Scham und Peinlichkeit im Zivilisationsprozess

Kritische Betrachtung der Gültigkeit der Elias’schen These des Vorrückens der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen in der Gegenwart


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Norbert Elias Konzeption von Scham und Peinlichkeit im Prozess der Zivilisation
2.1Hinführung
2.1.1 Zum Ursprung der Scham bei Norbert Elias
2.1.2 Triebregulierung, Selbst- und Fremdzwänge
2.1.3 Die Sozio- und Psychogenese
2.2 Scham als Konflikt

3. Duerrs Kritik am Zivilisationsprozess

4. Anja Lietzmanns Theorie der Scham
4.1 Hinführung
4.2 Eine Theorie der Scham

5. Kritische Betrachtung und Diskussion von Norbert Elias’ Konzept der Scham und Peinlichkeit anhand Anja Lietzmanns Theorie der Scham

6. Scham und Peinlichkeit und ihre Grenzen in der Gegenwart

7. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1939 veröffentliche Norbert Elias sein Werk „Über den Prozeß der Zivilisation“. Es besteht aus zwei Bänden, wobei sich der erste Band mit den Wandlungen des Verhaltens in den westlichen Oberschichten des Abendlandes beschäftigt. Im zweiten Band, welcher das für diese Arbeit zentrale Kapitel über Scham und Peinlichkeit beinhaltet, beschäftigt Norbert Elias sich mit den Wandlungen der Gesellschaft und entwirft eine Theorie der Zivilisation. Entsprechend umfangreich sind seine Ausführungen. In erwähntem Kapitel über Scham und Peinlichkeit (Elias 1997b: S. 408-420) verordnet Elias Scham und Peinlichkeit in seiner Theorie der Zivilisation und deutet Mechanismen der Bewegung der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen an. „'Zivilisation' ist zum Zeitpunkt der Niederschrift in den dreißiger Jahren ein zusammenfassender Begriff für den Entwicklungsstand der modernen abendländischen Gesellschaft, in dem auch ein erhebliches 'Selbstbewusstsein' gegenüber den weniger zivilisierten Gesellschaften der früheren historischen Epochen und gegenüber den 'primitiveren' zeitgenössischen Gesellschaften anderer Länder zum Ausdruck kommt“ (Baumgartner, Eichner 1997: S. 53).

Im theoretischen Diskurs der Soziologie fand der Doppelband allerdings erst 30 Jahre nach seiner Publikation wirklich Anklang. Dafür aber umso größeren. Aufgrund seines Umfangs bietet er Ansatzpunkte für ein breites Spektrum an unter anderem soziologischen, philosophischen und/oder auch ethnologischen und kulturanthropologischen Untersuchungen. Auch das hier behandelte Kapitel und Gedanken dazu, die Elias an anderen Stellen in beiden Bänden schildert, finden ab den 70er Jahren vermehrt Verwendung in soziologischen Untersuchungen. So zum Beispiel in Sighardt Neckels „Status und Scham“ oder bei León Wurmser in „Die Maske der Scham“, um nur zwei zu nennen. Das Spektrum der Annahmen zu den Ursachen der Scham beschäftigt zum einen die Mehrheit, wenn nicht gar alle, der sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächer, und einige darüber hinaus, wie die Biologie im Bereich der Naturwissenschaften oder die Anthropologie, zum anderen ist es entsprechend vielseitig, vielfältig und selbstverständlich auch widersprüchlich. Der Zeitpunkt beziehungsweise der scheinbare Startpunkt der Debatte in den 70er Jahren mag den Eindruck vermitteln, Scham sei ein modernes Phänomen. Zwar beschäftigten sich auch vorher schon bekannte Autoren wie Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud mit dem Phänomen der Scham, doch jeweils in Kontexte eingebunden, sodass es kaum losgelöst von diesen zu betrachten ist. Unter den bekannten klassischen Theoretikern war Norbert Elias also einer der ersten, der dem Phänomen der Scham und Peinlichkeit eine wirklich große Bedeutung beimaß. Eine solch große Bedeutung sogar, dass er das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen mitunter als Synonym für das herrschende Maß an Zivilisation verwendete. „In Elias’ Arbeit über den Prozess der Zivilisation aus dem Jahre 1939 spielt die Scham eine prominente, nicht bloß illustrative, sondern erklärende Rolle. Denn die Zivilisation, zunächst im Sinne einer Befriedung, Mäßigung und Differenzierung des menschlichen Triebinventars, ist Elias zufolge gleichbedeutend mit dem Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen (Paul 2007: S. 78).“

