Kunststofftragetaschen bei Einkäufen. Grundzüge der Verantwortungsethik nach Jonas


Seminararbeit, 2018
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Aufgabenstellung der Prüfungsarbeit
1.2 Vorgehensweise

2 BEGRIFFLICHKEITEN
2.1 Philosophische Disziplin Ethik
2.2 Verantwortung
2.3 Natur und Umwelt

3 ETHIKEN DER VERANTWORTUNG NACH JONAS
3.1 Frühe Ethiken der Verantwortung im 20. Jahrhundert
3.2 Ausgangsbasis für die Jonassche Verantwortungsethik
3.2.1 Die Verletzlichkeit der Natur
3.2.2 Technologie als Beruf der Menschheit
3.2.3 Der Mensch als Objekt der Technik
3.2.4 Die Dynamik des technischen Fortschritts
3.2.2 Methodische Vordringlichkeit der Prinzipienfrage
3.3 Grundsätze der Verantwortungsethik nach Hans Jonas
3.3.1 Beitrag des Tatsachenwissens
3.3.2 Vorrang der schlechten vor der guten Prognose
3.3.3 Das Element der Wette im Handeln
3.3.4 Die Pflicht zur Zukunft, zur potenziellen Bewahrung des Daseins der Nachkommen

4 ANWENDUNGSFALL KUNSTSTOFFTRAGETASCHE

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Grönlands Gletscher schmelzen schneller als je zuvor!

Ein rasant steigender Meeresspiegel wird New York schlucken!

Ein Hurrican verwüstete gestern das Inntal!

Diese und ähnliche Headlines beschreiben nicht nur eine, sich immer beschleunigende Klimaveränderung, sie rütteln – im Idealfall - auf. Die angeführte Bedrohung durch die Umwelt sollte für jeden Einzelnen ein Denk- und Handlungsanstoß sein, einen eigenen Beitrag zur Lösung zu leisten. Wenn jeder handelt, gibt es vielleicht noch Chancen, denn Klimaschutz beginnt im Kleinen. Jeder kann im Alltag Fahrgemeinschaften gründen, den Wasserhahn während des Zähneputzens abdrehen, unnötigen Müll vermeiden, nicht täglich Wurst und Schinken essen oder einen Baum pflanzen. Diese Beispiele zeigen, wie gelebte Verantwortung im Kleinen aussehen kann. Verantwortung im Kleinen realisiert Großes in Summe.

So eindrücklich die Headlines auch sein mögen, die Realität sieht anders aus. Änderungen des Verhaltens oder Änderungen des Lebensstils sind nur schwer zu realisieren, wie Erfahrungen der letzten Jahrzehnte seit der bahnbrechenden und viel diskutierten Veröffentlichung Die Grenzen des Wachstums von Dennis Meadows1 als Bericht des Club of Rome 1972 zeigte. Die Frage, welche sich daher stellt: Wie kann diese Verantwortung für den Einzelnen logisch philosophisch - eben ethisch - begründet werden?

Der deutsch-amerikanische Natur- und Technikphilosoph Hans Jonas entwickelt in seinem Hauptwerk Das Prinzip Verantwortung 2 eine Ethik für die gegenwärtige technologiebasierende Zivilisation. Diese Prüfungsarbeit stellt die Prinzipien und Grundlagen der von Jonas vorgeschlagenen Verantwortungsethik dar. Ebenso sollen diese anhand eines Anwendungsfalls erhellt werd Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik en. Meadows, Dennis: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. München: 1972

1.1 Aufgabenstellung der Prüfungsarbeit

Beschreiben Sie die Grundzüge der Verantwortungsethik (Jonas) und skizzieren Sie einen konkreten Anwendungsfall.

1.2 Vorgehensweise

Die Grundzüge der Verantwortungsethik nach Hans Jonas wird in dieser Püfungsarbeit vor allem aus seinem Hauptwerk Das Prinzip der Verantwortung, erstveröffentlicht 1979, entnommen. Im Kapitel zwei werden Begrifflichkeiten geklärt. Was ist Ethik, wie verlaufen Argumentationsmuster, was enthält der Begriff Verantwortung? Kapitel drei beschreibt erste Konzepte zur Verantwortungsethiken im 20. Jahrhundert, stellt wichtige Aspekte der Ausgangsbasis und ausgewählte Grundzüge der Jonassche Verantwortungsethik dar. Kapitel vier zeigt einen konkreten Anwendungsfall für die Entscheidung zu oder gegen Kunststofftragetaschen bei Einkäufen auf.

