Wie sah das angeblich aufgeklärte Russland des 18. Jahrhunderts aus? Auf den folgenden Seiten sollen eben diese und weitere Fragen geklärt werden. Dazu erläutere ich, was die Aufklärung in Russland bedeutete und wie genau die Modernisierung aussehen sollte.
Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts war das russische Reich für viele andere Länder eher unbedeutsam. Ob in Bezug auf die Wirtschaft, die Politik oder die Gesellschaft: Im Gegensatz zu Westeuropa war Russland rückständig. Es war keine Großmacht. Es war ein riesiges Reich mit zahllosen Dörfern und einem extremen Klima, welches die Lebensumstände des Volkes erheblich erschwerten. Es gab viele verzweifelte Leibeigene, noch mehr unglückliche Bauern und überall unendlich weite Steppen, Wälder und Schneelandschaften. Ein riesiges Land, das zu regieren fast unmöglich schien. Betrachtet man eine Auflistung der russischen Regierenden, erkennt man ein einziges Chaos. Von einer konstanten Regierung konnte keine Rede sein, denn allein von 1725 bis 1761 gab es in Russland sechs Regierungsumstürze, vielen folgte sogar der Tod des ehemaligen Herrschers. Damals wurden Zaren noch nicht durch ihr Erbrecht zum Herrscher, stattdessen wurden sie vom vorherigen Zar zum Nachfolger bestimmt. Eine Entscheidung, die natürlich auch jederzeit wieder rückgängig gemacht werden konnte.1 Erst eine Prinzessin aus dem deutschen Anhalt-Zerbst brachte Regelmäßigkeit in die russische Regierung und hielt sich länger auf dem Zarenthron als ihre unmittelbaren Vorgänger. Katharina II., die Große, die Deutsche, die angeblich aufgeklärte Absolutistin.2 Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte nicht nur für Westeuropa unzählige Veränderungen. Während die Franzosen ihre, ziemlich blutige, Revolution vorbereiteten, schwappte der Gedanke der Aufklärung auch nach Preußen und sogar ins Russische Reich hinüber. Katharina II., Russlands Alleinherrscherin, galt damals wie heute als aufgeklärte absolute Herrscherin, die das russische Reich zur Modernisierung führen sollte. Aber stimmt das? War die Deutsche auf dem Zarenthron wirklich so aufgeklärt, wie es ihr nachgesagt wird? Und was genau bedeutete das für Russland?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Aufklärung in Russland
3. Katharina II. von Russland
4. Das „aufgeklärte“ Russland unter Katharina II.
4.1 Die Intentionen Katharina und ihr Scheitern
4.2 Die Große Instruktion
4.3 Die Gouvernementsreform
4.4 Die Kulturpolitik und das Bildungswesen
4.5 Der Gnadenerlass
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Regierungszeit von Katharina II. und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob die Zarin den Idealen der Aufklärung tatsächlich gerecht wurde oder ob ihr Wirken lediglich einen aufgeklärten Absolutismus darstellte, der an den russischen Realitäten scheiterte.
- Die Einordnung Russlands im europäischen Kontext der Aufklärung
- Biografische Hintergründe und der Aufstieg zur Zarin
- Analyse der "Großen Instruktion" und der rechtlichen Reformbestrebungen
- Reformen in Bildungswesen und lokaler Verwaltung
- Die Spannung zwischen idealistischen Reformplänen und der Macht des Adels
Auszug aus dem Buch
4.2 Die Große Instruktion
Schon vier Jahre nach ihrem Machtantritt, im Dezember 1766, veröffentlichte Katharina II. den „Nakaz“, oder auch „Die große Instruktion“. Es war eine Reihe von Richtlinien, nach denen ein neues Gesetzbuch geschaffen werden sollte. Doch verkündete sie nicht einfach nur Veränderungen, sondern begründete ihre Entscheidungen und belegte diese oft mit Beispielen aus dem römischen oder anderen westeuropäischen Reichen. Es handelte sich mehr um Willensäußerungen der Kaiserin, als um praktikable, verwirklichbare Vorschläge. Katharina II. erklärte darin, dass das russische Reich nicht zu den orientalischen Despotien gehöre, sondern eine europäische Macht, eine europäische Monarchie sei. Denn Peter der Große habe, ihrer Meinung nach, erfolgreich europäische Sitten und Bräuche bei ihrem europäischen Volk eingeführt. Das Vorbild für den Nakaz waren daher auch die modernen Staats- und Rechtsauffassungen des westlichen Europas.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Rückständigkeit des russischen Reiches zu Beginn des 18. Jahrhunderts und stellt die Forschungsfrage nach dem tatsächlichen Aufklärungsgrad Katharinas II.
