Gewaltloser Machtwechsel? Untersuchung über die Voraussetzungen für eine "friedliche Revolution" der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

34 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Definition von Gewalt

3 Widerstandsbewegungen
3.1 Einbezug der Kirchen
3.2 Reaktionen auf staatlicher Seite

4 Die DDR-Führung
4.1 Spitze und Kader
4.2 Das Ministerium für Staatssicherheit

5 Beziehungen ins Ausland
5.1 Verhältnis zur Sowjetunion
5.2 Verhältnis zur BRD

6 Bedeutsame Protestaktionen
6.1 Das Jahr der Wende
6.1.1 Der 9. November im Detail

7 Die Rolle der Medien

8 Fazit

1 Einleitung

Ob die DDR als ein „Unrechtsstaat“ oder als eine „Erziehungsdiktatur“ zu bezeichnen ist,1 sorgt immer wieder für Diskussionen, doch angesichts eingeschränkter Wahlen und Ausreiseverweigerungen darf dem früheren Staat rein wissenschaftlich betrachtet durchaus der Status eines totalitären, offensichtlich auch diktatorischen, Systems zugesprochen werden. Dass sich dieses System nach über 40 Jahren der Trennung doch noch mit dem westlichen, wirtschaftlich und ideologisch gegenläufig konzipierten, „Klassenfeind“ vereinen konnte, fasziniert somit nach wie vor die Geschichtswissenschaft. Bestärkt wird dieses Interesse dadurch, dass Gewaltausübungen auf staatlicher Seite vor allem in den ersten Jahren der DDR-Geschichte die Regel darstellten2 und dennoch ein „… am Ende […] plötzlicher, friedlich revolutionärer, durch die Massenbewegung erzwungener Machtwechsel“3 erfolgte, zumal die Bevölkerung stets mit der Gefahr gewaltsamer Gegenmaßnahmen rechnen musste.4 So mag dieser Wechsel zwar nicht ohne Auseinandersetzungen abgelaufen sein – schließlich wird das Jahr 1989 auch als das „dramatischste seit 1945“ bezeichnet – doch Forscher scheinen sich offensichtlich einig zu sein, diesen Umbruch als eine „friedliche Revolution“ bezeichnen zu können.5 Nebenbei: Ob die Bezeichnung „Wende“, „Umbruch“, „Revolution“ oder sonstige Begrifflichkeiten der Umschreibung dieses Machtwechsels dienen sollten, wird hier nicht näher beleuchtet, da all diese Begriffe „... nicht nur unterschiedlich taugliche analytische Instrumente oder konzeptualisierte Sachurteile darstellen, sondern oftmals zugleich politisch-moralische Werturteile enthalten“.6

Die folgende Arbeit soll vielmehr klären, ob dieser Umbruch denn tatsächlich als „Friedliche Revolution“ beziehungsweise „Friedliche Wende“ bezeichnet werden darf. Vor allem soll jedoch die Frage geklärt werden, weshalb dieser Umschwung zumindest ohne größeres Blutvergießen erfolgte und eben nicht in einer gewaltsam unterdrückten Revolte endete.

Hierfür sollen die zentralen Merkmale/Erfolge der Widerstandsbewegungen im besonderen Kontext mit dem Wirken der Kirchen ebenso wie das Verhalten der Regierung und deren Zusammensetzung genauer beleuchtet werden.7 Selbstverständlich wird auch auf das Wirken der Geheimdienste, allem voran auf das des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) geschaut, da dieses über innenpolitische Entwicklungen besonders umfangreich informiert war8 und nach einem überaus schnellen Wachstumsprozess eine Art Grundlage der repressiven Funktion weiterer Staatsorgane ausmachte.9 Da das MfS sowie die Entwicklungen dieser friedlichen Revolution eng an Medien und Kommunikationswegen gekoppelt waren, ist außerdem eine kurze Analyse medialer Einwirkungen geplant, in der auch das Zusammenspiel zwischen östlichen und westlichen Medien aufgegriffen werden soll. Seit den 70er-Jahren hatte sich in der BRD nämlich ein neues Bewusstsein über Polizeieinsätze und Gewaltausübung ergeben,10 wodurch sich auch das starke Interesse westlicher Medien und die allgemein präzise Protokollierung der Ereignisse erklären lassen. Außenpolitisch ist zudem eine allgemeine Untersuchung zwischen den Beziehungen der DDR und der Sowjetunion angestrebt, da diese durchaus als eine Schutzmacht Ersterer zu betrachten war.11 Ferner ist ein expliziter Blick auf das Jahr 1989 und den entscheidenden Tag des Umsturzes, auf den 9. November, vorgesehen.

