Die "triuwe" Kriemhilds gegenüber Siegfried im Nibelungenlied und der Nibelungenklage. Unterschiedliche Interpretationen der Rache


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

I.Einleitung

II. Hauptteil
1.)Zum Begriff der triuwe
2.) Kriemhilds triuwe
a) Kriemhilds triuwe im Nibelungenlied
b) Kriemhilds triuwe in Diu Klage
c) Zwischenfazit
3.) Der Untergang der Burgunder

III. Schluss und Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Burgunder sind vernichtet, der Etzelhof befindet sich in der Auflösung und König Etzel kann nur noch klagen, so dass man sich am Ende nur noch über ihn lustig machen kann und er ganz aus der Memoria verschwindet. – Dies ist der Ausgangspunkt, den uns, dem heutigen Rezipienten, das Nibelungenlied und Diu Klage hinterlässt. Doch eine Frage bleibt dennoch bestehen: Wie konnte es soweit kommen? Was war der Anlass für diesen mittelalterlichen „Vernichtungskrieg“?

Dieser Frage möchte ich in dieser Hausarbeit nachgehen.

Anhand der folgenden These möchte ich darstellen, warum es zur Ausrottung des burgundischen Heeres am Etzelhof kommen konnte. Die These, die ich hierbei entweder verifizieren oder falsifizieren möchte, lautet: „Aufgrund der triuwe Krimhilds zu Siegfried wird dessen Ermordung zum Anfang vom Ende der Burgunder.“ Hierbei möchte ich mich vor allem auf Diu Klage beziehen, in der in den Zeilen 3966 – 3984 dies explizit erwähnt wird. Aber auch im Nibelungenlied wird diese außergewöhnliche triuwe -Bindung Kriemhilds an Siegfried mehrfach erwähnt.

Jedoch möchte ich in meiner Darstellung erstmals den Begriff der triuwe an sich kurz charakterisieren, um ihn danach auf die unterschiedliche Darstellung Kriemhilds im Nibelungenlied und in Diu Klage anwenden. Im Fazit werde ich dann meine vorherigen Beobachtungen zusammentragen, um sie in einem größeren, beide Texte betreffenden, Kontext zu deuten und um die oben aufgeworfene Frage des Warums zu beantworten.

II. Hauptteil

1.) Zum Begriff triuwe

Die Bedeutung der triuwe ist mannigfaltig. Es bedeutet nicht nur Wohlmeinheit, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Treue, gegebenes Wort, Gelübde und versprechen1, sondern es zählt auch zu einen der höchsten Tugenden der mittelalterlichen Gesellschaft und definiert die ethische Identität der Menschen zu dieser Zeit.2 Die triuwe ist somit Träger von persönlichen Eigenschaften und bezieht Aspekte wie Menschlichkeit, Solidarität, Mitgefühl, aber auch die Nächstenliebe mit ein.3 Sie ist somit auch Grundlage personaler Bündnisse4, da die „durch die triuwe gestiftete Identität […] in der Verlässlichkeit der Person in Bezug auf ihren Charakter sowie die von ihr eingegangenen Bindungen und Verpflichtungen“ bestand.5

Im Kontext mit Kriemhild und den Burgundern bedeutet dies, dass ihre triuwe Bindung zu ihrer mâge all die oben genannten personaler Bindungen beinhaltet, was erklären würde, weshalb sie, nach Siegfrieds Tod, am Wormser Hof bleibt, anstatt mit Siegmund zurück nach Xanten zu ihrem Sohn zu kehren. Ihre triuwe gegenüber ihrer mâge ist nicht nur eine, wie man heute sagen würde, Verwandtschaftsliebe, sondern ein existenzielles Bedürfnisse, da sie ansonsten aus allen gesellschaftlichen Sicherheiten, die der Wormser triuwe -Verband ihr gewährt, herausfallen würde.

Im Kontext mit Kriemhild und Siegfried ist die triuwe Bindung Kriemhilds noch stärker, was in den nächsten Abschnitt verdeutlicht werden soll, wobei ich zuerst auf die Beschreibung der triuwe Kriemhilds im Nibelungenlied eingehen möchte, um dann die triuwe Kriemhilds in Diu Klage zu analysieren.

