Transkulturelle und hybride Identitätsbildungsprozesse in Isaac B. Singers "Eine Kindheit in Warschau"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Allgemeine Aspekte der Identitätsentwicklung

3. Kulturelle Identitätsbildungsprozesse
3.1 Der Begriff der transkulturellen Identität
3.2 Die Herausbildung hybrider Identitäten
3.3 Unterschiede der Konzepte Transkulturalität und Hybridität

4. Folgerungen aus den bisherigen Ergebnissen

5. Der Einfluss kultureller Räume auf Isaacs Identitätsentwicklung
5.1 Isaacs Lebenswelt
5.2 Die Bedeutung der Streifzüge Isaacs aus seinem Schtetl

6. Der Einfluss sozialer Beziehungen auf Isaacs Identitätsentwicklung
6.1 Der Einfluss der Familienmitglieder und ihrer Weltanschauungen
6.2 Der Einfluss weiterer intradiegetischer Figuren

7. Hinweise Erzähltheoretischer Stilmittel auf die Identitätsentwicklung Isaacs
7.1 Das Verhältnis von Protagonist und Erzähler
7.2 Hinweise im strukturellen Aufbau der Erzählungen

8. Fazit – Isaac: Eine transkulturelle und hybride Identität?

9. Literatur

1. Einleitung

Fast abwegig erscheint es auf den ersten Blick den Aspekt der Autobiographie in Isaac Bashevis Singers Werk „Eine Kindheit in Warschau“1 in folgender literarischer Analyse unberücksichtigt zu lassen. Durch Stilmittel wie Erzählzeit und -perspektive und durch bekannte Eckdaten seiner eigenen Vergangenheit bedient sich der Autor vordergründig aller Elemente dieser literarischen Gattung. Nach eingehender Beschäftigung wird jedoch schnell deutlich, dass es sich bei Singers 1963 erstmals erschienenem Werk um neunzehn fiktionale autobiographisch inspirierte Erzählungen handelt, die nur wenige Ausschnitte aus dem Leben des jungen Isaac porträtieren, welcher als Sohn eines chassidischen Rabbis Anfang des 20. Jahrhunderts in einem jüdischen Viertel – einem „Schtetl“ – innerhalb Warschaus aufwächst. Welche Elemente des Werkes tatsächlich autobiografischer Natur sind und welche fiktiv, spielt für die hier entwickelte Analyse keine Rolle und soll im Weiteren unbeachtet bleiben.

Das Werk „Eine Kindheit in Warschau“ ist der interkulturellen Literatur zuzuordnen. Es konfrontiert den Leser mit kulturell Fremdem, führt zu Alteritätserfahrungen und ‚kulturellen Differenzen‘, baut diese jedoch gleichzeitig ab, indem es dem Leser das Ungewohnte und Unbekannte erklärt und näher bringt.2 Eine ausführliche Erläuterung der interkulturellen Begrifflichkeiten wird in Punkt 3.1 in anderem Kontext vorgenommen.

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Identitätsentwicklung des Protagonisten. Ganz besonders im Fokus steht die Frage danach, ob sich bei dem jungen Isaac transkulturelle Identitätsbildungsprozesse und die Entwicklung zu einer hybriden Identität feststellen lassen. Unter anderem mithilfe von Hofmanns Überlegungen zur interkulturellen Literatur, Welschs Verständnis von Transkulturalität und Homi Bhabhas Grundlagen zur Theorie hybrider Identitäten sollen in einem ersten Teil grundlegende Analyse- und Arbeitsbegriffe geklärt werden.