In weiten Teilen der Verlaufszeichnung und deren Bedeutung scheint sich die Neuere Geschichtsforschung einig zu sein, was eine grundsätzlich kontroversfreie Arbeit verspricht. Bezüglich der Wirkung der Oppositionen herrschen jedoch mitunter grundsätzliche Meinungsdifferenzen. Zudem sind manch Quellen nach wie vor nicht zugänglich,12 sodass in, wenigen, konkreten Untersuchungspunkten kein absolutes Urteil zu fällen ist. Unter Arbeiten wie unter denen von Heinz Gerhard Haupt, Andreas Rödder und Michael Richter sowie in Sammelbändern wie Polizei, Gewalt und Staat sind allerdings ausreichend Fakten, Rekonstruktionen und Interpretationen zu finden, sodass eine letztendlich widerspruchsfreie Erschließung keineswegs gefährdet ist, zumal auch zahlreiche Publikationen aus der Reihe Enzyklopädie Deutscher Geschichte nützliche Materialen liefern.

2 Definition von Gewalt

Bevor die Frage, warum beziehungsweise ob die Öffnung der Grenzen und die wenig später erfolgte Auflösung der DDR als gewaltlos bezeichnet werden darf, versucht wird zu beantworten, erscheint eine genauere Definition von Gewalt beziehungsweise eine Gegenüberstellung der verschiedenen Formen an Gewalt sinnvoll. Schließlich gilt, dass es sich bei „… Gewalt keineswegs um ein hinsichtlich seiner Bedingungen, Erscheinungsformen, Begründungen Rechtfertigungen Zwecke und Folgen einheitliches Phänomen handelt“.13 Grundsätzlich zu unterscheiden ist zum Beispiel, ob eine Gewalttat von einer Einzelperson, einer Gruppe oder einer Institution ausgeführt wurde. Im Falle der DDR trifft eindeutig zuletzt genannte Möglichkeit auf das Verhältnis der Gewaltsituation zu, denn Formen paramilitärischer Verbände beispielsweise aufseiten der Bevölkerung konnten sich in der DDR nicht formieren.14 Die Ausübung von Gewalt erfolgte hier also nahezu ausschließlich auf die Initiative des Staates beziehungsweise durch deren verschiedene Organe und verlief somit linear sowie unidirektional.15 Konkreter zu definieren ist das Verhältnis zwischen DDR und Gewalt als eine Kombination aus einem neo-despotischen und einem postakephal-konstitutionellen Gewalttyp: Die Unterdrückung der Bevölkerung diente der Machterhaltung des Regimes, wobei diese stets durch, wenn auch paradoxen und mitunter absurden, Begründungen gerechtfertigt wurde.16 So legitimierte das DDR-Regime den Einsatz offener Gewalt gegenüber Demonstrationen etwa meist mit dem Argument der Sicherung der Demokratie sowie deren Schutz vor Unterwanderungen und erklärte die Ausübung von Gewalt als ein legitimes Mittel der Staatsführung.17

Die typischste Form dieser politischen Gewaltausübung auf rein körperlicher Ebene stellte neben dem offenen Vorgehen gegenüber Demonstranten insbesondere in den Anfangsjahren das Verhör dar. Folter, hauptsächlich Schläge, galten als gängige Methode, um Informationen von verdächtigen Personen einzuholen.18 Anlässe konnten bereits kleinste „Verdachtsmomente“ wie der Antrag auf ein Studium19 sowie Hinweise aus der Bevölkerung bieten,20 wobei Willkür und Brutalität in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich abnahmen und in diesem Zeitraum unter der Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sogar zur Ausnahmeerscheinung geworden sein sollen.21 Die wohl offensichtlichste und expliziteste Ausübung von Gewalt, die Vollstreckung der Todesstrafe, fand allerdings noch bis in die frühen Achtziger Anwendung: Über 160 Personen wurden von der DDR aufgrund von Todesurteilen hingerichtet – das eigentliche Gesetz zur Todesstrafe wurde erst 1987 abgeschafft.22 Hinzu kommen die zahlreichen Personen, die bei Fluchtversuchen starben.

