Fontanes Effi Briest - ein polyphoner Roman?


Seminararbeit, 2004
20 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Dialogizität im Sinne Michail M. Bachtins

3 Vielstimmigkeit in Fontanes „Effi Briest“

4 Schluß:

5 Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

In der folgenden Hausarbeit[1] möchte ich untersuchen, in wieweit der Roman Effi Briest Dialogizität – im Sinne Michail M. Bachtins- aufweist.

Effi Briest ist von der Forschung immer wieder eine schwer präzisierbare Ambivalenz oder Mehrdeutigkeit bescheinigt worden.

Ich stelle die These auf, daß dies nicht nur an den vielen Leerstellen und Unbestimmtheitslücken[2], die Fontane läßt, liegt, sondern daß wir es hier mit einem polyphonen Roman zu tun haben, dessen Stimmenvielfalt viel zu dieser hermeneutischen Offenheit und semantischen Unbestimmtheit beiträgt.

Zunächst soll Bachtins Theorie der Dialogizität vorgestellt und die Frage formuliert werden, inwiefern sie den polyphonen Roman charakterisiert und welche Merkmale und Erscheinungsformen für das Auftreten, die Organisation und Funktion fremder Rede im Roman er anführt.

Im Hauptteil wird dann an ausgewählten Beispielen zu untersuchen sein, wo und wie fremde Rede im Roman Effi Briest auftritt, welche Stimmen Fontane in diesem Roman sprechen läßt, ob sich hier die von Bachtin genannten Erscheinungs- und Organisationsformen für Dialogizität wiederfinden lassen und welche Funktion Dialogizität in Fontanes Roman hat.

Anhand des Textes werde ich untersuchen, wie diese Vielstimmigkeit organisiert wird und ob der Roman Effi Briest – nach der Definition Bachtins - ein polyphoner Roman ist.

2 Dialogizität im Sinne Michail M. Bachtins

Dialogizität (auch Polyphonie –Mehrstimmigkeit- oder Redevielfalt) ist nach Michail M. Bachtin jede sprachliche Äußerung, Kommunikation, Sprechakt, Rede und Gegenrede. So spiegeln Texte, Worte und Äußerungen den Modus der Welt der Vielstimmigkeit (Heteroglossie) wider.

In einem polyphonen Kunstwerk brechen und ergänzen sich eine Vielzahl von divergenten Stimmen, Weltanschauungen und Bewußtseinshorizonten in der Orchestrierung des Autors, der selbst wiederum als eine Stimme an diesem dynamischen Sinnkonstituierungsprozeß teilnimmt. So läßt ein polyphoner Roman nicht andere Stimmen durch das Hervortreten nur einer dominanten Stimme verstummen, sondern spiegelt vielmehr im narrativen Rahmen „demokratische und anti-hierarchische Werte“[3]. Monologizität, die wir in erster Linie in lyrischen und epischen Texten finden, reflektiere hingegen, nach Bachtin, die Werte, bzw. den Aufbau einer hierarchischen, traditionellen Gesellschaft. So zeichne sich die monologe Rede durch eine gewisse Geschlossenheit aus, Dialogizität hingegen verlange vom Rezipienten interpretatorische Offenheit, sowie die Fähigkeit, mit Widersprüchen und ungelösten Problemen zu leben.

Bachtin hat das Moment der Redevielfalt im Roman vor allem anhand des humoristischen Romans untersucht, der– so Bachtin – zum Teil so sehr von fremder Rede durchsetzt ist, daß er im Grunde mit Anführungszeichen übersät sein müßte. Er zeigt dies am Beispiel von Charles Dickens´ „Little Dorrit“. Die Markierung durch Anführungszeichen ist aber schon allein deshalb unmöglich, weil oft ein und dasselbe Wort sowohl in die Autorrede als auch in die fremde Rede eingeht. Dieses parodistische Spiel mit den Grenzen von Sprache und der Vielfältigkeit der Rede ist eines der Hauptelemente des humoristischen Stils. Der Autor des humoristischen Romans hat zwar – so Bachtin – keine eigene, einheitliche Sprache, jedoch einen eigenen Stil, dieser ist „sein organisches, einheitliches Gesetz des Spiels mit den Sprachen und der Brechung seiner Intentionen in diesen Sprachen“[4]. Um gesellschaftliche Ebenen zu charakterisieren verwendet der Autor häufig unterschiedliche Sprach- und Stilebenen oder gar soziale Codes.

So seien nach Bachtin im humoristischen Roman für die Einführung der Redevielfalt zwei Besonderheiten charakteristisch: Erstens werde die Vielfalt von Sprachen (d.h. Alltags-, Hochsprache, Sprachen von verschiedenen gesellschaftlichen Schichten) eingeführt, zweitens werden diese eingeführten Sprachen und die dahinter liegenden sozioideologischen Horizonte als verlogen oder heuchlerisch entlarvt.