2 BEGRIFFLICHKEITEN

In diesem Kapitel werden die zentralen Begriffe des Titels der Forschungsarbeit und der Aufgabenstellung geklärt.

2.1 Philosophische Disziplin Ethik

Ethik als philosophisch-logische Disziplin wurde von Aristoteles begründet. Auf einem, im Grunde modernen wissenschaftlichen Ansatz, teilte er diese Disziplin in ethische Theorie (ηθικις θεωριας) und ethische Pragmatie (ηθικις πραγµατεια) ein3 4. Stammt das, ins Deutsche übernommene Grundwort ethisch (griechisch ethikos, η θικος) „[…] sittlich, moralisch […]“ 5 eben vom Sittlichen und Moralischen also überkommenen Gebräuchen und traditionellen Normen, so gleicht die Einführung der Disziplin Ethik einer kopernikanischen Wende. Nicht das möglichst genaue Übernehmen der traditionellen Normen steht im Mittelpunkt, sondern deren Legitimierung6 auf Basis allgemeiner Grundsätze.

Diese Grundsätze werden mittels Argumentationsmuster an konkreten Situationen und Alternativen zu Handlungen angewendet. Anstelle einer nicht hinterfragten argumentativen Kette, in welcher ein erarbeiteter Inhalt eines Schrittes zwangsläufig den nächsten Schritt zur Folge hat. Ein Beispiel ist häufig in der traditionellen Sittenlehre zu finden – mit dem (etwa konventionellen pädagogischen) Leitsatz „Weil es bei uns bisher so gemacht wurde, wirst du, liebes Kind, es auch so machen“. Als Beispiel hingegen für ein, in der Ethik häufig verwendetes Argumentationsmuster ist der Rhombus im Rahmen des Fünfsatzes7, siehe folgende Abbildung

Abbildung 1: Bewertungsprinzip und Argumentationsmuster Rhombus / Kette

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Angelehnt an und erweitert: Duden-Ratgeber: Wie schreibt man wissenschaftliche Arbeiten? Mannheim, Zürich: 2012, S. 128

Ausgehend von einer Situation (1) werden in der idealtypischen Struktur These (2) – Antithese (4) und Synthese (3) analysiert. Daraus wird eine Schlussfolgerung (5) gezogen, welche eine Begründung für eine vorzuziehende Handlung in Situation (1) enthält. Diese Empfehlung muss nicht die Synthese (3) sein. Fazit: Wesentliches Element der Ethik ist die Legitimierung aufgrund rationeller Analysen und (allgemein) akzeptierter Grundsätze.

Der pragmatische Teil der Ethik und Teil der praktischen Philosophie bezieht sich auf ein (tendenziell) habitualisiertes Handeln im Alltag auf dem Fundament einer entsprechenden inneren Haltung. Man könnte dies in herkömmlichen Begriffen auch als ‚gelebte Moral‘ im Nachvollzug einer früheren Reflexion einer bestimmten Situation bezeichnen.

2.2 Verantwortung

Das Deutsche Universalwörterbuch schreibt in seiner 8. Auflage zu verantworten, einem Wort mit der mittelhochdeutschen Ausgangsbedeutung von „[..] verantwürten, verantworten = (vor Gericht) rechtfertigen, eigl. = (be)antworten […]“ 8 . Daraus abgeleitet wird die erste Hauptbedeutung von verantworten so definiert: „[…] 1. (im Originaltext fett) Es auf sich nehmen für die eventuell als etw. sich ergebenden Folgen einzustehen […]“ 9 Sowohl die Ausgangsbedeutung als auch der gegenwärtige Inhalt dieses Zeitworts beinhalten ethische Aspekte eines Einhaltens einer Norm bzw. einer Vorgabe. Ebenso sind darin Elemente des Einstehens für ein spezifisches Handeln enthalten.

