Das neoklassische Paradigma und seine Unterschiede zu nicht-orthodoxen Ansätzen. Neoklassik versus heterodoxe Ökonomie


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation und Ziel der Arbeit
1.2 Vorgehensweise

2 Hauptteil
2.1 Begriffserklärung
2.1.1 Paradigma
2.1.2 Mainstream
2.1.3 Orthodoxie und Heterodoxie
2.2 Das neoklassische Paradigma
2.2.1 Die Entstehung der Neoklassik und ihre Entwicklung zum Paradigma
2.2.2 Merkmale des neoklassischen Paradigmas
2.2.3 Grundlegende Kritik am neoklassischen Paradigma
2.2.4 Umgang der Neoklassik mit Kritik
2.3 Heterodoxe Ökonomie
2.3.1 Die Entwicklung des Verständnisses von heterodoxer Ökonomie
2.3.2 Heterodoxe ökonomische Ansätze
2.3.3 Quo vadis heterodoxe Ökonomie? Pluralismus oder Paradigmenwechsel?

3 Schluss
3.1 Fazit
3.2 Kritische Würdigung und Ausblick auf zukünftige ökonomische Forschung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Motivation und Ziel der Arbeit

Dass die Mehrheit der angesehenen Vertreter einer Disziplin die Gültigkeit gewisser, unumstöß- licher Kernannahmen und Leitsätze anerkennt, gilt als konstituierendes Merkmal von Wissen- schaften (Heise, 2007). Ein solcher Konsens manifestiert sich in den gängigen Lehrbüchern und Fachzeitungen, sowie an Hochschulen und auf Kongressen, welche überwiegend die weithin akzeptierten Methoden und Ansätze lehren, verbreiten und diskutieren (Dequech, 2012).

In der heutigen Wirtschaftswissenschaft nimmt, seit Ende des 19. Jahrhunderts, die Neoklassik diese paradigmatische Vormachtstellung ein.

Seitdem ist das neoklassische Paradigma umfangreicher Kritik ausgesetzt, welche jüngst, nicht zuletzt im Hinblick auf die schwere Finanzkrise von 2007, immer lauter wird. Jedoch gibt es neben der, auf der Richtigkeit ihrer Überzeugungen beharrenden, Neoklassik durchaus alternati- ve Ansätze die eine Vielzahl von Argumenten vorbringen welche dem neoklassischen Paradigma entgegenstehen (Bresser-Pereira, 2014).

Diese seit langem schwelende, und trotzdem höchst aktuelle, Diskussion über den zu wählenden wirtschaftswissenschaftlichen Ansatz ist Gegenstand dieser Arbeit. Das Ziel der folgenden Aus- führungen ist es, das neoklassische Paradigma vorzustellen, seine Kritikpunkte zu verdeutlichen und aus dieser Kritik entstandene alternative Konzepte vorzustellen. Dabei soll die aktuelle Situ- ation der ökonomischen Forschung verdeutlicht werden, in der der vorherrschende Ansatz ne- oklassischer Theorie sich nicht nur vielseitiger Kritik von verschiedenen heterodoxen Konzepten ausgesetzt sieht, sondern auch schwere Defizite in der Vorhersage, der Erklärung, und dem Um- gang mit realen Wirtschaftskrisen offenbart.

1.2 Vorgehensweise

Zunächst werden einige Begriffe erläutert die, im Sinne von Arbeitsdefinitionen, grundlegend zum Verständnis der weiteren Ausführungen beitragen sollen.

Im nächsten Abschnitt werden die Entstehung und Entwicklung der neoklassischen Theorie ver- anschaulicht, sowie ihre charakteristischen Merkmale zusammengefasst. Daraufhin werden be- deutende Kritikpunkte am neoklassischen Paradigma vorgestellt und die verschiedenen Reaktio- nen von Vertretern der Neoklassik auf diese Kritik erläutert.

Als nächstes wird beschrieben, wie sich das Verständnis von heterodoxer Ökonomie im ge- schichtlichen Verlauf verändert hat. Im Anschluss werden einige, wichtige Ansätze der hetero- doxen Ökonomie und deren Kritik an der Neoklassik, sowie deren Unterschiede zum neoklassi- schen Paradigma vorgestellt.

Letztlich erfolgt ein Fazit der Auseinandersetzung mit der Neoklassik und heterodoxen Ökono- miekonzepten, eine kritische Würdigung der Arbeit, sowie ein abschließender Ausblick auf zu- künftige Forschungsgegenstände.