Zum Teil könne sich hierbei eine Absage an jede direkte Ernsthaftigkeit finden lassen. An dieser Stelle beruft sich Bachtin auf Rabelais: Die „wahre Ernsthaftigkeit“ liege in der Zerstörung aller verlogenen, pathetischen, sentimentalen Ernsthaftigkeit.[5]

Für die versteckte fremde Rede nennt Bachtin im Roman zwei mögliche Formen:

Dabei sei eine Form der versteckten fremden Rede die „ hybride Konstruktion[6]: Eine hybride Konstruktion ist eine Äußerung, die ihren grammatischen und kompositorischen Merkmalen nach zu einem einzigen Sprecher gehört, in der sich jedoch in Wirklichkeit zwei Äußerungen, Horizonte, Redeweisen, Stile und Sprachen vermischen. Dies geschieht ohne syntaktische Grenze und oft in einem Satz oder gar Wort.

Als weitere Form der versteckten fremden Rede nennt Bachtin die „pseudoobjektive Motivierung“ [7]: So ist die Sprache scheinbar vom Autor motiviert, da sich dieser formal mit der Äußerung solidarisiert, in Wahrheit liegt die Motivierung dieser Äußerung jedoch im subjektiven Horizont einer Person oder Gruppe.

Häufig solidarisiert sich der Autor fiktiv mit der „allgemeinen Meinung“, während die wirkliche, objektive Stimme als fremde Rede gekennzeichnet ist. Oft finden wir im Hauptsatz die fremde Rede, und erst in einem Nebensatz die direkte Autorrede, so daß in einem Satz die allgemeine Meinung mit der entlarvenden Autorrede verschmilzt.

Nach Bachtin existieren verschiedene Formen der Organisation der Redevielfalt im Roman: 1. die Gegenüberstellung der Sprache einer „allgemeinen“ Meinung einer bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Gruppe oder Schicht und der Autorsprache.

2. das Zusammenspiel von fiktivem Autor und Erzählung (und erst dahinter, als „zweite Schicht“[8], die Autorintention). 3. die Rede der Helden und 4. eingebettete Gattungen.

Bei der Gegenüberstellung der Sprache einer „allgemeinen“ Meinung und der Autorsprache bedient sich der Autor einer „mittleren mündlichen Sprache“[9] des jeweiligen sozialen Kreises, den er parodiert. Dabei steht diese allgemeine Sprache für die „allgemeine Meinung“, d.h. den gängigen Wertungs- und Blickpunkt dieser sozialen Gruppe. Der Autor objektiviert diese „allgemeine Sprache“, indem er seine Intentionen durch jene Sphäre der allgemeinen Meinung brechen[10] läßt, die von der Sprache verkörpert wird. Durch das Verhältnis des Autors zur Sprache, das ständig zwischen Solidarisierung und Distanzierung wechselt, entsteht eine beständige ironische Spannung. Bachtin zeigt auf, wie fremde Rede in versteckter Form, d.h. ohne die formalen Merkmale direkter oder indirekter Rede, in den Roman eingeführt wird: Mittels der Präsentation einer „allgemeinen Meinung“ in versteckter fremder Rede – als sei sie die Meinung des Autors – entsteht die Parodie.

Die zweite Form wäre nun die Einführung eines personifizierten, konkreten, fiktiven Erzählers, dessen Rede zu einer allgemeinen Relativierung und Objektivierung der Erzählweise führt. Hinzukommend agiert der fiktive Autor als Repräsentant eines verbal-ideologischen sprachlichen Kontextes. Der fiktive Autor distanziert sich vom tatsächlichen Autor und von dessen „normalem“[11] literarischen und ideologischen Horizont. Dies stelle den Gegenstand der Abbildung sowie den „normalen“ Horizont in ein neues Licht, der Autor breche seine eigenen Intentionen und objektiviere so selbst seine eigene Meinung. Er spricht nicht in einer Sprache sondern vielmehr „durch eine Sprache“[12]. Hinter der Erzählung des fiktiven Autors lesen wir eine zweite Erzählung. Erst das Zusammenspiel von Erzähler und Erzählung bietet die Schicht, auf der man die Intention des Autors erkennt. Der Autor selbst zieht sich scheinbar sprachlich neutral hinter diesem Dialog zurück, und verwirklicht erst dadurch, als „Dritter im Zwiespalt“[13], seine Autorintention.

Die dritte Form organisierter Redevielfalt wäre die versteckte fremde Rede des Helden.

Fremde Intentionen und Ausdrücke, mit denen der Autor sich nicht ganz solidarisiert, gehen in die Autorrede ein. Bachtin spricht hierbei von „Zonen der Heldenrede in der Autorrede“[14]. Diese Zonen markieren also nur eine partiell wiedergegebene Rede des Helden in der Autorrede. Durch den Einbruch „fremder, expressiver Momente“[15] (so z.B. Auslassungspunkte, Fragen und Ausrufe) in die Autorrede entstehe eine Art Dialog zwischen Autor und Helden, der äußerlich jedoch monologisch erscheine. Die innere Rede des Helden – getarnt als Autorrede – werde z.B. mit ironisch-entlarvenden Vorbehalten und provozierenden Fragen vom Autor durchsetzt. Dies führe zu einer Hybridisierung und Vermischung der Akzente.