Es waren jedoch bei Weitem nicht nur solch offensichtliche Akte der körperlichen Schädigung beziehungsweise Beendigung von Leben, die das Gewaltmonopol der DDR auszeichneten: Das Wirken von V-Männern, übertragen auf die DDR also die Aktivität Informeller Mitarbeiter (IM), wird in der neueren Forschung ebenfalls als Gewaltakt gewertet,23 ganz gleich, ob sich diese als Agents provocateurs an Demonstrationen beteiligen, oder aber lediglich ihrer allgemeinen Aufgabe der Informationsbeschaffung nachgehen.24 Des Weiteren lässt sich bereits die Androhung von Gewalt als eine Form von Gewalt betrachten.25 Und mit dieser Form von Gewalt sah sich die Bevölkerung der DDR bis zu ihrer letztendlichen Auflösung durchgängig konfrontiert.26 So wäre in dieser Beziehung auch von Symbolischer Gewalt zu sprechen.27

Zusammenfassend lässt sich also behaupten, dass in der DDR physische und psychische Gewalt gleichermaßen ausgeübt wurde. Beide Formen erfolgten weitestgehend ausschließlich auf Anordnung des Staates,28 was ein unverkennbares Charakteristikum diktatorischer Verfassungen ausmacht, ganz gleich, ob sich diese einzig und allein auf ihre Machtbefugnisse berufen, oder zumindest in Teilen des öffentlichen Lebens auf die Zustimmung der Bevölkerung angewiesen sind.29 Doch ob der Gewaltbegriff nun „eng“ oder „weit“ betrachtet wird:30 die Präsenz der Androhung von Gewalt war in der DDR allgegenwärtig. Überspitzt formuliert wäre sogar von einem „andauernden Staatsnotzustand“ zu sprechen, da das DDR-Regime selbst in protestfreien Zeiten nicht von ihrer gewaltsamen Symbolmacht absehen wollte.31 Letzten Endes mag hier bereits eine Erklärung für den Zerfall der DDR beziehungsweise der Missachtung ihrer Gewaltandrohung liegen, da polizeilich und militärisch agierende Institutionen lediglich auf begrenzte Dauer eine „erfolgreiche Politik“, sprich eine effektive Unterdrückung, bewirken können.32 So achteten die DDR-Bürger zwar die gewaltsame Übermachtstellung des Staates, verloren im Laufe der Zeit jedoch die Angst vor ebendieser,33 was auch darauf zurückzuführen sein mag, dass ein Großteil der Demonstranten im Jahre 1989 nicht mit den Erfahrungen der blutigen Widerstandskämpfe in der DDR der 50er-Jahre belastet war. Die Taktik der „Repression und Propaganda“ war demzufolge nur temporär zu halten.34

