufe wie „Bravo Esterhazy!“, „Bravo Kinski!“ waren daher nichts Ungewöhnliches (Bernett 1992, 37). Oettermann (1984, 45) schreibt in seinem Werk „Läufer und Vorläufer“ dazu kritisch:„In Frankreich machte die Französische Revolution dem Statussymbol galalivrierter Vorläufer ein Ende. Im nüchtern und ökonomisch denkenden England scheint die Sitte, sich kostspielige ´footmen´ zu halten, mehr oder weniger von selbst ausgestorben zu sein. Lediglich in den politisch und wirtschaftlich zurückgebliebenen deutschen Landen, vor allem in der Kaiserstadt Wien, hielt man (...) bis in die 1848er Jahre hartnäckig und konservativ an der ehemaligen Mode fest, mit Hilfe von Vorläufern und Galopins die feudale Pracht und Herrlichkeit hervorzukehren.“

Generell war das Wettrennen der herrschaftlichen „Laufer“ weniger ein sportliches Ereignis als eher ein Spektakel, wobei das Wetten an sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der einfachen Wiener Bevölkerung noch längst nicht so bekannt war wie etwa zur gleichen Zeit in England. Missbilligende Bemerkungen seitens der Laufgegner häuften sich; diese bezeichneten das Halten von Läufern als menschenverachtend und das „Fest der Wiener Laufer“ als inhuman und barbarisch. Um den Volkszorn nicht weiter zu schüren verzichtete der Adel ab Mai 1848 auf weitere Wettrennen. Der als Statussymbol des Adels künstlich am Leben erhaltene Berufsstand des höfischen Galaläufers starb aus. Auf der Suche nach alternativen Betätigungsfeldern sahen die ehemals herrschaftlichen Läufer oft keinen anderen Ausweg als sich als Jahrmarkts- und Zirkusattraktion zur Schau zu stellen und ihre Lauffähigkeit darzubieten (ebd. 79). Der bekannteste Kunstläufer ist wohl der Norweger Mensen Ernst, der 1832 mit einem Distanzlauf von Paris nach Moskau in 13 ½ Tagen für Aufsehen sorgte und sich diese Leistung mit 4.000 Francs belohnen ließ. Der Grundstein für Kunst- und Schauläufe in Deutschland wurde bereits im Jahre 1824 gelegt, als die Hofläufer noch ihre berufliche Stellung innehatten. Eine Wette brachte mit dem Hessen Peter Bajus den ersten deutschen Schnellläufer hervor. Angestellt als Knecht und Tagelöhner machte er durch seine außerordentliche Körperkraft und Schnelligkeit auf sich aufmerksam. Seine bemerkenswerten Marschleistungen brachten ihm den Ruf des „merkwürdigsten Schnellfüßlers“ der Zeit ein. Bajus konnte von der stets positiven Zuschauerresonanz bei seinen Rennen profitieren, denn die am Rande veranstalteten Geldsammlungen erwiesen sich für ihn als äußerst lukrativ (Bauch/Birkmann 2004, 15). Nachahmer, die sich ebenfalls am großen Publikumsinteresse der Schnellläufe bereichern wollten, waren schnell gefunden. So schaffte es insbesondere der Offenbacher Samuel Hartwig, regionale Bekanntheit zu erlangen.

Bei den Schnellläufen lief man zunächst auf sogenannten Wendepunktstrecken, die dann später von Rundstrecken abgelöst wurden. Diese Neuerung sorgte dafür, dass die Zuschauer ihre Schaulust permanent befriedigen konnten und nicht wie bei den vorangegangen Wendepunktstrecken nur zweimal einen Blick auf den Läufer erhaschten. Die damit gesteigerte Attraktivität für den Zuschauer machte sich natürlich auch im Geldbeutel der Läufer bemerkbar. Das Schnelllaufen wurde somit von immer mehr Anhängern als Möglichkeit gesehen, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Selbst diejenigen, die sich vorher noch nie für das Laufen begeistert hatten, versuchten sich als Schnellläufer in Szene zu setzen. Als Weiterentwicklung dieser Laufform entstand schließlich der Kunstlauf, der rückwärts laufend oder im Walzerschritt sowie an den Händen und Füßen mit Ketten verbunden, durchgeführt wurde (ebd. 22ff).

Verschwand die erzielte Leistung bei dem Berufsstand des Vorläufers noch hinter der zu erledigenden Aufgabe bzw. fiel sie bei den Mailäufen im Wiener Prater auf das Ansehen seiner Herrschaft zurück, war die Abhängigkeit des herrschaftlichen Einflusses nun nicht mehr gegeben. Mit der Entstehung der Schnell- und Kunstläufer erhielt die eigene Person und die erbrachte Leistung eine gesellschaftliche Aufwertung und näherte sich damit dem modernen Sport an, ohne jedoch wirklich vergleichbare Strukturen aufzuweisen (Hennies 1987, 159ff).

Mit dem Aufkommen des institutionalisierten Sports gab es vermehrt Dauerläufer, die sowohl Elemente des Schaustellertums als auch des Sports aufwiesen. So wurde u.a. der berühmte Berliner Fritz Käpernick von Oettermann (1984, 136) als einer„der letzten ganz Großen (...) der aussterbenden Garde der Berufs-Schau-Läufer“und als einer„der ersten Sportläufer im eigentlichen Sinn“beschrieben. Bei den zahlreich errungenen Erfolgen insbesondere in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts war Käpernick eindeutig sportlich motiviert. Hier glänzte er aber nicht wie seine Vorgänger durch Alleingänge, sondern durch Siege in der Konkurrenz. So verdiente er bei einem sechstägigen Zweikampf mit einem englischen Berufsläufer 1000 Goldmark. Aufgrund seines noch traditionellen Botenkostüms mit Federkappe und Hundepeitsche wies er aber auch noch Gemeinsamkeiten mit den bediensteten Läufern auf. Zudem erinnerte der Wettlauf gegen ein Rennpferd doch sehr stark an die Praktiken des Schauläufermilieus (Bernett 1992, 39).

1.3 England – das Vorbild für den deutschen Langlauf

Im Ursprungsland des Sports in England setzte die Entwicklung vom Botenläufer zum Jahrmarktläufer im Vergleich zu Deutschland ca. 50 bis 100 Jahre früher ein. Auch bei der Durchführung von Langstreckenläufen und –wettkämpfen kann die englische Langlaufentwicklung auf eine längere Geschichte zurückblicken. England gilt somit als Vorreiter des Langstreckenlaufes und als Vorbild für die deutsche Laufbewegung.

„Foot-races“, bei denen die Botenläufer („running footmen“) der Adelshäuser zu Leistungsvergleichen antraten, konnten bereits im 17. Jahrhundert nachgewiesen werden. Im Jahre 1653 soll ein Engländer eine Strecke von 20 Meilen (32 km) in weniger als 1 Stunde und 30 Minuten zurücklegt haben (Kreitz 1996, 7).[4] Die Dienstherren hatten Freude daran, die Schnelligkeit ihrer „footmen“ im Vergleich zu messen und auf Siege Wetten abzuschließen. Die durch den Ausbau des Straßennetzes in die Arbeitslosigkeit getriebenen bediensteten „running footmen“ versuchten fortan ihren Lebensunterhalt als professionelle Berufsläufer zu finanzieren. Die professionellen Wettläufer und Wettgeher stammten zumeist aus den unteren Gesellschaftsschichten und traten durch die Veräußerung ihres Sports als eine Art Kleinunternehmer auf.