Zuletzt soll an dieser Stelle auf die vierte Form eingegangen werden: das Moment der Einbettung anderer Gattungen in den Roman. Dabei kann es sich sowohl um „künstlerische“[16] (Novellen, Gedichte, Lieder u.a.) als auch um „außerkünstlerische“[17] (alltägliche, wissenschaftliche, religiöse, u.a. nichtfiktionale) Gattungen handeln. Ihnen kommt dabei jeweils eine eigene Sprachebene zu, welche in den Roman eingeht und so die Redevielfalt neuerlich vertieft werden. Das „Eingebettete“ kann sowohl direkt intentional als auch gänzlich frei von direkten Autorintentionen sein So nennt Bachtin als Beispiele Wilhelm Meister, in dem die Gedichte zur Lyrik Goethes gezählt werden können, während er z.B. die Gedichte des Hauptmanns Lebjadkin in den „Dämonen“ von Dostojewski „gänzlich objekthaft“[18] nennt.

Diese distanzierte Verwendung von Sprachen führe zur Relativierung des sprachlichen Bewußtseins und sei Ausdruck für die Objekthaftigkeit und die Grenzen von Sprache. Die Redevielfalt im Roman ist also fremde Rede in fremder Sprache, die dem „gebrochenen Ausdruck der Autorintentionen“[19] dient. Das Wort einer solchen Rede nennt Bachtin das „zweistimmige Wort“. Es dient gleichzeitig zwei Sprechern und drückt zwei Intentionen aus: Erstens die direkte der sprechenden Person und zweitens die gebrochene des Autors. Diese zwei Stimmen (zwei Sinngebungen, zwei Expressionen) sind dialogisch aufeinander abgestimmt, sie „wissen voneinander“[20], sie führen eine Art Gespräch miteinander.

Bachtin stellt den Dialog in einem einheitlichen, geschlossenen Sprachsystem (z.B. einem Dialog zwischen zwei Personen; einer rhetorischen oder poetischen Zweistimmigkeit) in einen Gegensatz zu der Zweistimmigkeit in der Prosa. Diese nämlich schöpfe ihre Energie nicht aus individuellen Stimmenverschiedenheiten, sondern habe ihre Wurzeln in der sozialsprachlichen Rede- und Sprachvielfalt. [21] Widersprüche zwischen Individuen (nämlich den Romanfiguren) seien „lediglich die herausragenden Spitzen der gesellschaftlichen Redevielfalt“ [22] . Diese soziale Redevielfalt, die wir im Roman abgebildet finden, finde sich nämlich zuallererst im Alltag des Menschen. Unser Rede-Alltag ist durchsetzt von Zitaten („man sagt“, „er hat gesagt“, „alle sagen“), und Bachtin stellt die These auf, daß „mehr als die Hälfte der im Alltag geäußerten Worte fremde Worte“ [23] seien. Die Zweistimmigkeit, so Bachtin, finde der Romanautor in der „sein Bewußtsein prägenden Rede- und Sprachvielfalt“ [24] vor. Dies führe zu einer Relativierung des sprachlichen Bewußtseins, zu einer Art Wanderschaft zwischen unterschiedlichen Sinn-, und Ausdrucksintentionen und sei die Voraussetzung für Authentizität in der Romanprosa [25] : Reale Sprache bedeutet Vielstimmigkeit.

[...]


[1] Unter Verwendung der alten Rechtschreibung.

[2] Vergleiche hierzu Källström, „Das Eigentliche bleibt doch zurück“.

[3] Metzler Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie, S. 93.

[4] Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, S. 201.

[5] Ebd., S. 200ff.

[6] Ebd., S.195.

[7] Ebd., S.196.

[8] Ebd., S.204.

[9] Ebd., S.192.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Ebd., S.202.

[12] Ebd., S.203.

[13] Ebd., S.204.

[14] Ebd., S.206.

[15] Ebd., S.206.

[16] Ebd., S.207

[17] Ebd., ff.

[18] Ebd., S.211.

[19] Ebd., S. 213.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Ebd., S.214.

[22] Ebd., S.214.

[23] Ebd., S.227.

[24] Ebd., S.215.

[25] Bachtin geht soweit, zu sagen, daß ein Autor, der dieser „organischen Vielstimmigkeit gegenüber taub sei“ keinen Roman schaffen könne, und daß ein von der Vielstimmigkeit abgetrennter Roman zu einem „Lesedrama“ verkomme, mit dem „peinlichen und unsinnigen Sprachgestus der Bühnenanweisung im Drama“.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Fontanes Effi Briest - ein polyphoner Roman?
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Seminar: Realismus
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V50685
ISBN (eBook)
9783638468626
ISBN (Buch)
9783638937603
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fontanes, Effi, Briest, Roman, Seminar, Realismus
Arbeit zitieren
Eva Lippold (Autor), 2004, Fontanes Effi Briest - ein polyphoner Roman?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50685

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