2.3 Natur und Umwelt

Der Begriff Natur ist vage, vieldeutig und wird in Diskussionen unterschiedlich verwendet. In dieser Arbeit wird daher nur eine Ersterklärung angeführt. Demnach ist Natur „ […] alles, was an organischen und anorganischen Erscheinungen ohne Zutun des Menschen existiert od. sich entwickelt […]“ 10 . Allerdings ist ein Kennzeichen der Verantwortungsethik nach Jonas, dass der Mensch ein Teil der Natur ist. Insofern ist die obige Start-Definition für diese Prüfungsarbeit um diesen Inhalt als erweitert anzusehen.

Dorsch, das Lexikon der Psychologie definiert Umwelt in als Bezeichnung “[…] für die Gesamtheit des Lebensraumes, der ein Lebewesen umgibt, bzw. alle auf dieses einwirkenden Einflüsse (zusätzlich zu den Erbanlagen und begrenzt darauf, dass die Einflüsse bestimmend sind für das Lebewesen). […]“ 11. Diese Definition enthält bereits wichtige Ausgangspunkte, die auf eine Verantwortungsethik allein bereits auf egoistischer Basis eines Selbsterhalts – sei es des eigenen Lebens oder jenes der nachfolgenden Generationen – verweisen. Wer seinen Lebensraum ruiniert, wird früher oder später davon negativ betroffen sein.

3 ETHIKEN DER VERANTWORTUNG NACH JONAS

Hans Jonas (1903 – 1993) der wichtigste Vertreter der Verantwortungsethik des 20. Jahrhunderts, oder Umweltethik, welche inhaltsbezogen auch so genannt wird, arbeitete eine Naturphilosophie aus, wie sie in dieser philosophischen Breite und logischen Begründung bis zu diesem Zeitpunkt (1979) noch nicht gegeben war. Jonas machte aufmerksam, dass die Umwelt einer der wichtigsten Werte in unserem Leben einnimmt und deshalb bei jeder Entscheidung mitberücksichtigt werden sollte. Wie Menschen heute handeln und die Welt gestalten, bestimmt die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen in einem, nicht zu unterschätzenden außerordentlichen Ausmaß.

3.1 Frühe Ethiken der Verantwortung im 20. Jahrhundert

Der deutsche Nationalökonom und Soziologe Max Weber brachte als erster den Begriff Verantwortungsethik in die Diskussion. Er tat dies 1919 in seinem Vortrag Politik als Beruf. Es ging ihm darum, dass Politiker die Folge ihres Handelns und Entscheidens bedenken. Nach Weber steht Verantwortungsethik im Gegensatz zur Gesinnungsethik, in welcher das überkommene sittlich-moralische Handeln bestimmend ist 12 . Anstelle des Befolgens eines traditionell oder religiös begründeten Gebots, etwas zu tun oder zu unterlassen, sind die vorauszusehenden Folgen des Handelns sowohl vorab zu berücksichtigen als auch nachher dafür aufzukommen13.

Nach dem deutschen Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann ist es sogar eine Aufgabe der Ethik, vor der Moral zu warnen, weil die Gesellschaft aufgrund ihrer häufigen traditionellen Verhaftung „[…] ethischen Ansprüchen nicht genügt, […]“ 14.

Wie eben aufgezeigt, beinhalten bisherige Ethiken zwar Gedanken einer Verantwortungsethik, diese Gedanken sind allerdings abstrakter und theoretisch Natur. Sie lassen sich nur schwer auf heutige Umweltprobleme anwenden. Hans Jonas stellte die Verantwortungsethik auf eine neue logische Basis, in welcher nicht nur der Mensch allein im Zentrum steht, sondern den Erhalt der Umwelt und aller Lebewesen im Sinne einer Umwelt- und Zukunftsethik

3.2 Ausgangsbasis für die Jonassche Verantwortungsethik

Dieser Abschnitt zeigt die Ist-Situation, in der die Erde sich befinden, und damit die Ausgangsbasis für eine existenziell gewordene Ethik der Verantwortung.

