Die Ausbildung von Töchtern im mittelalterlichen Bürgertum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Oberblick zur mittelalterlichen Stadtkultur und -struktur

3. Institutionelle Bildung im spatmittelalterlichen Biirgertum mit Blick auf die Tochter

4. Belege aus den Stadten
4.1. Belege aus Nordlingen
4.2. Belege aus Augsburg
4.3. Belege aus Koln

5. Frauenanteil bei den Steuerzahlem und Bedeutung fiir die Situation der biirgerlichen Tochter

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Handwerk und Handel sind fest mit dem Bild der mittelalterlichen Stadt verbunden. Auch Frauen spielten eine wichtige Rolle im urbanen Wirtschaftsleben. Welche Wege standen ihnen in dieser Hinsicht offen und inwiefern bestimmte das Geschlecht im Mittelalter iiber die wirtschaftliche Rolle und Bildung? Der folgende Text soli eine Ubersicht iiber die Formen der Ausbildung von BiirgertOchtem in mittelalterlichen Stiidten geben. Da sich bei einem solchen Thema die einzelnen Kategorien kaum verallgemeinem lassen, ist es zunachst vonnoten, eine raumliche und auch zeitliche Eingrenzung vorzunehmen.

Der Begriff ,,Mittelalter" umfasst eine ca. tausendjahrige Epoche 1 fiir die sich kaum fiir die gesamte Periode giiltige Aussagen treffen lassen. Da fiir das Spatmittelalter - im Vergleich zu den vorherigen Phasen - ein gewisser Reichtum an Quellen zum Thema vorfindbar ist, ist diese Zeitspanne auch der Fokus meiner Ausarbeitung. Edith Ennen setzt den Beginn des Spatmittelalters urn ca. 1250 an, also bereits ein Jahrhundert nach dem Beginn einer Welle von Griindungen bedeutender Stadte2 Dieser Definition folgend werden lnformationen zur Madchen- und Frauenbildung ab diesem Zeitpunkt gesucht und ausgewertet.

Der Blick auf die Gliederung des Mittelalters in eine friihe, hohe und spate Phase verdeutlicht, dass eine weitere Eingrenzung zu machen ist: So kennt nach Ennen beispielsweise Italien kein Spatmittelalter, sondem nur eine friih einsetzende Renaissance3. Auch die Tradition und Geschichte der Stadte unterscheidet sich hier deutlich von der in Mitteleuropa4. Urn die Vergleichbarkeit zu erhohen, werden im folgenden Text nur Stadte des Heiligen Romischen Reiches fiir die Untersuchung herangezogen.

Auch wenn raumlich und zeitlich eingegrenzt wird, muss beachtet werden, dass die Stadte im Reich sich deutlich in ihrer Struktur und GrOBe unterschieden. Bei der Untersuchung der Ausbildungsformen der biirgerlichen Tochter wird der Fokus aufgrund der deutlich besseren Quellenlage und wegen der zu groBen strukturellen Unterschiede von GroBstadten und Zwergstadten auf die groBeren Stiidte und Metropolen gelegt. Deunoch muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass auch hier die Quellen aufgrund des Fehlens von Volksziihlungen oder amtlicher Statistiken lediglich grobe Scbiitzungen sind5. Um eine Grundlage fiir die Untersuchung zu schaffen, wird ein Kapitel einem kurzen Uberblick iiber die Beschaffenheit der Stiidte im Reich gewidmet.

SchlieBiich ist noch die Frage zu kliiren, welche Informationen iiberhaupt dabei helfen kounen, einen Eindruck iiber die Frauen- und Miidchenbildung in den spiitmittelalterlichen Stiidten zu bekommen. Information iiber die Biirger der Stadt kiinnen vor allem aus Dokumenten wie Steuerlisten, Akziseregistem und Zunftordnungen, aber auch aus privaten Briefen und Rechnungsbiichem gewonnen werden. Steuerlisten geben dabei allgemeine Hinweise zur Demographie und soziologischen Struktur der Stadt, wiihrend Zunftordnungen Anhaltspunkte ii.ber die rechtlichen Ralnnenbedingungen fiir Ausbildung und wirtschaftliche Partizipation geben kiinnen. Es empfiehlt sich festzuhalten, welche Wirtschaftszweige und Handlungsmoglichkeiten es in den Stiidten gab und inwiefem sich die Rechte und die iiberlieferte Realitiit von Siihnen von der der Tochter unterschied.

Im Faile der Ziinfte besteht die Frage, ob Frauen als Witwen iiber das Erbe oder iiber die Lehre Zugang zu Berufen erhalten konnten. Prinzipiell sind aber aile Zeugnisse von Frauen im stiidtischen Dienst, im Handwerk und im Handel flir diese Arbeit bedeutsam, weil sie sowohl eine gewisse Qualifizierung voraussetzen als auch belegen, dass die gesellschaftlichen und rechtlichen Ralunenbedingungen eine Ausbildung, Lehre und letztlich Arbeit von Frauen nicht oder nicht vollig verhinderten.

Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass die Quellen nur punktuelle Einblicke gewii.hren. Zahlreiche Teile der Stadtbewohnerschaft sind im Mittelalter nicht erfasst worden6. Im Fazit soil also versucht werden, diese nur liickenhaften Uberlieferungen zu einem moglichst plausiblen Gesamtbild zu verbinden.

2. Uberblick zur mittelalterlichen Stadtkultur und-struktur

In Europa betrug der Anteil der Stadtbevolkerung ca. 20 bis 25%, mit Ballungszentren in Oberitalien und den Niederlanden7 Zur GroBenordnung der Stiidte im Reich Uisst sich festhalten, dass zumindest in der alteren Forschung8 eine Einwohnerzahl von iiber 10.000 eine mittelalterliche GroBstadt defmiert, womit im Reich etwa 40 Stiidte diesen Status innehatten. Jedoch Uisst sich eine gewisse Spanne in der GroBe der GroBstiidte im Reich feststellen. Ein au.Berst verdichteter Raum war dabei der Nordwesten; so befanden sich 40% der GroBstiidte - und mit Koln und Briissel mit ihren jeweils rund 40.000 Einwohnern im ausgehenden Mittelalter auch die beiden groBten Stiidte des Reiches - dort. Hervorgehoben werden konnen ebenfalls die GroBstiidte Niirnberg, Lubeck und Magdeburg, deren Einwohnerzahl etwa 25.000-30.000 betragen haben diirfte9. Diese Zah1en diirfen keinesfalls mit der Anzahl der Stadtbiirger verwechselt werden; diese war in der Regel deutlich geringer. Beispielsweise hatte die Hansestadt Lubeck im 14. Jahrhundert rund 22.000 Einwohner, allerdings nur 3.200 Stadtbiirger10 Das Biirgerrecht war ein Privileg, mit dem einige Rechte und Pflichten verbunden waren. Frauen besaBen es, bis auf einige Ausnahmen, z. B. in der Stadt Koln11 nicht.

Zentraler Aspekt fiir die wirtschaftliche Bedeutung einer Stadt war ihr Handelsvolumen. Im Verlauf des Mittelalters entwickelte sich, vor allem im Textilgewerbe, das Exportgewerbe 12 Die in der Stadt stattfindende handwerkliche Produktion wurde verlegerisch zusammengefasst und exportiert. Die bedeutendsten Zentren der (Woll-)Tuchproduktion lagen - nicht nur im Spatmittelalter - groBtenteils im Nordwesten des Reiches: In zahlreichen niederHindischen und westfalischen Stiidten, in Koln und in Aachen, zudem sind auBerhalb dieser Region Niirnberg und Stra.Bburg zu nennen13 In der Leinen- und Baumwollindustrie nahmen schwabische und westfalische Stiidte eine fiihrende Rolle ein. Auch die Seidenproduktion stellte einen relevanten Wirtschaftsfaktor dar. In ihrem Zentrum Ki:iln ist sie gegen Ende des Mittelalters der bedeutendste Gewerbezweig14

AuJ3erhalb der Textilproduktion bestimmte auch das Metallgewerbe die stiidtische Wirtschaft. Zentren im Reich sind bier KOin, Maastricht, Augsburg, die Oberpfalz und vor allem Niimberg15

In einigen Gewebebereichen herrschte Zunftzwang, das Handwerk musste also in der Zunft erlemt werden16 Es gilt herauszufinden, inwiefem Tochter an der Produktion partizipieren konnten und Zugang zu Ausbildung und ziinftigen Tiitigkeiten batten.