Das Betätigungsfeld dieser sogenannten „Pedestrianisten“[5] erwies sich als äußerst lukrativ und es gelang ihnen, einen beträchtlichen Wohlstand anzuhäufen. Für Geldwetten absolvierten sie meist längere Strecken im Gehen oder im Laufschritt in einer festgesetzten Zeit und zwar gegen eine andere Person oder allein. Wirkliche Akzeptanz in der Gesellschaft erfuhren solche Wettkämpfe jedoch erst um 1800, als sich auch die englischen Oberschichten daran beteiligten. Der wohl bekannteste Vertreter des Pedestrianismus war der Offizier Robert Allardice Barclay (1779-1854). Unter seinen unzähligen Leistungen in dieser Zeit verdient sein Fußmarsch über 1.000 Meilen in 1.000 Stunden im Jahr 1809 besondere Wertschätzung. Barclay wettete um 1.000 Guineas, dass er in der Lage sei, 1000 Stunden lang in jeder Stunde eine Meile zurückzulegen. Es dauerte vom 1. Juni bis 12. Juli 1809, 42 Tage, bis er als Sieger aus der Wette hervorging. Seine reine Lauf- bzw. Marschzeit betrug 298 Stunden und 11 Minuten.

Durchschlagende Anziehungskraft auf den Zuschauer genossen in jener Zeit sogenannte „Six-Days“ und „Go-as-you-please-Rennen“, bei denen meist profitorientierte „Professionals“ marschierend oder laufend antraten. Vor allem in den Vereinigten Staaten war das Wetten auf die dort teilnehmenden „peds“ nach englischem Vorbild weit verbreitet. Die Leistungen bei den Sechs-Tage-Rennen konnten von 836, über 965 auf 1003 Kilometer stetig gesteigert werden (Lennartz 1982, 11ff). Das Aufstellen von Rekorden stand bei dieser ultralangen Laufdisziplin, bei der innerhalb von sechs Tagen so viele Kilometer wie möglich zu absolvieren waren, im Mittelpunkt. Den Jahrhundertrekord stellt der Brite George Littlewood 1888 im Madison Square Garden über eine Distanz von 632 Meilen und 132 Yards (1003,832 km) auf und wurde mit einem Preisgeld von 6.000 Dollar belohnt. Das insgesamt höchste Preisgeld wurde im September 1879 notiert, als der Engländer Rowell ebenfalls im Madison Square Garden eine Summe von 30.000 Dollar ausgezahlt bekam (Lennartz 1999, 153). In den USA wurden im Übrigen auch die ersten Großveranstaltungen nach kapitalistischen Interessen organisiert. Der Initiator des Rennens im Jahre 1824 bewies als Besitzer einer Fähre über den Hudson River Weitblick und legte eigens für die Veranstaltung eine Laufbahn an, verlangte Überfahrts- und Eintrittskosten und setzte über die verschiedenen Renndistanzen Preisgelder in Höhe von 50 bis 100 Dollar aus (Bernett 1992, 41).

Die professionellen „peds“ sorgten mit ihren Wettkämpfen weiterhin für Schlagzeilen, doch die Kultivierung des Laufsports war den Gebildeten und Besitzenden vorbehalten. Das durch die Bildung des Gentleman-Sports gesteigerte gesellschaftliche Image des Laufsports machte ihn zur Grundlage einer „athletischen Bewegung“, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts auszubreiten begann. Die Athletik erfasste anfangs vorwiegend die englischen Hochschulen, wobei das Exeter College (Oxford) zu einer der ersten Universitäten zählte, die ein von Wetten begleitetes athletisches Lauf-Meeting ausschrieb. Sein Programm von 1850 sah Rennen über ¼ Meile, 300 Yards sowie Hürdenrennen über 140 Yards vor. Seit 1864 veranstalteten die rivalisierenden Hochschulen Cambridge und Oxford den „Inter-University-Sport“, zu dem sie u.a. in drei Laufwettbewerben und zwei Hürdenrennen gegeneinander antraten. Dem „spirit of athletic competition“ der englischen Hochschulen folgte die Entstehung der ersten Aschenbahnen in Lille Bridge (1869) und Stamford Bridge (1877), die das Publikumsinteresse für die Laufveranstaltungen weiter ankurbelten (Bernett 1987, 25f). Um den exklusiven Charakter zu bewahren, grenzte man sich mit der Gründung des Mincing Lane Athletic Clubs 1863 in London von den sozial anrüchigen Gruppen ab (Bernett 1987, 23). Die Einführung des „Amateurparagraphen“,[6] der den Gentleman-Sport von der ordinären Schicht der Berufsläufer abschirmte und die Gründung des Amateur-Athletik-Club (AAC) im Jahre 1866 taten dahingehend ihr Übriges. Noch im selben Jahr geschah es sodann, dass die erste britische Leichtathletik-Amateur-Meisterschaft mit Läufen über eine halbe und sieben Meilen ausgetragen wurde (Eichberg 1978, 51). Der AAC blieb aber stets umstritten, so dass die 1880 neu gegründete Amateur-Athletik-Association als oberste Kontrollinstanz dessen Aufhebung beschloss. In den Statuten wurde der „gentleman-amateur“ durch den „amateur“ ersetzt, jedoch führte die intendierte Demokratisierung in der gesellschaftlichen Praxis nicht zu dem erhofften Ergebnis. Denn trotz dieser neuen Verordnung gelang es zahlreichen Clubs, die unerwünschte „low-class“ von ihrer elitären Institution fern zu halten (Bernett 1987, 25).

Auch marathonähnliche Distanzen fanden mit der Entstehung des so genannten modernen Sports in England vermehrt Anklang. Die von Lennartz (1998, 58) veröffentlichten Rekordlisten belegen, dass man von der Marathondistanz im heutigen Sinne gar nicht so weit entfernt war:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4 Die Premiere des Marathonlaufs in Athen

Im Frühjahr des Jahres 1894 organisierte der Baron Pierre de Coubertin (1863–1937) in der Pariser Sorbonne einen Sportkongress, dessen erklärtes Ziel die Verbreitung der olympischen Idee und die Propagierung einer neuen Amateurdefinition darstellte. Nachdem Coubertin mit seinem Vorschlag von der Erneuerung der Olympischen Spiele auf breite Zustimmung gestoßen war, erhielt Athen als Austragungsort der ersten olympischen Spiele für das Jahr 1896 den Zuschlag. Erstmals musste sich dort die neu eingeführte Amateurregel bewähren, welche folgendermaßen lautete:„Als Amateur sollte angesehen werden: Jede Person, die niemals an einem jedermann zugänglichen Wettkampf teilgenommen, noch um einen Wertpreis oder eine Geldsumme, aus welcher Quelle sie auch stamme, oder aber mit Professionals konkurriert hat und niemand zu irgend einer Zeit ein lebensbezahlter Lehrer für Leibesübung gewesen ist. (...) Jede Übertretung der Regeln des Amateurismus zieht den Verlust der Berechtigung zum Amateur nach sich.“ (Coubertin 1894, zitiert nach Lennartz 1999, 145)

Der französische Altertumsforscher Michel Breal unterbreitete den Vorschlag den Marathonlauf in das olympische Programm der Leichtathletikdisziplinen aufzunehmen und dabei die sagenumwobene Strecke von Marathon nach Athen zu wählen:„Wenn das Organisationskomitee der Olympiade in Athen geneigt wäre, in das Wettkampfprogramm den Lauf aufzunehmen, der die ruhmreiche Tat des Soldaten von Marathon wiederbelebt, würde ich gern den Preis stiften.“(zitiert nach Krämer/Zobel 1995, 16f)