3.2.1 Die Verletzlichkeit der Natur

Umwelt und Natur werden als fundamentale, nicht mehr überschreitbare äußerste Bezugspunkte angesehen. Handlungen wirken innerhalb von Kausalreihen und zeigen sich in den Ergebnissen als Unumkehrbarkeit. Die Vernichtung von Leben und Lebenspotenzialen führt über deren Unumkehrbarkeit zurück auf die Möglichkeiten und Chancen, überhaupt zu leben. Jonas schreibt: „[…] Die Natur als eine menschliche Verantwortlichkeit ist sicher ein Novum, über das ethische Theorie nachsinnen muß (sic). […] Ist es einfach die Klugheit, die gebietet, nicht die Gans zu schlachten, die die goldenen Eier legt, oder gar den Ast abzusägen, auf dem man sitzt?“ 15

3.2.2 Technologie als Beruf der Menschheit

Der Mensch wurde bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert als einziges werkzeugherstellendes und nutzendes Lebewesen (homo faber) aufgefasst. Der Gebrauch von Werkzeugen galt als wesentliches Unterscheidungsmerkmal des Menschen von anderen Lebewesen. Diese Sichtweise wird inzwischen als überholt angesehen, denn viele Tiere wie andere Primaten oder Vögel stellen zielgerichtet Werkzeuge her und verwenden sie. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass die Menschheit durch einen umfassenden und nahezu unbeschränkten Gebrauch von Technologie die Welt umgestaltet. Die logische Folge nach Jonas ist, dass „[…] die Technologie [eine] ethische Bedeutung [..] [hat], durch den zentralen Platz, den sie jetzt im subjektiven menschlichen Zweckleben einnimmt.“ 16

[...]


1 Meadows, Dennis: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. München: 1972

2 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 6. Auflage. Frankfurt am Main: 1979/2017

3 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. In Aristoteles: Philosophische Schriften 3. Hamburg: 1995. Drittes Buch, S. 44–72

4 Vgl. Aristoteles: Politik. In Aristoteles: Philosophische Schriften 4. Hamburg: 1995. Zweites Buch, S. 31–75, S. 33

5 Duden : Deutsches Universalwörterbuch, das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, redaktionelle Bearbeitung der 8. Auflage; Berlin: Hamburg: Stuttgart: 2015, S. 555

6 Vgl. Ethik. In Ritter, Joachim / Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2: D-F; Darmstadt: 2001, S. 759-809, S. 759 Ethik.

7 Vgl. Duden-Ratgeber: Wie schreibt man wissenschaftliche Arbeiten? Mannheim, Zürich: 2012, S. 128

8 Duden: Deutsches Universalwörterbuch, das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, redaktionelle Bearbeitung der 8. Auflage; Berlin: Hamburg: Stuttgart: 2015, S. 1878

9 Ebd.

10 Ebd., S. 1252

11 Dorsch: Lexikon der Psychologie, Wirtz, Markus Antonius (Hrsg.) unter Mitarbeit von Strohmer, Janina, 18., überarbeitete Auflage; Stuttgart: 2017, S. 1743

12 Vgl. Weber, Max: Politik als Beruf. München 1919/2018

13 Vgl. Mieg, Harald: Verantwortungsehtik. In Ritter, Joachim / Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 11: U-V; Darmstadt: 2001, S. 575-576, S. 575

14 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main. 1997, S. 798

15 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. 6. Auflage. Frankfurt am Main: 1979/2017, S. 27

16 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. 6. Auflage. Frankfurt am Main: 1979/2017, S. 31

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kunststofftragetaschen bei Einkäufen. Grundzüge der Verantwortungsethik nach Jonas
Hochschule
Universidad Católica San Antonio Murcia  (emca-campus Leobersdorf)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V506881
ISBN (eBook)
9783346064257
ISBN (Buch)
9783346064264
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Umwelt, Verantwortung, Plastik, Sackerl, Jonas, Club of Rome, Plastiksackerl
Arbeit zitieren
Alice Kubo (Autor), 2018, Kunststofftragetaschen bei Einkäufen. Grundzüge der Verantwortungsethik nach Jonas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506881

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