3 Widerstandsbewegungen

Grundsätzlich darf der DDR eine sehr heterogene Widerstandsbewegung zugeschrieben werden.35 Diese stammte aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen, besaß ihre Wurzeln jedoch häufig in der katholischen, vor allem aber in der evangelischen Kirche, wo sie von deren Mitteln und den vermeintlich geschützten Räumen profitieren konnten.36 So gab es Anfang Juni 1989 ganze 160 Zusammenschlüsse, zu denen 35 Friedenskreise, 39 Ökologiegruppen und 39 Zweite- oder Dritte-Welt-Gruppen sowie zahlreiche kleinere Bewegungen zählten.37 Dabei versuchten sich viele Bewegungen offensichtlich an Oppositionen aus dem Ausland beziehungsweise aus den anliegenden Ostblockstaaten zu orientierten: Insbesondere die Bewegung Solidarność in Polen und die Gruppe Charta 77 in der Tschechoslowakei scheinen einen gewissen Vorbildcharakter gehabt zu haben.38 Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Solidarność-Bewegung durch ihre Legalisierung im Jahre 1980 einen symbolischen sowie rechtlichen Erfolg feiern durfte, mochte einen großen Einfluss auf die zahlreichen Oppositionellen des DDR-Regimes gehabt haben.39 Dennoch konnte sich erst relativ spät eine einigermaßen übergreifende Opposition erschließen: Das 1989 gegründete Neue Forum stellte im Großen und Ganzen die einzige umfassendere Gegenbewegung dar.40 Trotz einer komplizierten Entstehungsgeschichte und schnellen Auflösung nach dem Mauerfall ist die Bedeutung des Neuen Forums als einende Bewegung nicht zu verleugnen, wenn auch andere – größtenteils nicht erfolgreiche – Versuche unternommen wurden, die zahlreichen Oppositionsparteien zu einen. Der Leipziger Sonnabendkreis etwa hatte sich ebenfalls die Vernetzung der verschiedenen Gruppen zur Aufgabe gemacht und konnte durchaus Erfolge erzielen, nach der Auflösung des SED-Regimes jedoch ebenfalls nicht weiter existieren, da die Notwendigkeit einer solchen Institution schlichtweg nicht mehr gegeben war.41

Grundsätzlich wird der Einfluss der Widerstandsbewegungen42 recht unterschiedlich stark gewichtet. So sprechen manche Forscher von Gruppierungen, die „… weit entfernt von effektiver Oppositionsarbeit“43 gewesen sein und zudem keinerlei Verknüpfungen zu der allgemeinen Bevölkerung gehabt hätten,44 wohingegen andere Forscher so weit gehen und behaupten, dass die Hauptlast und der Großteil der Widerstandsarbeit bei den Widerstandsbewegungen gelegen habe.45 Tatsächlich mag deren Mitgliederanzahl selbst im November 1989 mit rund 2.500 Personen zahlenmäßig gesehen sehr klein ausgefallen sein, doch deren reine Existenz, insbesondere das Auftreten des Neuen Forums und dessen Absicht, als legale Widerstandsbewegung anerkannt zu werden sowie einen Dialog zwischen Bevölkerung und Staat zu ermöglichen, sorgte in der DDR für einen mobilisierenden Effekt.46 Selbst viele Kritiker der diversen Bewegungen sind sich in diesem Punkt mit ihren Gegensprechern einig47 und attestieren den Bewegungen einen Impulscharakter.48

Einigkeit herrscht mittlerweile auch in der Ansicht, dass es den diversen Widerstandsgruppierungen trotz eines gut ausgebauten Informations- und Kontaktnetzes nicht möglich war,49 innere Streitereien beizulegen und ihren übergreifenden Umsturzwillen zu einen.50 Der Anschlusseffekt, den die, wenn auch sehr unterschiedlich ausgerichteten, weil unterschiedliche Ziele verfolgenden,51 Oppositionsgruppen auf die allgemeine Bevölkerung hatten, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, denn an den entscheidenden Demonstrationen im Jahre 1989 beteiligte sich nahezu 35 Prozent der Bevölkerung.52 Diese hatte zwar grundsätzlich andere Forderungen an die Politik als die zahlreichen Bewegungen,53 doch einen – entscheidenden – Signal- beziehungsweise Mobilisierungseffekt hatten all diese Bewegungen eben dennoch.54 Fraglich bleibt, inwieweit sich dieser Widerstand angesichts der Uneinigkeit der vielen Oppositionen als eine besondere Form bezeichnen lässt, denn angeblich waren es spontane Versammlungen, die in den Novembertagen 1989 den letztendlichen Umsturz bewirkten.55 So drängt sich etwa die Überlegung auf, ob sich nicht dennoch ein gewisser übergreifender Unmut unter den vielen Demonstranten hervortun konnte, welcher sich anders als in Polen oder in der Tschechoslowakei quasi aus einer Art unabhängigen Eigendynamik entwickeln konnte.