Dort ereignete sich nämlich eine der bekanntesten Legenden um den Marathonlauf. 490 v. Chr. führte der persische Großkönig Darius seine Kampftruppen in die Ebene von Marathon, um das Heer der Athener niederzuschlagen. Aufgrund einer strategischen Meisterleistung der Griechen setzte man sich gegen die Streitmacht der Widersacher durch. An dem erfreulichen Sieg der Griechen über die Perser sollten die Athener schnellstmöglich teilhaben. Also entsandte man den erfahrenen Läufer Pheidippides, der die rund 35 km lange Wegstrecke von Marathon nach Athen über Gebirge und Ebenen in einem Zuge zurücklegte. In Athen angekommen, brach er nach Verkündung der Siegesbotschaft mit den Worten „Freut euch, wir haben gesiegt!“ tot zusammen (ebd. 11ff). Sicherlich war es für die damalige Zeit für die etablierten Melde- und Botenläufer nichts Außergewöhnliches mehr, eine solche Strecke zurückzulegen,[7] aber aufgrund der Bedeutsamkeit des Ereignisses konnte sich der Heldenlauf als Marathonlegende durchsetzen (Kreitz 1996, 13). Keine andere Geschichte konnte sich in das Gedächtnis der modernen Sportkultur in der Art und Weise verankern, auch wenn diese allem Anschein nach nur aus der Fantasie eines griechischen Schriftstellers entsprang (Wiersing 2004, 260).

Die am 10. April 1896 gelaufene Marathonstrecke über 40 km war jedoch eine andere. Man entschied sich nämlich nicht, wie die antike Strecke es vorsieht, von Marathon nach Athen in das Gebirge hineinzulaufen, sondern wählte den ebeneren Weg um das Gebirge herum (vgl. Abb.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gelaufene Strecke Marathon – Athen bei Pheidippides und Olympia 1896

(aus: Krämer/Zobel 1995, 12)

Nach hartem Kampf erreichte ein Grieche Namens Spiridon Louis in einer Zeit von 2:58:50 h als erster das Ziel und erlangte noch lange danach Bewunderung und Annerkennung für seine außergewöhnliche Leistung (Lennartz 1998, 61).

1.5 42,195 km erstmals in London

Der Marathonlauf bei den Olympischen Spielen in Athen 1896 fand schnell viele Nachahmer. In den Vereinigten Staaten pendelte sich die Länge eines Marathons fast überall auf 25 Meilen (40,234 km) ein. Einzige Ausnahme bildete der Boston-Marathon, bei dem die Veranstalter eine Streckenlänge von 24 ¾ Meilen bevorzugten. In Europa ging man dazu über die Strecken abzurunden, so dass hier Distanzen von 40,2 oder auch nur 40 km vorherrschten (Lennartz 2001, 32). Daran orientierten sich zunächst auch die Veranstalter bei den Olympischen Spielen am 24. Juli 1908 in London, denn die Ausschreibung besagte Folgendes:„Das Marathonrennen von 40 Kilometern wird auf öffentlichen Straßen, die von dem Amateur-Athletik-Verband markiert werden, gelaufen und endet auf der Laufbahn des Stadions, auf der noch 1/3 Meile zurückzulegen ist (eine Runde gleich 536 Meter).“(vgl. The British Olympic Council (Ed.) 1909, 410)

Vom Eingang des Stadions in Sheperd’s Bush vermaß man eine Strecke von 25 Meilen. Doch die 25. Meile endete an der Barnespool Bridge in Eton, welche jedoch als Startort für ein olympisches Marathonrennen nicht in Frage kam. Denn der Start des Marathons sollte auf Bitten der königlichen Familie vor der Ostterrasse von Schloss Windsor erfolgen. Die Entfernung von der Barnespool Bridge bis zum Eingang des Stadions betrug eine Meile, sodass sich die Strecke nun exakt auf 26 Meilen (41,84 km) belief. Damit kam man aber dem Wunsch der königlichen Familie, den Start der Athleten direkt vor deren Loge im Stadion auszuführen, noch nicht nach. Also mussten bis zu diesem endgültigen Zielpunkt erneut 385 Yards (355 m) hinzugerechnet werden. Aus dem offiziellen Bericht konnte man dann auch entnehmen: „Komplette Strecke 26 Meilen 385 Yards“ (Lennartz 1998, 70). Insgesamt also 42,195 km. Die Olympischen Spiele von London blieben aber nicht nur aufgrund der erstmalig gelaufenen Marathondistanz in aller Munde, sondern auch wegen des dramatischen Endkampfes zwischen dem Italiener Dorando Pietri und dem Amerikaner John Hayes. Der zum Zeitpunkt führende Pietri brach auf der letzten Runde fünfmal zusammen und nur durch die Inanspruchnahme fremder Hilfe schaffte er es, das Ziel zu überqueren, was bedauerlicherweise zu seiner Disqualifikation führte und dem bis dahin Zweitplatzierten Hayes zum Endsieg verhalf (Drost 2001, 37f). Nach dem Londoner Lauf folgten im Herbst in den USA zwischen diesen beiden Athleten mehrere Revancheläufe, die sich natürlich an den 42,195 km von London orientierten. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lösten – beflügelt von den Duellen zwischen Petri und Hayes – einen regelrechten Marathonboom aus, der aber auch zunehmend stärker von Professionalisierungstendenzen vereinnahmt wurde.[8]

Ein einheitliches Maß für olympische Marathonveranstaltungen setzte sich erst Anfang der 20er Jahre durch. Anlass zu Diskussionen über eine allgemein gültige Streckenlänge gab die außergewöhnliche Marathondistanz von 42,750 km bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen. Der Kongress der Internationalen Amateur-Athletik-Federation (IAAF) beschäftigte sich erstmals im Mai 1921 in Genf bei der Festlegung der Bedingungen für die Olympischen Spiele 1924 in Paris mit der Einführung eines Standardmaßes für den Marathonlauf. Das am 27. Mai durch das „World-Records-Commitee“, die spätere Regelkommission, mit 42,195 km oder 26 Meilen 385 Yards festgelegte Maß besitzt bis heute Gültigkeit (Lennartz 1998, 72).

2 Die Verbreitung des Langlaufsports in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg

2.1 Das Laufen bei GutsMuths und Jahn

Das Streben nach Rekorden, der Wettbewerb, die sportliche Auseinandersetzung mit einem Gegner wurden in England längst praktiziert, als in Deutschland noch die Ideen GutsMuths und Turnvater Jahns die Bewegungskultur beherrschten. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts betrachteten die so genannten Philanthropen (Menschenfreunde) als Vertreter des aufstrebenden Bürgertums das Laufen als wichtigsten Bestandteil ihrer intensiven Gymnastik und gaben dies auch an ihren Internatsschulen weiter. Der wohl bekannteste aller Philanthropen heißt Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839). Nach seinem Namen wurde der wohl größte Geländelauf Thüringens, der Rennsteiglauf, benannt. GutsMuths hob die Vorteile eines beständigen, regelmäßigen Trainings hervor und beschrieb das lang anhaltende Laufen als eine der strengsten Übungen für den Körper. Dabei konzentrierte er sich hauptsächlich auf die körperliche Ausbildung der jungen Generation in Deutschland (Lennartz 1982, 19f). GutsMuths folgte allerdings nicht dem „Hübscher, Zierlicher, Gefälliger“, sondern sympathisierte mit den Kriterien der sportlichen Leistungsmessung „schneller, höher, weiter“. So errechnete er die Durchschnittsgeschwindigkeit von Dauerläufern in Fuß pro Sekunde bis auf zwei Stellen hinter dem Komma. Die körperliche Leistungserziehung folgte jedoch nicht der Devise der Leistungskonkurrenz, wie sie dem englischen Sport zugrunde lag, sondern diente dem reinen Selbstzweck (Eisenberg 1999, 101ff). Auch Vieth (1763-1836) beschäftigte sich mit dem Langlauf und hielt fest, dass„große Ausdauer mit gemäßigter Geschwindigkeit schätzbarer (ist), als große Geschwindigkeit ohne Ausdauer.“(zitiert nach Lennartz 1982)

Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), ein Vertreter der jüngeren Pädagogengeneration und Begründer des Deutschen Turnens, förderte seinerseits ebenso den Langlauf. Er verstand unter Laufsport nicht nur die Inszenierung und das Spektakel, wie es seinerzeit auf Jahrmärkten durch Schauläufe fabriziert wurde, sondern er sah das Laufen als einen wichtigen Bestandteil des Turnens zur körperlichen Ertüchtigung und Wehrerziehung an. Jahn veröffentlichte zusammen mit Eiselen 1816 die Schrift „Deutsche Turnkunst“ und stellte darin unterschiedliche Laufübungen vor, u.a. das Rennen, den Schlängellauf, den Zick-Zacklauf, den Rückwärtslauf, den Sturmlauf (Hinauflaufen auf eine Anhöhe). Jede dieser Laufdisziplinen kann im „Schnellrennen“ oder „Dauerrennen“, als Lastlauf mit Gepäck oder Lediglauf ohne Gepäck angewendet werden. Die Disziplin des „Dauerrennens“ erfolgte auf einer 125 m langen Laufbahn, die Ähnlichkeit mit der griechischen Stadionbahn besaß (Dahms 2001, 17). Bezüglich des Dauerlaufs kommt Jahn zu dem Schluss, dass„beim Wettrennen auf die Dauer (...) dem der Preis (gebührt), der den weitesten Raum in der kürzesten Zeit zurücklegt und am Ziele unerschöpft bei guten Kräften anlangt.“ (zitiert nach Pfister 2004, 144)

Ein folgenschwerer Rückschritt für das volkstümliche Laufen ereignete sich durch die Einführung der sogenannten Turnsperre (1820-1842). Mit der Entstehung des Spiess’schen Turnens ab den 1830er Jahren mussten weitere Hürden überwunden werden, denn die sogenannten Frei- und Ordnungsübungen zwängten das Laufen in starre Figuren. So zergliederte man den Lauf in einzelne Laufübungen wie Laufen im Takt, Laufen mit Stampfen etc. (Bernett 1987, 163). Bestrebungen zur Förderung des natürlichen Laufens nach den Vorstellungen GutsMuths und Jahns rückten damit in den Hintergrund. Ein Wiederaufleben alter deutscher Volksübungen geschah erst, als sich Mitte des 19. Jahrhunderts das turnerische Wettkampfwesen entfaltete. Die seit 1872 ausgetragenen „Sedanfeste“ führten zu einer Popularisierung volkstümlicher Übungen. Deren weitere Propagierung scheiterte allerdings an der Haltung der Turner Kraft und Geschicklichkeit höher zu bewerten. Diese Rückständigkeit trug dazu bei, dass das Laufen hier vernachlässigt wurde und insbesondere die lauffreudige jüngere Generation zur neu aufkommenden Sportbewegung abwanderte (ebd. 161).

2.2 Die Geburtsstunde des Sportläufers

Die Suche nach naturgemäßerer Betätigung hervorgerufen durch die Nachteile der Industrialisierung für die Volksgesundheit, bewirkte einen Attraktivitätsverlust des Geräteturnens und eine Aufwertung der leichtathletischen Übungen (Klinge 1926, 320ff). Damit konnte auch das Sportkonzept weiter an Einfluss gewinnen. In Deutschland wohnhafte englische Kaufleute und Studenten förderten die „english sports“, welche ja einige Jahrzehnte zuvor von Großbritannien ausgingen. Der Sportexport beschränkte sich in den Anfangsjahren zunächst nur auf Ruderregatten und Pferderennen, konnte sich dann aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch weitere „english sports“ profilieren (vgl. Eisenberg 1999). Von diesem Aufschwung profitierte auch die Leichtathletik, die ihren Geltungsbereich in Deutschland weiter ausbaute. Besonders in den achtziger Jahren verzeichnete man eine Reihe von Vereinsneugründungen. Als erster Sportverein wurde der Hamburger Sportklub 1880 von dort ansässigen Engländern gegründet. Hier richtete man auch das erste deutsche Leichtathletik-Meeting aus, dessen Teilnehmer ausschließlich der Herrenschicht zuzuordnen waren. Weitere Meetings folgten, u.a. das im Jahr 1882 veranstaltete Frühjahrs-Meeting, dessen Wettkampfprogramm ein Flachrennen über eine Distanz von 100, 200 und 1610 Metern vorsah (Oettermann 1984, 158).

Nach mehreren vergeblichen Anläufen konnte im Januar 1898 die Gründung der Deutschen Sportbehörde für Athletik (DSBfA), des Vorläufers des heutigen Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV), durch den Berliner Georg Demmler vollzogen werden. Wesentliche Ziele der DSBfA waren die „leichte“ Athletik zu verbreiten, einheitliche Regeln zu entwickeln, den Amateurstatus zu überwachen und Deutsche Meisterschaften zu organisieren. Die ersten offiziellen Deutschen Meisterschaften vergab man 1898 nach Hamburg, wo Rennen über 100, 200 und 1500 m ausgetragen wurden (Bernett 1987, 132). Zur Durchführung einer Deutschen Meisterschaft im Marathonlauf kam es erst ab 1925. Zuvor trug der jährlich durchgeführte Wettbewerb den Namen „Deutscher Marathonlauf“.

Die moderne Sportentwicklung mit festen Regeln, einer strikten Einhaltung des Amateurideals und der Leistungsmessung durch die abstrakte Zahl am Ende des 19. Jahrhunderts verlieh dem Langlauf ein neues Erscheinungsbild. Die freie Auslegung des Laufwettbewerbs, wie sie auf den Jahrmärkten praktiziert wurde, wich einer festgelegten Struktur. Diese verhalf dem so lange als gesundheitsschädlich verschmähten Laufen zur Aufwertung als edle Sportart und wurde zum Ärger der Turnerschaft von den angesehenen Kreisen des Bürgertums und des Adels intensiv umworben und praktiziert (Oettermann 1984, 160). Dem Sport und hier insbesondere dem Laufsport gelang es somit, sich gesellschaftlich zu etablieren, was natürlich dem zu der Zeit dominierenden Turnertum, das die deutsche Eigenart zum höchsten Wert erhoben hatte, widerstrebte. In einem Zitat vom Beginn der 1880er Jahre wird der Gegensatz von Turnkonzept und Sportkonzept prägnant formuliert:

„In Deutschland wird wohl der körperlichen Ausbildung und Entwicklung des Knaben durch regelmäßigen Turnunterricht gebührend Bedeutung beigemessen und die große Zahl der Turnverbände legt Zeugnis davon ab, dass auch der deutsche Mann es liebt, seine Kraft und Gewandtheit durch fortwährende Übung zu stählern und zu erhöhen. Das Turnen bezweckt aber mehr eine gleichmäßige Ausbildung der gesamten Muskeltätigkeit, und wenn auch bei den gemeinschaftlichen Übungen jeder sein Bestes tut, um die vollendetste Leistung zu erzielen, so will doch die dem ´Sport´ verbundene, einseitige Entwicklung einer bestimmten körperlichen Fähigkeit zu absolut höchster Leistung und die öffentliche Schaustellung in den breiten Schichten unserer Bevölkerung nicht recht Anklang finden.“ (zitiert nach Oettermann 1984, 156)

Trotz des Beharrens auf der eigenen Anschauung waren die „Volksturner“ nicht imstande, die Fortentwicklung der Sportbewegung aufzuhalten, so dass nach der Jahrhundertwende die volkstümlichen Übungen allmählich sportlichen Charakter annahmen. So wandten sich die Turner in zunehmendem Maße der sportlichen Athletik zu und die Turnvereine beugten sich dieser Entwicklung, indem sie Leichtathletik-Abteilungen einrichteten (Bernett 1987, 143). Konflikte zwischen den konträren Bewegungskulturen blieben dennoch bestehen und erfuhren Anfang der 1920er eine erneute Verschärfung, als seitens der Deutschen Turnerschaft (DT) die „reinliche Scheidung“ vom Sport ausgesprochen wurde. Auch der Marathonlauf blieb von dieser Entscheidung nicht unberührt.