2 Hauptteil

2.1 Begriffserklärung

2.1.1 Paradigma

In der Psychologie wird Paradigma häufig mit Betrachtungsweise gleichgesetzt und als der be- griffliche und theoretische Rahmen eines Forschers verstanden (Michel & Novak, 2001). Der ökonomische Paradigmenbegriff wurde entscheidend durch den amerikanischen Wissenschafts- theoretiker Thomas Samuel Kuhn geprägt, der unter einem Paradigma die von einer Fachge- meinschaft, zu einer bestimmten Zeit, geteilten Ansichten über Wissenschaftlichkeit verstand. Ihm zufolge kann sich wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur durch eine schrittweise Weiter- entwicklung, im Sinne einer Evolution des herrschenden Paradigmas, vollziehen. Eine abrupte Ablösung des gängigen Idealbilds der Wissenschaft, ausgelöst durch neue Erkenntnisse die die- sem fundamental widersprechen, ist ebenso möglich. Diesen abrupten Übergang nennt Kuhn einen revolutionären Paradigmenwechsel (Kuhn, 2012).

2.1.2 Mainstream

Der Begriff des Mainstream beschreibt in der Ökonomie die vorherrschenden Denkgewohnhei- ten, welche weithin als normal und gut gelten (Dobusch & Kapeller, 2009). Wie eingangs ange- deutet hat der Begriff des Mainstreams auch einen elitären Aspekt, da er durch die von den Lei- tern führender Hochschulen und Fachzeitschriften geteilten Ansichten repräsentiert wird. Der ökonomische Mainstream besteht also aus dem, was elitäre Fachinstitutionen für intellektuell richtig und wertvoll halten (Colander, et al., 2004).

2.1.3 Orthodoxie und Heterodoxie

„Doxa“ steht in der altgriechischen Philosophie lediglich für eine Meinung oder Ansicht, in Un- terscheidung zur tatsächlichen Wahrheit (Parmenides, 1991). Orthodoxie bezeichnet dement- sprechend in seiner ursprünglichen Bedeutung die (einzig) richtige Meinung. Heterodoxie be- zeichnet dagegen von der Orthodoxie abweichende Theorien und Meinungen. Somit sind die beiden Begriffe zunächst nur eine Frage des Blickwinkels und der Zuschreibung, da konsequen- terweise sowohl die Vertreter der Orthodoxie, als auch der Heterodoxie, Wissenschaftlichkeit und Richtigkeit ihrer Ansichten für sich reklamieren. Im ökonomischen Sprachgebrauch wird der Begriff Orthodoxie in Verbindung mit dem vorherrschenden Paradigma, also dem wissenschaft- lichen Mainstream verwendet. Die Heterodoxie besteht demgegenüber aus einem pluralistischen Verbund von Theorien, welche die Orthodoxie ablehnen. Im Gegensatz zu der abwehrenden, dogmatischen Einstellung der Orthodoxie, akzeptiert die Heterodoxie verschiedene Konzepte, und somit wissenschaftliche Pluralität (Hirte & Thieme, 2013).

2.2 Das neoklassische Paradigma

2.2.1 Die Entstehung der Neoklassik und ihre Entwicklung zum Paradigma

Die neoklassische Theorie entstand im Zeitraum von 1870 bis 1920, durch Ablösung des herr- schenden ökonomischen Paradigmas der Klassik (Ambrosius, et al., 2006) (Boldizzoni & Hudson, 2016). Diese historische Epoche war von einer schweren Wirtschaftskrise bestimmt, der großen Depression von 1873 bis 1896, die Arbeiteraufstände und ein erstarken der sozialisti- schen Bewegung zur Folge hatte. Die Tendenz krisengebeutelter Unternehmen, sich zu Monopo- len und Kartellen zusammenzuschließen, trug weiter zur Entstehung der Neoklassik bei. Diese Voraussetzungen nahmen Politik und Unternehmer als Bedrohung der liberalen Ordnung wahr und bildeten daher einen fruchtbaren Boden für den rasanten Aufstieg der Neoklassik, der als neoklassische (marginalistische) Revolution bekannt geworden ist (Söllner, 2001).

Die erste der Neoklassik zugeordnete Veröffentlichung kam aus Cambridge, im Jahre 1871, und geht auf den britischen Ökonomen William Stanley Jevons zurück, der darin das klassische Werk David Ricardos, vor allem dessen Wert- und Verteilungstheorien, kritisiert (Jevons, 1871). Fast zeitgleich veröffentlichte der österreichische Nationalökonom Carl Menger seine Grundsät- ze der Volkswirtschaftslehre, die das Grenznutzenprinzip in der Produktion behandeln (Menger, 1871). Drei Jahre später, 1874, veröffentlichte der Franzose Léon Walras seine allgemeine Gleichgewichtstheorie (Walras, 1874) die, bei gegebenen Ressourcen, Produktionstechniken und Präferenzen der Wirtschaftssubjekte, ein ökonomisches Gleichgewicht zwischen den einzelnen Wirtschaftssubjekten und des gesamten Wirtschaftssystems postulierte (Napoleoni, 1972). Der Italiener Vilfredo Pareto, welcher wie Walras an der Universität von Lausanne lehrte, ergänzte dessen Theorie um das Konzept des Pareto-Optimums, nach dem das entstandene Gleichgewicht eine optimale ökonomische Verteilung bedeutet.