3.1 Einbezug der Kirchen

Eine grundsätzlich wichtige Rolle im Rahmen friedlicher Proteste nahmen die Kirchen ein, weshalb diese auf staatlicher Seite auch gezielt bekämpft wurden,56 was sich zum Beispiel in einer rapiden Abnahme an Konfirmationen bemerkbar macht: Während im Jahre 1955 noch 80,3 Prozent der Jugendlichen in der DDR konfirmiert wurden, sank deren Zahl bis 1960 auf 34,6 Prozent.57 Zudem erfolgte bereits im Jahre 1953 die strikte Trennung von Religion und Schule sowie das Verbot einiger kirchlicher Bewegungen wie das der Evangelischen Studentengemeinschaft.58 Gleichermaßen wurden die Kirchen allerdings auch als eine Art „Ventil“ genutzt: Durch den direkten Austausch zwischen Regierung und Kirchenträgern, welche im Gegenzug eine „Aufwertung“ erhielten, sollten Widerstandsbewegungen kontrolliert werden.59 Insbesondere die evangelische Kirche wird im Nachhinein für deren Verhandlungsbereitschaft, welche letzten Endes übrigens nicht deren Bedeutung als eine der treibenden Kräfte innerhalb des friedlichen Umbruchs von 1989 minderte, getadelt.60 Trotz der „Folgsamkeit“ der evangelischen Kirche, wie sie sie etwa in der Erklärung von 1978 (Ausruf der „Kirche im Sozialismus“), proklamierte,61 konnte sich aus dieser nämlich ein breiter Pol an Demonstranten hervortun.62

Kirchen nahmen zudem allgemein eine Versammlungsfunktion ein: Nicht nur in den Kirchen, sondern auch davor versammelten sich mehr und mehr Menschen, weshalb der Großteil an Demonstrationen auch auf Plätzen und Straßen vor Kirchen entstand.63

Die Verkündung der „Kirche im Sozialismus“ stellte übrigens eine gewisse Grundlage für einen Wechsel in dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche dar: Zehn Jahre später nach deren Ausruf berief sich Honecker auf einem Treffen mit dem Bischof Leich auf die zugesagte Unterstützung, da den oppositionellen Bewegungen in den Kirchen nach Meinung der SED-Führung zu viel Spielraum gewährt wurde und die generelle Zufriedenheit mit dem Regime bereits stark nachließ.64 Leich wies Honecker jedoch ab und erklärte, dass die Probleme der DDR nicht Sache der Kirche, sondern lediglich ein Ausdruck der Unzufriedenheit der Gesellschaft seien.65 Ab diesem Zeitpunkt setzte ein strikter Kurswechsel der Regierung ein: Einzelne Prozessionen wurden gestört und kirchliche Blätter zu großen Teilen zensiert.66 Die Kirchen reagierten darauf zunächst mit Stillschweigen, was insbesondere von Anhängern der evangelischen Kirche bemängelt wurde und die Forderung nach mehr Unterstützung lauter werden ließ, während viele Mitglieder aus Gründen der Oppositionszugehörigkeit verhaftet wurden.67 Es ergaben sich sogar große Dispute innerhalb der evangelischen Kirche: Manch Mitglieder forderten Mitte 1988 ein klares Konzept, eine überarbeitete Kirchensynode, die nun zum Beispiel auch eine Reform im Wehrsatzdienstgesetz einschloss, wohingegen andere Mitglieder wiederum auf einen gemäßigteren Umgang mit der Politik setzten.68 Die Führung der evangelischen Kirche entschied sich jedoch gegen letztere Option und forderte nun eine „… Dialogbereitschaft, Rechtssicherheit, eine offene Informationspolitik und eine freie Auseinandersetzung über den offenen Weg der Gesellschaft.“69 Sogar freie Wahlen standen in den, im Oktober 1988, verkündeten Forderungen an das SED-Regime.70

