Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz

Die Kollision von Anforderungen einer Mutterschaft mit den jugendlichen Entwicklungsprozessen


Bachelorarbeit, 2019

49 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

2. Adoleszenz
2.1 Adoleszente Mutterschaft
2.2 Prävalenz adoleszenter Mutterschaft in Deutschland

3. Entwicklungsaufgaben.
3.1 Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz
3.2 Normative Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz
3.2.1 Identität
3.2.2 Eltern
3.2.3 Gleichaltrige
3.2.4 Schule

4. Mutterschaft
4.1 Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz
4.2 Spannungsfeld von Adoleszenz und Mutterschaft
4.2.1 Identität
4.2.2 Eltern
4.2.3 Gleichaltrige
4.2.4 Schule

5. Die Mutter-Kind-Einrichtung als Unterstützungsmöglichkeit im Rahmen der Sozialen Arbeit
5.1 Unterstützungsbedarf adoleszenter Mütter
5.2 Die Mutter-Kind-Einrichtung
5.3 Jugend- und Mädchenarbeit
5.4 Prinzipien der Jugend- und Mädchenarbeit in Mutter-Kind-Einrichtungen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das gängige Bild zur Mutterschaft lautet nach Wallner (2010) unter anderem wie folgt: „Mutterschaft ist schön! Sie ist die Erfüllung jedes weiblichen Lebens (…)“ (S. 47). Diese Vorstellungen über Mutterschaft scheinen allerdings nicht allgemein zu gelten. Nicht selten finden sich bei junger Elternschaft andere Mutterschaftsassoziationen als die von Wallner eingangs beschriebenen Ausführungen (Kölbl, 2007, S. 63). Die Bedeutung, die eine Mutterschaft in der Jugendzeit hat, gilt es demnach zu beachten und zu untersuchen.

Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Bachelorarbeit mit adoleszenter Mutterschaft. Die Idee, mich intensiv mit der Personengruppe „adoleszente Mütter“ auseinanderzusetzen und mich speziell der Thematik der „Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz“ zu widmen, ist aufgrund meines Freiwilligen Sozialen Jahres in einer Mutter-Kind-Einrichtung entstanden. Im Rahmen meiner Begleitungs-, Betreuungs- und Unterstützungsfunktion konnte ich zahlreiche Einblicke in das Leben von jungen Müttern gewinnen. Die Vielzahl der dort lebenden Mütter befand sich zu dieser Zeit in der Phase der Adoleszenz, die generell durch zahlreiche jugendliche Entwicklungsthemen gekennzeichnet ist. Aufgrund dessen stellen sich mir die Fragen, welche Schwierigkeiten durch die Kollision von Anforderungen einer Mutterschaft mit den üblich ablaufenden adoleszenten Entwicklungsprozessen für die jungen Mütter entstehen und inwiefern Mutter-Kind-Einrichtungen hinsichtlich des Zusammentreffens der zu bewältigenden Aufgaben unterstützend wirken können.

Um einen Einstieg in die Thematik zu bieten, werden im zweiten Kapitel zunächst der Begriff der „Adoleszenz“ und darauffolgend die Begrifflichkeit „Adoleszente Mutterschaft“ definiert. Die daran anschließende Ausführung beschäftigt sich mit der Prävalenz adoleszenter Mutterschaft, also der quantitativen Verbreitung der Personengruppe jugendlicher Mütter in Deutschland. Dieses Kapitel widmet sich aufgrund des Gesamteindrucks auch den aktuellen Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche junger Mädchen. Im dritten Kapitel folgt die zunächst allgemeine Thematisierung von Entwicklungsaufgaben. Die nachfolgende Ausführung fokussiert sich speziell auf Entwicklungsaufgaben der adoleszenten Lebensphase. Hierbei werden normative Entwicklungsanforderungen des Jugendalters anhand ausgewählter Themenbereiche der Identität, Eltern, Gleichaltrigen und der Schule dargelegt. Das vierte Kapitel beschreibt die Thematik Mutterschaft. Zu Anfang erfolgt eine allgemeine Definition des Begriffs „Mutterschaft“. Das anschließende Kapitel dient der Beschreibung der Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz. Hierbei wird das Spannungsfeld von Mutterschaft und Adoleszenz mittels der Darstellung von Auswirkungen und Konsequenzen infolge der Kollision von typischen jugendlichen Entwicklungsaufgaben mit den Anforderungen einer Mutterschaft verdeutlicht. Diese Darlegung erfolgt anhand der Thematisierung wiederkehrender Themenbereiche der Identität, Eltern, Gleichaltrigen und der Schule. Um den zweiten Teil der Fragestellung zu beantworten, bezieht sich das fünfte Kapitel auf Unterstützungsmöglichkeiten der Personengruppe adoleszenter Mütter im Rahmen der Sozialen Arbeit. Zunächst wird der Unterstützungsbedarf von Mädchen, die im Jugendalter Mütter werden, geschildert. Daraufhin erfolgt die Darstellung einer stationären Mutter-Kind-Einrichtung Jugend- und Sozialhilfe als mögliche Hilfeform von jungen Müttern. Anschließend werden Prinzipien der Jugendarbeit und Mädchenarbeit als sozialpädagogische Handlungsformen thematisiert. Im Anschluss daran wird geklärt, ob und inwiefern sich Prinzipien der Jugend- und Mädchenarbeit in der Praxis von Mutter-Kind Einrichtungen niederschlagen. Bezogen auf die Beschäftigung mit diesen Inhalten werden im Fazit die Ergebnisse resümiert, diskutiert und mit einem Ausblick beendet.

