Die Grundlagen der Naturphilosophie des Aristoteles. Das Prinzipienschema und das Vier-Ursachen-Modell in seinem Werk "Physik"


Hausarbeit, 2019

11 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung

3. Aristoteles‘ Physik

4. Kritik an den Theorien der Vorgänger

5. Das Vier-Ursachen-Schema

6. Zufall und Fügung

7. Schlussteil

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werden die Grundlagen von Aristoteles` Naturphilosophie dargestellt. Dabei werden anhand seiner Texte die Prozesshaftigkeit der Naturvorgänge dargestellt. Zu Beginn wird der Stand der philosophischen Naturforschung erläutert. Anschließend wird darauf eingegangen, wie Aristoteles in Auseinandersetzung mit den Lehren seiner Vorgänger das Prinzipienschema erarbeitet. Darauf aufbauend wird das Vier-Ursachen-Modell von Aristoteles dargelegt. Abschließend wird die Frage behandelt, was Zufall und Fügung sind. Die Textgrundlage für diese Hausarbeit ist das erste und das zweite Buch von Aristoteles` Physik.

2. Historische Entwicklung

In diesem Abschnitt geht es um die historische Entwicklung der aristotelischen Philosophie. Naturphilosophie bezeichnet alle philosophischen, erkenntnistheoretischen und metaphysischen Versuche, die Natur zu interpretieren und zu einem Gesamtbild ihres Wesens zu kommen. Gegenstand der Naturphilosophie ist die Natur. Die Vorsokratiker aus Ionien, die auch ionische Naturphilosophen genannt werden, sind Begründer der Naturphilosophie.

Die Entstehung der Welt wird mit der Lehre von der Entstehung und der Abstammung der Götter erklärt. In Hesidos Theogonie werden die Gottheiten von den Naturelementen, in denen sie hausen, noch nicht gedanklich getrennt. Zu allererst entstand Chaos (die Erde) und dann Gaia (Erdgöttin). In Gaia entstanden der dunkle Tartaros und Eros. Aus dem Chaos wurde Erebos, die Nacht und der Tag (Äther) geboren. Gaia gebar Uranos (Himmel und Himmelsgott), das als sicherer Wohnsitz für die Götter diente. Ferner wurden gewaltige Berge geboren, die als Behausung für die Götter dienen sollen.

Aristoteles sah in Thales den ersten „Physiker“. Dieser Begriff war zu dieser Zeit gleichzusetzen mit „Philosoph“, da er der Erste war, der nach einem Prinzip bzw. einem Grundelement aller Dinge (arché) gefragt hat. Thales sah diesen Urgrund als das Wasser. Die arché der Dinge, das „Woraus“ hat Anaximander das ápeiron genannt, welches das Grenzenlose und Unbestimmte, aus dem alles Werden entsteht, bedeutet. Dieses sogenannte Urprinzip bestand für Anaximenes auf der Luft, aus dem die Erwärmung und Kälte entsteht. Die Vorsokratiker bezeichneten die Natur als Gesamtheit des Seienden. Sie suchen nach dem Urstoff, also dem Anfang und versuchen, diesem einen Namen zu geben. Aristoteles dagegen analysiert die Strukturen, also die Prinzipien und Gründe des Seienden. Daher stand es für ihn nicht an erster Stelle, den Urstoff zu benennen.

3. Aristoteles‘ Physik

Den Schwerpunkt der Untersuchungen von Aristoteles bilden die Kinesis, Bewegung, Wandel und das Werden und Vergehen von Naturdingen. Das Ziel seiner Schrift ist die Beschreibung, Klassifikation und Erklärung von Prozessen der wahrnehmbaren Gegenstände, die ihre Bewegungsursache in sich selbst tragen. Die Bücher I und II von Aristoteles‘ Physik stellen parallele Anläufe zur Auffindung von Prinzipien und Gründen dar.

Im ersten Buch steht im Mittelpunkt der Grundstoff, das materielle Substrat mit seinen Wandlungen. Der Ausgangspunkt der Naturphilosophie von Aristoteles ist, dass er zuerst das Hindernis, dass es etwas wie Bewegung, Veränderung, Wandel und Vielheit nicht gäbe, aus dem Weg räumt. Nach der eleatischen Schule ist Werden das Sein, das unveränderlich ist und sonst nichts.

