Elsässische Weihnacht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Ursprung des Weihnachtsfestes

2. Christkindelmarkt und -bescherung

3. Paradies- und Krippenspiele

4. Entwicklung des Weihnachtsbaum-Brauches

5. Christkindelumzüge

6. Vermarktung der elsässischen Weihnacht

Literatur

Einleitung

Wolfgang Kaschuba weist 1999 in der „Einführung in die Europäische Ethnologie“ darauf hin, dass bei jedem gesellschaftlichen Phänomen, so natürlich auch dem Weihnachtsfest, Kontinuität und Wandel gemeinsam auftreten, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. Dieses Empfinden der einzelnen sich wandelnden oder traditionellen Aspekte eines Brauches wäre immer relational und schon zum Zeitpunkt der Aufzeichnung interpretiert. Interessant ist an dieser Stelle für Kulturwissenschaftler die Frage nach dem sozialen Zweck und den Zielen solcher gesellschaftlichen Selbstbeobachtungen. Oft wären so genannte „magische Daten“ Ordnungspfeiler, an denen dieser Beobachtungsmodus besonders intensive Züge annehmen würde.[1] Grund dafür wäre die Konfrontation mit verunsichernden gesellschaftlichen oder chronologischen Zeitenwenden, woraus die Furcht entsteht, „daß der erwartete Wechsel, das fremde Neue, die Moderne zu schnell und übermächtig eintrete, daß es daher notwendig sei, sich wieder stärker auf die Gegenwart der Vergangenheit zu besinnen, um dort Halt für die Zukunft zu finden“[2]. Besonders deutlich wird dieses Phänomen bei der Beschäftigung mit dem Weihnachtsfest im Elsass, da gerade volkskundliche Themen wie Weihnachtsbräuche den erwünschten Kontinuitätsgedanken verkörpern.

Schon aus dem Jahr 1888 existieren zahlreiche Aufzeichnungen bezüglich elsässischen Traditionen und Festtagen, weil eine Art Verlust von „wertvollem Kulturgut“ befürchtet wurde. So wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts Steuerkontrolleure angehalten: „Möchten unsere Mitarbeiter auch fernerhin offen Auge und Ohr für das Volksleben haben und durch Aufzeichnen zu retten suchen, was noch zu retten ist.“[3]. Dass sich diese Furcht im Laufe der folgenden hundert Jahre scheinbar kaum geändert hat, wird deutlich an Joseph Lefftz` Einschätzung von 1945, dem Ende des zweiten Weltkrieges: „Unsere schnellebige, nüchterne, alles nivellierende Zeit lässt auch dieses Volksgut mehr und mehr verkümmern.“[4] Camille Schneider gab 1965 „Der Weihnachtsbaum und seine Heimat das Elsass“ ein zweites Mal heraus, „weil seit dem letzten Weltkriege der Charakter des Weihnachtsfestes sich zusehends verändert hat und zwangsläufig mit ihm auch derjenige des Weihnachtsbaumes“[5]. Die westdeutsche Gesellschaft der 60er Jahre hätte laut Schneider „mit dem eingetretenen Verlust des Verständnisses für den Weihnachtsbaum auch den Sinn für das echte Schenken oder Beschenken am Weihnachtsfest fast gänzlich verloren“[6]: „Vom historischen oder geistigen Sinn des christlichen Weihnachtsfestes ist nichts übrig geblieben. Der eigentliche Sinn des Schenkens, der Schenkfreude und des Sich-Schenkens im Weihnachtsereignis ist ebenfalls völlig überschattet von [...] Verweltlichung“[7], so dass man lediglich „mit Wehmut [...] zurück[denkt; Anm. N.N.]“[8]. Schneiders Buch entstand daher, um den Leser erkennen zu lassen, „welche ethischen Werte die Menschheit in diesem schönsten der Weihnachtsbräuche besass“[9].