Im Hauptteil dieser Arbeit werden mithilfe genannter Werkzeuge zum einen verschiedene inhaltliche Aspekte des Werkes in den Blick genommen – so nehmen Personen, Weltanschauungen , lebensweltliche Räume und unterschiedliche Kulturen mit denen Isaac in Kontakt kommt, durchgehend eine bedeutsame Rolle für die Entwicklung seiner Identität ein – zum anderen werden erzähltheoretische Aspekte wie Erzählperspektive und der strukturelle Aufbau der einzelnen Erzählungen auf den Aspekt der Identitätsbildungsprozesse untersucht. Da festgestellt werden kann, dass der Protagonist Isaac und der Ich-Erzähler identische Personen sind – wobei es sich bei dem Erzähler um eine ältere Version Isaacs handelt – scheinen auch diese strukturellen Merkmale für die Fragestellung von Bedeutung zu sein und werden daher genauer dargestellt und ihre Bedeutung geklärt.

In einem Fazit sollen noch einmal alle Ergebnisse zusammengeführt und die Frage beantwortet werden, ob bei der Identitätsentwicklung des Protagonisten von der Herausbildung einer transkulturellen und/oder hybriden Identität die Rede sein kann.

2. Allgemeine Aspekte der Identitätsentwicklung

Das exakte Alter Isaacs in den verschiedenen Erzählungen wird häufig nicht explizit genannt, jedoch weist ein Kommentar zu Beginn des Werkes daraufhin, dass es sich um die ersten 14 Lebensjahre des Protagonisten handelt.3 Um Isaacs Identitätsentwicklung innerhalb der Erzählungen genauer in den Blick nehmen zu können, ist es also erforderlich zuerst allgemeiner herauszuarbeiten, wie sich Identitäten innerhalb von Kindheit und Adoleszenz herausbilden und welche Faktoren diese Prozesse beeinflussen.

Erikson ordnet in seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung den beiden Entwicklungsphasen der Kindheit und Jugend verstärkt eine Suche nach Kontinuitäts- und Gleichheitsgefühl zu.4 Dieses „Identitätsgefühl [soll] die Fähigkeit vermittel[n], sein Selbst als etwas zu erleben, das Kontinuität besitzt, das ‚das Gleiche‘ bleibt, und dementsprechend handeln zu können.“5 Innerhalb der Adoleszenz ist es also Ziel ein „Selbstkonzept zu [entwickeln], in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen inneren Zusammenhang gebracht werden [können].“6 Durch ‚Krisen‘, individuelle Erfahrungen und dadurch entstehende Verunsicherungen ist der Mensch immer wieder gezwungen Neuland zu betreten. Hierbei stehe besonders die anzustrebende Passung zwischen Individuum und Umwelt im Zentrum.7 Da jedoch Begriffe wie Kontinuität und Stabilität die heutige Gesellschaft nicht widerspiegeln, sondern Veränderungen und Fragmentierungen der Realität stärker entsprechen8, haben Keupp u. a. versucht Eriksons Identitätsbegriff in ihren Untersuchungen an die heutige Zeit anzupassen und zu erweitern. So sei Identität ein subjektiver Konstruktionsprozess, bei dem Individuen auf der Suche nach Passung zwischen innerer und äußerer Welt und somit dem Selbst- und Fremdbild sind.9 Dies gelinge in den seltensten Fällen ohne Spannung oder Konflikte.10 In aktiver und kreativer Eigenleistung konstruieren Individuen sich eine Patchwork-Identität aus verschiedenen Teilidentitäten, um die Anforderungen Kohärenz, Anerkennung, Authentizität und Handlungsfähigkeit zu erfüllen.11 Aus Wissen, Werthaltungen und Fähigkeiten entstehen individuelle Identitäten12, die durchgehend von den vorherrschenden Sozialbeziehungen und den Kulturen, mit denen das Individuum im Laufe seiner Persönlichkeitsentwicklung in Kontakt kommt, beeinflusst werden.13