Zunächst entwirft Aristoteles ein allgemeines Schema der Prinzipien, in dem er sich mit den Lehren seiner Vorgänger auseinandersetzt, diskutiert und die Fehler und Schwachstellen aufdeckt. Ebenso nennt er weitere Vorschläge zur Lösung des Problems. Im zweiten Buch behandelt Aristoteles das gleiche Thema. Jedoch benutzt er eine andere Herangehensweise: „Im ersten Buch war nach den Prinzipien der Natur gefragt worden. Das zweite Buch fragt dagegen nicht nach den Ursachen der Natur, sondern umgekehrt nach der Natur der Ursache.“1

Somit untersucht Aristoteles im zweiten Buch Naturgegenstand und -eigenschaft. Er grenzt die Naturwissenschaft gegen andere Wissenschaften ab und beschäftigt sich mit nachgeordneten Prinzipien bzw. der Frage nach den Ursachen. Daher liegt in seinem zweiten Buch das Augenmerk auf der Entwicklung des Vier-Ursachen-Schemas, das aus Material, Form, Veränderungsanstoß und Ziel besteht. Ebenfalls unternimmt er einen thematischen Exkurs über Zufall und Fügung, da er zum Entschluss kommt, dass nicht alles in der Natur sich sinnvoll aus bestimmten Ursachen erklären lässt, sondern es etwas Unvorhergesehenes, Zufall und Schicksal geben muss.

4. Kritik an den Theorien der Vorgänger

Zu Beginn seiner Arbeit schreibt Aristoteles:

„denn wir sind überzeugt, dann jeden Gegenstand zu erkennen, wenn wir seine ersten Ursachen zur Kenntnis gebracht haben und (seinen Bestand) bis hin zu den Grundbausteinen“2

Hierbei vertritt er die Auffassung, dass Wissen oder wissenschaftliche Erkenntnis über etwas nur dann erlangt werden kann, wenn die Ursachen und Prinzipien dieses Gegenstandes erzielt werden. Das Gleiche kann auch auf die Wissenschaft von der Natur übertragen werden: Hier sollen zuerst die zugrundeliegenden Prinzipien erkannt werden. Der Weg der Erkenntnis führt von dem Ganzen, „dem von Natur aus Undeutlicheren uns aber Klareren“3 zu den einzelnen zugrundeliegenden Prinzipien, „zu dem, was der Natur nach klarer und bekannter ist“.4

Im fünften Buch seiner Metaphysik definiert er Prinzipien, Elemente und Ursachen, nach denen man erforschen soll, um zur Erkenntnis zu gelangen. Er bezeichnet dies wie folgt:

„‘Prinzip‘ ist einerseits ein Oberbegriff, der ‚Ursache‘ und ‚Element‘ unter sich enthält. In einer engeren Bedeutung werden unter ‚Prinzipien‘ letzte Gründe für das Sein, das Werden und die Erkenntnis von etwas verstanden […]. Erste Prinzipien der Erkenntnis sind die obersten, ihrerseits nicht mehr beweisdürftigen Prämissen von Beweisketten […]. ‚Ursachen‘ bilden eine Untergruppe von ‚Prinzipien‘; sie können definiert werden als notwendige oder hinreichende Bedingungen für das Werden und Sich-Verändern von etwas. ‚Elemente‘ hingegen sind ‚innere Prinzipien‘. Letztmomente im Aufbau von etwas, das, woraus etwas letztlich konstituiert ist.“5

Aristoteles Vorgänger haben versucht, den Urstoff bzw. die Urstoffe zu benennen. Doch Aristoteles analysiert die Struktur der Prinzipien und stellt die Frage, wie viele Prinzipien das Werden bedingen und wie. Aristoteles wählt die Methode aus, indem er sich mit den Lehren seiner Vorgänger auseinandersetzt, um daraus eigene Lösungen zu gewinnen. Auch wenn die Vorgänger zu falschen Ergebnissen gelangen, sind sie im Grunde vom selben Ausgangspunkt ausgegangen.

