Die deutsch-britische Annäherung um 1900


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Internationalen Hintergründe

III. Deutsch- britische Annäherung und Bündnisgespräche

IV. Gründe für das Scheitern der Verhandlungen
1. Öffentliche Meinung und Burenkrieg
2. Wirtschaftliche Konkurrenz und Flottenbauprogramm

V. Schluss

VI. Literatur

I. Einleitung

Die Frage der Bündnisse vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigt die Geschichtswissenschaft schon seit langem. Mit dem Beitritt Großbritanniens zur Entente Cordiale war die europäische Konstellation vorbereitet für den Krieg. Doch warum einigt sich Großbritannien mit zweien seiner größten Gegner jener Zeit? Warum schließt sich England nicht vielmehr dem Dreibund aus Italien, Österreich- Ungarn und dem deutschen Kaiserreich an? Was beeinträchtigte die Verhandlungen zwischen London und Berlin? Oder war das Bündnis schlichtweg nicht gewollt? Diesen Fragen soll in der Folgenden Arbeit nachgegangen werden.

Aufgrund der hohen Komplexität können einzelne Aspekte nur kurz angerissen werden. Jeder Teilaspekt wäre sicherlich eine eigene Arbeit wert. Doch soll hier der Gesamtzusammenhang untersucht und analysiert werden. Dabei stehen die Jahre 1898- 1902 besonders im Fokus. Zu jener Zeit waren die Verhandlungen zwischen Großbritannien und Deutschland am intensivsten und am weitesten vorangeschritten. Doch zunächst sollen die Internationalen Hintergründe betrachtet werden. Warum gab England seine Politik der „Splendid Isolation“ auf? Hier soll der Rahmen für die Folgenden Kapitel skizziert werden. Anschließend werden die Bündnisgespräche beschrieben. Hier soll gezeigt werden, dass London, oder zumindest Teile der Londoner Regierung durchaus gewillt waren mit dem Kaiserreich ein Verteidigungsbündnis einzugehen. Daraufhin sollen Gründe für das Scheitern der Verhandlungen erwähnt und analysiert werden. Im Mittelpunkt stehen hierbei zwei für den Verfasser enorm wichtige Faktoren. Zunächst die öffentliche Meinung im Kontext des Burenkrieges und anschließend die Wirtschaftliche Rivalität. Da die deutsche Wirtschaft und ihr Wachstum den Grundstein für die Militär- und Rüstungspolitik bildeten, soll kurz noch eines der am häufigsten Erwähnten Argumente, die Flottenpolitik, für den Antagonismus zwischen den beiden Nationen um die Jahrhundertwende angerissen werden. Die Literatur zu dem Thema ist sehr umfangreich und detailliert. Besonders hervorzuheben ist das Werk von George Monger über die Entstehung der Entente 1900- 1907.[1] Hierin sind die britischen und deutschen Quellen besonders umfangreich analysiert worden. Ferner erwähnenswert ist das Standardwerk zu den deutsch- britischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg, Paul Kennedy’s „The Rise of the Anglo- German Antagonism“[2]. Über die Frage des Scheiterns besteht keineswegs Einigkeit, vielmehr hat jeder Autor seine eigenen Präferenzen zur Gewichtung der einzelnen Faktoren. Zunächst sollen die Rahmenbedingungen auf internationaler Ebene zur Arbeit betrachtet werden.

II. Internationalen Hintergründe

In Folge des Wiener Kongresses 1815 und der damit verbundenen Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts nach den Eroberungszügen Napoleons, entwickelte sich Großbritannien zur führenden Macht in Europa und schließlich auf der ganzen Welt. Ausschlaggebend war unter anderem die beginnende Industrielle Revolution, die Großbritannien zur führenden Wirtschaftsmacht aufstiegen ließ. Um das Jahr 1860 produzierte das Vereinigte Königreich circa 53 Prozent des weltweiten Eisens und 50 Prozent der Stein- und Braunkohle. Ferner war es für ein Fünftel des Welthandels verantwortlich und hatte über ein Drittel der weltweiten Handelsflotte unter Flagge.[3] Nach und nach kamen die Ideen des Freihandels auf und die Welt gelangte in eine neue Phase. Großbritannien war die wirtschaftlich unumstrittene Führungsmacht auf der Erde und London das Finanz- und Handelszentrum.

Zugleich dehnte das Königreich sein „Empire“ immer weiter aus. Zu den Zeiten des Imperialismus und seiner Hochphase vor dem ersten Weltkrieg umfasste das Königreich circa 400 Millionen Einwohner und erstreckte sich über ein Viertel der ganzen Welt.[4] Das Neunzehnte Jahrhundert war somit durch Ereignisse geprägt, die sich zunächst aus britischer Sicht nur außerhalb Europas abspielten. Auf dem Kontinent herrschte das System des Gleichgewichtes, welches Großbritannien förderte. „Balance of Power ist der Grundsatz, der die englische Insel mit dem europäischen Kontinent verband, das Raster, durch das die britische Politik das Festland betrachtete.“[5] Große Kriege blieben aus. Zwar kam es zu vereinzelten lokalen und regionalen Konflikten, wie den deutschen Einigungskriegen oder dem Deutsch- Französischen Krieg, aber die Gefahr eines Hegemons auf dem europäischen Kontinent, wie durch Napoleon bestand nicht. Vielmehr konzentrierte sich das Kriegsgeschehen auf außereuropäischen Schauplätzen in teils blutigen Eroberungskriegen.