Auch die katholische Kirche formulierte zu diesem Zeitpunkt entsprechende Leitlinien, zu denen unter anderem der Austrittsaufruf aus Organisationen der SED gehörte.71 Die katholische Kirche stellte zwar eine kleinere, dafür aber umso ausgeprägtere Widerstandswirkung dar. So war diese in ihrer Mitgliederanzahl der evangelischen Kirche beispielsweise weit unterlegen und beteuerte dem Staat gegenüber ebenfalls eine treue Linie,72 bündelte im Inneren den Unmut vieler Bürger jedoch noch energischer als die evangelische Kirche.73 Mit dem 1988 vollführten Schulterschluss – die eben erwähnte Kirchensynode wurde von der katholischen Kirche zwar nicht offiziell unterstützt, aber in ähnlicher Weide in einem Hirtenbrief der Bischofskonferenz 1988 formuliert – verlieh die katholische Kirche ihrem Kurs somit gewissermaßen nur einen offenen Ausdruck. Noch deutlicher wurde die Ablehnung gegenüber dem DDR-Regime durch ein 1989 zusammengestelltes Grundsatzpapier, an dem beide Kirchen mitwirkten: Die „Lösung ausstehender Probleme“74 werde durch die DDR verhindert, diese bräuchte nun „… mündige Bürger, die mitdenken und sagen, was sie denken.“75 Anlass hierfür war ein Schweigemarsch Anfang 1989, der die Freilassung zuvor inhaftierter Jugendlicher bewirken sollte, jedoch die Verhaftung 50 weiterer Personen zur Folge hatte.76

Über die folgenden beziehungsweise letzten Monate des Wendejahres hinweg verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen dann zunehmend – selbst Gesprächsgesuche wurden von der geistlichen Führung ausgeschlagen.77 Der Bischof Joachim Rogge ging sogar einen Schritt weiter und forderte die SED im April 1989 dazu auf, die Ausreisewünsche der DDR-Bürger zu akzeptieren.78 De facto hätte dies die Auflösung der DDR bedeutet, weshalb diese Aufforderung zwar mit Bedenken aufgenommen wurde, aufseiten der SED jedoch unkommentiert blieb.79 In den Folgemonaten fand nur noch wenig Austausch zwischen Staat und Kirche statt, denn die politische Führung setzte nun weniger auf Dialog und vielmehr auf Überwachung und Fremdlenkung.80 Ähnlich wie es bei den außerkirchlichen Widerstandsbewegungen der Fall war, ereilte die Bewegungen innerhalb der Kirche allerdings ebenfalls ein schnelles Ende, sobald die DDR aufgelöst war, wodurch abermals der kaum übergreifende Wille der jeweiligen Strömungen erkenntlich wird.81

[...]


1 Vgl. Haupt, Heinz-Gerhard: Gewalt und Politik im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts (Das Politische als Kommunikation, Band 2, Hg.: Steinmetz, Willibald), Göttingen 2012, S. 51.

2 Vgl. Hartewig, Katrin: „Bilder vom Feind“. Die DDR-Oppositionen in den Fotografien des Ministeriums für Staatssicherheit“, in: Lüdtke, Alf/Reinke, Herbert/Sturm Michael (Hg.): Polizei, Gewalt und Staat im 20. Jahrhundert (Studien zur Inneren Sicherheit, Band 14), Wiesbaden 2011, S. 184.

3 Wirsching, Andreas: Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012, S. 45.

4 Vgl. Iltgen, Erich: Neue Politik für ein neues Land: Sachsen und die Demokratisierung der DDR, in: Thaysen, Uwe/Kloth, Hans Michael (Hg.): Wandel durch Repräsentation – Repräsentation im Wandel, Baden-Baden 1992, S. 157.

5 Vgl. Wirsching: Preis der Freiheit, 2012, S. 51.

6 Rödder, Andreas: Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009, S. 116.

7 Zwischen einzelnen Abgrenzungen von Begrifflichkeiten wie „Widerstand“, „Opposition“, „Führung“ oder „Regime“ wurde an dieser Stelle abgesehen, da eine genauere Differenzierung weitaus tiefere Einblicke in die gesamtpolitische Konstitution der DDR vorausgesetzt hätte und zudem nur wenig Einfluss auf die tatsächlichen Begebenheiten/Verläufe hat.