Aristoteles stellt die Methoden, Annahmen und Antworten seiner Vorgänger in folgendem Schema gegenüber: Es gibt entweder nur ein Prinzip der Natur oder es gibt mehrere. Wird nur von einem Prinzip ausgegangen, so ist dieser veränderlich oder unveränderlich. Wird aber von mehreren Prinzipien ausgegangen, so kann es entweder eine begrenzte oder unbegrenzte Anzahl von ihnen geben. Wenn es begrenzt viele Prinzipien gibt, so ist es möglich, diese zahlenmäßig zu bestimmen. In dieses Schema wurden alle Vordenker von Aristoteles eingeordnet. Die These, dass es nur ein Prinzip der Natur gäbe und unveränderbar sei, vertraten die Eleaten. Das wahre Sein sei unveränderlich und Vielfalt und Bewegung seien nur Schein dar.

Die Naturdenker gingen davon aus, dass es ein Prinzip gäbe, das veränderlich ist. Empedokles ist einer von ihnen. Er postuliert, dass es ein veränderliches Grundprinzip gäbe, das alle Naturdinge in sich enthält und diese sogar Ausdruck unterschiedlicher Zustände des Ausgangsprinzip sind. Wenn davon ausgegangen wird, dass dies richtig sei, so könnte alles in beliebiger Erscheinungsweise entstehen. Daraus folgend wären aber Gesetzmäßigkeiten und die Zuordnung bestimmter Eigenschaften zu bestimmten Gegenständen nicht möglich. Daher empfiehlt Aristoteles, mehrere Prinzipien vorauszusetzen. Demokrit nahm eine unendliche Anzahl von Anfangsgründen an, während Aristoteles diese ausschließt. „Wären nun Anfangsgründe unendlich, sei es der Menge, sei es der Art nach, so wäre es unmöglich, über das, was sich aus ihnen ergibt, ein Wissen zu gewinnen“.6 Folglich muss eine Naturtheorie von einer begrenzten Anzahl von Prinzipien ausgehen. Diese Theorie nahmen auch die Vorgänger von Aristoteles an.

„Im Unterschied zu seinen Vorgängern legt sich Aristoteles nicht auf bestimmte Gegensatzpaare […] fest, sondern erörtert deren generelle Struktur: Es handelt sich in allen Fällen des prozesshaften Übergangs um den Gegensatz einer positiven Bestimmtheit und deren Abwesenheit.“7

Die positive Bestimmtheit von etwas nennt Aristoteles „Form“ und deren Abwesenheit „Beraubung“. Er argumentiert weiter, dass es im Rahmen des Übergangs zwischen einer positiven und negativen Bestimmtheit, ein Übergehendes geben muss, an das sich die Veränderung vollzieht. Das nennt er „Materie“. Er kommt zu dem Entschluss, dass man von drei Prinzipien der Natur sprechen muss: Materie, positive Formbestimmtheit (Form) und deren Gegenteil (Beraubung).

5. Das Vier-Ursachen-Schema

Im ersten Buch fand Aristoteles heraus, dass Naturphilosophie über Dinge handelt, an denen naturhafte Prozesse ablaufen. In seinem zweiten Buch versucht er herauszufinden, was Naturseiendes ist, wann von einem naturhaften Prozess gesprochen werden kann und welches der Bestandteile des Naturseienden, also Materie oder Form, als Natur bezeichnet werden kann.8

„Unter den vorhandenen (Dingen) sind die einen von Natur aus, die anderen sind auf Grund anderer Ursachen da.“9 Aristoteles unterscheidet zwischen Naturdingen und Artefakten. Artefakten sind kunstmäßig hergestellte Dinge mit „keinerlei innewohnenden Drang zur Veränderung in sich“.10 Naturwesen sind Dinge wie Pflanzen, Lebewesen und die „einfachen Körper“ (Erde, Wasser, Luft und Feuer). Diese unterscheiden sich von Artefakten wie Häusern, Äxten und Messern, weil sie das Prinzip ihrer Ruhe und Bewegung in sich selbst tragen.

„Von ‚Naturseiendem‘ können wir demnach dann sprechen, wenn etwas unabhängig von künstlicher Prägung und Formung durch den Menschen spezifische Bewegungen vollführt, spezifische Veränderungen erfährt und ebenso spezifische Ruhezustände erreicht.“11

Der Unterschied zwischen der Bewegung und Veränderung von Naturdingen und Artefakten könnte auch folgendermaßen erklärt werden: In Naturdingen sind bestimmte und formabhängige Anlagen zu bestimmten Bewegungs- und Ruhezuständen enthalten. Bei Bearbeitung, zum Beispiel Formung und Gestaltung der Artefakte werden der Naturanlage des Materials weitere Funktionen hinzugefügt. Es stellt sich die Frage, was als „naturgemäß“ oder als „naturhaft“ bezeichnet werden kann. Naturgemäß sind diejenigen Bewegungs- und Ruhezustände, deren Realisierung von Naturdingen innerlich enthalten ist. Nicht naturgemäß ist jeder künstliche Eingriff in diese Vorgänge.