2.3 Aufschwung und Etablierung des Marathonlaufs

2.3.1 Vom zögernden Beginn bis zur Zwangspause durch den Ersten Weltkrieg

Der erste Marathonlauf bei den Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahre 1896 bewirkte einen enormen Aufschwung dieser Disziplin in der Sportwelt.[9] Beinahe wären die ersten Olympischen Spiele mit deutscher Beteiligung abgelaufen, jedoch wurde das bekundete Interesse des deutschen Leichtathleten Carl Galle durch ein ärztliches Gutachten abgelehnt. Darin hieß es, dass ihm„der gleißende Reflex des Sonnenlichtes auf den kalkweißen Landstraßen die Augen verderben würde.“(zitiert nach Krämer/Zobel 1995, 19)

Immerhin wurde zwei Jahre nach den Olympischen Spielen am 3. Juli 1898 auf der heutigen Fernverkehrsstraße Leipzig – Meißen von Paunsdorf nach Benewitz und zurück der erste Deutsche Marathonlauf über 40 km ausgetragen (Lennartz 1982, 20).[10] Dieser Lauf kann als Geburtsstunde des Deutschen Marathons betrachtet werden, u.a. deshalb, weil er nach dem Regelwerk der DSBfA ausgerichtet wurde. Unter dreizehn angetretenen Startern konnte sich am Ende Arthur Techtow in einer Zeit von 3:19:50 h durchsetzen. Als Preis wurde ihm ein wertvoller Siegelring besetzt mit einem Rubin überreicht, was zeigt dass man die geltenden Amateurbestimmungen sehr weit auslegte (Lennartz 1990, 42f). Dieser Lauf ging als erster Marathonlauf in Deutschland nach dem offiziellen Regelwerk der DSBfA in die Annalen ein. Allerdings wurde von Sportchronisten vielfach übersehen, dass der wirklich erste deutsche Marathonlauf bereits am 5.September 1897 ebenfalls vor den Toren Leipzigs über eine 40 km lange Strecke stattfand (Gottert 1998, 8). In den Folgejahren wurde nicht über einen weiteren Marathonlauf nachgedacht, so dass man sich mit der Ausgestaltung von Distanzmärschen[11] und kürzeren Straßenläufen[12] begnügte (Lennartz 1982, 23). Des Weiteren kümmerte man sich, anstatt einen weiteren Marathonlauf zu organisieren, lieber um einen noch längeren Dauerlauf. Im Jahre 1903 und 1904 wurden im Innenraum der Treptower-Radrennbahn Sechs-Stunden-Läufe mit internationaler Beteiligung durchgeführt. Ganze sieben Jahre vergingen, bis im Jahre 1905 der zweite Deutsche Marathonlauf auf einer Rundstrecke im Grunewald in Berlin ausgetragen wurde. Die Veranstaltungsserie wurde allein dort zwischen 1905 und 1924 zehnmal ausgetragen. (Lennartz 1990, 43).

Die Stadt Berlin konnte sich Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund solcher und anderer Veranstaltungshöhepunkte wie u.a. „Quer durch Berlin“[13] als deutsche Laufmetropole einen Namen machen. Weiterhin organisierte man im Berliner Sportpalast am 4. Mai 1912 das „Marathon-Derby um die Weltmeisterschaft“ über 42,195 km, welches vorher umfangreich mit Plakaten und Anzeigen beworben wurde. Am Wettkampftag konnte der Kanadier Hans Homer die Konkurrenz auf die Plätze verweisen und erhielt für seinen Sieg 2.500 Dollar. Aber auch die deutschen Beteiligten konnten trotz mittelmäßiger Platzierungen noch Prämien für ihre Teilnahme beziehen. So bekam der deutsche Berufsläufer Paul Nettelbeck immerhin noch 1.600 Mark (ebd. 33). Zusätzlich sei noch erwähnt, dass das erste Rennen über die heute offizielle 42,195 km Distanz in Deutschland im Rahmen des Deutschen Marathonlaufs im Juli 1910 zwischen Darmstadt und dem Frankfurter Ausstellungsgelände bestritten wurde (ebd. 30).

Auf olympischer Ebene konnte bei den Zwischenspielen in Athen 1906 mit Hermann Müller erstmals ein deutscher Marathonläufer an den Start gehen (Lennartz 1982, 30).[14] Müller führte seine Langlauf-Karriere nach den Olympischen Spielen fort und sorgte mit insgesamt 660 Preisen und 17 deutschen Rekorden im Gehen und Laufen über Streckenlängen von drei bis fünfzehn Kilometern für Schlagzeilen. Zwischen 1912 und 1914 war er als Berufsläufer tätig. Im Jahre 1923 gelang es ihm als 38-Jährigem die Laufveranstaltung „Quer durch Berlin“ für sich zu entscheiden (Lennartz 2005, 23).

Nach dem Beschluss des IOC, die Ausrichtung der VI. Olympischen Spiele 1916 an die Stadt Berlin zu vergeben, schrieb die DSBfA in Vorbereitung darauf zwei internationale Marathonläufe aus. Der erste Lauf fand am 3. November 1912 über 42,2 km statt und brachte den Dänen Christensen als Sieger hervor. Im Oktober 1913 wurde dann ein weiterer Marathon über diesmal nur 40,2 km veranstaltet, der auch gleichzeitig die letzte Laufveranstaltung vor Beginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland darstellte. Dieses Ereignis war noch einmal ein Glanzpunkt für die deutsche Langlaufszene, denn nach dramatischem Endkampf konnte der aus Mittweida stammende Hermann Lüdecke in neuer deutscher Bestzeit von 2:24:12 h das Rennen gewinnen (ebd. 35ff).

2.3.2 Deutsche Meisterschaften im Marathonlauf ab 1925

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm man den Wettkampfbetrieb im Marathonlauf (42,2 km) erst im Juli 1920 erneut auf. In dieser ersten Auflage des Deutschen Marathonlaufs in Berlin siegte Max Wils, der im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe 1910 schon Zweiter wurde und 1911 sogar einen ersten Platz erringen konnte. Ihm gelang es fernerhin 1921 seinen Titel erneut zu verteidigen, womit er als erster deutscher Langläufer dreimal die Rangliste anführte (Lennartz 2005, 53f).