8 Vgl. Rödder: Deutschland einig Vaterland, 2009, S. 82.

9 Vgl. Gauck, Joachim: Die Stasi-Akten. Das unheimliche Erbe der DDR, Hamburg 1991, S. 43.

10 Vgl. Lindenberger, Thomas: Vom Säbelhieb zum „sanften Weg“? Lektüren physischer Gewalt zwischen Bürgern und Polizisten im 20. Jahrhundert, in: Lüdtke, Alf/Reinke, Herbert/Sturm Michael (Hg.): Polizei, Gewalt und Staat im 20. Jahrhundert (Studien zur Inneren Sicherheit, Band 14), Wiesbaden 2011, S. 215.

11 Vgl. Scholtyseck, Joachim: Die Aussenpolitik der DDR (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 69, Hg.: Gall, Lothar), München 2003, S. 12.

12 Vgl. Scholtyseck: Aussenpolitik der DDR, 2003, S. 118.

13 Scherr, Albert: Körperlichkeit, Gewalt und soziale Ausgrenzung in der postindustriellen Wissensgesellschaft, in: Heitmeyer, Wilhelm/Soeffner, Hans Georg (Hg.): Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme, Frankfurt am Main 2004, S. 204.

14 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 37.

15 So heißt es etwa, dass „Gewaltandrohungen oder –anwendungen seitens der Bevölkerung“ Einzelerscheinungen blieben. Richter, Michael: Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90. Band 1 (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Band 38, Hg.: Vollnhals, Clemens), Göttingen 2009, S. 399.

16 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 9.

17 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 56 – 60.

18 Vgl. Gauck: Stasi-Akten, 1991, 43.

19 Vgl. Gauck: Stasi-Akten, 1991, 22.

20 Vgl. Gauck: Stasi-Akten, 1991, 36.

21 Vgl. Hartewig: Bilder vom Feind, 2011, S. 184.

22 Vgl. Maxwill, Peter: Todesstrafe in der DDR. Erich Mielkes ganz kurze Prozesse. Veröffentlich durch Spiegel Online. Zu finden unter http://www.spiegel.de/einestages/todesstrafe-in-der-ddr-abschaffung-durch-erich-honecker-1987-a-947648.html, zuletzt aufgerufen am 06.03.2016.

23 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 24.

24 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 54.

25 Vgl. Scherr: Körperlichkeit, 2004, S. 208.

26 Vgl. Wirsching: Preis der Freiheit, 2012, S. 157.

27 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 23.

28 Neben dem gewaltsam niedergedrückten Aufstand im Juni 1953, auf dem sowohl Demonstranten als auch Sicherheitskräfte der DDR starben, bildet etwa noch eine Auseinandersetzung am Dresdener Bahnhof 1989 eine größere gewaltsame Eskalation. Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 312.

29 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 47 – 48.

30 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 19.

31 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 59.

32 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 48.

33 Vgl. Wirsching: Preis der Freiheit, 2012, S. 46 – 47.

34 Vgl. Haupt: Gewalt und Politik, 2012, S. 48.

35 Vgl. Steinbach, Peter: Widerstand und Opposition in der DDR, in: Enzmann, Birgit (Hg.): Handbuch Politische Gewalt. Formen – Ursachen – Legitimation – Begrenzung, Wiesbaden 2013, S. 118.

36 Näheres hierzu ist in Kapitel 3.1 zu lesen

37 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 208.

38 Vgl. Wirsching: Preis der Freiheit, 2012, S. 26 – 27.

39 Vgl. Wirsching: Preis der Freiheit, 2012, S. 37.

40 So verloren etwa der Soziale Friedensdienst und die Initiative Frieden und Menschenrechte schnell an Bedeutung, was allerdings auch für das Neue Forum gilt, denn dieses konnte bereits fünf Tage nach dem Umbruch vom 9. November aufgrund konsumkritischer sowie antiwestlicher Äußerungen auf keinen Rückhalt in der allgemeinen Bevölkerung hoffen. Vgl. Rödder: Deutschland einig Vaterland, 2009, S. 119.