2. Adoleszenz

Um sich in der Arbeit fortlaufend mit dem Begriff der „Adoleszenz“ beschäftigen zu können, ist es notwendig, einen Definitionsversuch für und einen Einblick in diese Lebensphase zugrunde zu legen. Innerhalb dieser Ausführung werden die Begriffe „Adoleszenz“ und „Jugendalter“ synonym verwendet.

Unter Adoleszenz versteht man generell das Jugendalter, welches die Lebensphase körperlicher bzw. biologischer, psychischer, intellektueller und sozialer Veränderungen und Erfahrungen vom Ende der Kindheit bis hin zum Erwachsenenalter und dem Erreichen des sozialen Erwachsenenstatus beschreibt (King, 2011, S. 21; Bodmer, 2013, S. 45).

Das Ende der Kindheit und der Beginn des Jugendalters lassen sich durch den Eintritt der sexuellen Reifung bestimmen. Innerhalb der sexuellen Reifungsprozesse entwickeln sich bei den Jugendlichen die körperliche Möglichkeit zur genitalen Sexualität, die Ausgestaltung einer geschlechtlichen Identität und die Fähigkeit zum Zeugen und Gebären von Kindern (Flaake & King, 1992, S. 13; Kölbl, 2007, S. 38). Die erste Spermarche bei Jungen und die erste Menarche bei Mädchen markieren den Beginn der Geschlechtsreifung. Allerdings erfolgt das Erlangen der Geschlechtsreife durch die erste Ejakulation bzw. die erste Menstruation bei Jungen und Mädchen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens. Während Jungen erst mit etwa dreizehn Jahren geschlechtsreif sind, erleben die meisten Mädchen ihre erste Periode im Alter von zwölf Jahren. Auch das Tempo der Pubertätsentwicklung variiert immens zwischen Jugendlichen. Demnach existiert für den Beginn, die Dauer und das Ende der Jugendphase keine einheitliche zeitliche Übereinstimmung oder präzise Altersangabe (Göppel, 2005, S. 4; Bodmer, 2013, S. 45; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 45).

Allerdings ist das Jugendalter nicht nur durch Veränderungen auf körperlicher und hormoneller Ebene gekennzeichnet. Die Jugend als sogenannte Zeit des allmählichen „Erwachsenwerdens“ bringt ebenso psychische und soziale Veränderungen und Entwicklungen für die Betroffenen mit sich (Bernart 2001, S. 36; Dreher & Oerter, 2008, S. 271). Die Adoleszenz als Übergangsphase ist geprägt durch tiefgreifende Wandlungen, die von den Jugendlichen positiv, aber auch problematisch erlebt werden können. Es kommt nicht selten zu Umgestaltungen, Konflikten, Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen und ihren Familien, Freunden oder innerhalb ihres sozialen Umfeldes (Kölbl, 2007, S. 20; Hayer et. al., 2008, S. 13).

2.1 Adoleszente Mutterschaft

Die Begrifflichkeit „adoleszente Mutterschaft“ bezieht sich auf „das biographische Ereignis der Geburt eines Kindes und des damit verbundenen Übergangs der Gebärenden (…) in den Status als leibliche Mutter (…) während der Phase der Adoleszenz“ (Fleßner, 2011, S. 18). Die Adoleszenz gilt hierbei als Entwicklungsphase zwischen Kindheit und Erwachsensein, die generell auch über das Erlangen der Volljährigkeit hinausreichen kann. Da junge Mutterschaft nicht ausschließlich minderjährige Mädchen betrifft, bezieht sich der Begriff „adoleszente Schwangerschaft“ in den meisten Ausführungen und Untersuchungen demnach auf die Altersspanne von jungen Frauen bis zum 21. Lebensjahr (Chamakalayil, 2010a, S. 5; Fleßner, 2011, S. 18f.). Auch die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit jungen Müttern innerhalb dieser Altersklasse.

2.2 Prävalenz adoleszenter Mutterschaft in Deutschland

Sowohl innerhalb medialer Darstellungen als auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird eine dramatische Zunahme der Zahlen von frühen Schwangerschaften und ebenso von wachsenden Schwangerschaftsabbrüchen im Jugendalter vermittelt. Dieser vermeintliche Anstieg jugendlicher Mütter in der Bevölkerung entsteht unter anderem im Rahmen der in den letzten Jahren wachsenden medialen Aufmerksamkeit. Das hohe Medieninteresse dieser Betroffenengruppe lässt sich durch die Entstehung einer jugendlichen Mutterschaft entgegen den Vorstellungen des gesellschaftlichen Konsenses begründen (Osthoff, 2004, S. 5; Spies, 2009, S. 15; Chamakalayil, 2010a, S. 2).

Im Gegensatz zu den medial geschürten Annahmen nimmt die Entwicklung der Anzahl von Kindern, die von jungen Müttern geboren werden, jedoch eher ab. Immer weniger Frauen werden als junge Erwachsene oder gar Minderjährige Mütter (Scheiwe, 2005, S. 154; Spies, 2010, S. 26). Dem Pressebericht Nr. 428 des Statistischen Bundesamts vom 01.12.2016 zufolge ist die Anzahl der lebendgeborenen Kinder von Müttern unter 20 Jahren in den Jahren 2006 bis 2014 von 18 400 auf etwa 12 100 gesunken. Ihr Anteil an der Gesamtgeburtenrate hat sich von 2,7% auf 1,7% reduziert. Gemäß den empirischen Befunden des Statistischen Bundesamts stellen junge Mütter gegenwärtig eine Minderheit bzw. Randgruppe innerhalb der deutschen Bevölkerung dar. Die Quote jugendlicher Mütter liegt seit einigen Jahren bei circa 2 von 100 Frauen im Alter von 10 bis 18 Jahren mit rückläufiger Tendenz (Häußler-Sczepan, 2010, S. 299; Spies, 2010, S. 11; Statistisches Bundesamt 01.12.2016).

Die statistischen und empirischen Befunde über jugendliche bzw. junge Mütter als Ausnahmegruppe in der Bevölkerung lassen sich unter anderem auf den allgemeinen Anstieg des Alters von Erstgebärenden zurückführen. Innerhalb der letzten Jahre entwickelt sich in Deutschland ein Trend zur späteren Geburt. Dies zeigt sich im Durchschnittsalter der Mutter bei der Geburt ihrer lebendgeborenen Kinder von 31,2 Jahren, welches im Jahr 2017 festgestellt wurde. Dieser neue Muttertyp lässt sich auf veränderte persönliche und berufliche Lebensentwürfe von Frauen, den steigenden weiblichen Bildungsgrad, die schnelle Ausweitung der Erwerbsarbeit von Frauen und auf tolerantere Wertvorstellungen in der weiblichen Lebensplanung zurückführen (BMFSFJ, 2012, S. 9; Statistisches Bundesamt 2017a).

Auch adoleszente Schwangere, die sich gegen das Austragen ihres Kindes entscheiden, werden in den Gesamteindruck miteinbezogen. Innerhalb der Erhebungen von Schwangerschaftsabbrüchen bei jungen Betroffenen hat sich bei den unter 15-Jährigen die Rate in den Jahren 2010 bis 2017 von 440 auf 280 reduziert. In der Altersgruppe der 15 bis 18-Jährigen ist die Zahl innerhalb der sieben Jahre von 4044 auf 2729 gesunken. Darüber hinaus lässt sich auch bei den 18 bis 20-Jährigen von 2010 bis 2017 ein Rückgang von 7458 auf 4904 vermerken (Statistisches Bundesamt 2017b).

Zusammenfassend belegen die aufgeführten Statistiken, dass sich sowohl die Zahlen der ausgetragenen Schwangerschaften als auch die der Abbrüche junger Frauen in Deutschland innerhalb der letzten Jahre auf einem relativ niedrigen Niveau konstant bis rückläufig bewegen. Auch im internationalen Vergleich befindet sich Deutschland mit 13 Geburten pro 1000 Mädchen innerhalb der behandelten Altersspanne im unteren Bereich der Industrienationen (Fleßner, 2008, S. 226; Spies, 2010, S. 78; Bodmer, 2013, S. 108). Die Anzahl zu adoleszenten Schwanger- oder Mutterschaften scheint demnach sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus pädagogischer Sicht unproblematisch. Adoleszente Schwangere oder Mütter gelten als kleine Ausnahmegruppe und bilden nicht per se eine Problemgruppe (Busch & Franz, 2004, S. 10; Bindel-Kögel, 2006, S. 68).

3. Entwicklungsaufgaben

Das Konzept der Entwicklungsaufgaben wird 1948 vom amerikanischen Entwicklungspsychologen Robert J. Havighurst in seinem Buch „Development Tasks and Education“ vorgestellt (Göppel, 2005, S. 71).

Entwicklungsaufgaben beschreiben altersbezogene Erwartungen durch die Gesellschaft zu einem gewissen historischen Zeitpunkt, die an Individuen der unterschiedlichen Altersgruppen herangetragen werden. Die zeitliche Zuordnung von Entwicklungsanforderungen ist in der Vorstellung begründet, dass es innerhalb des Lebenslaufs gewisse Zeiträume gibt, die für bestimmte Entwicklungen besonders geeignet erscheinen. Diese an ein bestimmtes Alter gebundenen Entwicklungsanforderungen beziehen sich auf aktuell herrschende gesellschaftliche Normen und Rollenvorschriften, die ein Großteil der Gesellschaftsmitglieder miteinander teilt. Die zu erfüllenden Entwicklungsthemen vermitteln Vorstellungen darüber, was in einem bestimmten Lebensalter als adäquate Entwicklung und als anzustrebende Veränderung gilt und aufgrund dessen als Ziel für das eigene individuelle Verhalten anzusehen ist. Die Idee des Konzepts von Havighurst beruht demzufolge auf der Annahme, dass sich der Lebensverlauf eines Menschen an verschiedenen und aufeinanderfolgenden Entwicklungsaufgaben beschreiben lässt, die jedes Individuum innerhalb seines Lebens zu bestimmten festgelegten Zeitpunkten meistern muss (Dreher & Oerter, 2008, S. 80; Mienert, 2008, S. 31; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 28 & 77).

Eine gelingende Bewältigung von Entwicklungsaufgaben kann hinsichtlich späterer Anforderungen zu Erfolgs- und Glücksgefühlen und zu der damit einhergehenden Einstellung von Zufriedenheit und Wohlbefinden führen, während eine misslingende Bewältigung negative Emotionen, die Behinderung der Erfüllung nachfolgender Entwicklungsaufgaben und eine gesellschaftliche Missbilligung zur Folge haben kann. Die Frage nach der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben dient demnach zum Verständnis und zur Unterscheidung von erfolgreichen und erfolglosen menschlichen Lebensläufen (Göppel, 2005, S. 71; Mienert, 2008, S. 31; Bodmer, 2013, S. 20).

3.1 Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz

Hurrelmann & Quenzel (2013) zufolge stellt die Adoleszenz eine Lebensperiode dar, in welcher die Auseinandersetzung mit und die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben ansteht (S. 77). Junge Menschen werden in der Jugendphase als persönlichem Entwicklungsprozess mit vielzähligen Themen und Herausforderungen konfrontiert. Eine Beschäftigung mit Entwicklungsanforderungen im Jugendalter gilt somit als unausweichlich (Göppel, 2005, S. 75; Chamakalayil, 2010a, S. 3f.). Die Existenz und Relevanz von Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase lässt sich darauf begründen, dass die Vorgaben von Lebensanforderungen als soziale Erwartungen die jugendlichen Lebensentwürfe strukturieren und den Verlauf der subjektiven Entwicklungen von jungen Menschen bestimmen. Die zumeist parallel ablaufenden Entwicklungsthemen, die Jugendliche zu meistern haben, zielen auf eine zufriedenstellende und konstruktive Bewältigung ihres Lebens durch den Erwerb von bestimmten Fähigkeiten und Kompetenzen ab (Göppel, 2005, S. 71; Dreher & Oerter, 2008, S. 279; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 28 & 77).

Allerdings sind Entwicklungsanforderungen, mit welchen Jugendliche konfrontiert werden, nicht einzig als isolierte Thematik hinsichtlich der Altersspanne Adoleszenz zu betrachten. Es herrscht vielmehr ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Entwicklungsaufgaben verschiedener Altersklassen. Oftmals gelten einige Entwicklungsthemen als Weiterführung von Aufgaben der Kindheit, während andere Aufgaben zwar in der Jugendphase beginnen, sich aber im frühen Erwachsenenalter fortsetzen können. Die Auseinandersetzung mit und die notwendige Lösung von altersspezifischen Entwicklungsanforderungen gelten als Vorbereitung auf den Erwachsenenstatus (Dreher & Oerter, 2008, S. 279f.; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 77). Göppel (2005) zufolge ergibt sich das „Erwachsensein“ aus der Summe der gelungenen Bewältigung von Entwicklungsaufgaben (S. 75).

Laut Havighurst existieren drei unterschiedliche Quellen, aus denen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter hervorgehen können. Die körperlichen bzw. physischen Reifungsprozesse der Adoleszenzphase, die sich aus biologisch-hormonellen und genetischen Prozessen zusammensetzen, gelten als Basis für die Bewältigung von Entwicklungsanforderungen. Diese reifungsbedingten Abläufe weisen an sich keinen Aufgabencharakter auf, da sie unwillkürlich, unbeeinflussbar und endogen gesteuert ablaufen. Dennoch leiten sie neue Einstellungen, Verhaltens- und Erfahrungsmöglichkeiten der Jugendlichen ein, dessen Folgen sowohl psychisch als auch sozial verarbeitet werden müssen (Göppel, 2005, S. 72; Mienert, 2008, S. 31; Dreher & Oerter, 2008, S. 280; Bodmer, 2013, S. 21). Die kulturellen bzw. gesellschaftlichen Erwartungen können als ein soziales Zeitraster, an welchem sich altersbezogene Aufgaben und Anforderungen bemessen, verstanden werden. Die Entstehung von Entwicklungsanforderungen begründet sich demnach aus Annahmen davon, welche Normen, Kompetenzen und Verhaltensweisen in einer bestimmten Gesellschaft als normativ und adäquat für die Altersphase Jugend gelten und dementsprechend an die jungen Menschen herangetragen werden (ebd.). Aber auch individuelle Konstruktionen von Normen, Zielen, Wünschen und Werten, die in das jugendliche Selbstkonzept integriert werden, formen eigene Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen. Sie stellen die treibende Kraft für die aktive Gestaltung der eigenständigen Entwicklung und des eigenständigen Lebens dar. Die jungen Menschen haben dadurch die Möglichkeit ihre individuellen Entwicklungsfortschritte an ihren Werten und selbstgesetzten Zielen zu messen (ebd.). Die drei dargelegten Quellen, aus denen Entwicklungsaufgaben entspringen, weisen ein interdependentes Verhältnis auf, welches sich in der Entstehung von neuen gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen oder auch individuellen Zielsetzungen und Wertvorstellungen als Folge von körperlichen Reifungsprozessen oder psychosozialen Entwicklungen begründet. Generell zeichnet sich das Jugendalter durch ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Prozesse aus, das als Quelle zur Entstehung vielfältiger Erfahrungen und Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen fungiert (Flaake & King, 1992, S. 13; Dreher & Oerter, 2008, S. 271; Hayer et. al., 2008, S. 13).

3.2 Normative Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz

Als normative Entwicklungsaufgaben bezeichnen Flammer & Alsaker (2002) „Entwicklungsaufgaben, die für alle Menschen einer bestimmten Kultur auf einem bestimmten Entwicklungsniveau gelten“ (S. 59). In Bezug auf das Jugendalter beschreiben solche normativen Entwicklungsaufgaben maßgebende Modelle von richtigem Verhalten und adäquater Entwicklung, deren Bewältigung und Realisierung durch die Jugendlichen gesellschaftlich gefordert und erwartet werden (Scheiwe, 2005, S. 53; Bodmer, 2013, S. 21).

In den folgenden Darstellungen werden normativen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters in den Bereichen der Identität, Eltern, Gleichaltrigen und der Schule aufgezeigt.

3.2.1 Identität

Als übergeordnete Entwicklungsaufgabe, die jungen Menschen im Jugendalter begegnet, gilt die Herausbildung einer eigenen Identität. Die Suche nach Orientierung und Sinngebung in Form einer Identitäts- und Individualitätsfindung ist kennzeichnend für die Phase der Adoleszenz. Jugendliche werden in dieser Zeit zum ersten Mal mit dem Prozess der bewusst ablaufenden Individuation konfrontiert. Individuation beschreibt hierbei die Entwicklung einer besonderen, einmaligen und einzigartigen Identität bzw. Persönlichkeitsstruktur des Individuums. Durch die Individuation erhalten die adoleszenten Jugendlichen die Möglichkeit, sich durch autonomes und selbständiges Verhalten mit der eigenen Psyche, dem Körper und dem sozialen und physischen Umfeld auseinanderzusetzen. Die jungen Menschen werden mit Fragen wie „Wer bin ich selbst?“ „Was will ich?“ oder „Was macht mich aus?“ konfrontiert. In dieser Phase sollen die Betroffenen ein Selbstbild entwickeln, das sie persönlich zufrieden stellt und sie auch in ihrer Umwelt bestehen lässt. Des Weiteren zielt die Identitätsarbeit auf das Erreichen eines sozial verantwortungsvollen Verhaltens und den damit verbundenen Aufbau eines Wertesystems von Jugendlichen, das als Leitfaden für deren Handeln dient, ab (Thalmann, 1992, S. 92; Kölbl, 2007, S. 78; Bodmer, 2013, S. 23 & 28; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 33f.).

Mit dem Prozess der Individuation geht die Herausbildung bzw. Entwicklung einer Identität, die sich im Erleben und Empfinden lebens- und situationsgeschichtlicher Kontinuität begründet, einher. Demnach handelt es sich um Identität, wenn Jugendliche in der Lage sind, über unterschiedliche Handlungssituationen und verschiedene lebensgeschichtliche Einzelschritte hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens zu wahren. Junge Menschen sollten demzufolge ein gefestigtes Identitätsgefühl und damit einhergehend die Fähigkeit zur Selbstreflektion, Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung besitzen. Mithilfe dieser Fertigkeiten wird die Handlungsfähigkeit der Jugendlichen gewährleistet (Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 33).

Des Weiteren stellt ein stabiles Identitätsgefühl die wichtigste Basis für eine seelisch gesunde und erfolgreiche Entwicklung in der Erwachsenenphase dar. Innerhalb der Jugendphase sollen demnach Persönlichkeitseigenschaften und Fähigkeiten für das Erwachsenenalter entwickelt werden. Die adäquaten Vorstellungen über einen Erwachsenen beruhen unter anderem auf dessen festem Stand im Leben, auf einer Lebensweise nach einem klaren Wertesystem und auf dem Vorhandensein von Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und einer gefestigten Persönlichkeit (Becker, 1982, S. 72; Thalmann, 1992, S. 92).

Innerhalb der Adoleszenz finden die Prozesse der Identitätsentwicklung zunächst einen ersten Abschluss und gelten damit als Grundstruktur für künftige Weiterentwicklungen und Umformungen (Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 34).

Die Identitätsbildung stellt zwar den gängigsten Grundsatz der Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz dar, dennoch kann sich die Identität bei Jugendlichen nur in der Auseinandersetzung mit und der produktiven Bewältigung von weiteren Entwicklungsanforderungen entwickeln. Diese Entwicklungsanforderungen anzugehen, bedeutet diesbezüglich die Suche nach der persönlichen Identität in vielzähligen Lebensbereichen (Göppel, 2005, S. 218; Mienert, 2008, S. 75; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 33).

3.2.2 Eltern

Nach Havighurst gilt die psychosoziale Loslösung von den Eltern und der damit verbundene Aufbau eines eigenständigen Lebens und einer erwachsenen Handlungsorientierung als weitere zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters (Dreher & Oerter, 2008, S. 318; Häußer-Sczepan, 2010, S. 286).

Im Zuge der Jugend vollzieht sich ein durch Distanzierung und Eigenständigkeit gekennzeichneter familialer Ablösungsprozess der Jugendlichen von den Eltern. Es findet eine grundlegende Transformation der Eltern-Kind-Beziehung auf verschiedenen Ebenen statt. Der Auszug aus dem Elternhaus, welcher sich auf räumlicher Ebene vollzieht, gilt als einer der bedeutsamsten Statuspassagen innerhalb der Ablösungsprozesse im Jugendalter. Die psychische Ebene beinhaltet die Veränderung der Ausrichtung von jugendlichen Handlungen und Einstellungen weg von den Eltern hin zur Gruppe der Gleichaltrigen. Diese Umwandlung lässt sich durch die Entwicklung eines immer stärkeren Widerspruchs zwischen den Normen, Werten und Lebensstilen der Erwachsenengeneration zu den jugendlichen Vorstellungen begründen. Auf kultureller Ebene vollzieht sich dementsprechend die Entwicklung eines eigenständigen Lebensstils der Heranwachsenden durch die Herausbildung von individuellen Vorstellungen, Werten und Normen. Das Streben nach wirtschaftlicher Selbständigkeit und finanzieller Unabhängigkeit beschreibt zuletzt die Abkopplung auf materieller Ebene (Friedrich et. al., 2005, S. 85; Spies, 2010, S. 137; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 154).