Wie Paul Kennedy hervorhebt, benutzte Großbritannien seine ökonomische und politische Stärke jedoch nicht für ein stehendes Heer und die Mobilisierbarkeit von Truppen war wohl selten so gering wie in jener Zeit. Vielmehr herrschte eine liberale Grundstimmung, sowohl in der Politik wie auch in den führenden gesellschaftlichen Schichten, und die Einmischung in militärische Abenteuer wie der Krimkrieg sorgten für Unmut. Die Verteidigungsausgaben wurden so niedrig wie Möglich gehalten.[6] Einzig die Flotte bekam größere Mittel zugesprochen und dominierte die Weltmeere. Der so genannte „Two- Power Standard“ besagte, dass die eigene Flotte immer mindestens genauso groß sein sollte, wie die gemeinsame Flottenstärke der zwei als nächste folgenden Mächte.

Der Zeitraum wird allgemein als „Splendid Isolation“ bezeichnet. Großbritannien verzichtete auf Bündnisse und gab sich ganz den kolonialen Eroberungen und dem Handel hin. Zwar schloss es vereinzelt regionale oder lokale Bündnisse, welche allerdings kolonialen Absprachen dienten oder wie im Krimkrieg nur von begrenzter Dauer waren.

Mit der deutschen Einigung und dem Sieg des zweiten deutschen Kaiserreichs über Frankreich erwuchs dem Empire auf dem Kontinent ein mächtiger Gegenspieler. So bemerkt auch Klaus Hildebrand, dass das Reich eine ungeschickte Größe hatte. Es war in der kleindeutschen Lösung zu klein für einen Hegemon und zu groß für das kontinentale Gleichgewicht.[7] Zunächst ging von ihm wenig Gefahr aus. Zumindest solange der Reichskanzler Bismarck sein Bündnissystem in Europa erhalten konnte und dadurch Frankreich isolierte, bestand für das Königreich durch Deutschland keine Gefahr. Zumal Bismarck gegen Kolonien war und sein Schwerpunkt auf kontinentalen Fragen ruhte. Erst mit dessen Rücktritt 1890 wandelte sich die deutsche Politik entscheidend. Der kurz zuvor an die Macht gekommene Kaiser Wilhelm II. hatte großes Interesse an Kolonien und sah es als für das Kaiserreich notwendig an, am kolonialen Wettstreit teilzunehmen.[8] Unterdessen endete der deutsch- russische Bund und Bismarcks Bündnissystem begann sich aufzulösen.

Doch war das nicht der ausschlaggebende Punkt für England, seine Politik der Isolierung aufzugeben. Entscheidender hierfür war zum einen das rasante Wirtschaftswachstum entstehender Großmächte wie den Vereinigten Staaten von Amerika, des Deutschen Kaiserreichs oder auch Japans.[9] Zum anderen sah sich Großbritannien im kolonialen Wettstreit immer größerer Bedrohungen gegenüber. Frankreich bedrohte das Empire in Afrika, Russland im Nahen und Fernen Osten Indien und die USA bauten ihren Einfluss in der Karibik und in Südamerika aus. Im östlichen Mittelmeer drohte das Osmanische Reich zusammenzubrechen, und es bestand die Gefahr, dass die für das britische Königreich so wichtige Meerenge bei Konstantinopel in russische Hand fiele und somit die Dominanz der britischen Flotte im Mittelmeer gebrochen würde. Doch nicht nur hier verlor die Royal Navy an Macht. Auch der „Two- Power Standard“ schien zu kippen oder nur unter immensen Anstrengungen finanzieller und politischer Art als haltbar. Nicht nur das deutsche Kaiserreich, sondern auch Frankreich, Russland und die USA rüsteten ihre Flotten massiv auf und erhöhten ihre Kriegsschifftonnagen gewaltig.[10] Überhaupt waren die britischen Landtruppen nur sehr schwach. Für große Kriege zu Lande reichte die Truppenstärke bei weitem nicht aus, geschweige denn um an einem größeren europäischen Konflikt teilzunehmen.

Somit fasste London auch das französische – russische Bündnis von 1894 als Vereinigung seiner zweier größten Feinde und somit als Bedrohung auf, obwohl es primär als Verteidigungsbündnis gegen das deutsche Reich gedacht war.[11] Frankreich umschloss das noch unabhängige Marokko und generierte zahlreiche Grenzkonflikte, während Russland die britische Kolonie Indien zusehend in Bedrängnis brachte. Angesichts der latenten russischen Bedrohung stellte der erste Lord der britischen Admiralität Selborne 1901 fest, dass Russland aufgrund seiner weitläufigen Ausdehnung zu Lande praktisch unschlagbar sei.[12] Die Fashoda – Krise 1898 gilt als Höhepunkt französisch-britischer Rivalität in Afrika. Bei der Stadt Fashoda am Nil im Sudan standen sich Truppen beider Nationen gegenüber. Nur die Annerkennung britischer Ansprüche durch die französische Regierung verhinderte einen Krieg, wohl auch weil sich Frankreich zu schwach sah, einen Krieg alleine gegen England zu führen und der Partner Russland doch zu sehr mit Problemen im Fernen Osten beschäftigt war und nicht gewillt schienen in Afrika französische Interessen zu verteidigen.