2.) Kriemhilds triuwe

a) Kriemhilds triuwe im Nibelungenlied

An vielen Stellen im Nibelungenlied kann der Rezipient etwas über die triuwe Kriemhilds zu Siegfried erfahren. Allein schon die Vorausdeutungen lassen den Schluss zu, dass die Burgunder für etwas büßen mussten, was sie Kriemhild angetan haben. So erzählt etwa der Erzähler gleich am Anfang:

dar umbe muose degene viel verliesen den lîp.“6

Und an anderer Stelle macht der Erzähler diese Vorausdeutung noch explizierter, wenn er erzählt:

[…] wie sêre sie daz rach

an ir naechsten mâgen, die in sluogen sint!

durch sîn sterben starp viel maneger muoter kint.7

Allein diese beiden Textstellen müssten eigentlich genügen, um die ungewöhnliche triuwe -Bindung von Kriemhild zu Siegfried zu verdeutlichen. Es wird nämlich ersichtlich, dass allein der Tod Siegfrieds fürs den Untergang der Burgunder verantwortlich gemacht wird („ durch sîn sterben8 ). Warum aber ist diese triuwe -Bindung zu Siegfried so außergewöhnlich, dass dessen Tod den Untergang der Nibelungen hervorruft? Das Nibelungenlied gibt darauf in der zwanzigsten Aventiure eine Antwort. Während des Gespräches zwischen Rüdiger und Kriemhild weißt die „ jâmers rîche9 Rüdiger darauf hin, dass sie Etzels Werbung heftig zurückweißt10 mit der Begründung, dass sie

jâ verlôs […] den besten, den ie frouwe gewan.“11

Und einigen Strophen weiter erklärt sie:

[…]: „wie möhte mînen lîp immer des gelusten, daz ich wurde heldes wîp?

mir hât tôt an einem sô rehten leit getân,

des ich unz an mîn ende muoz unvroeliche stân. 12

Es wird deutlich, dass diese triuwe gegenüber Siegfried sich aus allen gesellschaftlichen Beziehungen gelöst hat.13 Sie wird hierbei zu etwas absoluten, zu etwas was aus dem „Geflecht gewöhnlicher triuwe -Bindungen“ herausfällt, da sich Kriemhilds minne nicht auf die Position Siegfrieds als König bezieht und somit die Wiederherstellung dieser Position den Schmerz Kriemhilds über den Verlust nicht ersetzten kann.14 Denn „spätestens mit dem Verlust, dem Mord an Siegfried, wird aus einer dynastischen Konvenienz gemäß geschlossenen Ehe eine alle anderen Verbindungen ausschließende minne.“15

Aber auch die körperlichen und seelischen Verletzungen Kriemhilds legen eine Spur, „die auf das später zum Tragen kommende Motiv der unerbitterlichen Rache hinleitet.“16 Dies wird mit dem Ausspruch Kriemhilds deutlich, wenn sie sagt:

Mir hât tôt an einem sô rehten leit getân,

des ich unz an mîn ende muoz unvroeliche stân.17

Es ist somit egal „von welcher Qualität die Bindung auch sein mag, […], fest steht, dass Kriemhild eine Form von triuwe Siegfrieds gegenüber lebt, die sich nach seinem Tod desaströs auswirkt und den weiteren Verlauf der Handlung maßgeblich bestimmt.“18 Da Kriemhild mit Siegfrieds Tod ein unermessliches leit angetan worden ist, ist es von daher, anhand des oben zitierten Textstelle, klar, dass eben dieses leit die Motivation für Kriemhilds blutige Rache an ihren Verwandten ist.19

Aber auch die oben genannte Verpflichtung gegenüber demjenigen, mit dem man eine triuwe -Bindung eingegangen ist wird im Nibelungenlied explizit von Kriemhild erwähnt, wenn der Erzähler berichtet, dass sie

den beiden sagte […],

daz si gezaeme weinen und niht anderes baz.20

Hier wird deutlich, dass Kriemhild sich auch noch über den Tod Siegfrieds hinaus sich ihm gegenüber verpflichtet fühlt und dass es auch noch ihre Pflicht nach dreizehn Jahren sei um ihn zu trauern.