Die Transformation des Verhältnisses zu den Eltern zielt auf Seiten der jungen Menschen unter anderem auf den Gewinn emotionaler Unabhängigkeit von den erwachsenen Bezugspersonen und auf die Loslösung von kindlichen Idealisierungen, Abhängigkeiten, Anhänglichkeiten und Bequemlichkeiten ab. Die Jugendlichen erhoffen sich durch die Abkopplung von Erwachsenen die Möglichkeit, persönliche Werte und Normen zu entwickeln, eine eigenständige Position in der Welt zu erlangen, sich eigene Ziele zu setzen, einen individuellen Lebensweg zu finden, Entscheidungen selbst zu treffen und diese ebenso eigenverantwortlich und selbständig in ihrem Verhaltensspielraum umzusetzen. Diesbezüglich wird im Zuge des Strebens nach Unabhängigkeit von elterlichen Prägungen und Autoritäten der Prozess der Identitätsentwicklung von Heranwachsenden unterstützt und befördert. Der Loslösungsprozess gilt vielmehr als Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit von Jugendlichen (Husslein, 1992, S. 39; Göppel, 2005, S. 141; Bodmer, 2013, S. 25; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 154).

Des Weiteren geht mit dem familialen Ablösungsprozess ein Umbau der Beziehungsqualität zu den erwachsenen Bezugspersonen einher. Sowohl die Jugendlichen als auch ihre Eltern werden innerhalb dieser Entwicklungsperiode mit einer neuartigen Situation konfrontiert, die Anpassung auf beiden Seiten verlangt (Göppel, 2005, S. 141; Spies, 2010, S. 137). Oftmals gewinnt der jugendliche Drang nach Selbstbestimmung und Autonomie in Form von Loslösungsprozessen eine neue Dynamik durch den Eintritt der Pubertät. Infolgedessen beschleunigt sich das Tempo, mit dem sich junge Menschen Freiheitsspielräume, Eigenständigkeiten und Rechte einfordern, rapide. Eltern sind in diesen Fällen nicht immer bereit, die plötzlich verlangten Freiheiten zu erlauben und ihren Kontrollanspruch zu reduzieren. Aber auch die Jugendlichen sehen sich mit einer paradoxen Aufgabe konfrontiert. Zum einen möchten sie die eigene Abhängigkeit von ihren Eltern verringern. Zum anderen wollen sie dennoch zeitgleich die Verbundenheit und Vertrautheit zu, die Verlässlichkeit von und die Kommunikation mit ihren Bezugspersonen wahren. Im besten Fall führt die Loslösung von der Ursprungsfamilie demnach nicht zur absoluten Trennung im Sinne eines Abbruchs der Familienbindung, sondern lediglich zur Um- bzw. Neugestaltung der familiären Beziehung. Diese Form der idealen Ablösung zeigt eine grundlegende Umwandlung von der emotional schützenden und nahen Haltung der Eltern zur sympathisierend begleitenden und zur Eigenständigkeit fördernden Stellung (Flammer & Alsaker, 2002, S. 94f.; Göppel, 2005, S. 141f.; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 154).

3.2.3 Gleichaltrige

Innerhalb der Jugendzeit stellen sowohl die Eltern als auch die Gleichaltrigen relevante soziale Beziehungen für Heranwachsende dar. Jedoch erfolgt im Jugendalter eine Umorientierung der jugendlichen Bezugspersonen. Im Zuge der psychischen und sozialen Ablösung der jungen Menschen von ihren Eltern richtet sich ihr Interesse verstärkt auf Beziehungen zu Angehörigen der gleichen Altersgruppe. Die Gruppe der Gleichaltrigen nimmt einen immer größeren Stellenwert für adoleszente Jugendliche ein. Demzufolge geht mit der Entwicklungsaufgabe der Loslösung von den Eltern der Aufbau von Freundschaften zu Gleichaltrigen als weitere Entwicklungsanforderung im Jugendalter einher (Thalmann, 1992, S. 92; Göppel, 2005, S. 158; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 29).

Der Aufbau von gleichaltrigen Kontakten als Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz lässt sich zum einen nicht nur auf gleichgeschlechtliche Bindungen und zum anderen nicht nur auf die Entstehung von Freundschaften reduzieren. In der Phase der Adoleszenz wächst bei den jungen Menschen auch zunehmend das Interesse am anderen Geschlecht. Dieses Interesse kann über die freundschaftliche Basis hinaus auch auf partnerschaftlicher Ebene beruhen. Die Adoleszenten werden innerhalb ihrer Jugendzeit mit ersten sexuellen Empfindungen konfrontiert und gehen in dieser Phase auch zumeist die ersten gegengeschlechtlichen Paarbeziehungen ein (Kölbl, 2007, S. 81).

