Was ist logos? Eine Beschäftigung mit Termini der Literaturwissenschaft aus einer historischen Perspektive


Essay, 2019

5 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Was ist logos?

Die Beschäftigung mit Termini der Literaturwissenschaft aus einer historischen Perspektive ist kein Umweg. Sie führt hingegen zu einem Mehrwert. Schließlich ist die Kenntnis der Geschichte von Methoden und Termini unerlässlich für einen präzisen Einsatz derselben und Literatur selbst gleichzeitig ein historisch gewachsenes Konstrukt. Von einem äußerst hohen Stellenwert ist ebenso ein Bewusstsein, dass ein unreflektierter, ahistorischer Gebrauch von Begriffen der Komplexität von Literatur und der Literaturwissenschaft als empirische Disziplin nicht gerecht werden kann. Literaturwissenschaft muss Arbeit am und eben nicht mit dem Begriff sein. Dabei unterliegen Termini einer permanenten Dynamik und bilden sich in der Auseinandersetzung mit ihnen. Dies jedoch birgt erstens die Gefahr, Literatur auf Begriffe zwängen zu wollen. Und darin liegt zweitens ebenso ein Problem der Literaturwissenschaft, die ihre Gegenstände als nicht feststehend betrachten muss. Der empirische Naturwissenschaftler würde an der Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft wohl zweifeln, da in dieser Disziplin die Gegenstände nicht ultimativ definiert werden können. Somit darf die Literaturwissenschaft nicht von feststehenden Begriffen ausgehen, sondern muss mit dem Bewusstsein für die Dynamik und den Konstruktionscharakter von Terminologie arbeiten.

Mit diesem Bewusstsein kann der Termini logos zunächst als eine in sich geschlossene Einheit von Text, die von jemandem an jemanden gerichtet wird verstanden werden. Da hier die Annahme einer mündlichen Aussage zugrunde liegt, muss diese Annäherung an logos auch für schriftliche Einheiten, etwa ein Text, präzisiert werden: Diese Einheit steht in einer Weise bereit, sodass sie derart aufgefasst werden kann, als wäre sie von jemandem an jemanden gerichtet (sogar bei der Lektüre von Tagebucheinträgen von beispielsweise Frank Kafka fasst der Leser den Text auf, als wäre er an ihn gerichtet, obwohl dies nicht in der Intention Kafkas lag).

Ferner lassen sich die Überzeugungsmittel Aristoteles für die Berücksichtigung einer historischen Perspektive fruchtbar machen. Zu den drei Überzeugungsmitteln, die durch die Rede zustande gebracht werden zählt er ethos, pathos und logos. Während ethos Überzeugen durch den Charakter des Redners meint und in der Literaturwissenschaft wohl dem weiten Begriff des Autors nahekommt, versteht Aristoteles weiter unter pathos, den Hörer in eine gewisse Stimmung zu versetzen (literaturwissenschaftlich die Rezeption des Lesers und Wirkung). logos ist hier die Rede selbst, die überzeugt.

Auch Faust setzt sich am Anfang des Johannes-Evangeliums mit dem Begriff des logos auseinander. Bei seinen philologischen Übersetzungsvorschläge aus dem Griechischen für logos wird Fausts Geringschätzung des Begriffes Wort für logos erkennbar. logos soll etwas anderes, ja es soll mehr sein als nur ein bloßes Wort: logos muss mehr sein als ein reines Element von Sprache. Daher differenziert er in drei Kernbedeutungen.

Zunächst ist logos Sinn. Sprich etwas Transzendentes, das sich aber immer auch zurückbezieht auf Semiose. Demnach ist dieser Sinn an zeichenhafte Vorgänge gebunden. Noch präzisierender wird hier der Sinn mit seiner sinnstiftenden Funktion verstanden. Diese besteht in einer Art Bedeutungszuordnung bzw. Sinnzuschreibung zu Prozessen und ist scharf von einer alltäglichen Konnotation mit Logik, Praxis, Verstand abzugrenzen. Zweitens heißt logos für Doktor Faust Kraft, als etwas Wirkendes, das nicht notwendigerweise erfahrbar als Zeichen steht. Veranschaulicht werden kann diese Bedeutung des Terminus logos für Kraft anhand der Ohrfeige. Sie ist - oder besser war - mehr eine Erziehungsmethode, als eine Schmerz zufügende Handbewegung. Also eine zeichenhafte Handlung von Kraft mit physischer Komponente. Die dritte und letzte faustsche Kernbedeutung führt die Tat an. Diese liegt nahe am Bedeutungsbereich der Kraft, da hier ebenfalls die Akzentuierung der Zeichenhaftigkeit fehlt und der Fokus vielmehr auf der Kraft liegt. Hinzu kommt bei der Übersetzung mit Tat als Unterscheidungsmerkmal zur Kraft, dass hier eine Intention, ein Subjekt und ein Objekt auftritt.

Also ein menschlicher Akteur, der bewusst eine bestimmte Kraft anwendet und sich ihr bedient. Zudem wird eine Tat auch meist an einem Empfänger oder Objekt vollzogen.

Ein Rückbezug der Bedeutung Tat auf die von Faust ursprünglich als zu schwach abgelehnte Übersetzung von logos mit Wort ist trotz der Differenzierung möglich, indem man sich des Terminus Worttat bedient. Ein vergleichsweise junges Pendant dazu ist der Begriff des Sprechaktes aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der auf den britischen Philosophen John Langshaw Austin zurückgeht. Hier findet sich die Akzentuierung bei geschlossenen sprachlichen Einheiten auf der Tat, von der ausgehend forces (also Kräfte) wirkten, wieder. Ganz basal geht dies auf den Grundgedanken zurück, dass die Rede eines Individuums zum Ziel hat, etwas zu bewirken, sprich es sind Taten des Vollziehens. Dieses Momentum der Wirkung von Sprache ist jedoch keine explizite Neuentdeckung Austins (How to Do Things with Words'), sondern wohl so alt wie die Sprache selbst.

Eine philologisch vorbildliche Übersicht zur Aufzählung der Bedeutungen von logos findet sich in Manfred Kraus historischen Wörterbuch der Rhetorik, in dem er nicht nur aufzählt, sondern zusätzliche in Bedeutungsgruppen einschränkt und zuordnet. Darin sind zwei Aspekte bemerkenswert für die Übersetzung und Bedeutung des Begriffs logos in der Literaturwissenschaft. Kraus ordnet logos zum einen die Begriffe Denken und Sprache zu. Dadurch kann unter logos eine sprachliche Markierung dafür gesehen werden, dass es (höchstwahrscheinlich) kein Denken ohne Sprache geben kann. Vom Gegenteil ausgehend würde das im Griechischen rückschließend bedeuten, es gebe einen logos ohne logos. Zum anderen kann aus der krausschen Aufzählung logos als die Basis aller drei Disziplinen des antiken triviums der Künste verstanden werden, welche die Wortdisziplinen betreffen. Die da sind: Die Disziplin grammatica, in der logos als Wort oder Satz begriffen wird. Die logos als Rede definierende rhetorica und zuletzt die Disziplin der dialectica. Ihre antike und spätmittelalterliche Bedeutung weicht stark von einer hegelianischen ab und ist zunächst mit Logik zu übersetzen. logos ist der dialectica nach als Urteil, Aussage oder Proposition umrissen. Proposition wird dabei als Basiseinheit der Dialektik und Logik vorgestellt und unterscheidet sich von einem Satz als Basiseinheit der Grammatik.

Auf die Tatsache aber, dass Kraus als Übersetzung für logos die Logik nicht nennt, muss mit Hilfe von Karl-Heinz Götterts eingegangen werden. Dieser orientiert sich an der Triade Aristoteles, bestehen aus ethos, pathos und logos, und führt die Logik als logos-Äquivalent an. Gemäß Götterts Darstellung ist die Vokabel der Logik innerhalb des hier behandelten Komplexes der aristotelischen Anordnung der Überzeugungsmittel der Bedeutung von logos am nächsten. Es ist etwas, was auf Zeigen und Beweisen beruht. Argumente, die zu Schlüssen führen. In diesem Gedankengang ist die Nachvollziehbarkeit mit dem logos als Logik eng verbunden. Der deutsche Begriff des Überzeugens ist hier treffend und strikt in Abgrenzung zum Überreden zu setzen. Diese Differenzierung wird Aristoteles Beweisen oder scheinbares Beweisen gerecht. logos beruht demnach auf inhaltlichen Argumenten und nicht auf externen Faktoren in der Kommunikation zwischen Menschen (Sympathie, rhetorische Finesse, etc.). Letzteres käme dem Begriff Überreden gleich.

Bestimmte Bedeutungen von logos reichen in die spätantiken Zahlenkünste hinein, sowie über das Trivium hinaus und finden sich in den Proportionen und Berechnungen der Zahlenkünsten arithmetica, geometria, astronomia, und musica wieder. Diese Präsenz von logos in auf Mathematik fußenden Disziplinen ist wie folgt zu belegen. Zunächst handelt es sich ausnahmslos um Anwendungsgebiete der Vernunft: einer kantschen Vernunft, welche auf Plausibilität und Schlüssigkeit fußt und daher auch zum obig ausgeführten begrifflichen Nähe nach Göttert zwischen logos und Logik. Des Weiteren sind die griechischen Buchstaben zur Verschriftlichung von Zahlen und musikalischer Noten herangezogen worden. Dieser Bezug ist für eine literaturwissenschaftlich-historische Perspektive besonders ertragreich, da oftmalsdie Betrachtung der Bedeutung der Schrift, welche durch Kommunikationsmodelle wie etwa Roman Jakobsons vom 1960 oder bei einem logos-Auffassung, welche im Bereich der Rede angesiedelt wird, verschleiert wird.

Bei der historischen Frage, was logos war und ist, kann darüber hinaus die Beschäftigung mit Platons Ausführungen zu den Einheiten von Sprache und zum logos selbst kenntnisbringend sein. Folglich können innerhalb des Bereiches von Sprache im engeren Sinn die Einheiten, die mit dem Wort logos benannt werden, unterschiedlich groß sein. So ist ein logos selbst aus mehreren logoi aufgebaut. Und diese Loslösung von einem Ordnungsdenken geht bei Platon soweit, dass nicht nur Teile der Rede logos heißen kann, sondern gar das Ganze der Rede. Ebendiese Theorie, dass nicht nur die Nachricht, sondern das Ganze der Rede bzw. Sprache (kurz: der Code) vom logos getragen werden, wurde in der Sprachwissenschaft vielfältig aufgenommen und findet sich bei Jakobson als Nachricht und Sprache genauso wieder wie in Ferdinand de Saussures Modell von parole und lange. Auch wenn Saussure sonst im cours de linguistique générale von 1916 zur Bipolarität neigt, kann parole (Rede, konkrete Realisierung) und langue (Sprache als das Ganze, Material, mit dem Reden stattfinden) gleichermaßen logos bedeuten.

Wie die Auseinandersetzung mit dem Termini logos aus einer historischen Perspektive zeigte, ist das eingangs beschriebene Bewusstsein für die Dynamik literaturwissenschaftlicher Terminologie für empirisches Arbeiten unerlässlich.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Was ist logos? Eine Beschäftigung mit Termini der Literaturwissenschaft aus einer historischen Perspektive
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literaturwissenschaftliche Terminologie in historischer Perspektive
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
5
Katalognummer
V506842
ISBN (eBook)
9783346065261
Sprache
Deutsch
Schlagworte
logos, AVL, Terminologie, Literaturwissenschaft, Komparatistik
Arbeit zitieren
Michael Prestele (Autor), 2019, Was ist logos? Eine Beschäftigung mit Termini der Literaturwissenschaft aus einer historischen Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506842

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