Inwiefern sich die Gruppierungen, der Artushof und die Gralsfamilie, in Wolframs von Eschenbach "Parzival" unterscheiden oder Ähnlichkeiten aufweisen und welche Rolle dabei der Protagonist Parzival einnimmt, soll in dieser Arbeit anhand der Aspekte der Erbfolge und der Gemeinschaftszugehörigkeit, der Geographie, der Gemeinschaftszentren und Gemeinschaftsaufgaben sowie der minne und der triuwe untersucht werden.
Nicht selten werden die beiden Gruppierungen in Kontrast zueinander gestellt, wobei jedoch zum Teil sehr unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden. So werden besonders vor 1950 vermehrt Vergleiche gezogen, in denen die beiden Gesellschaften in Bezug auf die Stellung innerhalb der hierarchischen Ordnung unterschiedlich bewertet werden. Danach lassen sich weniger wertende, hierarchisch orientierte Sichtweisen sichten, das Konzept der Opposition der beiden Gesellschaftsmodelle und deren vermeintliche Unvereinbarkeit bleibt jedoch Gegenstand der mediävalen Forschung.
Inhaltsverzeichnis
I. Verwandtschaft und Herrschaftslegitimation durch Familienzugehörigkeit
II. Geographie
III. Gemeinschaftszentren und -aufgaben
IV. Minne und Triuwe
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die kontrastierende Darstellung der Artusgesellschaft und der Gralsgesellschaft in Wolframs von Eschenbach «Parzival», um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Struktur und ihren Werten zu identifizieren, wobei Parzival als zentrale, vereinende Instanz zwischen beiden Welten analysiert wird.
- Vergleich der Erbfolge und Verwandtschaftsstrukturen.
- Analyse der geographischen Verortung und Mobilität.
- Untersuchung der strukturellen Zentren und Aufgabenbereiche.
- Gegenüberstellung der Konzepte von Minne und Triuwe.
Auszug aus dem Buch
II. Geographie
König Artus ist mit seiner Tafelrunde keineswegs bloss an einem singulären Ort verankert, reist er doch mitsamt seiner Rittergesellschaft in seinen drei Ländereien (Bretane (273,5), Engellant (735,16) und Löver (216,3 ff.)) umher, die alle bewohnt sind und in denen das bäuerliche und ritterliche Leben gleichermassen stattfinden. Aufgrund seiner Mobilität kann Artus im sechsten Buch auch zu Parzival ausreiten und muss ihm keinen Boten schicken, der ihn an seinen Hof einlädt oder dergleichen (280,1-18).
Gar nicht mobil ist hingegen Anfortas, der Gralskönig, der Herrscher über das Reich Terre Salvaesche ist und seinen ewigen Sitz auf der Gralsburg Munsalvaesche hat. Um diese Burg sind in einem Umkreis von dreissig Meilen ausser den Einsiedlern keine anderen Anzeichen menschlichen Lebens sichtbar (225,19-22). Diese Voraussetzung, gepaart mit der Tatsache, dass nicht jeder Gralssuchende das Gralsreich findet, sondern nur vom Gral Auserwählte (468,11 ff.), lässt das Reich Anfortas’ - im Gegensatz zu jenem Artus’ - mystisch und nicht wirklichkeitsnah wirken. Die beiden Reiche und deren Herrscher geraten nie in geographische Überschneidung oder Interaktion, bleiben voneinander abgegrenzt.
Einzig Parzival scheint durch sein Herumreisen als physischer Berührungspunkt der beiden zu existieren, so ist der doch an beiden Höfen Gast und zuletzt Mitglied der Ritterrunde oder gar (Grals-)König.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Verwandtschaft und Herrschaftslegitimation durch Familienzugehörigkeit: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung von Erbansprüchen und Sippenzugehörigkeit, wobei Artus als ausserzeitliche Instanz und der Gralshof als genetisch vorbestimmte Erbgemeinschaft gegenübergestellt werden.
II. Geographie: Hier wird die Mobilität des Artushofes der statischen und isolierten Natur des Gralsreiches gegenübergestellt, wobei Parzival als verbindendes Element zwischen den geografisch getrennten Welten fungiert.
III. Gemeinschaftszentren und -aufgaben: Das Kapitel analysiert den König als strukturelles Zentrum bei Artus im Vergleich zum Gral als zentraler, göttlicher Instanz und definiert die unterschiedlichen rituellen Pflichten beider Gruppen.
IV. Minne und Triuwe: Diese Untersuchung beleuchtet die divergierenden Auffassungen von Minnedienst und Treue, wobei der Artushof weltliche Tugenden betont, während der Gralshof sexuelle Enthaltsamkeit und strikte Gottesdienste fordert.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Artushof, Gralsgesellschaft, Erbfolge, Geographie, Tafelrunde, Munsalvaesche, Minne, Triuwe, Anfortas, Rittertum, Gemeinschaftszugehörigkeit, Mittelalter, Herrschaftslegitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die zwei zentralen Gesellschaftsmodelle in Wolframs von Eschenbach «Parzival»: den Artushof und die Gralsgesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf Erbfolge, geographischer Mobilität, der strukturellen Organisation der Gemeinschaften sowie den ethischen Konzepten von Minne und Triuwe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, wie sich die beiden Gruppierungen unterscheiden oder ähneln und welche verbindende Rolle der Protagonist Parzival in diesem Spannungsfeld einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die auf Basis von Textstellen aus dem «Parzival» sowie einschlägiger Forschungsliteratur vergleichend argumentiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier inhaltliche Aspekte, die nacheinander die gesellschaftlichen Strukturen, die Raumkonzepte, die Herrschaftszentren und die moralisch-ethischen Kodizes der beiden Gruppen detailliert gegenüberstellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Artus, Gral, Parzival, Gesellschaftsvergleich, Minne, Triuwe und höfische Epik.
Warum wird Anfortas als Gegenpol zu König Artus beschrieben?
Während Artus als mobiler, präsenter Herrscher im Zentrum seiner ritterlichen Gesellschaft steht, ist Anfortas ein leidender, an einen festen, mystischen Ort gebundener Herrscher, dessen Amt eher durch den Gral als durch seine Person legitimiert wird.
Welche Bedeutung kommt Parzival bei der Verbindung beider Welten zu?
Parzival fungiert als Brücke, da er durch seine Herkunft beide Welten vereint, an beiden Höfen aufgenommen wird und die dort herrschenden unterschiedlichen Werte in seiner Entwicklung integriert.
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- Giulia Rossi (Author), 2017, Artushof und Gralsfamilie. Vergleich der zwei Gesellschaften in "Parzival" von Wolfram von Eschenbach, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506946