Die Gleichaltrigengruppe, die sich im Jugendalter zur wichtigsten Sozialisationsinstanz entwickelt, übernimmt neben der Verwirklichung von Spaß und Action in Form von gemeinsamen Aktivitäten weitere vielzählige Funktionen (Dreher & Oerter, 2008, S. 321; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 172f.). Hinsichtlich der Loslösung von den Eltern haben Heranwachsende einen hohen Bedarf an Kontakten zu Gleichaltrigen, um sich in ihrem emotionalen und sozialen Handeln und Erleben der Vertrauens- und Unterstützungsbeziehungen zu vergewissern, die auf der Ebene ihrer Eltern nun zumeist wegfallen. Beziehungen zu Angehörigen der gleichen Generation dienen als Unterstützung der Entwicklung und Herausbildung der jugendlichen Autonomie in Folge der Abkopplungsprozesse von erwachsenen Bezugspersonen. Des Weiteren erhoffen sich junge Erwachsene durch den Aufbau von Freundschaften die Möglichkeit, ihre individuellen Wünsche nach Anerkennung, Zugehörigkeit, Vertrautheit und Nähe zu verwirklichen. In diesem Zusammenhang bietet die Gleichaltrigengruppe eine Möglichkeit der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, welche auf einem Gefühl der Zusammengehörigkeit basiert. Diese jugendliche Gemeinschaft kann als Hilfe und Unterstützungsinstanz fungieren, indem die Heranwachsenden gegenseitig emotionalen Beistand leisten und sowohl Sicherheit und Schutz als auch gegenseitiges Vertrauen gewähren. Der Kontakt zu Gleichaltrigen gilt dementsprechend als relevant, um in Konflikt- oder Krisensituationen Erfahrungen von Beistand und Solidarität zu machen. Darüber hinaus erscheint die Existenz ähnlicher Werte, Meinungen und Interessen innerhalb jugendlicher Gruppen oftmals auch als Indiz für die wachsende Zuwendung zu Personen der gleichen Altersgeneration. Die Gleichaltrigen dienen hierbei als Informations- und Orientierungsquelle hinsichtlich vielzähliger Prozesse, die adoleszente Menschen im Jugendalter durchlaufen müssen. Jugendliche Freundschaften gewährleisten hierbei den gegenseitigen Austausch und die Offenbarung von relevanten Erfahrungen, die in der Jugendzeit durchlebt und nicht mehr mit den erwachsenen Bezugspersonen kommuniziert werden wollen (Göppel, 2005, S. 158; Kölbl, 2007, S. 82; Bodmer, 2013, S. 25; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 173f.).

Auch die Entwicklungsanforderung der Identitäts- und Selbstkonzeptbildung von jungen Menschen wird durch die Existenz sozialer Beziehungen zu Gleichaltrigen unterstützt. Im Idealfall löst der freundschaftliche Kontakt zu Gleichaltrigen die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstwert bei Jugendlichen aus, was sich fördernd auf die Herausbildung ihrer Identität auswirken kann. Darüber hinaus dienen die Gleichaltrigen sowohl als Quelle als auch als Orientierung für die Entwicklung von neuen Normen, Werten und Identifikationsmöglichkeiten und liefern somit eine Entscheidungshilfe für Jugendliche, die mit den Wertvorstellungen der Gesellschaft und der Erwachsenen konfrontiert werden (Wanzeck-Sielert, 2002, S. 27; Kölbl, 2007, S. 82; Häußler-Sczepan, 2010, S. 285f.; Bodmer, 2013, S. 25).

Der Aufbau und Erhalt von Beziehungen zu Gleichaltrigen gilt als eine zentrale Entwicklungsanforderung für Jugendliche, deren Fehlen oder Scheitern in negative Konsequenzen, wie soziale Isolation, Einsamkeit, depressive Stimmungen, fehlangepasstem Verhalten, einem negativen Selbstbild, einem generell niedrigen Wohlbefinden und dem Mangel an notwendigen Erfahrungen, resultiert. Vor diesem Hintergrund erscheinen gut funktionierende Freundschaften und die Akzeptanz durch die Gleichaltrigengruppe, welche wiederrum eine positive Grundstimmung und größere Zufriedenheit im Leben der Betroffenen auslösen, als ein Indiz für die gelingende Bewältigung der Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz (Hayer et. al., 2008, S. 21; Hurrelmann & Quenzel, 2013, S. 174).

3.2.4 Schule

Die Jugendphase ist gekennzeichnet durch die gesellschaftliche Vorgabe des Schulbesuchs, der Entwicklung eines Berufswunschs, der Aufnahme einer Ausbildung und dem Eintritt in eine Erwerbstätigkeit (Friedrich et. al., 2005, S. 301).

Seit dem Ende der 1960er Jahre haben sich vor allem die Lebensentwürfe von weiblichen Personen verändert. Ihre Lebensgestaltung fokussiert sich nun nicht mehr auf ein ökonomisch abgesichertes Leben als Hausfrau, Ehefrau und Mutter, sondern die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit persönlicher Entfaltung in beruflichen Bereichen gewinnt zunehmend an Bedeutung (Flaake & King, 1992, S. 16). Im Jugendalter des 20. Jahrhunderts entwickeln sich demnach Veränderungstendenzen unter anderem in Form von neuen Anforderungen der Arbeitswelt, einem Trend zu höheren Bildungsabschlüssen und einer damit einhergehenden Verlängerung der Schulbesuchszeit. Junge Erwachsene verbringen immer mehr Zeit ihres Lebens in Schulen, der Ausbildung oder an Universitäten. In der heutigen Gesellschaft gilt die Jugend mehr denn je als Schulzeit. Dieser Umstand bedingt auch die verlängerte finanzielle Abhängigkeit von der Familie, von Ausbildungsbeihilfen oder ebenso von staatlicher Unterstützung (Göppel, 2005, S. 178; Bergnéhr, 2011, S. 109).

