Goethes Malerin - Louise Seidler. Wie aus "der Stickerin" die erste weibliche Kustodin wurde


Hausarbeit, 2019
17 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 „Das Streben in der Kunst war mein eigentliches Leben“
2.1 Louise Seidler - von der Künstlerin zur Kustodin
2.2 "Goethes Malerin"

3 Der schmale Grad zwischen Künstlerin und antiquierten Frauenbild
3.1. "Die Stickerin" - Kersting
3.2. Louise Seidler - das Selbstbild einer Künstlerin

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Bildverzeichnis

1 Einleitung

„Ja! noch eine Neuigkeit, ich bekomme eine deutsche Malerin, die Mamsell Seidler, ich glaube aus Dresden, zur Nachbarin; sie wird neben meinem Studium [gemeint ist das Atelier] das ihrige haben“, schrieb Julius Schnorr von Carolsfeld 1818 nach Hause an seine Schwes- ter. Und weiter erklärte er: „Mir ist’s nicht lieb, sie ist weder jung, schön, noch liebenswür- dig, noch kann sie was, ich werde ihre nähere Bekanntschaft vermeiden. Ich kann diesen Schlag von Weibern nicht leiden, gewöhnlich sind sie unverschämt und eitel.“1 (Uta Baier: https://www.kulturstiftung.de/nazarenerin-hofmalerin-kustodin/ . 29.08.2019)

Mit diesem „Schlag von Weibern“, war für Julius Schnorr, einem berühmten Maler aus der Epoche der Romantik und zugleich einem der bekanntesten Mitglieder der Narazener Gemeinschaft, vor allem ein Typ Frau gemeint: das selbstbestimmt lebende Pendant zur Hausfrau und Mutter, welches sich von diesen Verpflichtungen selber entband. Nur we- nige Monate nach Ihrer Ankunft in Italien, wurde Louises Anwesenheit in der Nachbar- schaft Schnorrs, jedoch als „geduldet“ bezeichnet. Ob sich die Meinung des renommier- ten Künstlers durch die nähere Bekanntschaft mit der Seidler aus Jena änderte? Dies bleibt Spekulation. Tatsache ist jedoch, dass im 19. Jahrhundert eine unverheiratete und kinder- lose Frau, welche ein Leben als Künstlerin anstrebte ein seltenes Phänomen darstellte. Nachdem Louise Seidler viele Jahre gegenüber Ihrem Freund und Förderer Goethe in den Hintergrund geraten ist, sind Ihre Memoarien und geschaffenen Kunstwerke aktueller und bedeutender denn je. Zeigen Sie doch eine emanzipierte junge Frau, welche sich mit Er- folg und Beharrlichkeit eine anerkannte Position in der Kunstwelt erschuf und jede Mög- lichkeit ergriff, ihr Können in der von Männern dominierten Kunstwelt zu beweisen. Am Ende Ihres Lebens, blickte Louise Seidler auf eine Karriere als Hofmalerin und erste weibliche Kustodin der Herzoglichen Sammlung in Weimar zurück, welches Sie ein- drucksvoll in Ihrer selbstverfassten Biografie, Revue passieren ließ. Dieses literarische Erbe, vermittelt uns heute detaillierte Einblicke in Ihr aufregendes Leben, welches von den wichtigsten und schillerndsten Personen der Kunst- und Weltgeschichte jener Zeit begleitet wurde. Von der Beschreibung Napoleons und dessen politischen Geschicken während der Belagerung Jenas, bis zu privaten Einblicken in das Leben von Goethe und Frommann, gilt Louise Seidlers Biografie, neben der von Wilhelm von Kügelgen, als “… die populärste Künstlerautobiografie des 19. Jahrhunderts“. 2 (Kaufmann, Sylke: Goethes Malerin, die Erinnerungen der Louise Seidler. Berlin. 2003. Buchrückseite)

Inwieweit sich das emanzipierte Verhalten von Seidler, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, an Hand Ihrer Selbstportraits oder dem Gemälde „Die Stickerin“ von Kersting nachweisen lässt, bleibt jedoch bis heute umstritten. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob Seidler Ihre ambitionierten Bestrebungen und Gedanken zu Lebzeiten be- wusst in den Hintergrund Ihres künstlerischen Schaffens stellte und diese nicht auch sym- bolisch in Ihren Werken um setzte? Warum gibt es keine Selbstdarstellungen, welche Louise direkt als Künstlerin ausweisen? War Seidlers Status als „Goethes Malerin“, am Ende trotz Freundschaft und Förderung der Grund, für Ihr heutiges in Vergessenheit ge- raten?

„In einer Ausgabe der Erinnerungen von 1964 im Kiepenheuer Verlag Weimar heißt es im Nachwort von Joachim Müller: „Sie rang tapfer und sehr bewusst um die gesellschaftliche Anerkennung der eigenständig und unabhängig schaffenden Frau. Doch war sie auf dem Gebiete der Malerei und Zeichenkunst, so souverän sie die formalen Mittel ihrer Epoche handhabte, keine Pioniernatur. (…) Sie versuchte eher auszugleichen, abzurunden und lie- benswürdig zu verklären. Man kann verstehen, dass ihr Kinderporträts und Heiligenbilder besonders gut gelangen.“ 3 (Uta Baier: https://www.kulturstiftung.de/nazarenerin-hofmale-rin-kustodin/.29.08.2019)

2 „Das Streben in der Kunst war mein eigentliches Leben“

2.1. Louise Seidler von der Künstlerin zur Kustodin

1786 in Jena geboren, war Louise Seidlers Weg in die gehobene Gesellschaft, durch den im höfischen Dienst stehenden Großvater, von Beginn an geebnet. So machte Sie schon im Alter von fünf Jahren die Bekanntschaft mit Goethe und dessen Familie. Nachdem Sie eine Ausbildung zur Erzieherin in Gotha abgeschlossen hatte, erwuchs in Ihr jedoch der Wunsch, Ihr Leben der Kunst zu widmen. Großen Einfluss auf diese Lebensentscheidung, hatte Ihre Tante Dorothea:

„So wurde ich allmählich ein großes Mädchen, und nach und nach trat der Ernst des Lebens an mich heran. Besonders war es die umsichtige Tante Dorette, die mir schon früh ein- schärfte: daß ich wegen Mangels an Vermögen danach streben müsse, durch Erwerbung viel- seitigr Kenntnisse mir ein unabhängiges Dasein zu gründen. Als daher ihr eigener Unterricht nicht mehr ausreichte, sorgte sie für die tüchtigsten Lehrer; namentlich wußte sie mich zu anhaltendem Fleiße im Zeichnen aufzumuntern, indem sie für meine Erstlingsversuche be- ständig das lebhafteste Interesse kundgab.“ 4 (Sylke Kaufmann: Goethes Malerin, die Erin- nerungen der Louise Seidler. Berlin.2003)