3. Kulturelle Identitätsbildungsprozesse

Obwohl der Kulturbegriff zu einem wichtigen und häufig gebrauchten Begriff der Gegenwart gehört14, ist er dennoch nicht eindeutig zu definieren oder zu greifen. Im wissenschaftlichen Diskurs sind die unterschiedlichsten Herangehensweisen, Schwerpunkte und Zugänge zu finden. Im Folgenden wird daher versucht aus den verschiedenen Definitionen von Kultur, die für diese Arbeit relevanten Ausschnitte zu erfassen, zusammenzuführen und dadurch ein begriffliches Instrumentarium für die bevorstehende Werkanalyse zu schaffen. Kultur ist – in Abgrenzung zur Natur – „alles, was von Menschen hervorgebracht wird.“15 Gemeinsame soziale Erzeugung und individuelle oder gemeinsame Aneignung, Reproduktion und Entwicklung sind elementare Prozesse innerhalb von Kultur und beeinflussen die Identitätsentwicklung von Individuen und Gruppen.16 Busche unterscheidet vier Verwendungen des Kulturbegriffes, die bis in den öffentlichen Sprachgebrauch vorgedrungen sind. Der Bereich der Pflege, also Kultur als Arbeit des Menschen an der Natur und der Kulturbegriff des erworbenen Habitus im Sinne der „Kultiviertheit“17 sind im Rahmen dieser Arbeit nicht von Relevanz. Die Kultur als Bereich der Erschaffung höherer Werke schließt Kunst, Literatur, Philosophie und in manchen Teilen Wissenschaft und Religion mit ein18 und wird im Weiteren nur am Rande in die Analyse miteinbezogen. Zentral hierfür ist dagegen das Verständnis von Kultur, in der man lebt. Sie ist charakterisiert durch Lebens- und Geistesformen und Zusammenhänge von Institutionen, die innerhalb verschiedener Epochen und Gesellschaften bestehen. Elemente dieses Kulturverständnisses sind Religion, Wissenschaft/ Philosophie (die Denkmuster von Weltbild und -deutung einbeziehen), Lebensalltag, Wirtschaft, Technik und die Künste.19 All diese Überbegriffe schließen bekanntere Kategorien wie Sprache, Symbole, Werte und Erzeugnisse20 mit ein. Moosmüller beschreibt Kultur als die „Art und Weise der Kommunikation in einem Netzwerk beziehungsweise einer Gruppe“21, die dem Individuum vorausgesetzt ist und nicht frei gewählt oder gestaltet werden könne.22 Dennoch muss sie als dynamischer Bestandteil der individuellen und gesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden, da alles was sie umfasst, einem stetigen Wandel und Veränderungsprozessen unterworfen ist. Dieser Wandel entsteht unter anderem durch eine starke Wechselwirkung von individueller und sozialer Dimension23. „Kultur und Identität sind ein Paar und stehen im dialektischen Verhältnis zueinander. Während die unabdingbare Voraussetzung für die Kultur das Kollektiv ist, ist der Träger der Kultur das Individuum. […] [Dieses wiederum] wird durch die Kultur geprägt.“24 Sozial gültige Kulturen sind also immer erzeugt und getragen durch Individuen und individuelle Kultur wiederum ist immer gesellschaftlich bedingt und eingebunden.25 Die Ausbildung kultureller Identität wird geschaffen durch Überlagerung verschiedener kultureller Einflüsse, denen ein Individuum unterliegt. Wenn sich die inhaltlichen Einflüsse dieser Kulturen in bestimmten Situation zu stark unterscheiden oder sich gar gegenseitig ausschließen, kommt es zu einer ‚kulturellen Dissonanz‘, ähnlich der im vorigen Kapitel genannten ‚Krise‘ nach Erikson. Diese kann zum Aufbrechen und dadurch zu einer Weiterentwicklung der Identität führen.26 Wie am bisher dargestellten Kulturbegriff sichtbar wird, bewegt sich der wissenschaftliche Diskurs hin zu einer Öffnung der Definition. Kultur wird nicht mehr makroperspektivisch verstanden, wie es z.B. bei einer Unterscheidung in homogen gedachte Nationalstaaten wäre. Es rücken vielmehr einzelne diverse Akteure und Netzwerke ins Zentrum der Definitionen.27