In der modernen Gesellschaft und aktuelleren Forschung wird ebenfalls viel über Scham, Tabus, Peinlichkeit, Konventionen und ihre Brüche diskutiert. So zum Beispiel auf dem Kongresses »TABU – über den Umgang mit Ekel und Scham« vom 9. bis 12. Mai 2006 in Braunschweig, dessen Vorträge im Nachhinein als Sammelband veröffentlicht wurden. Mit dem Hintergrund, dass Norbert Elias bereits 1939 das stetige Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen prophezeite und diesem keine ausdrückliche, langfristige Ausnahme zugesteht, sind die Fragen, ob es heutzutage noch Tabus gibt, ob überhaupt noch Tabus gebrochen und ob „[...] Tabus und ihre Brüche das Lackmuspapier in der Gesellschaft für individuelle Selbstzwänge […] sind“ (Hesse 2009), werden umso interessanter. Und natürlich die Frage, ob Norbert Elias’ These des unaufhörlichen Vorrückens der Schamgrenzen sich für das frühe 21. Jahrhundert bewahrheitet. Insbesondere der letzten Frage, der Prüfung von Elias’ These also, widmet sich diese Arbeit. Zuvor wird der Elias’sche theoretische Hintergrund erläutert. Da es sich letztlich aber um die Frage nach der Aktualität handelt, ist ein neueres Konzept der Scham vonnöten, um diese hinlänglich zu beantworten. Dieses liefert Anja Lietzmann mit ihrer Dissertationsarbeit, welche erstmals eine Theorie der Scham entwirft (Lietzmann 2003). Diese ist anthropologisch angesetzt, sodass sie ebenfalls eine fundamentale Ergänzung respektive Erweiterung der kritischen Anmerkungen Hans Peter Duerrs aus dieser Richtung bildet. In dieses Theoriegebäude soll Elias eingeordnet werden, um so Lücken in seinen Überlegungen zu schließen, das Verständnis von Scham und Peinlichkeit umfassend zu erweitern und final die Frage nach der Bewegung der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen in der Gegenwart beantworten zu können.

2. Norbert Elias Konzeption der Scham und Peinlichkeit im Prozess der Zivilisation

2.1 Hinführung

In seinem Werk „Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation.“ widmet Norbert Elias ein Kapitel dem Thema Scham und Peinlichkeit (Elias 1997b: S.408-420). Doch auch im ersten Band beschäftigt er sich mit der Thematik. So verwendet er das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze mitunter als Synonym für Zivilisation, da es alle Merkmale aufweist, die für Elias’ Verständnis von Zivilisierung relevant sind (Neckel 1991: S.125). „Die Art und Weise nämlich, in der bestimmte Verhaltensweisen in einer Gesellschaft mit Scham und Peinlichkeit belegt werden, gibt für Elias am genauesten darüber Auskunft, welches Maß an Zurückhaltung die Menschen voneinander erwarten, wie stark die Empfindsamkeit gegenüber eigenen wie fremden Triebäußerungen sowie die Neigung schon entwickelt ist, sich und andere in Erscheinung und Verhalten zu beobachten“ (ebd.: S. 125).

Diese Perspektive auf Scham drückt aus, was Elias zentrales Merkmal des Zivilisationsprozesses ist: Die Linearität des Prozesses, welche sich im nicht schwankungslosen, langfristig aber beständigen Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen manifestiert.

In diesem Kapitel soll gezeigt werden, wie Elias Scham konzipiert und wie er ihre Entstehung und Ursachen betrachtet. Dazu wird zuerst der Ursprung der Scham erläutert. Dabei wird gezeigt, welche Faktoren dazu führen, dass das Phänomen Scham auftritt und weshalb es Auskunft über den Grad an Zivilisation gibt. Anschließend wird gezeigt, wie Scham selbst zum Ausdruck kommen kann.

2.1 Zum Ursprung der Scham bei Norbert Elias

Zum Ursprung der Scham bei Norbert Elias lässt sich feststellen, dass er schreibt, der Zivilisationsprozess und somit auch die Entwicklung von Scham und Peinlichkeit, hätte in vollem Umfang erst mit dem 16. Jahrhundert eingesetzt (Lietzmann 2003: 44). Alle Gesellschaftsformen vorher müssten also weitestgehend schamlos gewesen sein. Elias bezeichnet sie niemals explizit als solche, doch vermitteln seine Deskriptionen dieser Epochen stark diesen Eindruck (ebd.: 44). Es können drei Faktoren ausgemacht werden, die die Entstehung und Entwicklung von Scham und Peinlichkeit maßgeblich lenken.

