Schädigungen des Gehirns wie sie z.B. bei einem Schlaganfall auftreten können, sind die Ursache vielerlei höchst unterschiedlicher Krankheitsbilder, in denen die Geschädigten nicht selten seltsame Verhaltensweisen an den Tag legen oder sich in bestimmten Bereichen des täglichen Lebens als vollkommen unfähig erweisen. In weniger drastischen Fällen hingegen sind die Beeinträchtigungen für die Umwelt vielleicht kaum wahrnehmbar.
Wenn ein Patient nicht mehr weiß, wozu Objekte des normalen Umgangs dienen, so kann man dies sicherlich als schwere Beeinträchtigung werten. Wenn ein Patient eine Säge ratlos abtastet, sich mit Stempel und Stempelkissen ein „Sandwich“ bastelt, um es dann zum Mund zu führen und schließlich in einen Telefonhörer bläst, um daraufhin an beiden Muscheln zu lauschen, so ist dies die Folge einer spezifischen Schädigung neuronaler Strukturen. Einen Keks dagegen nimmt er mit routinierter Geschicklichkeit zu sich, ein erstaunliches Merkmal des Krankheitsbildes Apraxie. Der hier beschriebene Patient ist ein extremer Fall, bei dem weitere Störungen zusätzlich festgestellt wurden. Häufig sind die Fehlhandlungen nicht derart massiv, aber auch nicht weniger behindernd für den Patienten. Ein typischer Fall ist jener Versuch, in dem der Patient eine alltägliche Handlung wie das Zähneputzen ausführen soll. Er benutzt einen Becher ohne das Wasser aufzudrehen, versucht aus einer geschlossenen Tube Zahnpasta zu drücken und putzt die Zähne schließlich umständlich atypisch und in nicht effektiver Art und Weise. Nur das Aufdrehen des Verschlusses gelingt zügig und geschickt, ein Widerspruch, der für apraktische Störungen kennzeichnend ist. Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Referat „Ideomotorische Apraxie und Imitation“ und der darin zugrunde gelegten Literatur und sollen dieses Krankheitsbild näher beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Allgemeines zur Apraxie
2.1 – Definition
2.2 - Klassifikation der Apraxien
2.3 - Sonderformen
2.4 - Entdeckungsgeschichte
3 Neuroanatomische Grundlagen
4 Symptomatik der Apraxie
4.1 - Störungen im Umgang mit Objekten
4.2 - Fehlerhaftes Imitieren von Bewegungen
4.3 - Fehlende und entdifferenzierte kommunikative Gesten
5 Die Behandlung von Apraxie
6 Imitating Gestures and Manipulating a Mannikin – Die Goldenbergstudie
6.1 - Die Liepmann-Studie
6.2 - Methodisches Vorgehen der Goldenbergstudie
6.3 - Ergebnisse
6.4 - Diskussion
6.5 - Die Hypothese des „Multi-Part Mechanical Object“
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Krankheitsbild der ideomotorischen Apraxie mit einem besonderen Fokus auf die Imitationsfähigkeit von Patienten. Ziel ist es, neuroanatomische Grundlagen zu beleuchten, die klinische Symptomatik einzuordnen und zu prüfen, inwieweit die Unfähigkeit zur Erfassung räumlicher Konfigurationen – konzeptionell verstanden als "multi-part mechanical objects" – das Kernproblem der Imitationsstörungen darstellt.
- Klassifikation und Entdeckungsgeschichte der Apraxie
- Neuroanatomische Grundlagen der Bewegungskontrolle
- Symptomatologie im Alltag und bei Imitationsaufgaben
- Therapeutische Ansätze durch Training
- Analyse der Goldenberg-Studie zur Imitation und Repräsentation des menschlichen Körpers
Auszug aus dem Buch
6.5 Überprüfung der Hypothese des „multi-part mechanical object“
Aus den Ergebnissen der Studie, den beobachteten Fehlern, ergibt sich, dass letztere nicht einer Störung des persönlichen Körperschemas zugeschrieben werden können, da ein solches Schema, d.h. die Informationen über Ausdehnung und Position von Körperteilen, für alle gerichtete Motorik benötigt wird. Körperteile werden relativ zu anderen bewegt, eine Störung dieser Funktion würde demnach zur Unsicherheit bei allen Bewegungen führen. Auch die eventuelle Unkenntnis der Position des ganzen Körpers kann nicht als Erklärung dienen, da dieses Wissen für externe Objekte, für die Imitation mittels Puppe also, selten benötigt wird.