Bestimmend fiir den Lebensweg der Sohne und Tochter war einerseits die berufliche Tiitigkeit Familie: Man wurde in einen Stand und auch in einen Beruf hineingeboren. Fiir Tochter kam die Rolle als Mutter hlnzu, die nicht unterschiitzt werden darf. So kann davon ausgegangen werden, class bis zu zwei Drittel der Lebenszeit einer Frau aus Stillzeiten und Schwangerschaft bestand 17 was fiir verheiratete Frauen eine Berufstiitigkeit enorm erschwert haben muss.

3. Institutionelle Bildung im spatmittelalterlichen Biirgertum mit Blick auf die Tochter

Die Bildung in den Stiidten war das Mittelalter hindurch zunachst im Wesentlichen geistlich gepriigt,jedoch wuchs im Spatmittelalter zunehmend der Einfluss der Stiidte auf die Schulen18 Ein wichtiger, geistlich geleiteter Bildungsort blieb allerdings Kloster, das Biirgerstochter in der ,inneren Schule" und kiinftige Normen in der ,auBeren Schule" unterrichtete 19

Die stiidtischen Schulen lassen sich in die Lateinschulen und die ,deutschen" Schulen unterteilen. Einige Lateinschulen wurden sowohl von Tochtem als auch von Sohnen besucht; diverse Oberlieferungen zeugen aber davon, dass ausschlieBlich Jungen an diesen Schulen zugelassen waren20 Aus der friihen Neuzeit ist bekannt, dass ,deutsche" Schulen hingegen mehrheitlich von Madehen besucht wurden, was eine Folge davon war, dass Jungen haufiger in Lateinschulen unterrichtet wurden21. Es gab auch bei den ,deutschen" Schulen sowohl reine Madchenschulen als auch Schulen mit gemischten Geschlechtem, wie beispielsweise in Liibec 22. Es wurde vorwiegend das Lesen und Schreiben, teilweise auch das Rechnen gelehrt23. Keineswegs sollte man die ,deutschen" Schulen gegeniiber den Lateinschulen abwerten. Aufgrund ihrer Berufsbezogenheit waren sie auch fiir Absolventen der Lateinschulen eine relevante Moglichkeit der Weiterbildung. So wurde der Niimberger Schriftsteller Hieronymus Koler24 als Junge nach seiner Ausbildung in der Lateinschule in der ,deutschen" Schule ausgebildet, nach Art der Kanzlei zu lesen, also Briefe, Vertriige und Urkunden abfassen zu konnen25.

Die Lehrerschaft der Lateinschulen und der ,deutschen" Schulen unterschied sich. So gab es in Lateinschulen wahrscheinlich nur mii.nnliche Lehrer, wahrend in den ,deutschen" Schulen Frauen diese Rolle iibemahmen26. Die soziale Herkunft der Frauen ist nicht eindeutig gekHirt, aus Lubeck ist aber beispielsweise bekannt, dass es sich urn Biirgersti:ichter, Handwerker- und Seemannsfrauen gehandelt hat27

Neben den ,deutschen" Schulen und den Lateinschulen gab es Rechenschulen, die mit Blick auf den spiiteren Beruf des Schtilers primiir Rechenkenntnisse vermittelten28. Der bereits erwiilmte Hieronymus Ki:iler besuchte ebenfalls eine Rechenschule, ehe er 1524 im Dienst des Reichskanunergerichtes tiitig wurde. Die Rechenschulen waren den Knaben vorbehalten29.