41 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 208.

42 Neben den hier angeführten Gruppen könnte zum Beispiel noch die „Sozialdemokratische Partei“ (SDP), die Bewegungen „Vereinigte Linke“, „Demokratie Jetzt“ und „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ (IFM) angeführt werden, doch da diese teilweise aus bereits vorhandenen Gruppierungen oder gar erst nach dem November 1989 – mitunter als Reaktion, wenn nicht sogar Gegengewicht zu dem Neuen Forum – gegründet wurden, können diese von der Untersuchung ausgenommen werden. Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 227 – 223 sowie Rein, Gerhard (Hg.): Die Opposition in der DDR. Entwürfe für einen anderen Sozialismus, Berlin 1989, S. 62 – 63.

43 Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 214.

44 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 211.

45 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 213.

46 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 215.

47 Vgl. Findeis, Hagen/Pollack, Detlef/Schilling, Manuel: Die Entzauberung des Politischen. Was ist aus den politisch alternativen Gruppen der DDR geworden?, Leipzig 1994, S. 43.

48 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 236.

49 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 209 – 211.

50 Vgl. Schorlemmer, Friedrich: Worte öffnen Fäuste. Die Rückkehr in ein schwieriges Vaterland, München 1992, S. 311 – 317.

51 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 211.

52 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 235.

53 So sorgten unter der allgemeinen Bevölkerung zum Beispiel vielmehr die wirtschaftliche Instabilität, die mangelnde Versorgung mit Konsumgütern und nicht zuletzt die allgegenwärtige Unterdrückung durch den Staat für Unmut. Vgl. Wirsching: Preis der Freiheit, 2012, S. 31 – 33.

54 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 237.

55 Auch dies verdeutlicht die fehlende beziehungsweise gestörte Kommunikation zwischen den Oppositionen. Vgl. Rödder: Deutschland einig Vaterland, 2009, S. 84.

56 Vgl. Bauerkämper, Arndt: Die Sozialgeschichte der DDR (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 76, Hg.: Gall, Lothar), München 2005, S. 98.

57 Vgl. Bauerkämper: Sozialgeschichte der DDR, 2005, S. 100.

58 Vgl. Heydemann, Günter: Die Innenpolitik der DDR (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 66, Hg.: Gall, Lothar), München 2003, S. 98.

59 Vgl. Bauerkämper: Sozialgeschichte der DDR, 2005, S. 98.

60 Vgl. Bauerkämper: Sozialgeschichte der DDR, 2005, S. 99.

61 Heydemann: Innenpolitik der DDR, 2003, S. 100.

62 Vgl. Heydemann: Innenpolitik der DDR, 2003, S. 98 – 99.

63 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 193.

64 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 73.

65 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 73.

66 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 74.

67 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 74.

68 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 75.

69 Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 75.

70 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 75.

71 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 75.

72 Vgl. Bauerkämper: Sozialgeschichte der DDR, 2005, S. 100.

73 Vgl. Bauerkämper: Sozialgeschichte der DDR, 2005, S. 100.

74 Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 78.

75 Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 78.

76 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 77.

77 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 78.

78 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 79.

79 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 79.

80 Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 79 – 80.

81 So besetzten am 29. August 1988 zum Beispiel Teile der Basisgruppen den Altarraum der Nikolaikirche, um den Druck auf ihren Vorstand, Reformen voranzutreiben, zu erhöhen. Vgl. Richter: Friedliche Revolution, 2009, S. 75.

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Details

Titel
Gewaltloser Machtwechsel? Untersuchung über die Voraussetzungen für eine "friedliche Revolution" der DDR
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
1989 in Europa Epochenbruch oder langfristiger Wandel?
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V505989
ISBN (eBook)
9783346062673
ISBN (Buch)
9783346062680
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Umsturz, Revolution, Friedlich, Gewalt, Gewaltlos
Arbeit zitieren
Jan Lauer (Autor), 2016, Gewaltloser Machtwechsel? Untersuchung über die Voraussetzungen für eine "friedliche Revolution" der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505989

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