1. Ursprung des Weihnachtsfestes

Wichtig bei der Beschäftigung mit der Geschichte des Weihnachtsfestes ist, dass im 19. Jahrhundert eine Entwicklung begann, bei der dem Wunsch nach Kräftigung bzw. Wiederbelebung der Traditionen zum Teil mit Brücken zu archaischen und germanischen Mythen entgegengekommen wurde.[10] Diese Rückführung speziell von Weihnachtsbräuchen auf vorchristliche Traditionen findet sich in der volkskundlichen Literatur häufig, so dass man kaum umhin kommt, diese Bräuche als mögliche Ursprünge von heutigen Teilformen des Weihnachtsfestes in die Bearbeitung zu übernehmen und dennoch jederzeit gewisse kritische Fragen im Hinterkopf behalten werden müssen.

Im „Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm“[11] wird das erste Auftreten des Ursprungswortes von „Weihnachten“ für um 1170 nachgewiesen: „diu gnade diu anegengete sih an dire naht: von diu heiset si diu wíhe naht“[12]. „Weihnachten“ ist somit eine Wortbildung, die sich aus der mittelhochdeutschen Formel „(ze den) wíhen nahten“ entwickelte.[13] Nach dem Eintrag ist hierbei ein vorchristlicher Festname in den christlichen Kalender übernommen worden, denn die Entlehnung der unterschiedlichen Wortteile würde auf ein germanisches, mehrtägiges Mittwinterfest hindeuten.[14] Auch Alfred Pfleger sieht eine direkte Herleitung des heutigen Weihnachtsfestes von dem altheidnischen Fest der Wintersonnenwende, den „heiligen Zwölfnächten“ vom 24. Dezember bis zum 6. Januar.[15] Der 25. Dezember, der Tag der Sonnenwende scheint in vielen Kulturen ein herausragender Tag gewesen zu sein. Im vorderasiatischen Mithraskult wurde an diesem Tag die Geburt des indischen Lichtgottes gefeiert. Bei den Ägyptern wurde mit dem Isiskult die Geburt des Horus auf diesen Tag gelegt. Die Römer begingen ihre feierlichen „Saturnalien“ zu Ehren des Gottes Saturn, des Sonnengottes. Und die Germanen feierten, wie schon erwähnt, das Mittwinterfest oder Julfest, was zugleich eine Toten- und eine Fruchtbarkeitsfeier bedeutete.[16]

Im neuen Testament wird weder Christi Geburtstag genannt, noch existieren darin Hinweise, ihn sich zu erschließen. Die frühen Christen kannten daher nur das jährliche Passah-Fest. Allmählich entstand jedoch ein Interesse am Lebenslauf Christi und somit auch an dessen Geburtsdatum. Dieser wurde in den ersten Jahrhunderten für das Halbjahr zwischen Frühling und Herbst errechnet.[17] Die altorientalistische Kirche feierte später das Christfest am Tag von Jesus’ Taufe, dem 6. Januar.[18] Dieser Brauch wurde bis zum Jahre 354 beibehalten, in dem Papst Liberius erstmals das Fest am 25. Dezember beging.[19] Für die Festlegung dieses Datums wären jedoch laut dem Grimmschen Wörterbuch auch astronomische Gründe bedeutend gewesen. Nach der Wintersonnenwende nimmt der Tag zu und die Nacht als Symbol für den Unglauben ab.[20] So sollte den frühen Christen mit der Feier die Gewissheit gegeben werden, dass „die dunklen Mächte der Finsternis keine endgültige Macht besitzen“[21].

Hinzu käme jedoch die Geltung der heidnischen Feste für das Volk, welche von christlichen Machthabern durch ein ebenso bedeutendes und zeichenreiches christliches Fest bekämpft werden sollte. Auch Ingeborg Weber-Kellermann schätzt 1978 die Festlegung des Weihnachtsdatums ähnlich ein: „Die Datierung des Christgeburtsfestes ist also eine religionspolitische Setzung, erwachsen aus dem Bemühen der Vertreter der christlichen Kirche, die heidnischen Geistesströmungen innerhalb des römischen Reiches abzulösen, aufzufangen und umzuschalten.“[22]. Weihnachten hätte somit laut Grimmschem Wörterbuch im Laufe der Jahrhunderte seine herausragende Bedeutung nicht gewonnen, weil es das höchste aller christlichen Feste wäre, sondern als Erbe des germanischen Hauptfestes:

„uralt germanischer festzauber und höchste kirchliche weihe, die ererbte kraft religiöser vorstellungen und von kind auf erlebte häusliche festfreude, das alles in wirksamstem gegensatz zu der abgestorbenen natur, an deren tiefpunkt dieses höchste fest liegt, haben w. den einzigartigen tiefen gehalt sehnsüchtig fröhlicher stimmung geliehen, in deren bann vor allem die kinder stehen“[23].

Zum Dogma wurde der 25. Dezember auf dem 2. Konzil von Konstantinopel 381 unter Kaiser Theodosius. Daraufhin verbreitete sich dieses Datum in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas. Im Jahr 813 erklärte die Mainzer Synode diesen Tag offiziell zum „festum nativitas Christi“, mit dem das Kalenderjahr begann.[24] Der 25. Dezember wurde daher ab den Karolingern bis Anfang des 17. Jahrhunderts als Jahresanfang empfunden.[25] Die heutige Popularität über die kirchliche Bindung hinaus hat das Weihnachtsfest aber erst im 14. Jahrhundert erfahren.[26]

2. Christkindelmarkt und -bescherung

Schon in der römischen Antike soll der Brauch existiert haben, sich an Neujahr, später am 25. Dezember gegenseitig Glückwunschgaben zu überreichen. Erst durch das Aufkommen der Sitte, den Nikolaus als Gabenbringer auftreten zu lassen, entwickelte sich die einseitige Kinderbescherung, da man einem Heiligen nichts schenken kann, sondern lediglich durch „Artigsein“ seine Dankbarkeit ausdrücken kann.[27] So war es seit dem hohen Mittelalter in zahlreichen deutschsprachigen Städten üblich, dass den Kindern am Nikolaustag Geschenke gemacht wurden. Aus diesem Grund fand in Straßburg am 5. Dezember der sogenannte „St. Klausenmarkt“ statt, an dem die Mütter die nötigen Gaben kaufen konnten. Noch nach der Reformation 1517 blieb diese Tradition ungefähr 50 Jahre bestehen, doch gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden in Straßburg protestantische Stimmen laut gegen den Nikolausmarkt und die zugehörige Bescherung, da dies als eine Art Relikt aus dem Papsttum angesehen wurde[28] und Jesus anstatt der Heiligen als Bringer alles Guten angesehen werden sollte.[29] Doch um die Geschäftsleute nicht zu sehr zu schädigen, wurde die Tradition des Marktes nicht abgeschafft, sondern auf drei Tage vor Weihnachten verlegt. Daher wurde im Jahre 1570 der erste Straßburger Weihnachtmarkt veranstaltet. Erst aufgrund dieser reformatorischen Datumsverschiebung wurde auch die Kinderbescherung an Weihnachten in Anlehnung an protestantische Gegenden Mitteldeutschlands in Straßburg üblich als Ersatz für die mittelalterliche Sitte der Nikolausgeschenke.[30] Einen Einblick in diesen Brauch gibt die folgende Beschreibung der Baronin von Oberkirch von 1785: „Wir [...] gingen nach der Sitte auf den Christkindelmarkt. Dieser Markt, der für die Kinder bestimmt ist, vollzieht sich während der Woche, die Weihnachten vorausgeht, und dauert bis Mitternacht. Der grosse Tag kommt, man bereitet in jedem Haus den Tannenbaum, bedeckt mit Lichtern und Bonbons [...] man erwartet die Ankunft des Christkindels, das die braven kleinen Kinder beschenken soll“[31].