2. Die Aufklärung in Russland: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der russischen Aufklärung (Proveščenie) und ihre spezifischen Unterschiede zur westeuropäischen Entwicklung, insbesondere das Verhältnis zur orthodoxen Kirche.
3. Katharina II. von Russland: Der Abschnitt beleuchtet den Lebensweg der Prinzessin von Anhalt-Zerbst bis hin zu ihrer Machtübernahme und ihrer bewussten Adaption russischer Identität und politischer Ideale.
4. Das „aufgeklärte“ Russland unter Katharina II.: Hier werden die zentralen Reformvorhaben der Zarin analysiert, wobei das Scheitern idealistischer Pläne an den gesellschaftlichen Strukturen und der Staatsräson im Vordergrund steht.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Katharina trotz der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit maßgebliche Modernisierungsschritte einleitete, dabei jedoch an der notwendigen Festigung ihrer Alleinherrschaft festhielt.
Schlüsselwörter
Katharina II., Aufklärung, Russland, Proveščenie, aufgeklärter Absolutismus, Leibeigenschaft, Große Instruktion, Nakaz, Modernisierung, Reformen, Zarenthron, Gesetzgebung, Bildungsreform, orthodoxe Kirche, Machtstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Regierungszeit von Katharina II. und prüft den Wahrheitsgehalt des ihr zugeschriebenen Status als „aufgeklärte Herrscherin“ innerhalb des russischen Kontextes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die russische Aufklärungsbewegung, rechtliche Reformen, das Bildungswesen sowie das komplexe Verhältnis zwischen dem Adel, der Leibeigenschaft und dem absolutistischen Herrschaftsanspruch.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, inwiefern Katharina II. tatsächlich aufgeklärte Ideale umsetzen konnte und wo ihre Reformpolitik an den Realitäten der russischen Gesellschaft und der Staatsräson scheiterte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historisch-analytischen Literaturrecherche, die zeitgenössische Dokumente wie die „Große Instruktion“ sowie fachwissenschaftliche Analysen zur Modernisierung Russlands im 18. Jahrhundert auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der theoretischen Aufklärungsansätze in Russland, die Biografie der Zarin und eine detaillierte Untersuchung der „Großen Instruktion“, der Gouvernementsreform, der Schulpolitik und des Gnadenerlasses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Katharina II., Aufklärung, Absolutismus, Leibeigenschaft, Nakaz, Modernisierung und russisches Staatsverständnis.
Warum konnte die Leibeigenschaft trotz Katharinas Plänen nicht abgeschafft werden?
Katharina erkannte zwar die Probleme der Leibeigenschaft, sah jedoch in der praktischen Umsetzung die Gefahr einer Destabilisierung des Reiches und blieb zudem in ihrer Machtbasis stark vom Adel abhängig, der die Leibeigenschaft als Grundlage seiner Existenz verteidigte.
Welche Rolle spielte das österreichische Vorbild bei den Schulreformen?
Katharina orientierte sich an den österreichischen Bildungsstrukturen von 1774, adaptierte diese jedoch für Russland, indem sie die Schularten reduzierte und die Umsetzung an die lokale Verwaltung in den Gouvernements anpasste.
- Arbeit zitieren
- Jacquelin Koberstein (Autor:in), 2019, Katharina die Große, die Deutsche auf dem Zarenthron. Eine aufgeklärte Herrscherin?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506290