Die Erfahrung der Natur durch das Rätsel der Kunst

Die Einheit von Mensch und Natur bei Rainer Maria Rilke, Heinrich Reinhold, Cy Twombly und Anselm Kiefer


Seminararbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Die Erfahrung der Natur durch das Rätsel der Kunst

2. Die Erhabenheit der Natur

3. Die platonische Begrifflichkeit der Welt

4. Heinrich Reinhold: Die Pflicht zum Detail

5. Cy Twombly: Die Begrifflichkeit
5.1. Das innere Sehen
5.2. Die Begrifflichkeit durchbrechen
5.3. Die Systeme als Abbildungen von Wahrscheinlichkeiten
5.4. Die Wiedervereinigung ohne System

6. Anselm Kiefer: Die absolute Kraft der Natur

7. Die Vereinigung zur „Ein“-samkeit

8. Literaturverzeichnis

1. Die Erfahrung der Natur durch das Rätsel der Kunst

Warum haben Menschen ihre Nähe zur Natur verloren und wie kann mit der Kunst eine Sicht auf die wahre Wirklichkeit restituiert werden? Der Blick auf die Natur ist verfremdet, zum einen durch die „Erfahrung“ und zum anderen durch die „Begriffe“. Die Erfahrung ist eine Reise zu einem Ort oder Gedanken. Erfahrungen können nach ihrem Erfahren übertragen werden, sie wechseln die Person, ohne dass der neue Besitzer diese selbst physisch erfahren muss. Ähnlich verhalten sich die Begriffe. Der Mensch griff in die Natur ein, um Begriffe herauszuziehen, die ein Ding begreiflich machen und sie können wie Erfahrung weitergegeben werden. Erfahrungen und Begriffe, sind in facto physische Tätigkeiten. Dennoch sind sie Module der Konstituierung von Bildung, jedoch fehlt sowohl im Erfahren als auch beim Begreifen das Persönliche. Des Weiteren ist Bildung ein relevanter Faktor für die Sicht auf die Wirklichkeit. Genealogisch stammt Bildung vom Wort Bild ab und „sich ein Bild von etwas machen“, ist „sich etwas vorzustellen“. Die Bilder der wissenschaftlichen Systeme wurden nur vorgestellt oder besser gesagt hingestellt. Deshalb werden sie von der Gesellschaft nicht kritisiert. Kinder hingegen kritisieren, bis sie Begriffe und Erfahrung akzeptieren. Letzten Endes werden im Leben Assoziationen abgerufen, um sie mit der Situation zu vergleichen, aber die wahre Wirklichkeit wird ignoriert, denn es wird nur der Begriff gesehen. Somit verhindert das durch Bildung erlangte Wissen den Weg zur wahren Erkenntnis über die Wirklichkeit.

Wie dieser Weg wieder durch die Kunst befreit werden soll, wird im Folgenden ausgeführt. Das Leben ist pragmatisch geworden, der Sinn des Lebens bleibt unbeachtet, ebenso die Verbundenheit zur Natur. Die Kunst kann beim Wechsel vom pragmatischen zum deutlicheren und zu einem wertzuschätzenden Leben helfen. In dieser Arbeit werden keine Kunstwerke beschreiben, sondern Methoden betrachtet, wie Künstler die Natur in den Vordergrund des Bewusstseins bringen wollen. Im Anhang sind Werke der Künstler aufgelistet, anhand dieser können die Methoden nachgesehen werden. Es geht weder um die Ästhetik der Bilder noch wird kritisiert, stattdessen wird ein Einblick gegeben, was das Rätsel in der Kunst evozieren soll.