Die Entwicklungsanforderungen des Schulbesuchs, des Absolvierens eines schulischen und beruflichen Abschlusses und die zukünftige Lebensplanung zielen auf die Herstellung einer individuellen und gefestigten Existenz und auf die Entwicklung von Eigenverantwortung hinsichtlich der persönlichen Zukunft von jungen Menschen ab (Timmermann, 2000, S. 93f; Kölbl, 2007, S. 83; Friese, 2010, S. 101). Bildung wird zunehmend verstärkt mit der Sicherung erfolgreicher Zukunftschancen und als Mittel zum Zweck von Statuserwerb wahrgenommen. Gerade innerhalb der Adoleszenz sollen die jugendlichen Menschen ihre persönlichen Stärken und Interessen entdecken. Im Jugendalter werden Heranwachsende nämlich mit realen Perspektiven, Zukunftsfragen und damit verbundenen Hoffnungen, Wünschen und Träumen konfrontiert. In diesem Zusammenhang bietet die Institution Schule die Gelegenheit von sozialen Lernerfahrungen. Die jungen Menschen stehen diesbezüglich vor der Aufgabe, die Schule und das Erlangen von Qualifikationen als Chance für ihre eigene Zukunft zu begreifen, die Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Lernen zu entwickeln und ihren eigenen Weg im Umgang mit Lernanforderungen zu finden. Gute Leistungen, adäquate Bildung und ein damit einhergehender erfolgreicher Bildungsabschluss gelten als Voraussetzung für die gelingende Einmündung in eine berufliche Zukunft (Göppel, 2005, S. 178ff.; Kölbl, 2007, S. 37 & 83; Friese, 2010, S. 101).

4. Mutterschaft

„Unter Mutterschaft wird die biologische, psychische, soziale und juristische Dimension des Gebärens sowie der Versorgung, Betreuung und (…) Erziehung eines Kindes verstanden“ (Thiessen, 2011, S. 296). Mutterschaft gilt als ein immenser Bruch mit und als Veränderung von vielzähligen Gewohnheiten und bisherigen Lebensformen. Das Eintreten einer Mutterschaft geht für die betroffenen Personen demnach mit enormen Umwandlungsprozessen auf der Ebene der eigenen Persönlichkeit, der Alltags- und Freizeitgestaltung, der Arbeit, der Wohngegend aber auch auf zwischenmenschlicher Basis hinsichtlich der Beziehungen zum Partner, zur Herkunftsfamilie oder zu Freunden einher. Generell kann Mutterschaft als eine Art Biografiewechsel bezeichnet werden, der vielfältige Anpassungsleistungen und einen Übergang in eine andere Lebensform verlangt (Beck-Gernsheim, 1989, S. 11f.; Friedrich et. al., 2005, S. 114; Kölbl, 2007, S. 52f.). Der Prozess der Mutterschaft gestaltet sich aufgrund der Häufung konkreter Aufgaben vielschichtig und stellt die Betroffenen vor zahlreiche Herausforderungen. Mit der Geburt des Kindes wird die Mutter sowohl mit der Übernahme einer neuen Rolle als auch mit der Integration von Elternaufgaben in die bisherigen Tätigkeiten konfrontiert (Kölbl, 2007, S. 52; Krampen & Reichle, 2008, S. 358). Ebenso müssen sich Mütter sowohl mit positiven als auch negativen Reaktionen hinsichtlich ihrer Schwanger- oder Mutterschaft aus ihrem sozialen Umfeld auseinandersetzen. Des Weiteren gehen mit der Schwangerschaft körperliche Veränderungen, Belastungen und Beschwerden einher. Darüber hinaus erfordert die Geburt eines Kindes die Gewährleistung seiner Pflege, Versorgung und Verantwortung durch die Mutter. In Hinblick auf die Erwerbstätigkeit stehen Mütter vor der Aufgabe, sich mit der Vereinbarkeit von Berufs- und Elternaufgaben zu beschäftigen (Friedrich et. al., 2005, S. 114; Kölbl, 2007, S. 53; Chamakalayil, 2010b, S. 133).

4.1 Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz

Jugendliche müssen sich innerhalb der Phase ihrer Adoleszenz vielfältigen Entwicklungsaufgaben stellen. Die Entwicklungsanforderung einer Mutterschaft gehört in der Regel nicht dazu. Das Eingehen einer festen Bindung durch die Auswahl eines Partners, das Zusammenleben mit diesem Partner, die Gründung einer Familie und die damit einhergehende Versorgung und Betreuung der Familie gelten generell als normative Entwicklungsaufgaben, denen Menschen im Erwachsenenalter begegnen. Gerade in dieser Phase des Erwachsenseins ereignen sich vielzählige familiäre Veränderungen wie unter anderem die Geburt des ersten Kindes. Die Entstehung einer Schwanger- bzw. Mutterschaft stellt demnach eine normative Entwicklungsaufgabe des Erwachsenenalters dar und kann folglich auch als typisches Lebensereignis für diese Lebensphase bezeichnet werden (Kölbl, 2007, S. 40 & 57f.; Krampen & Reichle, 2008, S. 354; Dreher & Oerter, 2008, S. 281).

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Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz
Untertitel
Die Kollision von Anforderungen einer Mutterschaft mit den jugendlichen Entwicklungsprozessen
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Jahr
2019
Seiten
49
Katalognummer
V506212
ISBN (eBook)
9783346047298
ISBN (Buch)
9783346047304
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Teeniemütter, Jugendliche, Schwangerschaft, Jugendalter
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Mutterschaft als nicht-normative Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506212

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