Als Schülerin von Jacob Wilhelm Christian Roux, erlangte Louise erste Einweisungen in das Zeichnen und Kopieren. Nachdem Ihr Verlobter, ein französischer Arzt, welcher wäh- rend der Belagerung Napoleons nach Jena gekommen war, im Zuge des Krieges verstarb, entschloss sich Louise zu einer Reise nach Dresden. Als Ablenkung in der Zeit der Trauer gedacht, durfte Sie hier zwar auf Grund Ihres Status als Frau keine Kunstakademie besu- chen, wurde jedoch privat von Christian Leberecht Vögel und später Gerhard von Kügel- gen unterrichtet. Mit dem Auftragswerk des „Heiligen Rochus“ durch Ihren Freund Goe- the im Jahr 1816, wurde Seidlers künstlerische Fertigkeit das erste Mal auf eine große Probe gestellt. So berichtete Sie über Ihre Verzweiflung, im Rahmen Ihrer lebenslangen Briefkorrespondenz mit Goethe, den Wünschen des Auftraggebers vermeintlich nicht ge- recht werden zu können. Jedoch setzte Sie das Werk für die Rochus Kapelle, trotz an- fänglicher Bedenken mit Bravour um und nahm sogar eigene kleine Änderungen gegen- über Goethes Vorlage vor. In den folgenden Jahren ermöglichte Goethe Seidler ein Sti- pendium an der Kunstakademie in München und einen Italienaufenthalt. Dieser verän- derte den Blickwinkel der Künstlerin nachhaltig. So schloss Sie sich hier der Gemein- schaft der Narazener an, welche sich „…in der romantischen deutschen Künstlerkolonie Roms (Cornelius, Pforr, Schadow, Overbeck, Veit, Schnorr von Carolsfeld u.a.) um eine Erneuerung der christlichen, altdeutschen und präraffaelitischen Kunst bemühte(n)…“5 (Gero von Wilpert: Die 101 wichtigsten Fragen, Goethe. Aichsstetten.2007.S.50). Neben Historienbildern entstanden während Louises Auslandaufenthalt auch einige Ihrer be- kannten Pastell Portraits. Durch familiäre Bedingungen kam Sie schließlich zurück nach Jena und zog mit Goethes Zutun 1823 nach Weimar. Hier hatte Sie die Anstellung als Zeichenlehrerin der Töchter von Großherzog Carl Augusts inne, welcher Sie in Folge zur Hofmalerin ernannte. Durch sein Zutun wurde Louise Seidler die erste Frau im Amt der Kustodin der Großherzoglichen Sammlung. Eine seltene Ehre für eine weibliche Künst- lerin jener Zeit. Vor Ihrem Tod und mit der langsam einsetzten Altersblindheit, verfasste Seidler Ihre Memoarien, welche bis heute als populärste Künstlerautobiographien des 19. Jahrhunderts gilt. Louise Seidlers künstlerisches Schaffen beinhaltete neben der Histori- enmalerei, dem bekannten Rochus Bildnis vor allem die Portraitmalerei, welcher Sie in Pastellen Ausdruck verlieh. Besonders bekannt hierbei, Ihr Selbstportrait (Abbildung 1) und das von Goethe (Abbildung 2). Letzteres führte vor allem zu dem Bekanntwerden der Seidler als Künstlerin in der damaligen Zeit. Doch war dieser Status für Louise tat- sächlich auf Ihrem handwerklichen und künstlerischen Geschick begründet? Oder doch vielmehr auf dem berühmten dargestellten Maler?

2.1. „Goethes Malerin“

„Goethes Abschied von Dresden wurde mir erleichtert durch seine Einladung, ihn im Winter in seinem Hause zu besuchen. Er wollte mir erlauben, ihn zu malen, um mich dadurch als Portraitmalerin bekannt zu machen […] Um den Zweck zu erfüllen, der mich gegen die Jah- reswende 1810-11 nach Weimar geführt hatte, schenkte mir Goethe täglich früh Morgens einige seiner kostbaren Stunden, während deren ich Ihn in Pastell malte […] Goethes Portrait war endlich vollendet, und das Original sprach sich- zu meinem höchsten Stolze- befriedigt darüber aus. Das Bild durfte mein Eigenthum bleiben, damit es mir noch nützlich würde. Ich hütete es ängstlich wie einen Schatz;überall führte ich es mit mir herum.“ 6 (Sylke Kaufmann: Goethes Malerin, die Erinnerungen der Louise Seidler. Berlin.2003 S.62 /66/72)

In Ihrer eigenen Biografie verdeutlicht Louise Seidler, welch „Geschenk“ es für Sie war, einige der „kostbaren“ Stunden Goethes „geopfert“ zu bekommen. Der Maler war zeitle- bens für Seidler ein Mentor, Freund und Vorbild. Auch verhalf er Ihr neben besagten Portrait, zu dem Auftrag bezüglich des „Heiligen Rochus“ und der Möglichkeit die Münchner Kunstakademie zu besuchen, sowie die Italienreise zu unternehmen. Der be- liebte und geschätzte Goethe hatte das Potenzial und Geschick der Seidler schon früh erkannt. Mit dem Pastell Goethes von 1811 (Abbildung 2), ermöglichte er der jungen Künstlerin Ihr Können unter Beweis zu stellen und Sie auf die Bühne der Malerei des 19. Jahrhunderts zu etablieren. So findet man in der Biografie von Louise Seidler nur positive Äußerungen bezüglich Goethe, welche sich an manchen Stellen sogar schon mit einem verliebt wirkenden Unterton lesen lassen. Doch war die Hilfe des Malers tatsächlich so förderlich für die Karriere von Seidler? Ohne Frage war es Goethes Ansehen und Stellung in Weimar, welcher es Louise verdankte, nach Ihrem Umzug zugleich eine Anstellung als Zeichenlehrerin inne zu haben. Goethes Zutun haben wir es mit Sicherheit auch zu verdanken, dass die erste weibliche Kustodin der Geschichte, keine Geringere als Louise Seidler war. Für diese These spricht die Tatsache, dass Louise sich nach Goethes Tod nicht mehr lange in Ihrem Amt halten konnte und schon bald ersetzt wurde. Die bereits erwähnte Biografie von Seidler wurde mehrfach neu aufgelegt. Louise Seidler verstarb 1866 in Weimar und erst im Jahr 1873 wurde Ihr schriftlicher Nachlass von Hermann Uhde bearbeitet und unter dem Titel „Erinnerungen“ herausgegeben. Der Originaltext von Seidler, gilt bis heute als Verschollen.