Auch wenn sie unter stiidtischer Aufsicht war, war Schulbildung und ibre Finanzierung im Spiitmittelalter und der friihen Neuzeit teuer. Es war die Aufgabe der Eltern, die Lerumaterialien zu kaufen. Dies geht beispielsweise aus den Rechnungsbiichem und Briefen mehrerer Niimberger Biirger hervor. So wurden etwa Schreibtafeln, Biicher, Papier und Fedem erwiilmt30. Hinzu kommt das zu bezahlende Schulgeld. Im Haushaltungsbuch des Niimberger Kaufmanns Paulus Behaim31 wurde das vierteljiihrig zu zahlende Schulgeld in einem Eintrag aus dem Jahre 1559 vermerkt:

,,Adi dito zahlt der Schurstabi32 aufrn spittelkirchhof, fur 1 quottemer fur die madlin und sabina zu Iemen, 4 lb 6 ..g:m 33

Das Alter der Eischulung der heiden Ti:ichter lag bei knapp vier und knapp fiinf Jahren34.

In den Urkunden der Stadt Ni:irdlingen fmden sich allerdings auch Hinweise auf eine Teilfinanzierung durch die Stadt sowie auf eine Unterstiitzung der Annen. So heiBt es im Einstellungsvertrages des Schulmeisters Thomas Geyr aus dem Jahre 1453:

,,Er erhli.lt von jedem Schiller 15 ..fl und nimmt zu keiner ,hochzeitlichen zeit" oder sonst ein Geschenk von den Kindem oder von auswiirtigen Schillem. Dazu erhiilt er von der Stadt 32 gute f1 Ge Quatember 8 fl) und 6 Fuder Holz im Jahr. [...]Von armen auswiirtigen armen Schiilem nimmt er keinen Lohn."35

[...]


1 Vgl. E. Ennen, Frauen im Mittelalter, S. 12.

2 Vgl. ebd., S. 12 ff.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd., S. 15.

5 Vgl. F. Hirschmann, Stadt, S. 83.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. E. Ennen, Frauen im Mitte1alter, S. 24.

8 Vgl. F. Hirschmann, Stadt, S. 75.

9 Vgl. ebd., S. 18. f.

10 Vgl. E. Ennen, Frauen im Mittelalter, S. 145.

11 Vgl. ebd., S. 153.

12 Vgl. F. Hirschmann, Stadt, S. 24.

13 Vgl. ebd., S. 46 f.

14 Vgl. ebd., S. 47.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. E. Ennen, Frauen im Mittelalter, S. 136.

17 Vgl. K. Arnold, Frauen in den mittelalterlichen Hansestiidten, S. 84 ff.

18 Vgl. F. Hirschmann, Stadt, S. 52.

19 B. Kraemer, Von Kauffrauen, S. 88.

20 Vgl. M. Beer, Eltern und Kinder, S. 328.

21 Vgl. I. Batori, Frauen in Nfudlingen, S. 34.

22 Vgl. B. Kraemer, Von Kau:ffrauen, S. 89.

23 Vgl. I. Batori, Frauen in Nfudlingen, S. 34.

24 Zu seiner Person: G. Hirschmann, Koler, Hieronymus.

25 Vgl. M. Beer, Eltern und Kinder, S. 330.

26 Vgl. B. Kraemer, Von Kau:ffrauen., S. 88.

27 Vgl. ebd., S. 89.

28 Vgl. M. Beer, Eltem und Kinder, S. 332.

29 Vgl. ebd., S. 332.

30 Vgl. ebd., S. 320.

31 Zu seiner Person: W. Schultbeill, Behaim, Paulus.

32 Gemeint ist die Lehnneisterin.

33 J. Kamann, Haushaltungs- und Rechnungsbiicher, S. 122.

34 Vgl. M. Beer, Eltem und Kinder, S. 330.

35 Die Urkunden der Stadt Nordlingen, Bd. 10, S. 102, Nr. 2242.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Ausbildung von Töchtern im mittelalterlichen Bürgertum
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V506800
ISBN (eBook)
9783346057693
ISBN (Buch)
9783346057709
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Töchter, Mädchen, Frauen, Mittelalter, Köln, Bürgertum, Nördlingen, Bildung, Ausbildung, Stadt
Arbeit zitieren
Philipp Knaus (Autor), 2019, Die Ausbildung von Töchtern im mittelalterlichen Bürgertum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506800

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Ausbildung von Töchtern im mittelalterlichen Bürgertum



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden