Herders Sprachphilosophie. Sprechen Menschen, weil sie der Besonnenheit fähig sind, oder sind sie besonnen, weil sie der Sprache fähig sind?


Hausarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anthropologie Herders
2.1. Freiheit

3. Besonnenheit
3.1. Selbstreflexion
3.2. Besonnenheit in Bezug zur Sprache

4. Sprache als göttlicher Ursprung?

5. Besonnenheit durch Sprache

6. Sprache durch Besonnenheit

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Sprache? Wieso sprechen wir? Kaum einer würde sich heute diese Frage stellen, denn unsere Sprache ist für viele so natürlich wie das Atmen. Wieso sich Gedanken um etwas machen, dass uns wohl angeboren wurde? Doch wird erst gründlicher darüber nachgedacht, merken wir, dass die Sprache doch einen tieferen Sinn haben könnte, als wir zunächst meinen. Wieso sonst sind die Menschen die einzigen Geschöpfe auf der Erde, die es schaffen sich mündlich auszudrücken? Menschen kommunizieren nicht nur miteinander, sondern entwickeln auch verschiedene Varianten der Sprache und bestimmen ihre Grammatik und Rechtschreibung. Es mag vielleicht stimmen, dass wir dies alles so hinnehmen und gar keinen zweiten Gedanken daran verschwenden würden, gäbe es da nicht wichtige Denker, weit vor unserer Zeit, die mit ihren Sprachtheorien unser Bewusstsein für dieses Thema veränderten und ihr Wichtigkeit verliehen. Diese Philosophen, der sogenannten Sprachphilosophie, haben es sich zur Aufgabe gemacht einem (für uns vollkommen natürlichen) Prozess, wie der Sprachentwicklung einen neuen Sinn zu geben und uns neue Sichtweisen zu eröffnen. Es war deswegen auch kein Zufall, dass die königliche Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Jahr 1769 gerade diese Preisfrage stellte: „Haben die Menschen ihren Naturfähigkeiten überlassen, sich selbst Sprache erfinden zu können und auf welchem Wege wären sie am füglichsten dazu gelangt.“ Johann Gottfried Herder schrieb dafür seinen bekannten Text Abhandlung über den Ursprung der Sprache und sorgte nicht nur für neue Sichtweisen in der damaligen Zeit, sondern spielt auch bis heute eine große Rolle in der Sprachphilosophie. Die besondere Bedeutung von Herders Sprachphilosophie für das 18. Jh. Beruht zunächst darauf, dass seine Betrachtung über den Ursprung der Sprache „ […] die Entscheidung über die Grundfragen der Philosophie direkt mit einschließt.“1 Sprache könne und dürfe nicht isoliert betrachtet werden vom Menschen. Mit seinen neuen Theorien über die Sprachentwicklung in Bezug zur Besinnung, misst er gegenüber den Arbeiten seiner Vorgänger eine völlig neue Bedeutung bei. Von der Betrachtung der Sprache aus unternehme Herder seinen weiten Zug in die Welt des Geistes und er blicke immer auf diesen Ausgangspunkt zurück. Die Beschäftigung mit der Sprache bezeichne den Beginn seines wissenschaftlichen Denkens - die Sprache selbst stehe für ihn am Anfang der Geschichte der Kultur, sogar am Anfang des spezifisch menschlichen überhaupt.2 Der Bezug dessen wird im Folgenden in dieser Arbeit analysiert und interpretiert, wobei die menschliche Fähigkeit des Sprechens mit im Vordergrund stehen wird. Da Herder in seinem Buch den Begriff der Besonnenheit mit unserem Sprachvermögen verknüpft, wird diese Arbeit die Wichtigkeit dessen analysieren und hinterfragen, ob diese Besonnenheit letztendlich für unser Sprachvermögen verantwortlich ist oder lediglich aufgrund unserer Sprechfähigkeit entwickelt wurde.

Dafür wird erst die Anthropologie Herders näher erläutert werde, um festzustellen, ob der Mensch einer besonnen Denkweise überhaupt fähig ist. Als nächstes wird der besagte Begriff nach Herders Verständnis erklärt und in Zusammenhang mit dem Sprachvermögen gebracht. Dann werden beide Positionen gegenübergestellt, hauptsächlich, um uns darüber im Klaren zu werden, was es bedeutet die Sprache durch Besinnung zu erklären und die Besinnung durch Sprache zu erklären. Das Fazit wir zusammenfassend klären, ob Herder überhaupt einen Vorrang von beiden argumentiert oder nicht vielleicht sogar eine dritte Position anbietet. Gegenstand dafür wird hauptsächlich der Text Herders über die Abhandlung der Sprache sein.

2. Anthropologie Herders

Um die Leitfrage überhaupt angehen zu können, muss die Beschaffenheit des Menschen näher verdeutlicht werden und wie dieser nach Herder beschrieben wird. Erst dann, kann ausgesagt werden, ob der Mensch die Besonnenheit in sich tragen kann. Hierbei muss bedacht werden, dass er sich nicht auf die kontroversen Anschauungen seines Jahrhunderts stützt, sondern der „neuen Anthropologie“ einen anderen Wert gibt.

„Wenn man den Gesichtspunkten der Weltweisheit in der Art ändert […] welche neuen fruchtbaren Entwicklungen müssen (sich) hier nicht zeigen, wenn unsere ganze Philosophie Anthropologie wird“3

Herder fängt in seinem Text mit den Lücken und Mängeln der Menschen an. Dabei stellt er fest, dass die Natur den Tieren Sinne und Instinkte gab aber „Bei dem Menschen ist alles in dem größten Mißverhältnis […]“4.

Menschen seien zwar auch mit Sinnen und Bedürfnissen ausgestattet, nur fehle ihnen eine Art „Mittelglied“, die all das zu einer Einheit bilde. Fänden wir dies, so wäre es „[…] seine Eigenheit, der Charakter seines Geschlechts […]“5. Es sei die Vernunft, welche uns helfe unsere Mängel auszugleichen, eine Naturgabe, wie der Instinkt der Tiere. Dieser neugefundene Charakter könnte dem Menschen demnach helfen, den notwendigen genetischen Grund, zur Entstehung einer Sprache, zu finden und zu beweisen, dass sie uns so wesentlich ist, eben weil wir Menschen seien.

Gleichzeitig haben Menschen auch Sinne, doch Herder betont, dass diese den Sinnen der Tiere nachstehen. Wie also ist es möglich, dass Menschen besonnen seien, den Tieren aber in so vielem nicht ebenbürtig sind? Das liege daran, dass der Mensch nicht nur eine bestimmte Kunstfertigkeit perfekt beherrschen, sondern sich in einem noch größerem Raum bewegen um „[…] sich an vielem zu üben, mithin sich immer zu verbessern“6. Und eben, weil Menschen nicht nur ihren Instinkten folgen, seien sie nicht abhängig von den Zielen und Zwecken der Natur. Je schärfer die Sinne der Tiere, je besser ihre Kunstfertigkeit, desto kleiner ihr Kreist und desto einartiger ihr Kunstwerk. Die Verrichtung der Tiere sei vielfach vorhanden, weswegen auch die Aufmerksamkeit derer, sich auf mehrere Gegenstände zerstreue. Deswegen besitzen sie auch nur eine kleine Sphäre. Beim Menschen aber denkt Herder ganz anders. Die Unfähigkeit der Instinkte sei der Umstand der Freiheit, den der Mensch sich nehmen kann.

Der Begriff der Freiheit ist hier sehr wichtig und muss hier näher erläutert werden, um verstehen zu können, wieso genau der Mensch besonnen sein kann.

2.1 Freiheit

„Der menschliche Geist hasst von Natur aus alles, was wie eine Beschränkung für ihn aussieht und kann sich in einer Art Gefangenschaft vorkommen, wenn die Aussicht auf einen engen Raum beschränkt und auf allen Seiten durch die Nachbarschaft von Mauern und Bergen begrenzt ist. Dagegen ist ein weiter Horizont ein Bild der Freiheit“7.

Im Gegensatz zum Tier, müsse der Mensch seine Kraft frei ausüben können. Dies könne man nennen wie man wolle, ob „Verstand, Vernunft, Besinnung usw“8. Es sei eben die Vernunft, was uns ausmache, die „[…] einzige positive Kraft des Denkens, die […] bei den Menschen so Vernunft beißt wie sie den Tieren Kunstfähigkeit wird: die bei ihm Freiheit beißt und bei den Tieren Instinkt wird“9. Der Unterschied sei nicht der, dass Menschen in der einen oder anderen Fähigkeit besser seien, sondern dass sie einen eigenen Charakter besäßen. Und dieser Charakter setzt nun mal voraus der Besonnenheit fähig zu sein.

Geklärt werden konnte also, wieso der Mensch der Besonnenheit fähig ist. Die Leitfrage betrachtend ist es jedoch wichtig, dass verstanden werden kann, inwiefern uns die Besonnenheit hilft eine Sprache zu entwickeln. Dies führt Herder im Weiteren an.

3. Besonnenheit

Wenn bedacht wird, dass Sprache dem Menschen schon von Anfang an eigen ist, ist es leicht einfach zu behaupten, es wäre die Sprache, die unsere Besonnenheit entwickelt, denn sie war nun mal zuerst da. Doch um aussagen zu können, dass die Besonnenheit das Sprachvermögen formte, muss bewiesen werden, dass sie genau wie die Sprache von Anfang an da war. Um diesen Zusammenhang verstehen zu können, wird im Folgenden wieder näher auf Herders Text eingegangen.

In seinem nächsten Teil, geht Herder auf die Falschheit der Denkweise vieler anderer ein und erklärt, diese haben „[…] sich die Vernunft des Menschen als eine neue, ganz abgetrennte Kraft in die Seele hineingedacht […]“. Dies stimme insofern nicht, da Menschen all das Gelernte, die jede mögliche Erfahrung überschreitet, einzeln aufnehmen und abteilen müssen. Der Geist sei sonst zu schwach alle Informationen einzeln bearbeiten zu können. Die menschliche Beschaffenheit teilen bestimmte Verrichtungen unter Hauptnamen ein, weil in ihnen am meisten erkannt werden kann, was vorher in der Seele eingespeichert wurde. Und diese Seele wirke als Ganzes, selbst wenn verschiedene Abstraktionen in ihr abgeteilt werden. Dies kann verschiedene

Benennungen haben und wurde auch von anderen Philosophen behandelt. „Unter Gedanken- Gang verstehe ich das Nacheinander von Gedanken und nenne es […] die Sprache des Geistes“10.

Wenn tatsächlich sie Besonnenheit den Menschen zum Menschen macht, hieße das, dass eine einzige Handlung, welche ohne jegliche Vernunft ausgeführt werde, denjenigen die Menschlichkeit nehme und nicht mehr dem Tier unterschieden werden könnte. Die Vernunft sei also keine abgetrennte Kraft, sondern dem Menschen seit dem Tag seiner Geburt eigen. „[…] so muss der Mensch sie im ersten Zustande haben, da er Mensch ist“11. Dies heiße nicht sofort, dass jedes Kind mit ausgebildeter Vernunft denken könne, sondern schlichtweg, dass sie mit den „Seelenkräften“ wachse. „[…] muss denn das nicht schon Keim sein, was da wachsen soll?[…]“12. Und wie kann etwas wachsen was nicht da ist? Demnach müsse die Besonnenheit dem Menschen eigen sein. Der Grund, weshalb Tiere dies niemals besitzen werden, ist der, dass selbst am wenigsten sinnliche Zustand beim Menschen immer noch menschlich, beim Tier jedoch immer tierisch bleibe.

Würde sich diese Arbeit mit dem Unterschied von Mensch und Tier beschäftigen und wieso nur der Mensch die Sprache und Besinnung beherrscht, könnten wir dies hier schon beantworten. Doch diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu analysieren, wie genau die Besinnung das Sprachvermögen formt, wenn es dies könnte. Um diesen Vorgang näher beschreiben zu können, muss erst der Begriff der Selbstreflexion geklärt werden.

3.1 Selbstreflexion

Nach Herder beweise der Mensch dann Reflexion „[…] wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, dass sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sich durch, alle Sinne durchrauschet […] absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten […]“13. Der Mensch sei dieser fähig, weil er selbst als reflektierendes Geschöpf bezeichnet werden könne. Die Anlage zur Besinnung ermögliche es ihm „Reflexion“ zu beweisen und die Empfindungen der seine „Sinne durchrauscht“ selektiv zu verhalten. Das heißt der Mensch, beweise dann Reflexion, wenn er es schaffe den Bewusstseinsstrom „anzuhalten“ und die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Phänomen zu richten. Dieser Vorgang müsse sich bewusst gehalten werden, wobei Aufmerken und Selbstreflexion aufeinander bezogen seien. Es ginge dabei darum nicht alle Eigenschaften lebhaft und klar zu erkennen, sondern unterschiedliche Eigenschaften rauszulesen. Diese Anerkennung geschehe durch ein Merkmal, welches von uns abgesondert werde. Die distanzierte Betrachtung und trotzdem deutliche Wahrnehmung dessen sei das wesentliche Merkmal der Besonnenheit.

3.2 Besonnenheit in Bezug zur Sprache

Es seien also die Merkmale einzelner Beobachtungen, die den Menschen dazu bringt Sprache zu erfinden. Diese Merkmale werden von jedem anders aufgefasst.

[...]


1 Pallus, Hannelore: Über den Ursprung der Sprache, in: Herder Kolloquium 1978, Weimar 1980, S.238

2 vgl. Salmony, Hansjörg, Die Philosophie des jungen Herder, Zürich, 1949, S. 9

3 Herder, Johann Gottfried: Frühe Schriften 1764-1772, Ulrich Gaier (hrsg.), Frankfurt 1985, S. 134

4 Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, S. 143

5 Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, S. 143

6 ebd. S. 144

7 Addison, Joseph, in: The Spectator, London 1712, Nr. 412

8 Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, S. 144

9 ebd. S. 144

10 Hobbes, Thomas: Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt des kirchlichen und bürgerlichen Staates, Hamburg 1965, Kap 3, S. 15

11 Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, S. 146

12 ebd. 147

13 ebd. 148

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Herders Sprachphilosophie. Sprechen Menschen, weil sie der Besonnenheit fähig sind, oder sind sie besonnen, weil sie der Sprache fähig sind?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,7
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V506844
ISBN (eBook)
9783346053831
ISBN (Buch)
9783346053848
Sprache
Deutsch
Schlagworte
herders, sprachphilosophie, sprechen, menschen, besonnenheit, sprache
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Herders Sprachphilosophie. Sprechen Menschen, weil sie der Besonnenheit fähig sind, oder sind sie besonnen, weil sie der Sprache fähig sind?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506844

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