In dieser Aventiure wird deutlich, dass Kriemhild eine völlige Identifikation mit Siegfried eingegangen ist, die nur die „Erweiterung ihres Gatten darstellst“ und zwar eine Erweiterung zu einem einzigen Herrschaftskörper.21 Somit ist sie aus allen anderen kollektiven Bindungen zu ihrer Verwandtschaft herausgefallen.22

b) Kriemhilds triuwe in Diu Klage

In der Forschung ist es Konsens, dass Diu Klage als kommentierte Fortsetzung des Epos anzusehen ist.23 Es ist somit vorstellbar, dass die Klage eine Art Sequel zum Nibelungenlied darstellt, in dem nicht nur das Nibelungenlied und dessen Geschichte kommentierend interpretiert wird, sondern auch eine andere Sicht auf die triuwe Kriemhilds zu Siegfried geliefert wird. Diu Klage kann somit auch als eine zeitgenössische Reaktion auf das Epos und als einen Versuch, den Burgundenuntergang zu deuten und zu werten, angesehen werden.24

So wird in Diu Klage, im Gegensatz zum Nibelungenlied, Kriemhild nicht als teuflische Verderberin25, sondern als eine vor Gott gerechten dargestellt.26 So erzählt der Erzähler der Klage, dass

got hât uns allen daz gegeben,

swes lîp mit triuwen ende nimt,

daz der zem himelrîche zimt.27

Kriemhilds triuwe wird somit also in einen christlichen Kontext gestellt und gibt der Racheaktion Kriemhilds einen Sinn28, denn sie stellt Kriemhilds Rache auf Grund der triuwe zu Siegfried als prinzipiell richtig und gut dar.29

Auch an anderer Stelle in Diu Klage wird Kriemhilds Rache als prinzipiell richtig und als erlaubt dargestellt, da sie nur aus triuwe so gehandelt hat. So lässt der Erzähler Etzel sagen:

het ich di ganzen triuwe

an ir vil werdem lîbe erkant,

ich het mit ir elliu lant

gerûmt ê ich si het verlorn.

getriuwer wîp wart nie geborn

von deheiner muoter mêre.30

[...]


1 vgl. Kückemanns, triuwe, 5.

2 vgl. Ehrismann, Ehre, 212.

3 vgl. Kückemanns, triuwe, 6.

4 vgl. Kückemanns, triuwe, 8.

5 vgl. Ehrismann, Ehre, 213.

6 vgl. NL 2,4; vgl. auch Schulze, Amazonen und Teufelinnen, 107.

7 vgl. NL 19, 2-4.

8 ebd.

9 s. NL 1218, 1.

10 vgl. NL 1219, 1.

11 s. NL 1233, 4.

12 s. NL 1238.

13 vgl. Müller, Nibelungenlied, 112.

14 vgl. Müller, Nibelungenlied, 110.

15 s. Müller, Nibelungenlied, 111.

16 vgl. Kückemann, triuwe, 111-112.

17 s. Fn. 12.

18 s. Kückemann, triuwe, 112; vgl. auch: Müller, Nibelungenlied, 114; Bernreuther, Motivationsstruktur, 52; Müller, Spielregel, 165.

19 vgl. Bernreuther, Motivationsstruktur, 52.

20 s. NL 1242, 3-4.

21 vgl. Gephart, Zorn der Nibelungen, 80.

22 vgl. Gephart, Zorn der Nibelungen, 99.

23 vgl. exemplarisch: Müller, Die Klage, 166; wohl auch: Bennewitz, Chlage, 27.

24 vgl. Müller, Die Klage, 168.

25 vgl. Schulze, Amazonen und Teufelinnen, 115-116; Ehrismann, Ehre, 213.

26 vgl. KL 571-576.

27 ebd.

28 vgl. Zimmermann, Krieg, 522, 532.

29 vgl. Zimmermann, Krieg, 523.

30 s. KL 830-835.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die "triuwe" Kriemhilds gegenüber Siegfried im Nibelungenlied und der Nibelungenklage. Unterschiedliche Interpretationen der Rache
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V506799
ISBN (eBook)
9783346063717
ISBN (Buch)
9783346063724
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriemhilds, siegfried, nibelungenlied, nibelungenklage, unterschiedliche, interpretationen, rache
Arbeit zitieren
Alexander Hinz (Autor), 2010, Die "triuwe" Kriemhilds gegenüber Siegfried im Nibelungenlied und der Nibelungenklage. Unterschiedliche Interpretationen der Rache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506799

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