Am 19. Oktober 1924 nahm die Wahlversammlung der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik den Marathonlauf erstmals in das Programm der Deutschen Meisterschaften auf. Außerdem beschloss man die Abschaffung der bis dahin gültigen Regelung, Radfahrer als Schrittmacher der Läufer einzusetzen (ebd. 59). Als Austragungsort für die ersten Deutschen Meisterschaften gebührt Leipzig über ein Vierteljahrhundert nach dessen Premierenlauf erneut die Ehre. Aber nicht die Leichtathleten, sondern die mit ihnen in Konkurrenz stehenden Turner trugen den nur 41,48 km langen Marathonlauf als eine Übung des „Volksturnens“ im August 1925 aus.[15] Eine Woche nach den Meisterschaften der Deutschen Turnerschaft (DT) zogen die Leichtathleten in Leipzig nach. Paul Hempel konnte den Sieg über die Marathondistanz erlangen und somit als „erster“ Deutscher Meister auftreten. Grundsätzlich kamen also die Turner bei der Vergabe des Meistertitels im Marathonlauf den Leichtathleten zuvor und kürten immerhin fünfmal ihren Marathonmeister mit einem Eichenkranz. Der Entwicklung des modernen Sports folgend, kamen die DT und die DSBfA ab dem Jahre 1930 überein, gemeinsame Meisterschaften im Marathonlauf zu veranstalten (Gottert 1998, 8f).

Die Deutschen Marathon-Meisterschaften am 30. Juli 1939 in Leipzig führte man auf einem 8,5 km langen Rundkurs im Leipziger Scheibenholz durch. Die Teilnehmer fanden durch die guten organisatorischen Bedingungen und das große Zuschauerinteresse optimale Voraussetzungen, um sich auf die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Helsinki einzustimmen. Bekanntermaßen wurden sämtliche olympischen Bestrebungen durch den wenig später beginnenden Krieg unterbunden (ebd.). 1940 und 1941 wurden die Deutschen Marathon-Meisterschaften in Berlin auf einer 4 km Runde im Treptower Park noch über die 42,195 km durchgeführt. Allerdings entschied man sich im darauf folgenden Jahr aufgrund des kräftezehrenden Krieges nur für einen 30 km langen Lauf. Auch konnten an dieser letzten Deutschen Meisterschaft viele gute Langstreckler schon nicht mehr teilnehmen, da sie an der Front ihren Dienst absolvierten (Lennartz 2005, 136ff). Infolgedessen wurde die Organisation Deutscher Meisterschaften im Marathonlauf in der Zeit von 1943-1945 vorerst eingestellt (Steinmetz 1973, 167ff).

Exkurs: Der Marathonlauf bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin

Im Frühsommer des Jahres 1931 entschied die Mitgliederversammlung des IOC, die XI. Olympischen Spiele 1936 nach Berlin zu vergeben. Das Organisationskomitee stand unter der Leitung von Präsident Theodor Lewald und Generalsekretär Carl Diem und wurde bereits wenige Tage vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 festgesetzt. Goebbels und Hitler erklärten sich aufgrund der enormen Propagandamöglichkeiten für ihr Regime dazu bereit, die Olympischen Spiele finanziell und durch Bereitstellen staatlicher Einrichtungen zu unterstützen (Lennartz 2005, 93f). Die Vorbereitungen auf das Marathonereignis liefen zunächst jedoch nur schleppend an. In einem Artikel der Zeitschrift „Start und Ziel“ beklagte Hans-Werner von der Planitz[16] im Jahre 1933, dass es trotz der bevorstehenden Spiele im Reichsgebiet kaum Veranstaltungsmöglichkeiten im Marathonbereich gäbe:„Einmal im Jahre, ein einziges Mal nur bei den Deutschen Meisterschaften, kommt der längste Lauf, dessen Sieg beim Olympia mit am meisten gilt, zum Austrag.“(zitiert nach Lennartz 2005, 95)

Bei der Wahl der olympischen Strecke orientierten sich die Veranstalter am Verlauf der vorangegangenen Deutschen Marathon-Meisterschaften in Berlin. Am Wettkampftag lief man also vom Deutschen Stadion aus durch den Grunewald und zurück, wobei entlang der Strecke Polizisten, Ärzte und Sanitäter sowie 15 Kontroll- und Verpflegungsstellen für einen reibungslosen Ablauf sorgten. Bis zu einer Million Zuschauer verfolgten das Geschehen am Streckenrand und unterstützten die insgesamt 56 Athleten aus 27 Ländern mit ihren Anfeuerungsrufen. Als Sieger dieses Laufs ging der Japaner Kitei Son hervor, der mit einer Zeit von 2:29:19 h den Zweitplatzierten Ernest Harper zwei Minuten hinter sich ließ. Die deutschen Langstreckler schnitten kläglich ab. Während die Nominierten Paul de Bruyn und Franz Barsicke das Rennen aufgeben mussten, schaffte es lediglich der Berliner Eduard Braeseke in einer Zeit knapp unter drei Stunden ins Ziel (ebd. 102ff).

Zuschauer, Organisatoren, Presse und andere Medien schenkten der Disziplin des Marathonlaufs während der Olympischen Spiele besondere Aufmerksamkeit. Vor allem wurde in Veröffentlichungen immer wieder der heldenhafte Tod des Läufers von Marathon thematisiert. Der Mythos des sterbenden Läufers nach einer siegreichen Schlacht war aus Sicht der Nationalsozialisten hervorragend mit deren ideologischen Vorstellungen zu vereinbaren. Auch vor den Spielen scheuten deutsche Journalisten keine Mühen und Kosten, um den Marathonlauf ins rechte Licht zu rücken. Man reiste zu einem Interview mit Spiridon Louis nach Athen, lud ihn offiziell zu den Olympischen Spielen ein und hielt dessen Ankunft in Berlin mit einem großen Foto in der „Olympia-Zeitung“ fest. Am Tag der Eröffnungsfeier am 1. August 1936 führte Louis die griechische Mannschaft an und hatte nach dem Entzünden des olympischen Feuers die besondere Aufgabe, Hitler einen Olivenzweig aus dem heiligen Olymp als Friedenssymbol zu übergeben. Ebenso fand der Marathonlauf in dem 1938 uraufgeführten Olympia-Film von Leni Riefenstahl entsprechende Berücksichtigung. Das Aussehen, die Haltung und die asiatische Abstammung des Siegers Kitei Son waren für die Dreharbeiten nur förderlich, denn diese Eigenschaften kamen dem Bild des asketischen Helden, den der Marathonläufer angeblich verkörpert, sehr nahe (ebd. 121 ff).

Der Ausdauersport ging in der Ära des Nationalsozialismus zu Gunsten des Kampfsports zurück. Demnach konzentrierte man sich unter der Naziherrschaft verstärkt auf die Wehrertüchtigung:„Für die Zeit des Trainings entsage ich allen Lebensgenüssen, nur das eine Ziel im Auge, meinen Willen und meinen Körper zu schulen und zu härten mich ganz hinzugeben für das große Ziel: würdig zu sein, für mein Vaterland kämpfen zu können.“ (zitiert nach Bernett 1966, Dok. 273)

Die bereits im Jahre 1905 entstandene leichathletische Disziplin des Gepäckmarsches erreichte im Nationalsozialismus einen neuen Aufschwung. Streckenlängen von 25 bis 50 km mussten mit Tornister, Brotbeutel, Feldflasche, und Spaten, Seitengewehr und Koppel mit Patronentaschen bewältigt werden. Diem umriss 1943 mit dem Zitat„Der Mann wehrtüchtig, die Frau gebärtüchtig“ (zitiert nach Dahms 2001, 43)den noch gebliebenen Sinn der Leichtathletik.