Danach behandelt Aristoteles die Frage, was die Natürlichkeit der Dinge ausmacht, die Materie oder die Form. Dazu zieht er ein Beispiel von Antiphon heran. Wenn aus einer Liege, die aus Holz besteht, in die Erde vergräbt und nachdem sie verrottet ist, ein Spross entsteht, so wächst daraus Holz und keine neue Liege. Daher muss die Materie den Vorrang vor der Form haben.12 Dieser Entschluss ist für Aristoteles sehr voreilig. Denn Holz, Eisen, Erde, Luft, Feuer und Wasser sind keine reine Materie. Da die Gestaltung und Form der Dinge sich nicht voneinander trennen lassen, erklärt Aristoteles die Form vorrangig vor der Materie:

„Und diese (Form) ist in höherem Maße Naturbeschaffenheit als der Stoff; ein jedes wird doch dann erst eigentlich als es selbst ausgesprochen, wenn es in seiner zweckhaft erreichten Form da ist, mehr als wenn es bloß der Möglichkeit nach ist.“13

Die Materie sollte aber auch als „Natur“ bezeichnet werden können, denn ohne Material, das geformt wird, kann Naturseiendes nicht existieren. Zuletzt wird noch die Frage nach der Ursache behandelt. Ursachen sind für Aristoteles physikalische Erklärungen als Antworten auf Warum-Fragen. Dazu ein Beispiel:

Warum schneidet das Messer das Papier?

Weil das Material des Messers härter ist als Papier (Stoffursache).

Weil das Messer eine scharfe Klinge hat (Formursache).

Weil das Messer Spannungsspitzen auf dem Papier erzeugt (Wirkursache).

Weil das Messer zum Schneiden hergestellt wird (Zweckursache).

Aristoteles bezeichnet die Stoffursache als „das, woraus als schon Vorhandenem etwas entsteht “.14 Als Beispiel nennt er Erz als Ursache für das Standbild. Die Formursache ist die Form und das Modell, also „die vernünftige Erklärung des „was es wirklich ist“ und die Gattung davon“.15 Interessant ist auch die Frage nach dem Bewirkenden und dessen, was bewirkt wird: „Woher kommt der anfängliche Anstoß zu Wandel oder Beharrung?“16 Als Beispiel für die Zweckursache nennt Aristoteles das Spazierengehen und die Gesundheit. Der Zweck des Spazierengehens ist die, um sich gesund und fit zu halten. Laut Aristoteles müssen diese vier Ursachen gegeben sein. Sie können auch wechselseitig sein, d.h. eine Ursache kann Wirk- als auch Stoffursache sein.

[...]


1 Wieland, Die aristotelische Physik, S. 233.

2 Aristoteles, Physik, S. 3.

3 Vgl., ebd., S. 3.

4 Vgl. ebd., S. 3.

5 Craemer-Reugenberg, Die Naturphilosophie des Aristoteles, 1982, S. 28.

6 Aristoteles, Physik, S. 21.

7 Craemer-Reugenberg, Die Naturphilosophie des Aristoteles, 1982, S. 28.

8 Vgl. ebd., S. 34.

9 Aristoteles, Physik, S. 51.

10 Vgl. ebd., S. 51.

11 Craemer-Reugenberg, Die Naturphilosophie des Aristoteles, 1982, S. 36.

12 Aristoteles, Physik, S. 53.

13 Vgl. ebd., S. 55.

14 Vgl. ebd., S. 63.

15 Vgl. ebd., S. 63.

16 Vgl. ebd., S. 63.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Grundlagen der Naturphilosophie des Aristoteles. Das Prinzipienschema und das Vier-Ursachen-Modell in seinem Werk "Physik"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V505824
ISBN (eBook)
9783346054173
ISBN (Buch)
9783346054180
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grundlagen, naturphilosophie, aristoteles, prinzipienschema, vier-ursachen-modell, werk, physik
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Grundlagen der Naturphilosophie des Aristoteles. Das Prinzipienschema und das Vier-Ursachen-Modell in seinem Werk "Physik", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505824

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