3.1 Der Begriff der transkulturellen Identität

Genau an diesem Punkt der offenen Grenzen und der kulturellen Durchdringung knüpft die Theorie der Transkulturalität an. Um die Überlegungen zu diesem Begriff jedoch genauer verstehen zu können, muss er zuerst von dem geläufigeren Begriff der Interkulturalität abgegrenzt werden. Die gängigen Definitionen zur Interkulturalität beziehen häufig das Kulturverständnis nach Johann Gottfried Herder ein, der dabei von einer Bezeichnung für die Gesamtheit einer homogenen, klar abzugrenzenden Gruppe ausgeht. In seinen Theorien sind Kulturen an Völker gebunden und bilden politische Nationen und sprachliche Gemeinschaften.28 Seit den 1980er Jahren arbeitet der postmoderne Interkulturalitätsdiskurs mit den Begriffen „das Eigene“, „das Fremde“ – damit ist das Unvertraute, außerhalb des eigenen Bereichs vorkommende gemeint29 – der „Andersartigkeit“ und der „Alterität“.30 Alterität meint das Andere ohne fremd zu sein, es fehlt dabei der zurückweisende, ablehnende Aspekt, den das Fremde manchmal beinhaltet.31 Interkulturalität geht von einer Überwindung der Grenzen von Eigen- und Fremdkultur aus. „Die Differenz der Kulturen kann zum Ort der Fremdheit, Interkulturalität zur Erfahrung von Grenzen werden.“32 Die Abgrenzung der Begriffe Inter- und Transkulturalität voneinander fällt dennoch schwer, da sich auch der Interkulturalitätsbegriff beständig weiteröffnet. Besonders innerhalb des Fachgebietes der interkulturellen Literatur sind die Bemühungen groß, die vorherrschenden Perspektiven zu erweitern. So geht die interkulturelle Literaturwissenschaft bei Kultur nicht mehr von „fest umgrenzte[en] Entität[en aus], sondern […] von den Interaktionsprozessen […], bei denen die kulturellen Differenzen zwischen eben diesen Werten, Sitten, Gebräuchen und Praktiken als kulturkonstitutiv verhandelt wird.“33 Das bedeutet, die Differenz zweier Subjekte wird erst im Austausch erzeugt, die Grenzen und Unterschiede seien also nicht schon vorher festgelegt.34 Trotz aller Öffnungsbemühungen wird der Interkulturalitätsbegriff immer wieder kritisiert. Die Vorstellungen von Kulturen als Inseln, als abgrenzbare Bereiche wirken hartnäckig nach, wenn von Flüssen und Gräben, die überbrückt werden müssten, die Rede sei.35

Hier setzt Welsch mit seinen Ausführungen zur Transkulturalität an. In den 1990er Jahren greift er den Begriff auf und macht ihn zur Grundlage eines postmodernen Kulturverständnisses, an dem sich bis heute viele wissenschaftliche Debatten abarbeiten. Transkulturell gedachte Konzepte verabschieden sich von der Vorstellung separierter und homogener insel- und kugelartig abgegrenzter Kulturen.36 „Im Zuge der Globalisierung und Migration sind die modernen Kulturen nach innen hin pluralisiert, nach außen hin frei und offen, in ständiger Bewegung und endlosem Austausch. Eine rigorose Trennung zwischen Eigenem und Fremdem besteht nicht mehr, sondern man findet […][das eine im anderen] wieder.“37 Die Grenzen zwischen Eigenem und Fremden sind porös geworden. Dies sei vergleichbar mit dem modernen Phänomen der „Glokalisierung“, das eine „Ineinanderblendung“ von lokalem und globalem Geschehen beschreibt.38 Welsch betont, dass durch Migrationsprozesse, weltweite Kommunikationssysteme und ökonomische Interdependenzen Kulturen heutzutage hochgradig miteinander verflochten sind. Lebensformen enden heute nicht mehr an Nationalgrenzen, sondern überschreiten diese.39 Übertragen wird dies auf das Verständnis kultureller Identitäten. Individuen identifizieren sich nicht mit einem einzigen Kollektiv, sondern mit mehreren kulturellen Referenzen.40 „Wo ein Individuum durch unterschiedliche kulturelle Anteile geprägt ist, wird es zur spezifischen Aufgabe der Identitätsbildung solch transkulturelle Komponenten miteinander zu verbinden.“41 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich eine transkulturelle Identität also dadurch auszeichnet, dass sie von unabgrenzbaren, miteinander verschmolzenen Aspekten verschiedener Kulturen durchdrungen ist und diese ständigen Veränderungsprozessen ausgesetzt sind.