II Chronologie der Lang- und Marathonlauf-Entwicklung in BRD und DDR

Der infolge des Zweiten Weltkrieges nun zweigeteilte deutsche Staat wurde im Westteil des Landes durch die westlichen Besatzungsmächte unter Führung der Alliierten beeinflusst und verfolgte den Aufbau eines pluralistischen Demokratiemodells, während im Ostteil des Landes in Abhängigkeit von der Führungsmacht UDSSR ein zentralistisches, totalitäres Umsetzungs- und Gestaltungsmodell von Gesellschaft propagiert wurde (Buss 2001, 157). Durch die bereits im Jahre 1949 erfolgte „doppelte Staatsgründung“ entwickelten sich mit der BRD und DDR folglich zwei von Grund auf verschiedene deutsche Staaten, die sich sowohl in ihrer Staatsform und Wirtschaftsordnung als auch in ihrer Ideologie deutlich voneinander abhoben. Die politischen und gesellschaftlichen Unterschiede beider Staatsysteme hinsichtlich ihrer ideologischen Bedingungen, Strukturmerkmale und Funktionsprinzipien übertrugen sich gleichermaßen auf den deutschen Laufsport und speziell auf den Marathon.

1 Der Marathon-Neuanfang im zweigeteilten Nachkriegsdeutschland

Die folgenschweren Krieghinterlassenschaften machten eine sofortige Wiederaufnahme des Marathonlaufes undenkbar. Die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 9. Mai 1945 hinterließ nach Jahren des Krieges Leid, Not, Hunger, Krankheit, Trümmerfelder sowie physische und psychische Folgen bei der Bevölkerung.

Immerhin fanden in Westdeutschland im Jahre 1946 und 1947 die ersten Deutschen Meisterschaften im Straßenlauf statt, der erschwerten Situation Rechnung tragend allerdings nur über eine Distanz von 20 km. 1948 führte diese dann über 30 km (Hennies 1987, 201). Nach der Gründung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes am 12. November 1949 kehrte man langsam wieder zur Normalität zurück. Auch die Ernährungssituation entspannte sich allmählich, sodass man den verstärkten Forderungen, Deutsche Marathon-Meisterschaften wieder über die volle Distanz auszuschreiben, nachgab. Am 6./7. August 1949 lief man in Bremen erstmals nach Kriegsende wieder 42,195 km (Kreitz 1996, 12).

Etwas länger dauerte die Organisation des ersten Marathons in der DDR. Nachdem im Jahre 1949 erstmalig eine Strecke von 10.000 m gelaufen wurde, im Jahr 1950 die erste Langstrecken-Meisterschaft in Berlin über 30 km zur Austragung gelangte, erfolgte schließlich 1951 im Leipziger Scheibenholz die erstmalige Vergabe des Marathon-Meisterschaftstitels (Horlemann 1953, 13f).

Auf der internationalen Ebene des Sports übernahm die Bundesrepublik im Sinne des Adenauerschen Alleinvertretungsanspruchs zunächst die Repräsentation Deutschlands nach außen. Die Anerkennung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der BRD durch des IOC ab 1951 bedeutete die Aufnahme in die internationalen Fachverbände und ermöglichte die Teilnahme bundesdeutscher Sportler an den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 (Lennartz 2005, 181). Über die olympische Marathonstrecke enttäuschten die deutschen Läufer jedoch und belegten mit Engelhardt und Warnemünde nur den 30. und 43. Platz (Horlemann 1953, 15).

Am 7. Oktober 1949 wurde in der sowjetischen Besatzungszone die Verfassung der DDR ausgerufen. Die Gründung des NOK der DDR erfolgte am 22. April, worauf man beim IOC einen Antrag auf Anerkennung stellte. Während allerdings das NOK der Bundesrepublik bestätigte wurde, erteilte man dem Gesuch des NOK der DDR eine Absage. Infolgedessen fanden die Olympischen Spiele in Oslo und Helsinki ohne ostdeutsche Beteiligung statt. Die Bemühungen der DDR, ab der zweiten Hälfte des Jahres 1950 ebenfalls die provisorische Anerkennung ihres NOKs durchzusetzen, verliefen also ergebnislos. Insbesondere das westdeutsche NOK mit seinem Präsidenten Ritter v. Halt war gemäß seines Alleinvertretungsanspruches darum bemüht, Verhandlungen um die Bewilligung des NOK der DDR zu vereiteln (Becker 2001, 268f). Seine vorläufige Anerkennung 1955 resultierte zum einen aus dem gestiegenen Einfluss der mit der DDR in enger Beziehung stehenden sozialistischen Staaten innerhalb der olympischen Bewegung und zum anderen aus einer erfolgreichen Förderung des massenwirksamen Hochleistungssports, wodurch das errungene Leistungspotenzial ostdeutscher Athleten unverzichtbar für den internationalen Wettbewerb wurde (Buss 2001, 332f). Im Jahre 1965 wurde des NOK der DDR in Madrid als vollwertiges Mitglied im IOC anerkannt.

Auch der ostdeutsche Marathonlauf profitierte von der verstärkten Konzentration auf den Hochleistungssport. Denn standen vor allem die Jahre 1950 und 1951 noch im Schatten der alten Marathongeneration, verfolgte man in den kommenden Jahren einen konsequenten leistungssportlichen Aufbau des Nachwuchses, der vor allem durch die Bildung von Sportclubs (SC) mit deren spezieller Förderung der leistungsstärksten Athleten unterstützt wurde. So konnte das bereits 1949 proklamierte Ziel,„die gesamtdeutschen Bestleistungen zu erreichen“ (zitiert nach Buss 2003, 18),im Jahre 1956 im Marathon realisiert werden. Mit dem Läufer August Blumensaat stammte der letzte bundesdeutsche Rekordhalter 1955 in einer Zeit von 2:27:41 h aus dem Westen. Danach begann sich die Nachwuchsarbeit der DDR auszuzahlen: 1956 schaffte es erst Kurt Hartung (SC Dynamo Berlin) in Karl-Marx-Stadt mit 2:26:49 h den DDR- und gesamtdeutschen Rekord zu unterbieten, nur vier Wochen später erlief dann Lothar Beckert (ZSK Vorwärts Berlin) im finnischen Pieksämäki eine erneute Bestzeit von 2:21:44 h. In der gesamtdeutschen Bestenliste jenes Jahres rangierten DDR-Läufer auf den ersten fünf Plätzen. Die überzeugenden Leistungen, vor allem von Beckert und Hartung machten sie für die erste gemeinsame deutsche Olympiamannschaft in Melbourne 1956 unentbehrlich (Kluge 1992, 23). Nachdem es den Athleten der DDR 1956 schon gelang, alle drei möglichen Startplätze im Marathonlauf zu belegen, konnten sie diese auch zu den Olympischen Spielen 1960 und 1964 in Rom und Tokio besetzen.

