Warum tritt der "Anti-Flynn-Effekt" häufig in hochentwickelten Ländern auf?


Studienarbeit, 2019
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Eines der am häufigsten diskutierten Themen in der Intelligenzforschung ist der Anstieg der durchschnittlichen Intelligenzquotient-Werte (IQ) über die Generationen hinweg. Dieses Phänomen wird auch als Flynn-Effekt bezeichnet.

Der Anstieg der IQ-Werte wurde erstmals in den Vereinigten Staaten von Runquist (1936), später von Smith (1942) und Tuddenham (1948) bestätigt. Nachträglich wurde der Effekt von Cattell (1951) für England berichtet und weitere Länder wurden von Lynn (2013) zusammengefasst.

Das Phänomen „Flynn-Effekt“ wurde nach James R. Flynn benannt, nachdem er als Erster diesen Effekt mit dem Stanford-Binet und Wechsel-Test dokumentierte (Flynn, 1984, 1987, 2012). James R. Flynn entdeckte 1987 einen ständigen Anstieg der durchschnittlichen IQ-Werte in den westlichen Gesellschaften seit dem zweiten Weltkrieg. Besonders in Ländern, in denen alle jungen Männer bei der Musterung einen Intelligenztest ausfüllen mussten, zeigte sich dieser Effekt. Dem Flynn-Effekt wird dadurch Rechnung getragen, dass bei der Normierung von IQ-Tests die Verteilungen nachjustiert werden, sodass der Durchschnitt nach wie vor bei 100 liegt und nur jeweils zwei Prozent über 130 und unter 70 IQ-Punkte liegen. Flynn (1998) konnte herausfinden, dass die IQ-Werte um 13.8 Punkte in dem Zeitraum von 1932 und 1978 angestiegen waren. Dies entspricht einem Anstieg von drei Punkten pro Jahrzehnt. Zahlreiche Studien konnten einen Anstieg der IQ-Werte verzeichnen. In einer aktuellen Meta- Analyse von Pietschnig und Voracek (2015b) konnte der durchschnittliche globale Anstieg von drei Punkten pro Jahrzehnt bestätigt werden, indem große Datensätze von Intelligenzmessungen mit verschiedenen Kohorten über viele Jahr hinweg betrachtet wurden. Diese Studie umfasst 271 unabhängige Datensätze von ungefähr vier Millionen Testergebnissen aus 31 Ländern. In dieser Studie konnten Pietschnig und Voracek eine deutliche Zunahme des IQ zwischen den Jahren 1909 und 2013 feststellen (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1

Zunahme des IQ pro Jahrzehnt (Flynn-Effekt) nach höchster IQ-Zunahme geordnet (nach Daten der Metaanalyse von Pietschnig und Voracek (2015b) aus Tabelle 2 im Online Supplement)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie aus Tabelle 1 ersichtlich, betrug das Ausmaß dieser Zunahme in den meisten Ländern zwischen knapp einem bis vier Punkte pro Jahrzehnt. Kenia ist das Land mit der größten IQ-Zunahme mit 17.9 IQ-Punkten pro Jahrzehnt. Deutschland konnte durch 13 Studien eine IQ-Zunahme von 6.0 IQ-Punkten pro Jahrzehnt belegen.

Es ist zu beachten, dass die Aussagekraft der Daten aufgrund der unterschiedlichen Datenmengen sehr differenziert betrachtet werden muss. Die Daten aus Schweden und Dänemark sind in diesem Fall repräsentativer als die Daten aus Südkorea oder der Schweiz. Die Studiendesigns dieser Daten lassen allerdings keine kausalen Schlüsse zu, wodurch nicht auf die Ursachen des Flynn-Effekts geschlossen werden kann.

Als Ursache des Flynn-Effekts wurden 75 Experten aus dem Bereich der Intelligenz von Rindermann, Becker und Coyle (2017) befragt. Von den 75 Experten sind 17 Flynn- Experten. Die Experten sind der Meinung, dass Umweltfaktoren, wie beispielsweise bessere Gesundheitsvorsorge, bessere Ernährung und höhere Lebensstandards die Ursachen des Flynn-Effekts sind. Auch genetische Veränderungen werden als Ursache für den Flynn-Effekt angeführt (Rindermann et al., 2017). Dementgegen argumentiert Flynn, dass Genetik den massiven Anstieg der IQ-Werte nicht beschreiben kann. Die befragten Experten von Rindermann et al. (2017) bestätigen diese Aussage. Die Daten von Pietschnig und Gittler (2015a) zeigen, dass eine große Anzahl an Faktoren als Ursache des Flynn-Effekts möglich ist.

Nicht alle durchgeführten Studien zeigen eine Steigerung des IQ an. Tatsächlich konnte in einer Vielzahl an Studien die Evidenz für eine Stagnation beziehungsweise eine Umkehr des Flynn-Effekts gefunden werden. Dieses Phänomen wird als Anti-Flynn- Effekt bezeichnet (Shayer, Ginsburg, & Coe, 2007). Der Anti-Flynn-Effekt konnte in den 90er Jahren in manchen europäischen Ländern, wie beispielsweise Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Niederlande, Norwegen, Österreich und England, festgestellt werden (Pietschnig & Voracek, 2015a). Der Anti-Flynn-Effekt konnte bis zum aktuellen Zeitpunkt lediglich in hochentwickelten Ländern gefunden werden, wohingegen der (positive) Flynn-Effekt in weniger entwickelten Ländern weiterhin auftritt.

Seitdem ist eine große Anzahl an Studien publiziert worden, in denen über eine in Abnahme des IQ über die Jahre hinweg berichtet wird (Tabelle 2).

Tabelle 2

Studien, die den Anti-Flynn Effekt bestätigen nach höchster IQ-Abnahme geordnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Stagnierung bzw. der Abfall des Flynn-Effekts wurde in Daten aus Schweden und Norwegen verzeichnet (Emanuelsson, Reuterberg, & Svensson, 1993; Sundet, Barlaug, & Torjussen, 2004). Weitere Studien aus Dänemark, Finnland und Frankreich können die Stagnierung bzw. den Abfall ebenfalls bestätigen (Dutton & Lynn, 2013, 2015; Teasdale & Owen, 2005).

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Warum tritt der "Anti-Flynn-Effekt" häufig in hochentwickelten Ländern auf?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
10
Katalognummer
V506205
ISBN (eBook)
9783346051981
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flynn-Effekt, Ursache, Anti-Flynn-Effekt, James R. Flynn, Intelligenzquotient
Arbeit zitieren
Nadja Karossa (Autor), 2019, Warum tritt der "Anti-Flynn-Effekt" häufig in hochentwickelten Ländern auf?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506205

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Warum tritt der "Anti-Flynn-Effekt" häufig in hochentwickelten Ländern auf?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden