Ökologische Nachhaltigkeit im Kulturmanagement umsetzen

Hindernisse aus Sicht von Künstleragenturen


Bachelorarbeit, 2019
53 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Problembeschreibung
1.3 Zielsetzung
1.4 Methoden und Aufbau der Arbeit

2. Theoretischer Teil
2.1 Einleitung
2.2 Die Musikbranche
2.2.1 Musikveranstaltungssektor
2.2.2 Arbeitsfeld Künstleragenturen
2.3 Leitbild Nachhaltigkeit
2.3.1 Definition von Nachhaltigkeit
2.3.2 Nachhaltigkeitsmodelle
2.4 Ökologische Nachhaltigkeit im Live-Sektor
2.4.1 Green Events, Green Clubs & Festivals
2.4.2 Nachhaltigkeit aus Künstlerperspektive
2.4.3 Ökologische Nachhaltigkeit bei Künstleragenturen
2.4.4 Hindernisse von ökologischer Nachhaltigkeit
2.4.5 Schlussfolgerung aus der Theorie

3. Methodischer Teil
3.1 Einleitung
3.2 Forschungsziel
3.3 Forschungsdesign
3.4 Fallauswahl
3.4.1 Experten
3.4.2 Künstleragenturen
3.5 Vorbereitung und Datenerhebung
3.6 Datenauswertung und -analyse

4. Ergebnisse
4.1 Einleitung
4.2 Experten
4.3 Künstleragenturen
4.4 Fazit der Ergebnisse

5. Diskussion & Interpretation
5.1 Einleitung
5.2 Interpretation der Forschungsergebnisse
5.3 Einordnung der Forschungsergebnisse
5.4 Limitationen
5.5 Ausblick

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Die wöchentlichen Demonstrationen der Friday-For-Future-Bewegung haben medial, politisch und gesellschaftlich eine Nachhaltigkeitsdebatte angestoßen. Aufgrund des Klimawandels ist ein Umdenken in allen Bereichen nötig, sodass auch der Musikveranstaltungssektor hinterfragt werden muss. Das Tourneen und Konzerte verantwortlich sind für hohe Treibhaus-Emissionen, zeigen unter anderem die Messungen der Band Radiohead, sodass gerade Künstleragenturen als Schaltzentrale zwischen Veranstaltern und Künstlern, eine gewichtige Rolle innehaben (vgl. Stentifort 2006: S. 4).

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es darzulegen, welche Hürden es bei Künstleragenturen gibt, ökologische Nachhaltigkeit zu integrieren. Dazu wurde die folgende Forschungsfrage gestellt: welche Hindernisse existieren aus Sicht von Künstleragenturen bei der Umsetzung von ökologischer Nachhaltigkeit ?

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurden zwei Experteninterviews und zehn Interviews mit Künstleragenturen geführt, die durch eine qualitative Inhaltsanalyse ausgewertet und analysiert wurden. Aus den Daten wurde deutlich, wie vielschichtig und umfassend die bestehenden Hindernisse sind und dass diese sowohl externe als auch interne Aspekte umfassen. Beim Versuch die verschiedenen Hindernisse zu strukturieren, konnten die Kategorien Bewusstsein - Wissen - Handeln - Umfeld gebildet werden und somit die Dimensionen dargestellt werden, die die Umsetzung von ökologischer Nachhaltigkeit verhindern.

Der umfangreiche Anhang inkl. der vollständigen Experteninterviews wird nicht publiziert.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Musikwirtschaft