Vor allem auf der Ebene des Hochleistungssports mit dessen sichtbaren Erfolgen ließ die SED Spitze nichts unversucht, der eigenen Bevölkerung die Vorzüge des sozialistischen Systems zum Zwecke der innenpolitischen Zustimmung und Stabilisierung nahezubringen[17] und gleichzeitig im Westen durch einen erhofften „Magneteffekt“ eine Beeinflussung hinsichtlich der politischen Einstellung bundesdeutscher Sportler zu erreichen und so Überläufer zum „besseren Gesellschaftssystem“ zu gewinnen (Buss 2003, 18). Die gezielte Beeinflussung westdeutscher Athleten betraf gleichfalls den deutsch-deutschen Sportverkehr, wo sich bundesdeutsche Politiker einer permanenten „kommunistischen Infiltration“ seitens der DDR ausgesetzt sahen.„So muss man sich also erinnern, dass am 25. Juni 1950 der Koreakrieg ausbrach, der dann die ganze zivilisierte Welt in Furcht und Schrecken versetzte und eine besondere Wachsamkeit gegenüber dem Kommunismus hervorrief. Daraus erklärt sich die schockartige Wirkung der Feststellung, dass die sportlichen Begegnungen in der SBZ[18]nahezu regelmäßig mit politischer Propaganda verbunden wurden.“ (zitiert nach Balbier 2003, 28)

Die Systemauseinandersetzungen der 50er und 60er Jahre führten zu einer fast ausschließlichen Fokussierung auf den wettkampforientierten Sport in Ost- und Westdeutschland. Die Marathonläufer schnitten in den Jahren der gemeinsamen Olympiamannschaften 1956-1964 in Melbourne, Rom und Tokio trotz beidseitiger staatlicher Förderung nur mittelmäßig ab (vgl. Buss 2001, 329). Nach der Trennung der Olympiamannschaften, von der DDR-Zeitschrift „Der Leichtathlet“ als Befreiung aus der„Zwangsjacke gemeinsamer Mannschaften“kommentiert, gelang es Waldemar Cierpinski für die DDR mit ersten Platzierungen in Montreal 1976 und Moskau 1980 olympische Akzente zu setzen. Unterdessen liefen BRD-Läufer der absoluten Weltspitze hinterher und konnten allenfalls Achtungserfolge vorweisen.[19]

Herrührend aus dem divergierenden Sportverständnis prägten bewusste Provokationen und mitunter vorsätzliche Sticheleien[20] die Ost-West-Auseinandersetzung. Die politisch neutrale, auf Freiwilligkeit basierende Sportauffassung im Westen und die politische Funktion des Sports im Osten avancierten zum Hauptwiderspruch der innerdeutschen Beziehungen. Durch die Vertiefung der politischen Spaltung in den fünfziger Jahren u.a. mit der offiziellen Abkehr der DDR vom wiedervereinigten deutschen Sport hin zur „Zwei-Staaten-Theorie“ wurde die ideelle und strukturelle Kluft beider deutschen Sportsysteme nachhaltig verstärkt (Pabst 1980, 205).

[...]


[1] Der Triathlonsport beispielsweise wurde aufgrund seiner amerikanischen Herkunft vom DTSB verbannt, konnte aber im Untergrund weiter agieren (vgl. Ehrler 1998, 259ff).

Nach Austhermühle (2000, 119f) konnten solche neuen Entwicklungslinien entstehen, „weil die Kontrollinstanzen auf Grund der Stärke eines sportbezogenen Trends fachlich und personell überfordert waren“.

[2] Die ersten drei Plätze nahmen Berlin, Hamburg und Köln ein. Die Positionen der Marathonläufe wurden dabei nach den Teilnehmern im Ziel berechnet.

[3] Bezugnehmend auf die Allgemeine Wiener Theaterzeitung aus dem Jahre 1846 ist von einer Länge, die „halb so lang ist wie der Freilauf nach Mariabrunn“ die Rede. Diese entspricht der angeführten Distanz.

[4] Die erlaufene Zeit wäre heute noch Weltrekord. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass entweder die Strecke kürzer oder die Zeit nicht korrekt war.

[5] Anfang des 18. Jahrhunderts gehörten athletische Wettbewerbe zur Volksbelustigung und wurden als „lower-class-sport“ gesehen. Die Bezeichnung „running“ galt als Oberbegriff für alle athletischen Disziplinen. Mit einer verbalen Aufbesserung zum „Pedestrianismus“ mit „Fußsport“ übersetzt, erhoffte man sich vom Ruf der vormaligen „running footmen“ abheben zu können. Doch die eingefahrene Meinung, dass Geh- und Laufsportwettbewerbe den Sport des armen Mannes darstellten, hielt sich vehement (Lennartz 1989, 33f).

[6] Im einzelnen sprach sich das neue Amateurideal gegen die Beteiligung der Athleten an Wettgeschäften, gegen das Annehmen von Startprämien sowie von Geldpreisen und Warengutscheinen für die Sieger aus (Eisenberg 1999, 64).

[7] Boten- und Meldeläufer gehörten in der Antike der Armee an und waren zumeist so gut trainiert, dass sie tagelang laufen konnten. Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass der Bote nach einer Strecke von 40 bzw. 35 km tot zusammenbrach.

[8] Nach Lennartz (2005, 26) erfasste man in der Zeit von 1908 bis 1912 fast 100 Veranstaltungen pro Jahr.

[9] Die Statistik zählte von 1892 bis 1899 46 Läufe über Strecken zwischen 30 und 50 km.

[10] Als Veranstalter trat der Leipziger Club „Sportbrüder“ auf, der mit dem Namen „40 km Distanz-Laufen“ für das Premierenereignis warb. Das Startgeld betrug 1,50 Reichsmark, was sich zu damaligen Zeiten nur junge Männer der betuchteren Schichten leisten konnten.

[11] Der bekannteste Marsch, den man austrug, fand ab 1881 zwischen Berlin und Wien statt und umfasste eine Streckenlänge von 600 km.

[12]1895 gab es Straßenläufe über 7,5 und 15 Kilometer und Ein-und-Zwei-Stunden-Läufe.

[13] Der 1921 erstmals gestartete 25-km-Lauf „Quer durch Berlin“ erlangte bei den Spitzenläufern und Zuschauer besondere Aufmerksamkeit, da er zur ersten Serie von Straßenläufen gehörte, die durch das Stadtgebiet führten (Schulke 1988, 54f).

[14] Hermann Müller benötigte für die Marathon-Strecke 3 ½ Stunden und belegte damit den 9. Platz. Somit war er der erste deutsche Leichtathlet, der in einem Olympischen Marathonlauf an den Start ging und auch im Ziel ankam. Bis Montreal 1976 war es keinem deutschen Läufer gelungen, die Platzierung Müllers zu erreichen, bis am 31.7.1976 Waldemar Cierpinski (DDR) den Olympischen Marathonlauf für sich entscheiden konnte und diesen Erfolg 1980 in Moskau wiederholte (ebd. 27).

[15] Der Berliner Johannes Theuerkauf entschied die Meisterschaften der Deutschen Turnerschaft mit einer sehr guten Endzeit für sich. Dieses Resultat fand jedoch keinen Einzug in die offiziellen Rekordlisten, da die seit 1921 geltende internationale Regelung eine Streckenlänge von 42,195 km vorschreibt.

[16] Veröffentlichte u.a. 1936 die Broschüre „Der Marathonlauf“.

[17] Bemühungen dahingehend fanden mit der Gründung der DDR statt, die bekanntermaßen ohne mehrheitliche Zustimmung der eigenen Bevölkerung erfolgte, nach dem Volksaufstand 1953 und zum Zeitpunkt des Mauerbaus 1961.

[18] Abkürzung für Sowjetische Besatzungszone.

[19] u.a. durch Steffny (17. Platz 1968 in Mexiko) und Angenvoorth (16. Platz 1972 in München).

[20] zur „bedrohlichen“ Infiltration durch die DDR vgl. Balbier 2003, 52 ; Becker 2001, 300

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Langlaufs in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung unter besonderer Berücksichtigung des Marathonlaufs
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Sportwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
135
Katalognummer
V50579
ISBN (eBook)
9783638467742
Dateigröße
2320 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Entwicklung, Langlaufs, Deutschland, Wiedervereinigung, Berücksichtigung, Marathonlaufs
Arbeit zitieren
Constanze Bartel (Autor), 2005, Die Entwicklung des Langlaufs in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung unter besonderer Berücksichtigung des Marathonlaufs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50579

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