Diese Unkenntnis würde eher zu Fehlern bei der Pantomime, also bei der Steuerung des eigenen Körpers, führen. Das heißt, dass wenn es eine allgemeine Quelle für die Fehler gibt, so muss sie im Wachrufen und in der Anwendung eines generellen Konzepts des menschlichen Körpers liegen, ein Konzept, dass unabhängig vom eigenen Körper funktioniert.
Imitation ist nicht nur visuelle Wahrnehmung und motorische Kontrolle, sondern beinhaltet Zwischenschritte von beträchtlicher Komplexität. In ihrem Prozess erfordert die Imitation z.B. das Transferieren des Wahrgenommenen, des Untersuchungsleiters, spiegelbildlich auf sich selbst oder auch die Abstraktion von Größenunterschieden. Bei der Imitation werden eher Zielpositionen als Bewegungspfade genutzt, es werden also nicht direkte Zielpositionen gezeigt, sondern sie sind aus der präsentierten Bewegung zu folgern und auf sich selbst zu transponieren. Es ist dies die Abstraktion der Bewegung vom konkret Ausführenden, wobei der eigenen Körper dann selbst eine Art Puppe wäre. Bedeutungslose Gesten enthielten dann konzeptionelles Wissen über den Körper.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Krankheitsbild der Apraxie anhand von Fallbeispielen, die den Widerspruch zwischen erhaltenen basalen Fähigkeiten und gestörten Handlungsabläufen verdeutlichen.
2 Allgemeines zur Apraxie: Definition des Störungsbildes, Darstellung der klassischen Einteilung in ideomotorische und ideatorische Apraxie sowie ein kurzer Überblick über Sonderformen und die historische Entwicklung.
3 Neuroanatomische Grundlagen: Erläuterung der klassischen Liepmann-Theorie zur Hemisphärenbeteiligung bei der Kontrolle komplexer Bewegungen und deren heutige kritische Würdigung.
4 Symptomatik der Apraxie: Detaillierte Beschreibung der Leitsymptome, unterteilt in Objektumgang, Imitationsstörungen und gestörte kommunikative Gestik.
5 Die Behandlung von Apraxie: Vorstellung praxisorientierter Therapieansätze, bei denen Training und repetitives Üben im Vordergrund stehen, um neuronale Plastizität zu nutzen.
6 Imitating Gestures and Manipulating a Mannikin – Die Goldenbergstudie: Zentrale Auseinandersetzung mit der Studie von Georg Goldenberg, die untersucht, ob Imitationsstörungen auf ein defizitäres Konzept des menschlichen Körpers als mechanisches Objekt zurückzuführen sind.
Schlüsselwörter
Apraxie, Ideomotorische Apraxie, Ideatorische Apraxie, Imitation, Neuroanatomie, Handlungsplanung, Körperkonzept, Goldenberg-Studie, Motorik, Aphasie, Gehirnschädigung, Kognition, Rehabilitationsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt das Phänomen der Apraxie, eine neurologisch bedingte Störung der Handlungsplanung und Bewegungsausführung, und analysiert insbesondere deren Auswirkungen auf die Imitationsfähigkeit.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Neben der Definition und klinischen Einordnung der Apraxie stehen die neuroanatomischen Grundlagen, die Symptomatik in verschiedenen Lebensbereichen und spezifische experimentelle Befunde zur Imitationsleistung im Mittelpunkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ergründen, warum Apraxie-Patienten Schwierigkeiten bei der Imitation von Bewegungen haben und ob dies auf eine fehlerhafte kognitive Repräsentation des menschlichen Körpers zurückzuführen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Aufarbeitung auf Basis klinischer Literatur und neuropsychologischer Studien, insbesondere der experimentellen Untersuchung von Georg Goldenberg.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Symptome der Apraxie im Alltag, erläutert neuroanatomische Modelle zur Bewegungskontrolle und diskutiert empirische Ergebnisse zur Imitation an eigenen Körperteilen versus Puppenmodellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Apraxie, Imitationsstörung, Handlungsplanung und kognitive Repräsentation definieren.
Was besagt die Hypothese des "multi-part mechanical object" konkret?
Sie postuliert, dass Patienten mit Apraxie den eigenen Körper (oder auch Puppen) nicht mehr als ein System funktionell zusammenhängender Einzelteile erfassen können, was zu Imitationsfehlern führt.
Warum schneiden Patienten bei der Imitation an der Holzpuppe besonders schlecht ab?
Laut Goldenberg liegt dies nicht an einer generellen visuellen Schwäche, sondern an der Notwendigkeit, das Bewegungsziel von einem externen Objekt auf das eigene Bezugssystem zu übertragen, was bei Apraxie konzeptionell gestört ist.
- Quote paper
- Christof Niemann (Author), 2005, Ideomotorische Apraxie und Imitation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50618