Der erste dieser drei ist die Sekurität. Elias beschreibt, dass erst ab dem 16 Jahrhundert an, Naturräume, wie Wälder, Wiesen und Gebirge, beschleunigt befriedet werden (vgl. Elias 1997b: 416). Daraus resultiert ein höheres Maß an Sicherheit. Derlei Räume werden nicht mehr als Gefahrenzonen angesehen (vgl. ebd.). Dort, wo, so Elias, vorher wilde Leidenschaft, Gefahr, Unruhe, Furcht, wilde Jagden, Lust und Angst vorherrschten, kehren im Mittelalter gemaßregelte Tätigkeiten, Wegenetze, koordinierte Feldarbeit und reglementiertes menschliches Leben ein (vgl. ebd.). Diese Erschließung und Befriedung sind maßgeblich für die Ausbildung von Scham- und Peinlichkeit. Ist die Gefahr von außen so weit reduziert, können sich die Menschen dem Miteinander zuwenden. So steigert sich die Sensibilität für die Anderen und für das Selbst. „Nun verstärken sich proportional zur Abnahme der äußeren die inneren Ängste, die Ängste des einen Sektors im Menschen vor dem anderen. Aufgrund dieser Spannungen beginnen die Menschen nun sich gegenseitig beim Umgang miteinander in einer Weise differenziert zu erleben […]“ (ebd.: 417). Menschen beginnen, die Spannungen im zwischen-menschlichen Verkehr existieren, stärker wahrzunehmen (vgl. ebd). Die Spannungen, die vormals im Kampf zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur oder Mensch und Mensch ausgetragen wurden, werden vom 16. Jahrhundert an mehr und mehr innerhalb „des Einzelnen mit sich selbst ausgetragen“ (ebd.). Das unterscheidet den Elias'schen Primitiven1 vom zivilisierten Menschen. Die Primitiven sind durch den bloßen Überlebenskampf gegen die Bedrohungen von außen so ausgelastet, dass ihnen kein Raum bleibt, sich selbst den oben geschilderten inneren Konflikt aufzuerlegen. Es benötigt ein umfassendes Maß an Sekurität und einen relativ gehobenen Lebensstandard zur Bildung eines stabilen Über-Ich-Apparats (Elias 1997b: 432 f.), den der Zivilisationsprozess mit sich bringt. Für die Zivilisierten ist die Natur ein ästhetisches Bild, die zur Erholung und Besinnung dienen mag. Für die Primitiven ist die Natur ein Hort voller Gefahren und Unsicherheiten, nicht steuer- und nur sehr bedingt kalkulierbar (ebd.: 415 f.). So erklärt Elias, weshalb ihm die Primitiven schamlos erscheinen. Sie verfügen nicht über die nötige psychische Konstitution, um den für Scham notwendigen Gewissensapparat aus Fremd- und Selbstzwängen, Ich und Über-Ich auszubilden. Es bleibt zu klären, wie der Konflikt von außen nach innen verlagert ­wird, und wie sich diese Verschiebung vollzieht.

2.1.1 Triebregulierung, Selbst- und Fremdzwänge

Wie eben beschrieben, kam es vom 16 Jahrhundert an zu einer Befriedung des Naturraums. Das ist ein Faktor, der zu der Verlagerung des Konflikts beiträgt. Ein weiterer ist die Triebregulierung. Zivilisierung, beziehungsweise der langfristige Zivilisationsprozess, unterliegt laut Elias einer Ordnung, ist aber in keinem Maße planbar. Dafür hängt er von zu vielen unbeständigen, sich stetig wandelnden Faktoren ab. So auch von den Trieben des Menschen. Im frühen Mittelalter und in den Epochen zuvor, ließen Menschen ihren Gelüsten und Trieben freien Lauf. Konflikte wurden oftmals und vielerorts im offenen Kampf mit und ohne Waffen ausgetragen. Mord und Totschlag unterlagen dem Recht des Stärkeren. Das Tragen von Waffen war alltäglich und zum Zwecke der Selbstverteidigung auch durchaus notwendig. Gleichzeitig lebten die Menschen in sehr kleinen Verbünden, wie z.B. Clans, Banden, auf einem Hof oder in kleinen Niederlassungen. Sie versorgten sich oftmals autark. Die Interdependenzketten reichten also oftmals nur wenige Personen weit. Im Laufe der Zivilisation kommt es, durch eine Vermehrung der Abhängigkeiten untereinander und einer Verlängerung der Interdependenzketten notwendigerweise zu einer immer stärkeren Kontrolle der Triebe. Elias „geht davon aus, dass sich die gesellschaftlichen Strukturwandlungen in die Richtung einer zunehmenden sozialen Differenzierung und Integration bewegen, und dass diese Verdichtungen der menschlichen Beziehungen eine größere gegenseitige Wahrnehmung und Rücksichtnahme erfordern, die durch eine Zurückdrängung der Affekte erzielt werden kann“ (Setzwein 1997: S. 165). Bei fortgeschrittener Zivilisierung also besteht ein höheres Maß an Differenzierung, Rationalisierung und Triebregulierung. Dieses geht einher beziehungsweise hervor aus dem länger werden der Handlungsketten und der zunehmenden Abhängigkeiten, womit ein Mensch für den anderen eine stets schrumpfende Bedrohung darstellt. Denn mit dem Wachsen der Interaktionsketten, den Abhängigkeiten der Menschen voneinander also, muss der einzelne sich selbst, das heißt seine Triebe und Impulse, stärker regulieren. Das geschieht in dem Maß, in dem es nötig ist. Das bedeutet, der Mensch reguliert sich so, wie die anderen es von ihm erwarten, um sie selbst und die Abhängigkeiten nicht zu gefährden. Die Permanenz dieser Transformation von Erwartung in Regulierung führt dazu, dass der Mensch erst annimmt, und diese Annahme genügt, es werde ein bestimmtes Maß an Regulierung von ihm erwartet. Letztlich kommt es dazu, dass der Mensch die bisherigen (angenommenen) Erwartungen an sich selbst zu stellen beginnt. Er verinnerlicht diese und zwingt sich selbst, ihnen, also letztlich sich selbst gerecht zu werden.

Das Individuum erlebt eine Veränderung der Zwänge: die Fremdzwänge, die einst vorwiegend durch Gewaltausübung oder deren bloße Androhung bestanden, wandeln sich zu Selbstzwängen. Selbstzwänge entstehen dann und dort, wo das individuelle Subjekt beginnt, sich selbst aus der Perspektive der anderen zu sehen, da, wo es erkennt, welche Erwartungen an es gestellt werden. Da durch das friedlicher werden des Zusammenlebens das Tragen von Waffen an Notwendigkeit verlor, wird der Einzelne empfindlicher hinsichtlich eben jener Geste (vgl. Elias 1997b: 418). Gesten, Handlungen, Verhaltensweisen und ähnliches, das an einen Angriff erinnert, werden mit Tabu, Scham und eventuell sogar Verbot belegt. Diese Reglementierung, Sensibilisierung und Tabuisierung spitzt sich zu. „Schon die Geste eines Angriffs rührt an die Gefahrenzone; es wird schon peinlich zu sehen, wie ein Mensch dem anderen das Messer so reicht, daß die Spitze auf ihn gerichtet ist“ (ebd.). Es wird erwartet, dass man nicht mehr offensichtlich mit Dolch, Degen oder gar Schwert in der Öffentlichkeit auftritt und auch, dass man das Messer nicht mit der Spitze voran anreicht. Diese Erwartungen an den Einzelnen durch die anderen stellen die Fremdzwänge dar. Dann und dort und wenn das Individuum sich solchen Erwartungen fügt, werden diese Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt.

Im Fortschreiten des Zivilisationsprozesses muss das Individuum schon von Kindesbeinen an lernen, unter permanentem Druck durch das Wissen der Folgen des eigenen Handelns vorausschauend zu agieren und sich in großen Abhängigkeiten zu bewegen. Durch diese starke Regulierung entstehen zunehmend mehr Spannungen im Individuum, die nicht nach außen getragen werden. Diese inneren Spannung sind, wie im Verlaufe dieser Arbeit gezeigt wird, ein wesentliches Merkmal von Scham und Peinlichkeit. Die Fremdzwänge sind für Elias jedoch primär vor den Selbstzwängen, sodass sie niemals vollständig in solche aufgehen werden. Die Entwicklung vom Fremdzwang zum Selbstzwang als Grund des Versuch des Nichtbrechens von Konventionen und/oder moralischen Regeln legt die Vermutung nahe, dass das Schamgefühl auf längere Sicht anerzogen oder antrainiert ist. Schließlich erlernt man Manieren und Etikette, indem man sie zum einen beobachten kann und andererseits gelehrt bekommt. Einerseits nimmt der Mensch also bestimmte Verhaltensweisen wahr und verinnerlicht diese, da er die positiven Sanktionen die auf das Präsentieren dieser folgten, erkannt hat und andererseits bekommt er ein Teil des Spektrums an Manieren direkt vermittelt, quasi diktiert. Doch da sie ihm einen gesellschaftlichen Vorteil verschaffen, akzeptiert er das.

Weiterhin verändern sich Etikette und Tabus. So werden während des Zivilisationsprozesses bestimmte Dinge tabuisiert, wie zum Beispiel die Nacktheit. „Das mächtigste Mittel der modernen Gesellschaft, ihre Mitglieder in den Selbstzwang der Scham einzuüben, stellt die Erziehung dar. Das Kind erfährt den Konditionierungsprozess, den im langsamen Wandel die Gesellschaft insgesamt durchlief, in kurzer Zeit noch einmal an sich selbst, und muss (Neckel 1991: S. 129), in verhältnismäßig wenig Jahren den vorgerückten Stand der Scham und Peinlichkeitsgefühle erreichen, der sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat’ (Elias 1997a: S. 190)“. Den aktuellen Stand der Konventionen, dem Stand der Fremdzwänge als, der vom Kind zu Selbstzwängen verarbeitet werden muss, wird ihm in, relativ zu der Zeitspanne der Herausbildung kürzester Zeit durch entsprechende Erziehungsmaßnahmen einverleibt.

Das Verhältnis der Fremd- und Selbstzwänge innerhalb einer Gesellschaft zueinander erklärt Elias mit seinem Modell der Sozio- und Psychogenese. Schon im Titel des zweiten Bandes finden sich diese Begriffe, sodass der übergeordnete Stellenwert durchaus deutlich ist. Im Folgenden soll die Genese, die der dritte Einflussfaktor ist, kurz dargestellt werden.