„Die Neuauflage der Erinnerungen kam- aus verkaufsfördernden Überlegungen- selbst im Jahr 2003 nicht ohne Bezug zu Goethe aus und heißt deshalb „Goethes Malerin“. Louise Seidler wäre mit diesem Titel wahrscheinlich gar nicht so unzufrieden gewesen. Denn ihre Bekanntschaft zu Goethe bestimmte ihr Leben lange Zeit, oft entscheidend, immer wieder. Der Dichter förderte und unterstützte sie auf ihrem Weg zur Künstlerin, auch wenn sie nie- mals „seine“ Malerin wurde, sondern ihren eigenen Weg fand und ging.“7 ( Uta Baier: https://www.kulturstiftung.de/nazarenerin-hofmalerin-kustodin/. 29.08.2019 )

Es wird deutlich, dass Louise Seidler ohne das Zutun von Goethe vermutlich keinen so erfolgreichen Weg als Malerin zu Lebzeiten hätte einschlagen können. Jedoch hatte Sie nach seinem Tod nicht nur den Verlust eines Freundes, sondern auch Ihr langsames in Vergessenheit geraten zu betrauern. Bis heute gibt es nur wenige literarische und künst- lerische Quellen, welche von Louises Existenz berichten. Weder findet man ausführliche Hinweise zu Ihrem Schaffen und Leben in Bezug auf Ihre Zeit bei den Narazenern noch die der in Weimar. Bekannt ist die Malerin bis heute vor allem für Ihr Pastell von Goethe und Ihre Biografie, welche jedoch dessen Namen diese im Titel mitträgt. Somit war Goe- the für Seidlers Aufstieg als weibliche Künstlerin in großem Maße mit verantwortlich, sorgt im Nachgang jedoch zusätzlich für Ihre Herabdegradierung als „Goethes Malerin“ und die wenige Beachtung Ihrer Kunstwerke. Doch hat auch Louise Ihr Zutun an Ihrer zwiespältigen Wahrnehmung als Künstlerin? Spielte Sie die epochengemäßen Rollenkli- schees der Frau im 18. Jahrhundert vielleicht sogar zu Ihrem Vorteil aus?

[...]


1 Uta Baier: https://www.kulturstiftung.de/nazarenerin-hofmalerin-kustodin/

2

3 Uta Baier: https://www.kulturstiftung.de/nazarenerin-hofmalerin-kustodin/. 29.08.2019

4 Sylke Kaufmann: Goethes Malerin, die Erinnerungen der Louise Seidler. Berlin.2003

5 Gero von Wilpert: Die 101 wichtigsten Fragen, Goethe. Aichsstetten.2007.S. 50

6 Sylke Kaufmann: Goethes Malerin, die Erinnerungen der Louise Seidler. Berlin.2003 S.62 /66/72

7 Uta Baier: https://www.kulturstiftung.de/nazarenerin-hofmalerin-kustodin/. 29.08.2019

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Goethes Malerin - Louise Seidler. Wie aus "der Stickerin" die erste weibliche Kustodin wurde
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,3
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V506710
ISBN (eBook)
9783346060716
ISBN (Buch)
9783346060723
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethes, malerin, louise, seidler, stickerin, kustodin
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Goethes Malerin - Louise Seidler. Wie aus "der Stickerin" die erste weibliche Kustodin wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506710

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