3.2 Die Herausbildung hybrider Identitäten

„Die Verortung der Kultur“ heißt Bhabhas zentrales Werk, das sich ursprünglich mit poststrukturalistischen Ansätzen von Kultur und mit der Beschreibung postkolonialer Subjekte beschäftigt.42 Idee seines Konzeptes ist, dass neue Identitäten sich in einem „dritten Raum“ ausbilden. Es ist ein symbolischer Raum – ein Aushandlungsort – der entsteht, wenn verschiedene kulturelle Perspektiven aufeinandertreffen und ein Spannungsfeld zwischen Identität und „kultureller Differenz“ entsteht.43 Die kulturelle Differenz „bezeichnet dabei jedoch nicht das antagonistische Gegenüberstehen von Traditionen oder kulturellen Werten, sondern […] den Prozess des Urteilens und Interpretierens, de[n] Differenz permanent hervorbringe“.44 Dies zeigt sich darin, dass Subjekte als „Knoten- und Kreuzungspunkt der Sprachen, Ordnungen, Diskurse, Systeme wie auch der Wahrnehmungen, Begehren, Emotionen, Bewusstseinsprozesse, die es durchziehen“45 verstehbar werden. Durch wechselseitiges Übersetzen und Infrage stellen innerhalb des Raumes wandelt sich die kulturelle Identität von Individuen und eine Mischform entsteht – eine hybride Identität.46 Sie wird innerhalb eines neukonstruierten Zwischenraumes verhandelt und bleibt darin unabgeschlossen, denn es passiert ein fortlaufendes „Überlappen und Verschieben von Differenzbereichen“47. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Differenzen in Bhabhas Theorie ohne Hierarchisierung treffen. So beschreibt er den dritten Raum mit der Metapher eines Treppenhauses als Schwellenraum, der als Verbindungsgefüge dient, in dem sich das Individuum flexibel zwischen den Polen bewegen kann.48

„Das Hin und Her des Treppenhauses, die Bewegung und der Übergang in der Zeit, die es gestattet, verhindern, dass sich Identitäten an seinem oberen und unteren Ende zu ursprünglichen Polaritäten festsetzen. Dieser zwischenräumliche Übergang zwischen festen Identifikationen eröffnet die Möglichkeit einer kulturellen Hybridität, in der es einen Platz für Differenz ohne eine übernommene Hierarchie gibt.“49

Eine hybride Identität kann also zusammenfassend als eine flüssige Form der Identität verstanden werden, die das durchgängige Aushandeln und Bearbeiten unterschiedlicher kultureller Perspektiven verinnerlicht.50

3.3 Unterschiede der Konzepte Transkulturalität und Hybridität

Um im Weiteren die inhaltlichen Ergebnisse des Werkes „Eine Kindheit in Warschau“ passgenauer einordnen zu können, soll an dieser Stelle nochmal deutlich gemacht werden, worin sich die Identitätskonzepte ähneln und unterscheiden. Tatsächlich teilen beide einige inhaltliche Aspekte in ihren jeweiligen Überlegungen. So kritisieren und hinterfragen sie traditionelle Vorstellungen von Kultur als stabilem und abgrenzbarem Raum. Auch die Vorstellung von Individuen scheint eine ähnliche zu sein. Sie werden als von verschiedenen kulturellen Einflüssen durchdrungene Subjekte gesehen, deren Identitäten ständigen Veränderungen ausgesetzt sind.