2.1.2 Die Sozio- und Psychogenese

„Unser heutiges Verhalten ist keineswegs 'natürlich', dem Menschen eigen, sondern nur das Zwischenergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses der Modellierung der menschlichen Psyche [...]“ (Baumgart, Eichner 1997: S. 58). Unser heutiges Verhalten würde Norbert Elias als reguliert, zumindest aber als regulierter, in Relation zu dem Maß an Regulation des menschlichen Verhaltens und der menschlichen Triebe im frühen Mittelalter, bezeichnen. In dieser und den vorausgehenden Epochen noch stärker, war das Handeln der Menschen vollständig bis stark affekt- und triebgesteuert. Ab dem 16. Jahrhundert kam es dann zur oben geschilderten Verfriedlichung der Lebensumstände und der Naturräume. In der Phase vor dem höfischen Absolutismus entstand in der westlichen Welt eine neue Art des Selbstbewusstseins. Eine solche nämlich, die in der Selbstbeobachtung fußt. Man wurde nun dazu getrieben, sich und das eigene Verhalten zu reflektieren und es entsprechend den herrschenden und sich stets verändernden, Elias würde sagen, verfeinernden, Vorschriften, Manieren, Benimmregeln usw. zu regulieren (vgl. ebd.: S. 59). In der höfischen Gesellschaft erreichte diese Art der Regulierung einen neuen Höhepunkt. Dieser Zwang durch andere, das Beobachtet werden, ist ausschlaggebend dafür, dass das Phänomen der Selbstbeobachtung entstand. Die Konditionierung des Selbst auf die aktuell vorherrschenden Reglements kann nur dauerhaft erfolgreich sein, wenn der dahingehende Zwang irgendwann nicht mehr von außen, sondern von innen, vom Individuum selbst ausgeht.

Strukturelle Veränderungen auf der Ebene der Gesellschaft, also eben erwähnte Manieren und Benimmregeln unter anderem, und der Wandel in der individuellen Psyche hängen zusammen. Norbert Elias spricht hierbei von Sozio- und Psychogenese. Diese beiden Genesen sind aneinander gekoppelt, insofern als dass jeder Prozess – so auch der, der Zivilisation – zwar aus Handlungen von Individuen besteht, aber trotzdem Institutionen hervorbringt, die keiner dieser Akteure geplant hat. (vgl. Elias 1997a: S. 82). Von den vorherrschenden den gesellschaftlichen Funktionen, von dem Zeitgeist, von übergreifenden, Rahmen gebenden kulturellen Bräuchen abhängig ist die psychische Entwicklung der Mitglieder dieser Gesellschaft und umgekehrt. Eine Gesellschaft mit archaisch anmutender vergeltender Rechtsprechung oder gar eine Gesellschaft ohne eine solche Institution lassen zum Beispiel auf wenig triebregulierte Individuen innerhalb schließen.

In Elias Zivilisationstheorie wird das stetige Fortschreiten der Ausdifferenzierung der Psyche und der Gesellschaft postuliert. Mit wachsenden Interdependenzketten in einer Gesellschaft, mit wachsendem Verflechtungsgrad ihrer Mitglieder also, muss eine umfassendere Triebregulierung entstehen. Immer mehr Fremdzwänge müssen in Selbstzwänge umgewandelt werden, da das friedliche Zusammenleben vieler Individuen in wachsender Abhängigkeit voneinander nur schwer möglich ist. Gleichzeitig übernimmt die Gesellschaft aber auch Funktionen, die vormals den Individuen selbst oblagen. So zum Beispiel die Handhabung von Verstößen gegen geltende Reglements.

Die Rolle der Scham in dieser Verknüpfung ist die, dass das Maß an internalisierten Triebregulationen, also Zwängen, anhand der geltenden Schamgrenzen festgemacht werden kann. Verlaufen diese Grenzen sehr eng und gibt es eine Vielzahl an Scham- und Peinlichkeitsquellen, dann ist davon auszugehen, dass mehr externe Zwänge verinnerlicht wurden. Elias würde diese Gesellschaft als zivilisierter bewerten, als eine, mit weniger engen Grenzen und Gründen. Die Angst die dem Schamgefühl inneliegt entsteht durch das Über-Ich und seine Funktion als schlechtes Gewissen und moralischer Steuerapparat. Es baut die gesellschaftlichen Erwartungen an den Einzelnen in den Einzelnen ein. Gelungene Zivilisation im Elias'schen Sinne ist also eine Herrschaft des Über-Ichs. Man kann sicherlich auch den Standpunkt vertreten, dass das Über-Ich die treibende Kraft der Zivilisation ist.