Ferner sorgte der Burenkrieg für Schwierigkeiten in Großbritannien. Die Buren waren ein weißes Volk im südlichen Afrika, die schon länger zwei unabhängige Staaten regierten. Als auf deren Territorium nun Gold gefunden wurde, kam es zu einem militärischen Konflikt zwischen den Buren und Engländern, welche die Kapkolonie besaßen. Trotz scheinbarer britischer militärischer Überlegenheit zog sich der Krieg in die Länge und band sowohl Truppen als auch finanzielle Mittel. Von 1899 bis 1902 dauerte der Krieg. Dabei wurde er von britischer Seite nicht immer unter Beachtung humaner Grundsätze geführt, und in ganz Europa entstand eine ernste Anti- britische Stimmung. Zu jener Zeit erkannte Großbritannien nicht nur seine Schwächen, sondern es ging die Angst vor einem kontinentalen Bündnis gegen das Empire um. Die Angst kam nicht von ungefähr, sondierten doch die Franzosen und Russen bereits solche Pläne.[13]

Ein weiterer Ort internationaler Konflikte war China. Die britische Politik der Freihaltung von Gebietsansprüchen und einer schlichten Öffnung für den Handel war gescheitert, und die Mächte Frankreich, Japan, Russland und Deutschland steckten ihre Interessensphären ab. Somit geriet London unter Zugzwang und erhob Ansprüche auf das Yangtse- Tal. Die russische Intervention in der Mandschurei in Folge des Boxeraufstandes ließ eine britisch-russische Annäherung unmöglich erscheinen. Stattdessen versuchte die britische Führung, eine engere Kooperation mit Deutschland und Japan einzugehen.

Obwohl das Verteidigungsbudget Großbritanniens zwischen 1895 und 1901 von 105 Millionen Pfund auf 147 Millionen Pfund empor schnellte, sah sich London doch nicht für einen Krieg gerüstet.[14] Auch hatte das Empire kein Interesse daran, einen Krieg loszutreten oder darin verwickelt zu werden. Als führende Weltmacht war es der Führung klar, dass jede Form von bewaffnetem Konflikt die britische Position entschieden verschlechtern würde und das Land somit nur verlieren konnte. Unter diesen Umständen begann die Suche nach Verbündeten.

[...]


[1] Monger, George: Ursachen und Entstehung der englisch-französisch-russischen Entente 1900-1907, Darmstadt 1972.

[2] Kennedy, Paul: The Rise of the Anglo- German Antagonism 1860- 1914, London 1980.

[3] Kennedy, Paul: Aufstieg und Fall der großen Mächte – Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 – 2000, Frankfurt³ 2002. S. 240/241

[4] Young, John W.: Britain and the World in the Twentieth Century, London 1997. S. 7

[5] Gade, Christel: Gleichgewichtspolitik oder Bündnispflege? – Maximen britischer Außenpolitik (1909-1914), Göttingen 1997. S. 35

[6] Kennedy, Aufstieg, S. 245

[7] Hildebrand, Klaus: Reich, Großmacht, Nation – Betrachtungen zur Geschichte der deutschen Außenpolitik 1871- 1945, in: Historische Zeitschrift, Vol. 259 (1994), Nr. 2. S. 369- 389

[8] Fälschle, Christian: Rivalität als Prinzip, Frankfurt 1991. S. 61/62

[9] Für Japan gilt dies weltpolitisch gesehen nur sehr eingeschränkt, jedoch spielte es durch seinen Sieg im japanisch-chinesischen Krieg von 1895 eine wichtige Rolle im Fernen Osten. Durch die Niederwerfung Chinas begann der koloniale Wettlauf in China zwischen Deutschland, Russland, Japan und Frankreich, was Großbritannien nicht ohne weiteres hinzunehmen bereit war. Vielmehr erhofften sie sich eine Erhaltung der chinesischen Regierung und eine Fortsetzung der „Open Door“ Politik und dem damit verbundenen freien Handel.

[10] Kennedy, Aufstieg, Tabelle 20, S. 313

[11] Monger, Entente, S. 1

[12] Ebd. S. 9

[13] Chamberlain, Muriel E.: Pax Britannica? – British Foreign Policy 1789-1914, London 1988. S. 166

[14] Monger, Entente, S.10

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die deutsch-britische Annäherung um 1900
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Historisches Seminar: Großbritannien 1890 – 1945
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V50595
ISBN (eBook)
9783638467896
ISBN (Buch)
9783638661119
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Annäherung, Historisches, Seminar, Großbritannien
Arbeit zitieren
Sven Däschner (Autor), 2005, Die deutsch-britische Annäherung um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50595

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