Zudem ist die Bedeutung der Worte „Erfahrung“, „Begriffe“ und „Bildung“ für diese Arbeit zu beachten. Die Worte sollen naiv betrachtet werden, ebenso wie die Blicke auf die Kunst sein sollten. Bei den Worten soll innegehalten und sie sollen wortwörtlich genommen werden. Bspw. „Innehalten“, dass etwas im Inneren festgehalten wird. Im gleichen Licht sollten alle Worte wie „Abbilden“, „Begreifen“, „Erfahren“, „Darstellen“, „Vorstellen“, „Nachdenken“ usw. angeschaut werden. Denn ein „Vorstellen“, ist ein „Etwas-vor-sich-hinstellen“, dadurch kann es sein, dass durch eine Vorstellung, das eigentliche Objekt nicht betrachtet werden kann. Vorstellen könnte somit mit dem Spruch „Ein Brett vorm Kopf haben“ verglichen werden. Ein „Nachdenken“, ist kein Sinnieren, weil es ein „einem-Begriff-Hinterherdenken“ ist; dieses Hinterherdenken ist die Kritik dieser Arbeit. Zum weiteren Verständnis: wird statt des Wortes Objekt, das Wort „Ding“ verwendet, in Anlehnung an das „Ding an sich“ der modernen Erkenntnistheorie.

2. Die Erhabenheit der Natur

Das Rätsel zu lieben, ist laut Rainer Maria Rilke das Recht des Künstlers. Existiert das Rätsel, begeistert das Schauspiel an sich, ohne dass ein Fortschritt erforderlich ist. Das Rätsel soll den Menschen erheben, indem es ihn zu den Dingen stellt. Ein Künstler ist dazu befähigt, denn er ist mit der Natur vertraut, er ist ein Dichter der Dinge.1 Um Rilkes Aussage zu begreifen, muss sie in einen Kontext gestellt werden und dieser ist die Landschaftsmalerei. Der Begriff Landschaftsmalerei assoziiert Natur. Allgemein wird Landschaft und Natur synonym verwendet. Allerdings ist diese synonyme Verwendung kritisch und um es im Duktus dieser Arbeit zu sagen: ist die Gleichsetzung von Landschaft und Natur eine „eingebildete Erfahrung“. Natur und Landschaft haben konträre begriffliche Bedeutungen.2 Natur ist absolut, ihre innere Kraft ist vom Menschen unbeeinflussbar. Dagegen ist Landschaft vom Menschen kultiviert.3 Die Definition von Natur bedeutet stetiger Wandel; hingegen ist Landschaft per Definition ein Landstück, das stabil mit einem kulturellen Ziel gehalten wird.4 Aber es ist zu beachten, dass Landstücke miteinander verbunden sind und das wahre Ausmaß einer Landschaft nie komplett betrachtet werden kann. Respektive der Definition ist Landschaft eine Symbiose aus Kultur und Natur, kurz: sowohl ein Weizenfeld als auch eine Stadt sind Landschaft. Die Kraft der Natur wirkt auch in der Stadt, Vegetation wächst in den Fugen der Straßenpflasterung und der Regen erodiert das Mauerwerk. Dagegen wirkt Natur ohne Kultur.5 Wie das Beispiel in der Stadt zeigt, ist die Kraft der Natur, diejenige, die Pflanzen im Frühling blühen lässt. Sie schafft das ohne den Menschen. Zwar hat die Menschheit Wege gefunden ihre Kräfte und Gesetze auszunutzen,6 um bspw. Energie zu erzeugen aber wenn die Natur ihre Kräfte zeigt, wird es als Katastrophe bezeichnet. Dabei macht sie dieses ohne Absicht, denn „sie weiß nichts von uns.“7

