"Dichte Konstruktionen" in der deutschen Syntax. Zusammenhänge zum prosodischen Design und Abhängigkeit vom Gesprächskontext


Seminararbeit, 2019
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aktueller Forschungsstand
1.2 Die Forschungsfrage

2 Die ‚Dichten Konstruktionen
2.1 Uneigentliche Verbspitzenstellungen im narrativen Präsens
2.1.1 Weitere Beispiele
2.1.2 Zwischenfazit
2.2 Infinitkonstruktionen
2.2.1 Weitere Beispiele
2.2.2 Zwischenfazit
2.3 Subjektlose Infinitkonstruktionen
2.3.1 Weitere Beispiele
2.3.2 Zwischenfazit
2.4 Minimale Setzungen
2.4.1 Weitere Beispiele
2.4.2 Zwischenfazit

3 Die Zusammenhänge
3.1 Das prosodische Design
3.2 Der Kontext

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Besonders in den letzten Jahren haben wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Linguistik herausgearbeitet, dass, so Günthner (2006: S. 96), „sprachliche Analysen wie auch Sprachtheorien nicht länger auf erfundenen, an der Schriftsprache orientierten Beispielsätzen zu gründen sind, sondern auf dem tatsächlichen […] Sprachgebrauch im jeweiligen Kontext.“ Bedeutet, dass die Analysen sich auf echte Gespräche in der alltäglichen Kommunikation stützen sollen und nicht auf erfundenen Beispielsätze, die an die Schriftsprache angelehnt sind.

„Innerhalb von Alltagserzählungen“, so Günthner (2006: S. 97), „finden sich immer wieder grammatische Konstruktionen, die mit den Regeln der deutschen Standardgrammatik nur schwer zu beschreiben sind.“ In der Literatur werden diese Anordnungen mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten bezeichnet: Betten (1985) spricht von „fragmentarischen Gesprächsäußerungen“, Sandig (2000) von „elliptischen Strukturen“ und Schwitalla (2003) von „Kurzformen“. Auch der Duden führt eine Bezeichnung für diese Konstruktionen an und formuliert damit dieses Phänomen nochmals deutlicher aus:

„In der gesprochenen Sprache ist eine Vielzahl von Äußerungen zu beobachten, die als vollständige kommunikative Handlungen empfunden werden, die aber in der Form nicht dem prototypischen schriftsprachlichen Satz mit Referenz und Prädikation entsprechen. Als Folge der Schriftorientierung des Sprachbewusstseins ist vielfach versucht worden, diese Äußerungen dennoch als vollständige Sätze zu betrachten, von denen aus verschiedenen Gründen und aufgrund bestimmter Kontextbedingungen bestimmte Elemente lediglich nicht explizit versprachlicht werden. Aus dieser Sichtweise handelt es sich bei den nicht satzförmigen Äußerungen um Ellipsen“ (Duden 2016: S. 1229f).

Für den Duden sind Ellipsen somit alltagssprachliche Konstruktionen, welche zwar den Anschein der Vollständigkeit wahren, im Endeffekt aber unvollständig sind. Es sind Sätze, die, so der Duden (2016: S. 1229f), „nicht dem prototypischen schriftsprachlichen Satz mit Referenz und Prädikation entsprechen.“ Günthner hingegen ist nicht dieser Meinung. Sie behandelt diese Konstruktionen viel mehr als „syntaktisch produktive Muster mit bestimmten formalen und funktionalen Charakteristika.“ Der Begriff ‚Dichte Konstruktionen‘ wird dabei für die „‚fragmentarischen‘ Formen, die in Alltagserzählungen gehäuft auftreten“ (Günthner 2006: S. 99) verwendet. Sie geht sogar so weit, diese ‚Dichten Konstruktionen‘ als „grammatikalisierte“ Konstruktionen zu bezeichnen, die von Sprechern gezielt eingesetzt werden (Günthner 2006: S. 98).