Abb. 2: Musikveranstaltungssektor

Abb. 3: Arbeitsprozess Künstleragenturen

Abb. 4: Maslow's Hierarchy of Needs

Abb. 5: Drei-Säulen-Modell

Abb. 6: Pyramiden-Modell der Nachhaltigkeit

Abb. 7: Carbon Footprint einer Tour

Abb. 8: Absoluter ökologischer Fußabdruck und CO2 Emissionen, Theatertour 2006

Abb. 9: Maßnahmen für nachhaltigeres Touren

Abb. 10: KMU-Definition der Europäischen Union

Abb. 11: interviewte Agenturen mit Merkmalsausprägungen

Abb. 12: Transkriptionsregeln

Abb. 13: Analyseprozess Inhaltsanalyse

Abb. 14: Hauptkategorien Experten

Abb. 15: Subkategorien interne Hindernisse Experten

Abb. 16: Subkategorien externe Hindernisse Experten

Abb. 17: ökologische Maßnahmen

Abb. 18: Hauptkategorien Agenturen

Abb. 19: Maßnahmen und Umsetzung Agenturen

Abb. 20: interne Hindernisse Agenturen

Abb. 21: externe Hindernisse Agenturen

Abb. 22: Dimensionen der Hindernisse

1. Einleitung

1.1 Ausgangssituation

Seit Monaten demonstrieren Schülerinnen und Schüler der „Friday-For-Future“-Bewegung für eine nachhaltigere Politik und Gesellschaft. Dabei prangern sie die Verfehlungen der jüngeren Vergangenheit an und möchten darauf aufmerksam machen, dass dringend ein Wandel zu einer ökologisch nachhaltigeren Lebensweise nötig ist. Dies zeigt auch der world overshoot day, der jedes Jahr den Tag angibt, an dem die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen, die verfügbaren Ressourcen übersteigt. 2019 war dieser Tag bereits am 29. Juli und somit der früheste seit Beginn der Erfassung (vgl. worldovershootday.org o.J.). Dass die Folgen des Klimawandels äußerst bedenklich sind und ein Umdenken in der Nutzung natürlicher Ressourcen dringend nötig ist, zeigen auch viele wissenschaftliche Publikationen, wie unter anderem der letzte Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), auch als Weltklimarat bekannt, oder des Umweltbundesamts (vgl. IPCC 2019; Umweltbundesamt 2019c). Dabei spielt die Wirtschaft und Politik eine große Rolle, da zum einen infrastrukturelle Änderungen und gesetzliche Regulierungen benötigt werden, aber vor allem der Wandel des Wirtschaftssystems in Bezug auf sein Wachstum und Produktion nötig sind (vgl. Dahm 2019: S. 70-71; Meadows et al. 1972: S. 38-43).

Ausgehend von dieser bedrohlichen Lage müssen sowohl persönliche als auch berufliche Handlungsweisen überdacht werden, um diese klimaschonend(er) zu gestalten. Entsprechend stellt sich auch für den Musikveranstaltungssektor die Frage, welche Effekte dieser auf die Umwelt hat und wie nachhaltig gehandelt werden kann. Als Verbindungsglied zwischen Künstler und Veranstalter, haben Künstleragenturen eine gewichtige Rolle und sind verantwortlich für die Planung von Tourneen für Künstler und damit auch für die Entstehung von Treibhaus-Emissionen bei diesen. Entsprechend soll in dieser Arbeit Künstleragenturen und deren Bezug zu ökologischer Nachhaltigkeit näher betrachtet werden.

1.2 Problembeschreibung

Dass Tourneen ihren Anteil zum Klimawandel beitragen, zeigen unter anderem die Messungen der amerikanischen Band Radiohead, die 9.000 Tonnen CO2 nur durch ihre „Amphitheater Tour“ im Jahr 2003 verursachte (vgl. Stentifort 2007: S. 8). Auch in Deutschland entstehen rund 372.000 Tonnen C02 jährlich nur durch den Besuch von Konzerten und weist darauf hin, dass ökologische Nachhaltigkeit noch mehr auf die Agenda der Musikindustrie gelangen muss (vgl. Giese und Butz 2014: S. 9; Statista 2018: S.10). Erste Anfänge zu einer ökologisch nachhaltigeren Entwicklung sind bereits bei Initiativen wie der Green Music Initiative oder Leitfäden wie dem Green Touring Guide (2014) erkennbar, die vor allem auf die Notwendigkeit einer Entwicklung zu einem ökologisch nachhaltigeren Handeln hinweisen, sowie praktische Tipps zur Umsetzung geben. Trotzdem scheint das Thema ökologische Nachhaltigkeit noch nicht bei Künstleragenturen angekommen zu sein, da Ansätze zur Umsetzung nicht von außen ersichtlich sind. Entsprechend stellt sich die Frage, welche Hindernisse bestehen, die die Umsetzung von ökologischer Nachhaltigkeit bei Künstleragenturen noch verhindern.

1.3 Zielsetzung

Ausgehend von der Annahme, dass ökologische Nachhaltigkeit noch nicht von Künstleragenturen umgesetzt wird, soll diese Arbeit die Forschungsfrage klären, welche Hindernisse aus Sicht von Künstleragenturen bei der Umsetzung von ökologischer Nachhaltigkeit existieren. Da es sich dabei um ein exploratives Feld handelt, soll diese Arbeit die verschiedenen Hindernisse darlegen, um für weiterführende Forschungen und die Praxis Anhaltspunkte für daraus resultierende Maßnahmen zur Beseitigung der Hindernisse zu ermöglichen und den Musikveranstaltungssektor zukünftig nachhaltiger zu gestalten.