Die Unterschiede der beiden Perspektiven liegen zum einen in der Entstehung der Konzepte und Denkrichtung der Vertreter. So haben Bhabhas Überlegungen ihren Ursprung in der Literaturwissenschaft und der Psychoanalyse und befassen sich mit Individuen des Postkolonialismus, die von starken kulturellen Hierarchisierungen geprägt waren. Sein Ansatz ist poststrukturalistisch und dekonstruktivistisch, denn bevor er neue Begriffe einführt und hermeneutisch herleitet, dekonstruiert und hinterfragt er zuerst bestehende Konzepte. Über die neuartige Verwendung des Hybriditätsbegriffes hinaus erarbeitet er noch weitere kulturtheoretische Konzepte, wie z.B. die „Mimikry“, in der es um Wertungen und Priorisierungen kultureller Aspekte geht.51 Bhabhas Kulturverständnis geht also weit über den Begriff der hybriden Identität hinaus und kann im Rahmen dieser Arbeit nicht vollständig erfasst werden. Bemerkenswert ist auch, dass Bhabha die Überlegungen in seinem Werk nicht explizit als Kultur- oder Identitätstheorie ausgewiesen hat52, dennoch werden sie im internationalen wissenschaftlichen Diskurs als solche verstanden und verwendet.

Transkulturalität ist ein Begriff, der seinen Ursprung in der Philosophie und Soziologie hat. Er ist hauptsächlich im deutschsprachigen, postmodernen wissenschaftlichen Diskurs zu verorten und schließt unmittelbar an die Überlegungen zu Multi- und Interkulturalität an, die als nicht ausreichend bzw. zutreffend konstituiert werden.

Auch auf inhaltlicher Ebene sind bei den Konzepten Unterschiede festzustellen. So trägt das Individuum im transkulturellen Verständnis das Eigene und das Fremde zwar als verflochtene, voneinander nicht abgrenzbare kulturelle Elemente in sich, hier wird häufig jedoch weniger von einer Aneignung als eher von einer „Prägung“ durch verschiedene kulturelle Aspekte gesprochen53. Transkulturalität wird als Gegebenheit gesehen, die in allen Ebenen von Kultur und Gesellschaft sichtbar wird, so also auch in ihrem elementarsten Teil: Dem Individuum.54 Ebenfalls spielt hierbei die Hierarchie kultureller Einflüsse keine Rolle. Hybridität nach Bhabha dagegen beschreibt nicht nur ein Vermischungsverhältnis, sondern eine Übersetzungs- und Aushandlungssituation.55 Hierbei geht es um eine aktive, jedoch hierarchielose Aneignung kultureller Aspekte durch Verhandlungen in einem übergeordneten symbolischen Raum. Ein zentraler Unterschied liegt also in den Kultur- und Identitätsbildungsprozessen selbst. Während Transkulturalität eher die Kultur und Identität selbst in den Blick nimmt, die zwar offene Grenzen, Vermischungen, Weiterentwicklungen und Integration weiterer kultureller Komponenten miteinbeziehen, geht es bei Hybridisierung um die aktive, „prozessuale und kreative Neukonstruktion von Identitäten“56 in einem symbolischen Raum außerhalb des Subjektes. Transkulturalität nimmt also stärker das Individuum bzw. die Sache selbst in den Blick, Hybridität hat seinen Schwerpunkt auf den Konstruktionsprozessen von Identität und Kultur.