Zudem hat die Natur etwas Erhabenes.8 Erhabenheit – etwas Ungreifbares, Unerklärbares im Inneren haben. Wird jedoch ins Innere reingegriffen, um Etwas herauszuholen, um sich dieses zu eigen zu machen, als einen Begriff: dann hat das Ding sein Etwas nicht mehr, es hat seine Erhabenheit verloren: es ist leer geworden. Das ist die These dieser Arbeit: die „Begreifbarmachung“ der Wirklichkeit. Begriffe der vergangenen Erfahrung sollten aufgelöst und für einen selbst begriffen werden. Demnach muss die Erhabenheit den Dingen zurückgegeben werden, um mit ihnen in einer Symbiose leben zu können. Dass ein Förster die Bäume nicht als Lebewesen begreift, sondern sie aus monetärer Sicht nur als Ressource wahrnimmt,9 verdeutlicht, wie weit die Einheit von Mensch und Naturding (Baum) verdrängt wurde. Der Weg des Fortschritts, welcher durch Erfahrung beschritten wurde, ist mittlerweile ohne Fenster rundherum ausbetoniert. Laut Schiller ist der Mensch frei geworden durch seine Trennung von Natur, er hat die Natur verdinglicht, zum Objekt gemacht, sie ist vom Subjekt zum Objekt geworden. Der Mensch hat sich vom Sklaven zum Gesetzgeber erhoben. Er schuf Gesetze, um die Natur in diese hineinzusetzen.10 Jedoch entsteht daraus eine falsche Freiheit, die Adorno kritisierte: „die falsche Tradition“ beruft sich auf Begriffe, die aus der Gesellschaft und somit niemals frei entstanden sind. Es sollte immer etwas Neuem, Frischem gefolgt werden, denn nur so scheint neues Licht aufs wahre Gegenwärtige.11 Nun wird aus der folgenden Verdeutlichung diese These bekräftigt.

[...]


1 Vgl. Nalewski, Horst (Hrsg.): Rainer Maria Rilke. Schriften. Band 4, in: Engel, Manfred (Hrsg.)/Fülleborn, Ulrich (Hrsg.)/Nalewski, Horst (Hrsg.)/Stahl, August (Hrsg.): Rainer Maria Rilke. Werke, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, S. 325.

2 Vgl. Küster, Hansjörg: Schöne Aussichten. Kleine Geschichte der Landschaft, Verlag C. H. Beck, München 2009, S. 15.

3 Vgl. ebd., S. 99.

4 Vgl. ebd., S. 97.

5 Vgl. Küster, Hansjörg: Schöne Aussichten. Kleine Geschichte der Landschaft, Verlag C. H. Beck, München 2009, S. 15.

6 Vgl. Nalewski, Horst (Hrsg.): Rainer Maria Rilke. Schriften. Band 4, in: Engel, Manfred (Hrsg.)/Fülleborn, Ulrich (Hrsg.)/Nalewski, Horst (Hrsg.)/Stahl, August (Hrsg.): Rainer Maria Rilke. Werke, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, S. 309.

7 Ebd., S. 309.

8 Vgl. ebd., S. 316.

9 Vgl. Wohlleben, Peter: Das geheime Leben der Bäume, Ludwig Verlag, München 2015, S. 7.

10 Vgl. Ritter, Joachim: Subjektivität, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1974, S. 160 f.

11 Vgl. Hoppe-Sailer, Richard: Bilderfahrung und Naturvorstellung bei Cy Twombly, in: Imdahl, Max (Hrsg.): Wie eindeutig ist ein Kunstwerk?, DuMont Buchverlag, Köln 1986, S. 116.

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Details

Titel
Die Erfahrung der Natur durch das Rätsel der Kunst
Untertitel
Die Einheit von Mensch und Natur bei Rainer Maria Rilke, Heinrich Reinhold, Cy Twombly und Anselm Kiefer
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Kulturphilosophie: Philosophie der Landschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V506965
ISBN (eBook)
9783346054357
ISBN (Buch)
9783346054364
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultur, Kunst, Landschaft, Natur, Mensch, Rainer Maria Rilke, Cy Twombly, Heinrich Reinhold, Anselm Kiefer, Kosmos, System, Wissenschaft, Nichtwissen, Ignoranz, Philosophie, Romantik, Begriff, Begrifflichkeit, Wirklichkeit, Wahrscheinlichkeit
Arbeit zitieren
Florian Danker (Autor), 2019, Die Erfahrung der Natur durch das Rätsel der Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506965

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