Nach Hartmut Esser verfügte die Soziologie, anders als beispielsweise Teile der Naturwissenschaften, nie über einen einheitlichen, gemeinsam akzeptierten Theoriekern. Es gab (und gibt noch) zahlreiche wissenschaftliche Kontroversen über beispielsweise das Verhältnis zwischen Theorie und wissenschaftlicher Praxis, über das Vorziehen der „erklärenden“ oder „verstehenden“ Methode und damit einhergehend über die Angemessenheit qualitativer und quantitativer Methoden.
Seit über 100 Jahren besonders die Debatte um zwei Haupttraditionen der Sozialwissenschaft zu einem Gebiet von Unstimmigkeiten. Diese beiden Positionen werden von Wilhelm von Wright die „galileische“ und die „aristotelische“ Tradition genannt. Bei dieser Kontroverse stehen sich verkürzt die „erklärende“ Sozialwissenschaft mit einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise und die „verstehende“ Sozialwissenschaft mit einer „philosophisch-hermeneutischen“ Herangehensweise gegenüber. Während die „galileische“ Tradition nach einer kausalen, allgemeinen Gesetzen entsprechenden Erklärung des Verhaltens sucht, stellt die „aristotelische“ Tradition die Motive des menschlichen Verhaltens in den Vordergrund.
Als Ausgangspunkt dieser „Erklären“-„Verstehen“-Debatte kann u.a. Wilhelm Diltheys „Einleitung in die Geisteswissenschaft“ aus dem Jahr 1883 genannt werden. Daraufhin wurden die sich gerade entwickelnden Sozialwissenschaften zum Austragungsort für die Grundsatzdebatte der zwei oben genannten Denktraditionen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat die Kontroverse mehrere Phasen durchlaufen, die im Folgenden untersucht werden sollen. Dabei wird in diesem Zusammenhang auch auf einige wichtige wissenschaftliche Vertreter der jeweiligen Positionen eingegangen werden. So werden Wilhelm Diltheys und Max Webers Konzepte ebenso behandelt wie der „Kritische Rationalismus“. Hierbei ist vor allem das sogenannte „Hempel-Oppenheim-Schema“ zu nennen. Außerdem wird Wilhelm von Wrights Veröffentlichung „Erklären und Verstehen“ zur Sprache kommen. Schließlich steht gegen Ende der Untersuchung die Frage, ob mittlerweile doch, beispielsweise durch das Modell der „soziologischen Erklärung“, eine Art Verknüpfung von „Erklären“ und „Verstehen“ in den Sozialwissenschaften möglich ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Der „Positivismus“ des 19. Jahrhunderts
3. Die Entwicklung einer hermeneutischen Sozialwissenschaft
3.1 Abgrenzung von den Naturwissenschaften
3.2 Max Webers Konzept einer „verstehenden Soziologie“
4. Die „neo-positivistische“ These der Einheitsmethodologie
4.1 Die „Degradierung“ des Verstehens
4.2 Das „Hempel-Oppenheim-Schema“
5. Wilhelm von Wrights „praktischer Syllogismus“
6. Alternative „soziologische Erklärung“
6.1 Verbindung von „subjektivem“ Sinn und „objektiven“ Methoden
6.2 Das Grundmodell der „soziologischen Erklärung“
7. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historische und methodologische Kontroverse zwischen „Erklären“ und „Verstehen“ in den Sozialwissenschaften mit dem Ziel aufzuzeigen, ob diese beiden Ansätze in einem modernen, soziologischen Erklärungsmodell miteinander verknüpft werden können.
- Die historische Entwicklung der Debatte seit dem 19. Jahrhundert.
- Gegenüberstellung positivistischer und hermeneutischer Methodentraditionen.
- Analyse des „Hempel-Oppenheim-Schemas“ als deduktiv-nomologisches Modell.
- Untersuchung des „praktischen Syllogismus“ nach Wilhelm von Wright.
- Erarbeitung eines Grundmodells der „soziologischen Erklärung“ als Synthese aus Sinnverstehen und objektiver Methodik.
Auszug aus dem Buch
3.2 Max Webers Konzept einer „verstehenden Soziologie“
Die Sozial- und Verhaltenswissenschaften entstehen im 19. Jahrhundert zum Großteil unter dem Einfluss dieser Kontroverse zwischen positivistischen und antipositivistischen Tendenzen und werden dadurch zum Austragungsort dieser unterschiedlichen methodologischen Strömungen. Zwar ist die Hermeneutik als Beschäftigung mit dem „Verstehen“ zur speziellen Methode für die Geisteswissenschaften geworden und hat sich damit von der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise abgegrenzt. Doch der Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften ist weder ganz den Geisteswissenschaften, noch völlig den Naturwissenschaften zuzuordnen, woraus sich die Kontroversen zwischen „Erklären“ und „Verstehen“ ergeben.