2.2 Scham als Konflikt

Der Konflikt, aus dem das Schamgefühl resultiert, ist einer zwischen dem eigenen Ich und dem inneren Über-Ich. Dieses Über-Ich ist die verinnerlichte Meinung der anderen, ohne eben die Anderen zu sein. Die Struktur des Über-Ichs besteht aus Selbstzwängen. Elias zufolge ist das Wachsen der Selbstzwänge ein notwendiger Prozess in der Zivilisierung. Selbstzwänge entstehen dann und dort, wo das individuelle Subjekt beginnt, sich selbst aus der Perspektive der anderen zu sehen, da, wo es erkennt, welche Erwartungen an es gestellt werden. Dann und dort und wenn das Individuum sich diesen Erwartungen fügt, werden diese Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt. Wenn es gegen diese Erwartungen verstößt, begegnet ihm Scham und Peinlichkeit. Wenn der Handelnde die Erwartungen anderer nicht erfüllt beziehungsweise gegen das, was andere als geltende Sitte ansehen, verstößt, sind diese anderen peinlich berührt. Das andere peinlich berühren führt dazu, dass man selbst sich schämt. Stört sich das eigene Über-Ich an der Handlung, schämt man sich ebenfalls, allerdings vor sich selbst. Das handelnde Ich steht dem kontrollierenden Über-Ich gegenüber und in direkter Abhängigkeit von ihm, da letzteres nicht nur dafür sorgt, dass man sich schämt, wenn man einen Konflikt zwischen Ich und Über-Ich schürt, sondern auch bereits im Vorfeld die Entscheidung für oder gegen eine Handlung maßgeblich beeinflusst. Elias führt dieses Abwägen unter Rationalisierung und Außenpolitik des Über-Ichs (Elias 1997b: 411). Das Über-Ich ist das Zentrum, „von dem aus sich ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen Dingen und Wesen steuert.“ (ebd.). Scham ist das Gefühl, welches auftritt, wenn man die Grenzen des eigenen Über-Ichs verletzt. Übertreten andere die Grenzen des eigenen Über-Ichs, ist dagegen Peinlichkeit das Gefühl, das einen überkommt (ebd.: 414). Scham und Peinlichkeit also sind beides innere Konflikte.

Außerdem ist Scham für Elias eine Form von Angst. Angst nämlich vor sozialer Desintegration und den Überlegenheitsgesten anderer, nicht etwa vor körperlichen Angriffen (Elias 1997b: 408). Letztere wären ebenso körperlich abwehrbar. Doch der spezielle Charakter der Gefahr durch diese Art von Angst, eben jene Nichtabwehrbarkeit, macht die Scham aus. Denn die Angst kommt wie erwähnt nicht durch physische Überlegenheit anderer, sondern sie entsteht dadurch, dass der Überlegene „sich [im] Einklang mit dem […] Über-Ich des Wehrlosen befindet“ (Elias 1997b: 408). Was besonders an der Scham als Form von Angst ist, ist, dass ihr oftmals kein deutlicher Ausdruck verliehen wird (vgl. ebd.: 409). Das liegt daran, dass das handelnde Individuum nicht nur in einen Konflikt mit anderen gerät, sondern auch mit sich selbst (vgl. ebd.), das heißt mit den Ansprüchen an sich selbst, beziehungsweise seinem Über-Ich. Daraus folgt, dass der Einzelne sich, wie oben bereits angedeutet, zu schämen beginnt.

Das sich Schämen und auch das Beschämt werden oft sichtbar durch Phänomene wie Erröten, Stottern, Verlegenheit, ein Senken der Stimme oder ähnliches.

Zusammengefasst betrachtet Elias die Scham und Peinlichkeit also als Indikator für Zivilisation, weil zivilisiert für ihn nicht triebgesteuert bedeutet. Die Zügelung der Triebe und des Verhaltens im Affekt entstehen durch stetig länger werdende Interaktions- und Abhängigskeitsketten. Das führt dazu, dass dem Menschen weniger Gefahr von außen droht, wie zum Beispiel durch körperliche Gewalt. Das wiederum lässt den Menschen ein sensibleres Gespür für das menschliche Miteinander entwickeln. Im Zuge dessen nimmt er sich und andere und die Spannungen im Verhältnis von Menschen zueinander stärker und genauer wahr. Er beginnt sich sich selbst zu betrachten. Diese Selbstbetrachtung resultiert in der Entwicklung eines Über-Ichs. Dieses Über-Ich nimmt im Kreis des Beobachtens und des Betrachtetwerdens die Rolle der Anderen ein. Die Anderen sind insofern relevant für die Selbstbetrachtung und die Struktur des Über-Ichs, als dass sie vorgeben, worauf man selbst achtet und worauf das Über-Ich reagiert. Wenn alle Anderen von einem erwarten, dass man sich nicht am Tisch die Nase schnäuzt, ist das ein Fremdzwang. Ist dieser Fremdzwang beständig, so wird er vom Einzelnen verinnerlicht und entwickelt sich zum Selbstzwang. Die Einhaltung der Selbstzwänge wird vom Über-Ich kontrolliert. Bei etwaigen Verstößen gerät der Einzelne in Konflikt mit seinem Über-Ich und die inneren Spannungen steigen an. Dieser innere Konflikt beziehungsweise diese inneren Spannungen führen zum Phänomen der Scham. Aber auch der Konflikt mit den Anderen kann zu Scham führen. Schnäuze ich mir wider jede gute Manier die Nase bei Tisch, sind die Anderen, die aufgrund dieser Benimmregel erwarten, dass ich jenes Verhalten nicht aufweise, peinlich berührt. Dem ist so, weil ich ihre entsprechenden Grenzen überschritten habe und damit in Konflikt mit ihrem Über-Ich stehe. Wird mir diese Peinlichkeit gewahr, so führt das dazu, dass ich mich schäme.

Je stärker der Über-Ich Apparat ausgeprägt ist und je mehr Fremdzwänge in Selbstzwänge verwandelt wurden, desto stärker ist das menschliche Triebverhalten reguliert und desto fortgeschrittener wiederum ist das Maß an Zivilisation.

Der Prozess der stärker werdenden Triebregulierung und die damit einhergehende Entwicklung der Selbstkontrolle schreitet laut Elias langfristig linear fort.

3. Duerrs Kritik am Zivilisationsprozess

Der Ethnologe Hans Peter Duerr ist sicherlich der vehementeste und schärfste Kritiker Elias'. In seinen fünfbändigen Ausführungen über den Mythos des Zivilisationsprozesses versucht er Elias Theorie nicht zu verbessern oder sie zu modifizieren, sondern sie gänzlich zu falsifizieren. Dabei wurde und wird dieser Versuch von vielen Seiten her nicht dankbar oder gar freundlich aufgenommen. Auf der anderen Seite jedoch wohnt den Anhängern der Duerr'schen Kritik und auch ihm selbst oft eine unwissenschaftliche, nahezu infantile Hähme inne2.

Im Folgenden sollen drei große Kritikpunkte Duerrs an Elias wiedergegeben werden. Duerr trägt die relevante Kritik an Elias' Idee des stetig fortschreitenden Zivilisationsprozesses vor. Er rezipiert Elias' Theorie als Dichotomie (vgl. Baumgartner, Eichner 1997: S. 92), insofern, als dass er ihm die Einteilung in ein unzivilisiertes, primitives Mittelalter und eine zivilisierte Neuzeit unterstellt. Die Kernaussage, dass sich die Gesellschaft laut Elias langfristig in eine zivilisiertere Richtung wandelt ist damit getroffen. Elias beschreibt die Zivilisierung jedoch als Prozess, welcher keinen End- oder Anfangspunkt kennt, nicht kontinuierlich verläuft und in welchem zum selben Zeitpunkt verschiedene Niveaus an Zivilisation herrschen können, wie er am Spiel der höfischen Adelsschicht und der Bürger- und Unterschicht zeigt (vgl. ebd.). Duerr hingegen konzentriert sich auf die Prozesshaftigkeit und Linearität des Zivilisationsgeschehens. Besonders die Geradlinigkeit der Entwicklung setzt Duerr viele Beispiele entgegen.

Duerr hat Recht damit, dass man in Kulturen abseits unserer westlichen, Beispiele aus allen Epochen findet, die den Thesen der Zivilisationstheorie scheinbar widersprechen. So zum Beispiel die weniger offensichtliche Form der Körperscham unter Primitiven, welche zum Beispiel den Genitalbereich zwar zur Schau stellen, bestimmte Posen jedoch nicht einnehmen und die intimen Zonen der anderen nicht anstarren dürfen, da eben jene Posen und Blicke als schamlos bzw beschämend gelten und mit Sanktionen belegt sind (vgl. Paul 2007: S. 81). Duerr legt zahlreiche empirische Beispiel dar, um Norbert Elias' Zivilisationstheorie zu widerlegen. Er beginnt in Nacktheit und Scham mit Exempeln aus dem alten Griechenland, von athletischer und kriegerischer Nacktheit bei Männern und Frauen (Duerr 1988: S. 13-24), die aber nichtsdestotrotz Reglements zur Vermeidung von Beschämung unterlag, von schamhaften Verhaltensweisen und Badekleidung zur Verhüllung vor dem anderen Geschlecht im Mittelalter (vgl. ebd.: S. 25ff.) und der Geschlechtertennung in öffentlichen Badehäusern (ebd.: S. 38) und Veränderungen der Baderegeln und -mode zwischen Mittelalter und dem frühen 20. Jahrhundert (ebd.: S. 13-127). Auch Beispiele aus Japan und von Indianerstämmen (vgl. ebd.: S. 117-123; 136-143ff.) nutzt Duerr dazu, zu belegen, „daß gängige Nacktheit noch lange nicht Schamfreiheit bedeutet, die den Blick der anderen ungehindert zuließe“ (ebd.: S. 165). Besonders letztere Formulierung macht deutlich, dass nicht nur das zur Schau stellen zum Beispiel der Genitalien an Stränden, öffentlichen Orten, abseits der privaten Gemächer, in Gesellschaft oder Badehäusern mit Scham und Peinlichkeit belegt war, sondern auch das offensichtliche Betrachten dieser. Mit dem aufkommen der entsprechenden Technik stießen Ethnologen auf das Problem, dass sie zum Beispiel Frauen aus afrikanischen oder indianischen Stämmen nur unter Zwang fotografieren konnten. Diese bedeckten mitunter den Oberkörper im Alltag zwar nicht, doch das penetrante Anstarren auch durch eine Kameralinse war ihnen sichtlich unangenehm (ebd. S. 143f.). Es war den europäischen Fremdlingen offenbar am aller wenigsten gestattet, die Stammesfrauen zu begaffen. Im zweiten Band des Mythos vom Zivilisationsprozess führt Duerr weitere Beispiele, wie die Schamsituation zwischen Arzt, speziell dem Gynäkologen und der Frau sich vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert ändert, aus (vgl. Duerr 1990: S. 35-67). Doch einer schildernden Aufführung solcher Beweise soll an dieser Stelle ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt worden sein.