1.4 Methoden und Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist in einem theoretischen Teil und einen methodischen Teil gegliedert, gefolgt von den Ergebnissen und einer Diskussion der Ergebnisse.

Im theoretischen Teil wird zunächst ein Überblick über die verschiedenen Bereiche der Musikbranche gegeben und speziell Künstleragenturen und ihre Arbeit beschrieben und eingeordnet. Zudem wird das Leitbild Nachhaltigkeit anhand verschiedener Definitionen, und Modellen erklärt werden. Daraufhin werden bereits bestehende Konzepte von ökologischer Nachhaltigkeit im Live-Sektor der Musikindustrie beschrieben und der aktuelle Stand der Forschung zu der Umsetzung von Nachhaltigkeit und seinen Hindernissen bei Künstleragenturen erklärt.

Im methodischen Teil wird die eigene empirische Forschung erläutert und die Herangehensweise und Auswertung der zehn Interviews mit Inhabern und Mitarbeitern von Künstleragenturen, sowie der zwei weiteren Experteninterviews erklärt werden, die zur Beantwortung der Forschungsfrage durchgeführt wurden.

Schlussendlich werden die Ergebnisse der Forschung dargestellt und sowohl die verschiedenen genannten Hindernisse strukturiert vorgestellt, als auch nur indirekt genannte Aspekte aufgezeigt, bevor ein Ausblick über die Bedeutung der Ergebnisse für die Praxis und Forschung erläutert wird.

2. Theoretischer Teil

2.1 Einleitung

Im theoretischen Teil dieser Arbeit soll ein Überblick über die relevante Literatur und den momentanen Forschungsstand des Themas ökologische Nachhaltigkeit bei Künstleragenturen gegeben werden. Zunächst soll zum Verständnis des Lesers, die Musikindustrie und vor allem der Live-Sektor und die Rolle von Künstleragenturen beleuchtet werden. Daraufhin wird das Leitbild Nachhaltigkeit erklärt, um daraus folgend bereits bestehende Ansätze von Nachhaltigkeit im Bereich der Musikindustrie und speziell Künstleragenturen dargelegt.

2.2 Die Musikindustrie

Mit dem Beginn des Verlagswesens und professionellen Konzertproduktion im 18. Jahrhundert beginnt die wirtschaftliche Auswertung von Musik und damit der Anfänge der Musikindustrie. Mit der technologischen Erfindung des Phonographen 1877 durch Thomas Edison, beginnt die Möglichkeit der Aufnahme von Musik und der daraus resultierenden Geschäftsmodelle der Musikgeräte- und Tonträgerwirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vgl. Tschmuck 2003: S. 19-32). In den Zwanzigerjahren entwickelte sich die Definition von Musikindustrie als: „[...] die kommerzielle Verwertung von Tonträgern Gemeint ist damit die systematische Herstellung, Konservierung und Vermarktung von Musikwerken “ (Kurp 2002: S. 79). Doch wie Abbildung 1 zeigt, umfasst die Musikwirtschaft mehr Bereiche als die Tonträgerverwertung. Die unterschiedlichen Begrifflichkeiten erklärt Kurp (2002: S. 79-83) mit der synonymen, oder teilweise überlappenden Nutzung der Begriffe „Musikwirtschaft“, „Musikbranche“ oder „Musikmarkt“, wodurch der Begriff Musikindustrie nicht genau abgrenzbar ist. Entsprechend soll im weiteren Verlauf im Allgemeinen von der Musikwirtschaft gesprochen werden, um alle Unternehmen deren Geschäftsmodell Musik beinhaltet zu umfassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Musikwirtschaft (Abbildung aus Bundesverband Musikindustrie 2015: S.12)

Da in dieser Arbeit Künstleragenturen im Fokus stehen, soll folgend der Musikveranstaltungssektor erläutert werden, um einen Überblick über die verschiedenen Akteure mit denen Künstleragenturen arbeiten zu erhalten.

2.2.1 Musikveranstaltungssektor

Neben der brancheninternen stetig wachsenden Bedeutung von Konzerten aufgrund der Digitalisierung und Krise der Tonträger Marktes, geht auch bei den Musiknutzern der Trend weg von Besitz von Musik hin zu Live-Erfahrungen (vgl. Lange et al. 2013: S. 10-13). Als Ausdruck davon kann das angebliche Interesse von 20 Millionen Menschen für ein Ticket beim Reunion-Konzert von Led Zeppelin in der 02-Arena London im Jahr 2009 gesehen werden, für welches aber nur ein Kontingent von 20.000 Karten zu Verfügung stand (vgl. Pfeiderer 2009: S. 83).

Beim Versuch die Teilbranche Musikveranstaltungen, oder auch „Live-Sector“ / „Live-Sektor“ genannt, zu systematisieren, werden alle Unternehmen betrachtet, die Live-Konzerte veranstalten, oder entsprechende Dienstleistungen zu Verfügung stellen. Daraus leiten sich laut Bundesverband Musikindustrie (2015: S. 30) die Bereiche „Kreative“, den ausübenden Künstlern und Urhebern, „Musikunternehmen“, denen besonders Künstleragenturen, Veranstalter und Spielstätten zugeordnet werden können, der „Handel“ mit Ticketing- Dienstleistern, und „Privatkonsum“, der die Besucher beschreibt, ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Musikveranstaltungssektor (Abbildung aus BVMI 2015: S. 30).

2.2.2 Arbeitsfeld Künstleragenturen

Als ein Teilbereich des Live-Sektors sind Künstleragenturen oder Gastspieldirektionen die Instanz zwischen Künstlern und Veranstaltern. Während Gastspieldirektionen von Veranstaltern engagiert werden und zumeist aus einem fixen Budget ein Programm mit verschiedenen Künstlern erstellen, hat die Künstleragentur, auch Booking Agentur genannt (engl. „booking agency“), ein festes Portfolio an Künstlern und organisiert für diese Auftritte und Touren und vermittelt die Künstler an Veranstaltern (vgl. Skarda 2010: S. 26-28).

Künstleragenturen gelten als Dienstleister, die statt eines Produktes eine immaterielle Leistung erbringen (vgl. Kirchgeorg 2018). Diese werden von Künstlern engagiert, um die Planung und Organisation von Konzerten und Tourneen zu organisieren. Im Gegenzug für die Arbeit erhält die Agentur eine Provision von der Gage (vgl. Skarda 2010: 85-86).

Im spezifischen zeichnet sich die Künstleragentur durch folgende Prozesse aus, nachdem bereits Künstler unter Vertrag genommen wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Arbeitsprozess Künstleragenturen (eigene Abbildung)

Jede Tournee beginnt mit grundsätzlichen Überlegungen zur Planung. Dabei wird das „Routing“, also die Planung der Reiseroute, bedacht und Fragen nach der Wahl der Städte und der Reihenfolge werden hier beantwortet. Aber auch Fragen nach der Werbung (engl. „Promotion“) werden bereits geklärt (vgl. Passman 2011: S. 379-381).

Nach der Erstellung eines Plans folgt die Kundenakquise. Der Agent sucht passende Veranstaltungsorte oder Veranstalter, die bereit sind ein Konzert mit dem Künstler zu veranstalten. Bei den Veranstaltungsstätten kann es sich um Musikclubs, Jugend- oder Kulturzentren, sowie Konzerthallen, Privathallen und -theater handeln. Der Veranstalter übernimmt die Verantwortung für die örtliche Abwicklung. Dazu gehören generell behördliche Genehmigungen, die Bereitstellung von einer Bühne und Technik, die Bewerbung des Konzerts, das Catering für die Künstler, die Abrechnung und Bezahlung der Gage, die Bereitstellung von Security, das Buchen von Übernachtungsmöglichkeiten und Abgaben wie die der GEMA und KSK (vgl. Skarda 2010: S. 48). Entsprechend liegt die Hauptarbeit einer Agentur darin, Veranstalter von einem Künstler zu überzeugen und die Vertragsdetails wie Gage, Art der Unterkunft und Technikbereitstellung auszuhandeln. Es kommt aber auch vor, dass Agenturen selbst als Veranstalter auftreten und die Organisation und das gesamte Risiko auf sich nehmen (vgl. Skarda 2010: S. 95-144).