Max Weber, einer der Mitbegründer der Soziologie, betont in seinem Werk „Soziologische Grundbegriffe“ ebenfalls den Begriff des „Verstehens“ und formuliert damit die Grundposition einer eigenen sozialwissenschaftlichen Methodik weiter aus. Soziologie ist für Weber „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“. Soziales Handeln zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass die Handelnden mit ihm einen „subjektiven Sinn“ verbinden und darüber hinaus das soziale Handeln auf das Verhalten anderer bezogen wird und sich in ihrem Ablauf daran orientiert. Diesen subjektiven Sinn erhält ein Verhalten, wenn es von Erwägungen über Mittel und Ziele geleitet ist, die dem Akteur vorschweben. Unter diesen Umständen kann man den Akteur mitsamt seines Handelns und dessen Folgen „verstehen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in die grundlegende wissenschaftliche Kontroverse zwischen „erklärenden“ und „verstehenden“ Methoden in der Soziologie ein.
2. Der „Positivismus“ des 19. Jahrhunderts: Es wird die positivistische Tradition und ihr Streben nach einer einheitlichen, kausal-mechanistischen Wissenschaftsmethodik nach dem Vorbild der Naturwissenschaften beschrieben.
3. Die Entwicklung einer hermeneutischen Sozialwissenschaft: Hier wird die antipositivistische Gegenbewegung beleuchtet, die das „Verstehen“ als spezifische Methode für Geisteswissenschaften etablierte.
4. Die „neo-positivistische“ These der Einheitsmethodologie: Das Kapitel behandelt die Kritik des kritischen Rationalismus am „Verstehen“ und die Vorstellung des „Hempel-Oppenheim-Schemas“.
5. Wilhelm von Wrights „praktischer Syllogismus“: Es wird das teleologische Erklärungsmodell von von Wright als Alternative für die Sozialwissenschaften analysiert.
6. Alternative „soziologische Erklärung“: Hier wird ein Modell entwickelt, das subjektives Sinnverstehen mit objektiven wissenschaftlichen Methoden integriert.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Das Kapitel fasst die Debatte zusammen und konstatiert eine zunehmende Annäherung hin zu einem Methodenkonsens.
Schlüsselwörter
Sozialwissenschaften, Erklären, Verstehen, Methodologie, Positivismus, Hermeneutik, Hempel-Oppenheim-Schema, Praktischer Syllogismus, Soziologische Erklärung, Max Weber, Wilhelm Dilthey, Subjektiver Sinn, Wert-Erwartungstheorie, Kausalerklärung, Logik der Situation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die langanhaltende methodologische Debatte in den Sozialwissenschaften über das Verhältnis von „Erklären“ (naturwissenschaftlich geprägt) und „Verstehen“ (geisteswissenschaftlich geprägt).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind Wissenschaftstheorie, Methodologie der empirischen Sozialforschung, die historische Entwicklung dieser Debatte sowie die Integration von Sinnverstehen und kausaler Erklärung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den historischen Konflikt zwischen den beiden Denktraditionen nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie ein modernes Modell der „soziologischen Erklärung“ beide Ansätze sinnvoll verbindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische wissenschaftstheoretische Analyse, die zentrale Positionen und Autoren von Dilthey über Weber bis hin zu Popper, Hempel und Esser vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Positivismus, die hermeneutische Reaktion, den neo-positivistischen Ansatz, Wilhelm von Wrights praktischen Syllogismus und schließlich das Grundmodell der soziologischen Erklärung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere Erklären und Verstehen, Positivismus, Hermeneutik, soziologische Erklärung, Logik der Situation und methodologischer Monismus.
Warum wird das „Hempel-Oppenheim-Schema“ kritisiert?
Die Kritik richtet sich vor allem darauf, dass dieses Modell die interpretative Dimension menschlichen Handelns ignoriert und soziale Prozesse rein mechanistisch-kausal zu erfassen versucht.
Was ist das Besondere am Grundmodell der „soziologischen Erklärung“?
Das Besondere ist die Integration der drei Logiken (Situation, Selektion, Aggregation), wodurch subjektives Handeln (Sinn) in einen objektiven, analytisch-nomologischen Erklärungsrahmen eingebettet wird.
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- M.A. Nicole Nieraad (Author), 2005, Erklären und Verstehen in den Sozialwissenschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50613