Im Jahre 1890 schließlich veröffentlichte Alfred Marshall, ein britischer Nationalökonom, seine partielle Gleichgewichtstheorie (Marshall, 1890), welche die, bis zu diesem Zeitpunkt noch recht uneinheitliche, Schule der Neoklassik systematisierte und ihr eine breite Anerkennung verschaff- te. Die Theorie Marshalls dominiert, in weiterentwickelter Form, noch heute die maßgeblichen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbücher und Curricula. Marshall hat also eine Orthodoxie in der neoklassischen Theorie herbeigeführt und damit den entscheidenden Beitrag zum Paradig- menwechsel von der Klassik zur Neoklassik geleistet (Bortis, o.J.).

Interessanterweise prägte den Begriff Neoklassik keiner seiner Vertreter, sondern der Kapitalis- muskritiker Thorstein Veblen, im Jahre 1900, der damals das Denken einer anderen Gruppe be- schrieb und ganz und gar nicht den ökonomischen Mainstream meinte (Colander, 2000).

2.2.2 Merkmale des neoklassischen Paradigmas

In der Literatur (Colander, et al., 2004), (Screpanti, 2005) herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass folgende Merkmale kennzeichnend für die ursprüngliche Form neoklassischer Theorie sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Merkmale der Neoklassik

Auf diesen Eigenschaften beruht die zentrale Überzeugung des neoklassischen Paradigmas, dass sich selbst überlassene Märkte, durch die vollständig rationalen Handlungen der Wirtschaftssub- jekte, ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herstellen welches ein beschäfti- gungs- und verteilungsbezogenes Optimum darstellt (Bortis, o.J.).

Eine systematische Charakterisierung des neoklassischen Paradigmas, bestehend aus drei Kernaxiomen, sowie einem „schützenden Gürtel“ zusätzlicher Annahmen, erscheint zudem be- achtenswert (Heise, 2007).

Das Bruttosubstitutionsaxiom steht hier für die gegenseitige Austauschbarkeit aller Güter und Dienstleistungen, welche die Existenz von Marktgleichgewichten ermöglicht.

Das Rationalitätsaxiom besteht aus dem Postulat: jedes wirtschaftliche Handeln sei, im Sinne des Homo Oeconomicus, widerspruchsfrei und zielgerichtet.

Das dritte, das Ergodizitätsaxiom besteht aus Erwartungen, im Sinne deterministischer Ergebnis- se, basierend auf vollständiger Rationalität und Voraussicht. Als charakteristische Schutzannah- men werden unter anderem vollständige Konkurrenz und Preisflexibilität, sowie unendlich große Anpassungsgeschwindigkeiten, oder fehlende Informations- und Transaktionskosten genannt (Heise, 2007).

Nachdem dargestellt wurde welche grundlegenden Merkmale die Neoklassik in ihrer ursprüngli- chen Form ausmachen, wird im Folgenden erläutert wie die Vertreter der neoklassischen Theorie mit der zahlreichen Kritik umgehen, der sie seit Entstehung des Paradigmas ausgesetzt sind.

2.2.3 Grundlegende Kritik am neoklassischen Paradigma

Eine Reihe von Fachvertretern mit abweichenden Meinungen haben umfangreiche Kritiken, an den vorgestellten Merkmalen der Neoklassik, vorgebracht. Nicht nur die grundlegenden Annah- men des methodologischen Individualismus, der vollständigen Rationalität, sowie des Utilitaris- mus werden dabei in Frage gestellt sondern auch die methodologische Fundierung aus Optimie- rung und Marginalisierung sowie der Gleichgewichtstheorie (Colander, et al., 2004).

Dabei zielt die Kritik an den grundlegenden Annahmen der Neoklassik vor allem auf deren Rea- litätsferne ab, genauer gesagt auf die zu starke Vereinfachung der komplexen Realität durch eine Vielzahl teils sehr gewagter Annahmen, auf die die Neoklassik ihre Erkenntnisse stützt (Heise, 2007). Es wird argumentiert, dass sozio-ökonomische Erklärungen nicht, wie es der methodolo- gische Individualismus vorsieht, allein aus der Ebene der einzelnen Wirtschaftssubjekte er- schließbar sind, sondern in der Realität auch die soziale und institutionelle Umwelt auf die indi- viduellen Wirtschaftssubjekte einwirkt (Arnsperger & Varoufakis, 2006).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das neoklassische Paradigma und seine Unterschiede zu nicht-orthodoxen Ansätzen. Neoklassik versus heterodoxe Ökonomie
Hochschule
AKAD University, ehem. AKAD Fachhochschule Stuttgart
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V507094
ISBN (eBook)
9783346058126
ISBN (Buch)
9783346058133
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neoklassik, neoklassisches Paradigma, heterodoxe Ökonomie
Arbeit zitieren
Tilmann Koch (Autor), 2017, Das neoklassische Paradigma und seine Unterschiede zu nicht-orthodoxen Ansätzen. Neoklassik versus heterodoxe Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507094

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