2.3 Leitbild Nachhaltigkeit

Nachdem ein Einblick in die Musikbranche und Künstleragenturen gegeben wurde scheint es wichtig den Begriff Nachhaltigkeit zu klären. Der Begriff der Nachhaltigkeit ist ein häufig genutzter Begriff in den Medien, Wirtschaft und auch der Wissenschaft, wie die Entwicklung der ökologischen Ökonomie, aber auch verschiedene politische Zusammenkünfte, wie das Pariser Klimaabkommen oder das Kyoto Protokoll, zeigen (vgl. Hein, W. et al. 2017; Clark und Dickson 2003; Hampicke 1992: 20-68). Grund für die hohe Aufmerksamkeit sind der Klimawandel und andere ökologische Krisen, die einen allgemeinen Wandel in der Gesellschaft und vor allem der Wirtschaft unausweichlich machen, wie unter anderem der Bericht des Weltklimarats darlegt (vgl. IPCC 2019).

Das Konzept der Nachhaltigkeit ist nicht neu und wurde bereits im 18. Jahrhundert durch den Freiberger Oberhauptmann Hans Carl von Carlowitz erstmals im forstwirtschaftlichen Kontext verwendet (vgl. Schretzmann et al. 2006, zitiert nach von Carlowitz 1713: 105). Jedoch erst im späten 20. Jahrhundert wurde die Wichtigkeit des Konzepts aufgrund der Werke „ Silent Spring “ der Biologin Rachel Carson(1962) und vor allem dem Werk „ the limits of growth“ (Meadow 1972) des Club of Rome, einem Netzwerk aus Wissenschaftler*innen, Unternehmer*innen und Politiker*innen des Massachusetts Institute of Technology, erkannt, die die Folgen des Klimawandels für die Menschen anhand der Szenario-Technik darlegten.

Heute nimmt die Diskussion um eine nachhaltigere Lebensweise wieder mit den Schüler­Demonstrationen, der Friday-For-Future-Bewegung, an öffentlicher Wahrnehmung zu. Die weltweiten Demonstrationen für ein stärkeres politisches und gesellschaftliches Engagement sollen aufzeigen, das die momentane Entwicklung trotz positiver Ansätze noch nicht ausreichend ist (vgl. Bluhdorn und Welsh 2008: S. 5-8). Dabei kann besonders Deutschland hervorgehoben werden, dass trotz seiner guten wirtschaftlichen Stellung nicht die vereinbarten Klimaziele von 2020 erreicht (vgl. Umweltbundesamt 2019b). Im wirtschaftlichen spielt das Thema jedoch zunehmend eine Rolle, was sich an den immer populäreren alternativen Modellen wie der Gemeinwohl Ökonomie zeigt (vgl. Felber 2014: S. 16). Und auch in der Wissenschaft nimmt das Thema seit dem 21. Jahrhundert mit der Einführung der Nachhaltigkeitswissenschaft als eigenständiges Feld eine wichtige Rolle ein und führt zu einer Vielzahl von Publikationen und Gründungen von Studiengängen (vgl. Clarks und Dickson 2003).

2.3.1 Definition von Nachhaltigkeit

Bereits mit der Entstehung des Nachhaltigkeitsbegriffs bei Carl von Carlowitz, beschreibt Nachhaltigkeit Langfristigkeit, Bestandssicherung und Schutz natürlicher Ressourcen (vgl. Zimmermann 2016: S.3). Eine der am meisten genutzten Definitionen von Nachhaltigkeit ist die des WCED (World Commission on Environment and Development), der den Begriff „ sustainable development “, übersetzt nachhaltige Entwicklung, geprägt hat und seitdem als „Brundtland Report“ bekannt oft im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit genannt wird (vgl. Borowy 2014: S. 3-4). Vor allem der folgende Satz wird in diesem Zusammenhang oft zitiert:

„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.” (WCED 1987: S. 43).

Wie aus den Definitionen des „Brundtland Berichts“ erkennbar, handelt es sich bei dem Konzept der Nachhaltigkeit, oder nachhaltigen Entwicklung, um eine zukunftsgewandte Ausrichtung. Dabei spielt der Begriff „ needs“, im Deutschen Bedürfnissen, eine zentrale Rolle. Doch was bedeutet das Wort „Bedürfnis“? Geht man nach dem Psychologen Maslow, sind Bedürfnisse persönliche Wünsche und können pyramidenhaft in 5 Segmente aufgeteilt werden, wie in Abb. 4 zu sehen ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Maslow's Hierarchy of Needs (Abbildung aus McLeod 2018)

Maslow unterscheidet dabei Grundbedürfnisse, psychologische und selbsterfüllende Bedürfnisse (vgl. Maslow 2018: 62-74). Da jedoch alle Menschen unterschiedliche individuelle Bedürfnisse haben und es nicht möglich ist zukünftige Bedürfnisse zu erahnen, erweist sich die Brundtland Definition als zu vage (vgl. Fallatah und Syed 2018: S. 20-22). Diese vage Beschreibung wurde auch von vielen Experten kritisiert, die darin das Problem sehen, dass eine solche Definition zur Bedeutungslosigkeit des Begriffs führt, dem alles zugeordnet werden kann (vgl. Richardson 1997: S. 42-43). Jedoch kann daraus geschlossen werden, dass unabhängig von den individuellen Bedürfnissen, auch zukünftige Generationen die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben sollen, wie heute. Zudem stellt Borowy (2014: S. 4-5) richtig fest, dass die Reduzierung auf den einen Satz dem Inhalt des Abschlussberichts nicht gerecht wird und die verschiedenen genannten Aspekte von Nachhaltigkeit, ökologischer, sozialer, ökonomischer Natur, und den daraus resultierenden Problemen, darin nicht zum Ausdruck gebracht werden.

Diese Unterteilung von Nachhaltigkeit in die drei Dimensionen ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit, soll auch hier weiter gefolgt werden. Zur genaueren Beschreibung der verschiedenen Teilbereiche soll im Folgenden das Drei-Säulen-Modell und das Pyramiden­Modell vorgestellt und erklärt werden.

2.3.2 Nachhaltigkeitsmodelle

Eines der bekanntesten Modelle von Nachhaltigkeit ist das Drei-Säulen-Modell, welches auf die drei Kernbereiche der nachhaltigen Entwicklung fußt und sowohl ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit umfasst. Dabei werden klassisch im Stil eines antiken Tempels, die drei Säulen gleichwertig nebeneinandergestellt. Die drei Bereiche können wie folgt beschrieben werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Drei-Säulen-Modell (Abbildung aus Institut Bauen und Umwelt e.V. o. J.)

Ökologische Nachhaltigkeit: Nutzung von natürlichen Ressourcen, wie Luft, Wasser, Bodenstoffe, in einer Weise, dass diese auch in Zukunft in gleicher Weise genutzt werden können. Als ökologisches System werden die Erde und Umwelt betrachtet, die eine begrenzte Anzahl an natürlichen Ressourcen zu Verfügung stellt. Ökologische Nachhaltigkeit zielt darauf ab, das Ökosystem aufrechtzuerhalten und auf Degradation und Übernutzung zu verzichten, um die Lebensbasis des Menschen zu sichern (vgl. Pufe 2017: S. 100-101).

Ökonomische Nachhaltigkeit: Beschreibt die langfristige Aufrechterhaltung einer wirtschaftlich-finanziellen und rechtlichen Einheit, sodass die Unternehmung auf Dauer fortgeführt werden kann. Dies bedeutet aus der Wachstumstheorie heraus ein ständiges Wachstum ohne Inbezugnahme von sozialen oder ökologischen Überlegungen. Aus der Perspektive ökologischer Ökonomie bedeutet dies jedoch auch den Einbezug der anderen Aspekte mit einer Zielverschiebung, in der Wachstum im Verhältnis zu Ressourcennutzung steht (vgl. Zimmermann 2016: S. 9-13).

Soziale Nachhaltigkeit: Umfasst die Ausrichtung hin zum Menschen, sodass sich jeder Mensch dauerhaft in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten kann. Dabei wird sowohl der personalbezogene als auch gesellschaftliche Bestand einbezogen. Somit sind Verteilungs-, Migrations- und Integrationsprobleme beschrieben (vgl. Pufe 2017: S. 102).

Ein grundlegendes Problem des Drei-Säulen Modells ist die Substituierbarkeit zwischen den Säulen, sodass zum Beispiel ökologische Nachhaltigkeit aufgrund von sozialer Nachhaltigkeit vernachlässigt werden kann. Da jedoch dies nicht mit einer nachhaltigen Entwicklung zu vereinbaren ist und die Lebensgrundlage des Menschen die Erde ist, bildet das Pyramiden­Modell die Gewichtung der drei Bereiche besser ab. Dabei gilt die ökologische Nachhaltigkeit als Voraussetzung und Begrenzung, in dessen limitierten Rahmen ökonomische, soziale und persönliche Faktoren berücksichtigt werden (vgl. Zimmermann 2016: S. 17-19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Pyramiden-Modell der Nachhaltigkeit (Abbildung aus gruener-journalismus o. J.)