Ganz allgemein handelt es sich bei ‚Dichten Konstruktionen‘ um „syntaktische Gestalten, die insofern von standardgrammatischen Regeln abweichen, als bestimmte topologische Positionen nicht gefüllt werden“ (Günthner, König 2016: S. 193f). Meist handelt es sich bei diesen Positionen sowohl um das Vorfeld als auch um die linke Satzklammer. Trotzdem sind die dichten Konstruktionen konventionalisiert und gelten als „fester Bestandteil des sprachlichen Wissensvorrats“; wir „verwenden sie in spezifischen Gattungen zur Durchführung spezifischer kommunikativer Aufgaben“ (Günthner, König 2016: S. 193f). Meist geschieht dies unwissentlich, trotzdem erfüllen die Konstruktionen ihren Zweck und werden von den Interagierenden verstanden. Eine spezifischere Einführung in den Begriff ‚Dichte Konstruktionen‘ sowie die unterschiedlichen Ausführungen erfolgen in Kapitel 2.

1.1 Aktueller Forschungsstand

Günthner bietet mit ihrer Arbeit „Grammatische Analysen der kommunikativen Praxis“ bereits eine gute Einführung und Zusammenfassung der unterschiedlichen ‚Dichten Konstruktionen‘. Nach weiteren Forschungsansätzen in diese Richtung sucht man hingegen beinahe vergeblich. Es gibt kaum empirische Studien, welche sich mit der tatsächlichen Nutzung dieser „grammatischen Konstruktionen in alltäglichen Interaktionen“ (Günthner 2006: S. 98) beschäftigen. Viele Arbeiten sind rein auf den theoretischen Ansatz ausgelegt und vernachlässigen die Untersuchung von Alltagsgesprächen.

An dieser Stelle können jedoch auch einige nutzungsabhängige Ansätze angeführt werden. Zu Beginn der 2000er Jahre, war Adele Goldberg (2003) auf diesem Gebiet tätig und veröffentlichte mehrere Artikel zu diesem Thema. Als einer der Wichtigsten gilt „Constructions: A New Theoretical Approach to Language“. Zu beachten ist hierbei, dass, so Günthner (2006: S. 98), Fragen zu „sequenziellen, kontextuellen und gattungsspezifischen Gebrauchsweisen der entsprechenden Konstruktionen“ nicht behandelt werden.

Eine weitere wichtige Arbeit, welche einen anderen Blickpunkt auf die ‚Dichten Konstruktionen‘ gibt, wurde von Brigitte Handwerker (2015) verfasst. Sie untersucht in ihrer Arbeit „ Komplexe Ereignisse und dichte Konstruktionen“ die Zusammenhänge der ‚Dichten Konstruktionen‘ mit dem L2-Erwerb des Deutschen.

1.2 Die Forschungsfrage

Die Arbeit von Günthner bietet zwar einen guten Einstieg in das Gebiet der ‚Dichten Konstruktionen‘, einige Fragen bleiben jedoch noch unbeantwortet. Daher ergibt sich folgende Forschungsfrage, welche in dieser Seminararbeit nun behandelt werden soll:

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen den vier von Susanne Günthner beschriebenen dichten Konstruktionen im Hinblick auf das prosodische Design und inwiefern sind sie vom Kontext und der Gesprächssituation abhängig?

Um die Forschungsfrage zu beantworten, folgt zu Beginn eine kurze Einführung in die unterschiedlichen Kategorien der ‚Dichten Konstruktionen‘, die jeweils mit einigen Beispielen aus der Alltagskommunikation angereichert werden. Um an diese Alltagskommunikationen zu gelangen, wurde auf die Datenbank für gesprochenes Deutsch (DGD) zurückgegriffen, welche transkribierte Gespräche für Forschungen bereithält. Da der verwendete ‚Forschungs- u. Lehrkorpus für gesprochenes Deutsch‘, genannt FOLK, sehr umfangreich ist, wurden 15 unterschiedliche Situationen gewählt, um aus jenen die Beispiele zu suchen. Die ausgewählten Transkripte für den Korpus sind im Anhang hinterlegt. Dadurch, dass öffentliche Situation kaum im DGD vorkommen, besitzt der untersuchte Korpus mehr private Gespräche als Öffentliche.

Anhand der Kommunikationsbeispiele, die aus dem DGD entnommen wurden, wird versucht, ein Zusammenhang zwischen den prosodischen Merkmalen sowie dem Kontext, in welchem die jeweiligen Gespräche stattfinden, zu gestalten. Einerseits geschieht dies zum Teil bereits während den einzelnen Einteilungen der ‚Dichten Konstruktionen‘, andererseits werden in Kapitel 3 die Zusammenhänge und Unterschiede herausgearbeitet und präsentiert. Im Fazit erfolgt dann schlussendlich die Beantwortung der Forschungsfrage.

Diese Seminararbeit beschäftigt sich ausschließlich mit den ‚Dichten Konstruktionen‘ die Günthner in ihrer Arbeit beschrieben hat. Andere Theorien beziehungsweise andere wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit ähnlichen Thematiken beschäftigen, werden hingegen nicht behandelt.

2 Die ‚Dichten Konstruktionen‘

Günthner teilt in ihrer Arbeit die ‚Dichten Konstruktionen‘ in vier Bereiche ein: den ‚Uneigentlichen Verbspitzenstellungen im narrativen Präsens‘, den ‚Infinitkonstruktionen‘, den ‚Subjektlosen Infinitkonstruktionen‘ sowie den ‚Minimalen Setzungen‘. Im Folgenden sollen nun alle vier einzeln eingeführt und auf ihre prosodischen Merkmale untersucht werden, um in einem zweiten Schritt die Zusammenhänge zwischen den vier Kategorien herauszuarbeiten.

2.1 Uneigentliche Verbspitzenstellungen im narrativen Präsens

Ganz allgemein ist die ‚Uneigentliche Verbspitzenstellung im narrativen Präsens‘ eine Konstruktion, die in „Gesprächen im Zusammenhang mit Erzählungen immer wieder verwendet wird“ (Günthner 2006: S. 99). Erkennbar ist sie daran, dass das Vorfeld unbesetzt ist und stets mit dem finiten Verb einsetzt. Günthner (Vgl. 2006: S. 99) schreibt, dass diese Konstruktion in der Standardsprache nur in wenigen Fällen vorkommt, in der gesprochenen Sprache gibt es hingegen zahlreiche Möglichkeiten sie einzusetzen.

Günthner (2006: S. 99) gibt in ihrer Arbeit folgendes Beispiel für die ‚Uneigentlichen Verbspitzenstellungen im narrativen Präsens‘:

AUTOUNFALL II

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Interessante an diesen Konstruktionen ist das unbesetzte Vorfeld. Die einzelnen Intonationsphrasen beginnen direkt mit dem Finitum (KOMM, STEIG, SEH). Damit lässt sich sagen, dass die Äußerungen mit dem „semantisch zentralen Verbteil und damit der Nennung der erzählten Handlung“ (Günthner 2006: S. 101) einsetzen. Zu beobachten ist hierbei auch der Hauptakzent, der jeweils auf dem Verb liegt.

Im Folgenden sollen nun Beispiele aus dem bearbeiteten Datenkorpus untersucht und bearbeitet werden.

2.1.1 Weitere Beispiele

Beim ersten Beispiel handelt es sich um ein Stammtischgespräch zwischen drei Männern und einer Bedienung in einem Lokal:

Bsp. 2: STAMMTISCHGESPRÄCH (Transkript FOLK_E_00266_SE_01_T_01)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie bereits im vorherigen Beispiel, ist auch hier das Vorfeld der markierten Stellen nicht besetzt. Die Intonationsphrasen beginnen mit einem finiten Verb (KOMM, GEH). Damit kristallisieren sich bereits einige wichtige prosodische Merkmale der ‚Uneigentlichen Verbspitzenstellung im narrativen Präsens‘ heraus. Dazu zählen unter anderem die Hauptakzente, die, wie bereits erwähnt, immer auf dem finiten Verb liegen, welches zu Beginn der Intonationsphrase steht. Dadurch, dass das Vorfeld unbesetzt ist, „wirkt die Darstellung […] folglich dichter und expressiver“ (Günthner 2006: S. 101).

Sehr interessant ist auch die Tonhöhenbewegung am Ende der einzelnen Intonationsphrasen. Meist handelt es sich um einen leicht ansteigenden Ton, selten um einen Gleichbleibenden. Dass die Intonation am Ende fallend ist, wurde hingegen bei keinem Beispiel beobachtet.

Besonders im oben angeführten Beispiel 2 fällt bei Betrachtung der Feldpositionierung auf, dass manchmal sogar die rechte Satzklammer unbesetzt bleibt. Dies lässt die Äußerung nochmals stärker komprimiert erscheinen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es folgen nun weitere Beispiele, um die These zu unterstützen, dass es sich meist um Gespräche im privaten Bereich handelt. Im ersten Beispiel dreht es sich um ein Gespräch zwischen zwei Studentinnen, die über ihre Zukunft, beziehungsweise über die Arbeitsmöglichkeiten mit ihrem Studium sprechen. Das zweite Beispiel handelt von einem Paar, welches zusammen in ihrer Wohnung ein Brettspiel spielt und das Dritte ist eine Gesprächsrunde in einer Bar. Bei allen Beispielen handelt es sich wieder um private Interaktionen:

Bsp. 3: STUDENTENGESPRÄCH (Transkript FOLK_E_00046_SE_01_T_01)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bsp. 4: PARTNERGESPRÄCH (Transkript FOLK_E_00043_SE_01_T_01)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bsp. 1: STAMMTISCHGESPRÄCH (Transkript FOLK_E_00266_SE_01_T_01)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Blick auf das prosodische Design, lassen sich auch hier wieder die gleichen Punkte aufzeigen, wie im oben angeführten Beispiel. Der Hauptakzent liegt immer auf dem finiten Verb, die Tonhöhenbewegung am Ende der einzelnen Intonationsphrasen ist leicht steigend. Der einzige Unterschied zum vorherigen Beispiel besteht darin, dass die rechte Satzklammer diesmal besetzt ist.

Mit Blick auf den Verwendungszweck der ‚Uneigentlichen Verbspitzenstellung im narrativen Präsens‘, spricht Günthner (2006: S. 105) davon, dass die Konstruktion „nicht nur primär in szenischen Erzählpassagen verwendet [wird], sondern […] zugleich eine kommunikative Ressource zur Inszenierung vergangener Ereignisse und zur Kontextualisierung von Dynamik, Dramatik, Spannung und Emphase [bildet].“ Damit ist es für den Sprecher möglich, Ereignisse schneller und in gewisser Weise spannender zu erzählen beziehungsweise auf Fragen oder Anmerkungen in schnellerem Tempo zu reagieren und diese zu beantworten.

2.1.2 Zwischenfazit

An dieser Stelle soll ein kurzes Zwischenfazit zu den ‚Uneigentlichen Verbspitzenstellungen im narrativen Präsens‘ folgen. Der Vergleich der unterschiedlichen ‚Dichten Konstruktionen‘ erfolgt dann in Kapitel 3.

Auffallend bei der Recherche in der Datenbank für gesprochenes Deutsch war, dass die ‚Uneigentliche Verbspitzenstellung im narrativen Präsens‘ so gut wie nur in privaten Gesprächen stattfindet. In öffentlichen Gesprächen konnte das Phänomen hingegen nicht beobachtet werden. Auch Günthner führt in ihren Beispielen zum Großteil nur Gespräche auf, die im privaten Kontext stattfinden. Nur eines ihrer Beispiele findet in einem öffentlichen Kontext statt: in der Harald Schmidt Show. Die Harald Schmidt Show versucht ihren Gästen ein Gefühl von Privatsphäre zu schaffen beziehungsweise den Anschein zu erwecken, dass sich die Gäste wie zu Hause im Wohnzimmer unterhalten können. Dies ist besonders an der Einrichtung des Studios sowie der besprochenen Themen zu erkennen. Daher lässt sich sagen, dass dieses Gespräch zwar in einem öffentlichen Kontext stattfindet, die Kommunikation aber auch zum Teil privat ist.

Mit Blick auf die Gesprächsinhalte lässt sich hingegen kein Fokus festhalten. Die besprochenen Themen sind sehr unterschiedlich und gehen von Panikattacken, zu Studienanliegen sowie Freizeitbeschäftigungen bis zu Spieleabende und Stammtischgesprächen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
"Dichte Konstruktionen" in der deutschen Syntax. Zusammenhänge zum prosodischen Design und Abhängigkeit vom Gesprächskontext
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V506769
ISBN (eBook)
9783346064745
ISBN (Buch)
9783346064752
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dichte Konstruktionen, prosodisches Design, Linguistik, Gesprächssituation, Infinitkonstruktionen, Subjektlose Infinitkonstruktionen, Minimale Setzungen, gesprochenes Deutsch, Prosodie, Grammatik des Gesprochenen, Komplexe, Ereignisse, Gesprächsäußerung
Arbeit zitieren
Simon Riegler (Autor), 2019, "Dichte Konstruktionen" in der deutschen Syntax. Zusammenhänge zum prosodischen Design und Abhängigkeit vom Gesprächskontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506769

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