Der Protestantismus förderte die Verbreitung der Christkindelbescherung, so dass selbst in katholischen Gegenden des Unterelsass die Geschenkübergabe unterm Weihnachtbaum Mode wurde. Bis ins 20. Jahrhundert hinein existierten dort nicht selten beide Bescherungsarten nebeneinander, während jedoch meist die Bescherung am Heilig Abend Übergewicht besaß. In katholischen Dörfern des konservativeren Oberelsass jedoch waren noch 1870 der Weihnachtsbaum und die Christkindelbescherung zum Teil völlig unbekannt.[32]

[...]


[1] Vgl.: W. Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie. S. 165f.

[2] W. Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie. S. 166.

[3] O.A.: Volkstümliche Feste, Sitten und Gebräuche in Elsass-Lothringen. S. 151.

[4] J. Lefftz: St. Nikolaus im Elsass. S. 11.

[5] C. Schneider: Der Weihnachtsbaum und seine Heimat das Elsass. S. 5.

[6] Ebd.

[7] Ebd. S. 11.

[8] Ebd.

[9] Ebd. S. 6.

[10] Vgl.: W. Kaschuba: Einführung in die europäische Ethnologie. S. 170.

[11] 1838 verpflichteten der Philologe Moriz Haupt und der Verleger Karl Reimer die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, ein neuhochdeutsches Wörterbuch zu entwickeln, „dessen Gegenstand die Darstellung des hochdeutschen schriftsprachlichen Wortbestandes in seiner Entwicklung und seinem Gebrauch von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Bearbeitungsgegenwart werden sollte“. Nach mehr als einhundert Jahren Arbeit existieren heute 16 Bände in 32 Teilbänden, in denen Generationen von Lexikographen rund 350.000 Stichwörter behandelt haben (Vgl.: www.dwb.uni-trier.de/index.html).

[12] Zit. nach: www.dwb.uni-trier.de/index.html. Band 28, Spalte 707.

[13] Vgl.: Ebd. Band 28, Spalte 707.

[14] Vgl.: Ebd. Band 28, Spalte 710.

[15] Vgl.: A. Pfleger: Weihnachtlicher Wetteraberglauben. S. 199.

[16] Vgl.: I. Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. S. 11-13.

[17] Vgl.: Ebd. S. 10.

[18] Vgl.: Ebd. S. 12.

[19] Im Grimmschen Wörterbuch wird ebenfalls auf das Jahr 334 hingewiesen, in dem das Christfest eventuell zum ersten Mal am 25. Dezember begangen wurde (Vgl.: www.dwb.uni-trier.de/index.html. Band 28, Spalte 711). Auch Camille Schneider schreibt, dass Kaiser Konstantin der Große 336 Weihnachten am 25. Dezember feierte (Vgl.: C. Schneider: Der Weihnachtsbaum und seine Heimat das Elsass. S. 14).

[20] Vgl.: www.dwb.uni-trier.de/index.html. Band 28, Spalte 711.

[21] www.theology.de/weihnachten.html.

[22] I. Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. S. 13.

[23] www.dwb.uni-trier.de/index.html. Band 28, Spalte 713.

[24] Vgl.: Ebd. Band 28, Spalte 713.

[25] Vgl.: Ebd. Band 28, Spalte 716.

[26] Vgl.: I. Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. S. 13.

[27] Vgl.: I. Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. S. 90f.

[28] Vgl.: L. Pfleger: Der Strassburger Christkindelmarkt. S. 37f.

[29] Vgl.: www.dwb.uni-trier.de/index.html. Band 28, Spalte 713.

[30] Vgl.: L. Pfleger: Der Strassburger Christkindelmarkt. S. 37f.

[31] Zit. nach: A. Pfleger: Die Wiege des Christbaums. S. 55

[32] Vgl.: J. Lefftz: St. Nikolaus im Elsass. S. 8.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Elsässische Weihnacht
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Europäische Regionen: Elsass-Lothringen / Alsace-Lorraine. Eine Kultur
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V50625
ISBN (eBook)
9783638468121
ISBN (Buch)
9783638764759
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elsässische, Weihnacht
Arbeit zitieren
M.A. Nicole Nieraad (Autor), 2004, Elsässische Weihnacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50625

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