Im Kontext von Nachhaltigkeit bestehen noch weitere Modelle und Prinzipien, die aus Platzgründen nicht näher erläutert werden können. Es sei an dieser Stelle auf das Schnittmengen-Modell, das Kapitalarten-Modell hingewiesen, sowie die schwache und starke Nachhaltigkeit und die Suffizienz-, Konsistenz- und Effizienzprinzipien hingewiesen (vgl. Bourdieu 1983: S.183-198; Hediger 2014: S. 10-12; Strelow 2004: S. 11; Wagner und Andreas 2012: S. 58-60; Zimmermann 2016: S. 8).

Obwohl Nachhaltigkeit aus der Verbindung von ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit besteht, wird im weiteren Verlauf aus Basis des Pyramiden-Modells besonders die ökologische Nachhaltigkeit im Kontext von Künstleragenturen betrachtet. Grund dafür ist die aus der Klimakrise entstandene besondere Dringlichkeit eines Wandels zu einer ökologischeren und langfristigeren Wirtschafts- und Lebensweise, wie sie die ökologische Ökonomie beschreibt (vgl. Rogall und Oebels 2009: 5-6).

2.4 Ökologische Nachhaltigkeit im Live-Sektor

Nachdem veranschaulicht wurde welche Funktion Künstleragenturen im Live-Sektor haben und was unter Nachhaltigkeit und spezifisch ökologischer Nachhaltigkeit verstanden werden kann, wird in diesem Abschnitt dargestellt, inwiefern ökologische Nachhaltigkeit bereits in der Musikwirtschaft umgesetzt wird. Da besonders der Musikveranstaltungssektor von Bedeutung ist in dieser Arbeit, wird nur auf die Felder Künstler, Veranstalter und Künstleragenturen speziell geschaut werden. Der Teilbereich Ticketing und andere Dienstleistungen sollen hier ausgeklammert werden.

Während wissenschaftliche Beiträge zur Bedeutung und Umsetzung des Leitbildes nachhaltige Entwicklung im kultur- und musikwissenschaftlichen Bereich noch recht gering sind, gibt es durchaus schon Anstrengungen in der Praxis dem Thema gerecht zu werden (vgl. Föhl 2011; Kagan 2011; Klimpel 2013; Baumast 2012). So gibt es sowohl Künstler und Musiker die Pionierarbeit betreiben als auch Unternehmen, die sich um die Umsetzung von Nachhaltigkeit bemühen, wie vor allem auch der Festivalbereich zeigt (vgl. Baumast 2012: S. 7). Zudem gibt es Initiativen wie die Green Music Initiative, die sich um eine ökologischere Ausrichtung der Musikwirtschaft bemüht (vgl. Greenmusicinitiative.de o. J.). Zudem besteht eine große Bandbreite an Nachhaltigkeitsliteratur für Wirtschaftsunternehmen im Allgemeinen, die auch für viele Musikunternehmen anwendbar ist, wie unter anderem von Rogall und Oebels (2009), Epstein und Buhovac (2014), Dahm (2019) oder Baumast und Pape (2013).

2.4.1 Green Events, Green Clubs & Festivals

Wissenschaftliche Literatur mit dem Thema Nachhaltigkeit im Live-Sektor kann vor allem im Event-Bereich gefunden werden (vgl. Pernecky und Lück 2013: 15-29; Laing und Frost 2010: S. 261-267; Holzbaur 2016: S. 158-188). Events beschreiben „inszenierte Ereignisse in Form von erlebnisorientierten Veranstaltungen und Attraktionen“ (Scherer et al. 2001: S. 3) und umfassen auch Festivals und Konzerte.

Gerade im Festivalbereich lässt sich ein starker Nachhaltigkeitstrend beobachten, wie unter anderem beim Tollwood Festival, dem Elbjazz-Festival, oder dem Melt-Festival zu sehen ist (vgl. Baumast 2012: S. 7-40; Weihser 2010: S. 2). Die Gründe für diese stärkere Fokussierung können neben einer gesellschaftlichen Verantwortung vielfältig sein. So kann die Integration einer Nachhaltigkeitsstrategie auch zu Kostenreduktionen und einem positiveren Verhältnis mit den Stakeholdern führen (vgl. Epstein und Buhovac 2014: S. 4-5). Gerade der gestiegene Druck aufgrund öffentlicher Berichterstattung von riesigen Müllmengen nach Festivals, 2014 geschätzt 1000 Tonnen Müll nur beim Wacken Open Air, scheint jedoch als ein starker Antreiber gewertet werden, der die Festival-Landschaft zu einer ökologischeren Herangehensweise geführt hat (vgl. Birkner, S. 2019; Köhler 2019; Spiegel Online 2014; ).