Gleichzeitig zur laut Duerr fälschlichen Linearität des Zivilisationsprozesses wird Norbert Elias aber auch Ethnozentrismus vorgeworfen (vgl. Baumgartner, Eichner 1991: S. 89 ff.). Sollte dieser Vorwurf berechtigt sein und der Elias'sche Fokus auf den europäischen Kulturkreisen liegen, erweist sich eine Vergleichbarkeit mit anderen, außereuropäischen Ethnien generell als fraglich, hinsichtlich der Relevanz oder Angemessenheit der Kritik dieser Form.

Weiterhin legt Duerr anhand zahlreicher empirischer Beweise dar, dass Scham keine einer oder wenigen bestimmten Gesellschaften, Zivilisationen oder Epochen zukommende Eigenschaft, sondern ein anthropologisches Merkmal, das allen Menschen gleichermaßen zukommt, ist (vgl. Duerr 1990: S. 8). Duerr argumentiert für die These, dass es ganz konkret die von der Körperscham beeinflussten Verhaltensweisen sind, die zur Triebregulierung führen. So gilt für ihn, dass man dazu angehalten wurde, zumindest situativ die Geschlechtsorgane zu verhüllen, um somit die spontane und affektuelle Lust und Begierde der Individuen einzuschränken und/oder zu drosseln (Paul 2007: S. 83). Dadurch werden, wenn nicht strikte Monogamie, zumindest Paarbindungen und familiäre Strukturen gefördert und erhalten (vgl. ebd. 83f.) und somit gleichzeitig die wilde und freie Lustbefriedigung remaßregelt.

[...]


1 Dem durch die Begrifflichkeiten Zivilisierte und Primitive unter Umständen implizierten Wertungscharakter der Begriffe, nach welchem die Primitive in manchem Sinne als „schlechter“ betrachtet werden könnten, entzieht Elias sich: „Man kann nie mit Bestimmtheit sagen, dass die Menschen einer Gesellschaft zivilisiert sind. Aber man kann aufgrund von systematischen Untersuchungen unter Hinweis auf nachprüfbare Belege recht wohl mit hoher Bestimmtheit sagen, daß sie ziviliserter geworden sind, ohne notwendigerweise damit den Gedanken den Gedanken zu verbinden, daß es besser oder schlechter ist, daß es einen positiven oder negativen Wer hat, zivilsierter geworden zu sein.“ (Elias 1997a: S. 22) Deshalb ist auch an dieser Stelle davon abzusehen, der Terminologie einen abwertenden Charakter zuzusprechen. Auch ist Elias in späteren Schriften eindeutig weniger wertend geworden. Er spricht nicht mehr von höheren sondern von anderen Zivilisationsgraden (Baumgartner, Eichner 1991: S. 91)

2 Zum Beispiel: „Nun ist zwar nicht zu bestreiten, daß tatsächlich durch das Buch (Nacktheit und Scham) etwas ausgelöst worden is; nur bin ich mir im unklaren darüber, ob man das eine „Debatte“ oder „Diskussion“ nennen kann, hat doch ein großer Teil der Kritiker […] mehr mit Empörung und Wut als mit Sachwissen zurückgeschlagen. Sollte sich tatsächlich […] der heute zivilisierte Mensch vor anderen dadurch auszeichnen, daß er über ein sehr hohes Maß „an Zurückhaltung momentaner Impulse um langfristiger Ziele und Befriedigung willen“² verfügt, dann müssen diese Rezensenten vom Zivilisationsprozeß nur ganz peripher erfaßt worden sein.“ (Duerr 1990: S. 11)

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Details

Titel
Scham und Peinlichkeit im Zivilisationsprozess
Untertitel
Kritische Betrachtung der Gültigkeit der Elias’schen These des Vorrückens der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen in der Gegenwart
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Norbert Elias und die Figurationssoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V506270
ISBN (eBook)
9783346068118
ISBN (Buch)
9783346068125
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norbert, Elias, Wolfang Knöbl, Figurationssoziologie, Prozess, Prozeß, Prozess der Zivilisation, Zivilisationsprozess, Scham, Peinlichkeit, schämen, Duerr, Kritik, Gegenwart, These, Vorrücken, Entwicklung, Klassiker der Soziologie
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Merten Mederacke (Autor), 2015, Scham und Peinlichkeit im Zivilisationsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506270

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