4. Folgerungen aus den bisherigen Ergebnissen

Um die Frage klären zu können, ob sich bei dem Protagonisten Isaac aus dem Werk „Eine Kindheit in Warschau“ eine transkulturelle und/oder eine hybride Identität herausbildet, soll an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst werden, welche Aspekte genau es zu untersuchen gilt. Festgestellt werden konnte, dass Kultur und soziale Beziehungen maßgeblichen Einfluss auf die Identitätsentwicklung von Individuen nehmen. Als Aspekte von Kultur werden daher im Rahmen dieser Arbeit besonders die kulturellen Räume in den Blick genommen, in denen Isaac sich bewegt. Das schließt in erster Linie geografische und institutionelle Räume mit ein. Ebenfalls sollen innerhalb Isaacs kultureller Entwicklung seine Einstellungen zu Religion, Ritualen, Literatur und Wissenschaft genauer untersucht werden. Welchen Einfluss die Sozialbeziehungen auf die Identitätsentwicklung des Protagonisten nehmen, soll anhand der Familienmitglieder und weiterer, innerhalb der Erzählungen auftretenden Figuren festgestellt werden und mit deren kulturellen Hintergründen und Weltanschauungen verknüpft werden. Darauffolgend werden das Verhältnis von Protagonist und Ich-Erzähler und andere strukturelle Merkmale von Bedeutung herausgearbeitet.

[...]


1 Singer 1983

2 vgl. Hofmann 2006: 53ff.

3 ebd.: 8

4 vgl. Erikson 1995: 256

5 ebd.: 36

6 Christl/Brodbeck 2013: 126

7 vgl. Kroger & Marcia 2011 in Christl/Brodbeck 2013: 126

8 Christl/Brodbeck 2013: 127

9 vgl. Keupp 2008: 296

10 vgl. Ebd.: 274

11 vgl. Christl/Brodbeck 2013: 128

12 vgl. Nuissl/Przybylska 2017: 74

13 vgl. Eickelpasch/Rademacher 2004: 8

14 vgl. Nuissl/Przybylska 2017: 11

15 ebd.: 1

16 vgl. Ebd.

17 vgl. Busche 2018: 5ff.

18 vgl. Ebd.: 20f.

19 vgl. Ebd.: 12ff.

20 vgl Nuissl/Przybylska 2017: 22

21 Moosmüller 2009: 15

22 vgl. Ebd.

23 Nuissl/Przybylska 22f.

24 Bering 2003: 158f. in Datta 2005: 72

25 vgl. Nuissl/Przybylska 2017: 22f.

26 vgl. Thomas 2011: 140)

27 vgl. Nuissl/Przybylska 2017: 12

28 vgl. Hofmann 2006: 9

29 vgl. Ebd.: 15

30 vgl. Chiellino 2007: 392

31 vgl. Hofmann 2015: 13

32 Angehrn 2014: 24

33 Hofmann 2005: 11

34 vgl. Ebd: 12

35 vgl. Takeda 2012: 92

36 Welsch 1994: 1

37 Takeda 2012: 56

38 vgl. Datta 2005: 6

39 vgl. Welsch 1995:2

40 vgl. Bolscho 2005: 30

41 Welsch 1994: 18

42 vgl. Ünalan 2013: 22

43 vgl. Bhabha 2000: 55f.

44 Moosmüller 2009: 33

45 Bronfen/Marius in Ünalan 2013:26

46 vgl. Moosmüller 2009.: 168

47 Ünalan 2013: 27

48 vgl.: Ebd.: 5

49 Ebd.: 5

50 vgl. Hofmann 2006: 13

51 vgl. Bhabha 2000: 134

52 vgl. Ünalan 2013: 22ff

53 vgl. Welsch 1994: 12

54 vgl. Ebd.: 11

55 vgl. Bachmann-Medick in: Ünalan 2013: 23

56 Bonz/Struve in: Ünalan 2013: 27

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Transkulturelle und hybride Identitätsbildungsprozesse in Isaac B. Singers "Eine Kindheit in Warschau"
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für Sprachen - Abteilung Deutsch)
Veranstaltung
Hybride Identitäten in Literatur und Film
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V506474
ISBN (eBook)
9783346053985
ISBN (Buch)
9783346053992
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transkulturalität, Hybridität, Hybride Identität, Transkulturelle Identität, Eine Kindheit in Warschau, Isaac B. Singer, Welsch, Homi Bhabha, Interkulturelle Literatur, Interkulturelle Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Sophia Steinort (Autor), 2019, Transkulturelle und hybride Identitätsbildungsprozesse in Isaac B. Singers "Eine Kindheit in Warschau", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506474

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