Im Vergleich dazu sind im Konzertbereich nur Anfänge zu erkennen. Erste quantitative Erhebungen zu den Effekten der einzelnen Beteiligten von Konzerten haben ergeben, dass der Veranstaltungsort nach den Besuchern den größten Effekt hat (vgl. Giese und Butz 2014: S. 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Carbon Footprint einer Tour (Abbildung aus Giese und Butz 2014: S. 8)

Und auch ein Pilotprojekt zur Energieeffizienzsteigerung, der „ Green Club Index “, wurde bereits 2011 gestartet, umfasst jedoch laut eigener Angaben nur 21 Veranstaltungsstätten bisher (vgl. greenclubindex.de o. J.).

Zusammenfassend ist im Veranstaltungsbereich die Festivalbranche bereits stärker in das Thema involviert und auch die Konzertstätten beschäftigen sich bereits mit dem Thema. Jedoch scheinen vor allem Festival sich mit der Thematik zu beschäftigen.

2.4.2 Nachhaltigkeit aus Künstlerperspektive

Auch im künstlerischen Bereich beschäftigen sich bereits einige Bands und Künstler mit den Auswirkungen und Konsequenzen von Nachhaltigkeit. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei die Band Radiohead ein. Die amerikanischen Weltstars gelten als die Ersten, die sich mit dem Thema stärker auseinandergesetzt haben und Studien zu ihren Touren durchführen ließen, um Daten zu den Effekten von Tourneen zu sammeln (vgl. Neal 2019). In der Studie kam heraus, dass besonders die Anreise der Fans für den mit Abstand größten Teil der CO2 Belastung sorgt, gefolgt von der An- und Abreise der Band (Stentifort 2007: S. 8-10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Absoluter ökologischer Fußabdruck und CO2 Emissionen, Theatertour 2006 (Abbildung aus Stentiford 2007: S. 4)

Seitdem haben sich einige Künstler des Themas angenommen, wie Jack Johnson, Clueso oder die Indie Band We Invented Paris. Diese setzen ökologische Nachhaltigkeit in verschiedensten Formen um, wie zum Beispiel bei der Vermeidung von Plastik, Organisation ökologischerer Fananreisen, Vermeidung von Flügen und der Aufklärung und Kommunikation in der Öffentlichkeit (vgl. Giese und Butz 2014; Rodler und Knöll 2014).

2.4.3 Ökologische Nachhaltigkeit bei Künstleragenturen

Im Bereich Künstleragenturen ist auf Grund der Größe der Branche noch grundsätzlich wenig Literatur verfügbar. Entsprechend unerforscht ist das Gebiet der ökologischen Nachhaltigkeit bei Künstleragenturen. Dass Künstleragenturen und der Live-Sektor dennoch eine große Verantwortung besitzen, zeigt eine einfache Berechnung zum Ausmaß der CO2-Emissionen in Deutschland verursacht durch Konzerte in einem Jahr. Demnach werden auf Basis des Durchschnittwertes von 5kg CO2 pro Konzertbesucher bei einer Menge von 71,1 Millionen verkauften Tickets im Jahr 2018, 372.000 Tonnen C02 verursacht (vgl. Giese und Butz 2014: S. 9; Statista 2018: S.10). Als Mitentscheidungsträger bei der Planung und Organisation von

Tourneen stellt sich daher die Frage nach der Bedeutung von ökologischer Nachhaltigkeit bei Künstleragenturen. Die deutsche „Green Music Initiative“ und ihr britisches Pendant „Julie's Bicycle“ setzen sich für eine ökologischere Musik- und Kulturbranche ein und zeigen in Leitfäden praktische Hinweise zur Integration ökologischer Nachhaltigkeit bei Tourneen (vgl. Giese und Butz 2014 und Julie's Bicycle 2009). Einen Überblick über die verschiedenen Maßnahmen von Giese und Butz (2014) ist in Abbildung 9 dargestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Ökologische Nachhaltigkeit im Kulturmanagement umsetzen
Untertitel
Hindernisse aus Sicht von Künstleragenturen
Hochschule
Karlshochschule International University
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
53
Katalognummer
V506086
ISBN (eBook)
9783346108944
ISBN (Buch)
9783346108951
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikindustrie | Nachhaltigkeit | Live Sektor
Arbeit zitieren
Friedemann Bauknecht (Autor), 2019, Ökologische Nachhaltigkeit im Kulturmanagement umsetzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506086

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