Fernand Braudels "Die Welt des Mittelmeeres" und Alexis Marrants "Mittelmeer in Gefahr". Die Wechselbeziehung von Mensch und Mittelmeerregion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Welt des Mittelmeeres in Fernand Braudels Herausgeberwerk
1.1 Braudels Definition des Mittelmeerraumes
1.2 Menschen auf dem Wasser – Schifffahrt, Wellen und Wetterverhältnisse
1.3 Fischerei und Landwirtschaft im Mittelmeerraum
1.3.1 Großfischerei und mangelnde Artenvielfalt
1.4 Landschaftliche Gegebenheiten rund um das Mittelmeer
1.5 Zwischenfazit zu Braudels Text

2. „Mittelmeer in Gefahr“ – Ein mahnender Dokumentarfilm
2.1 Fischerei und Tourismus im Mittelmeerraum
2.1.1 Die Kreuzfahrt im Mittelmeer und ihre Folgen
2.2 Weitere Einflussfaktoren im Mittelmeerraum
2.3 Zwischenfazit zum Dokumentarfilm

3. Die Darstellung der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Mittelmeerraum in anderen literarischen Quellen
3.1 Das Anthropozän

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Während das Meer für den Menschen noch immer Gefahren birgt, gefährdet inzwischen der Mensch selbst das Meer in weitaus größerem Maße […]“ (North, 2016, S. 274) – Mit dieser Aussage wird einerseits der Einfluss des Mittelmeeres auf das Leben des Men- schen angesprochen, andererseits geht es aber auch um eine genau entgegengesetzte Ein- flussnahme. Die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Mittelmeer(region) thematisiert auch Fernand Braudel in den ersten drei Kapiteln seines 1987 herausgegebenen Werkes „Die Welt des Mittelmeeres“. Außerdem beschäftigt sich der aus dem Französischen übersetzte Dokumentarfilm „Mittelmeer in Gefahr“ (2018) mit diesem Thema. Beim Vergleich der je- weiligen Standpunkte, die in den genannten Quellen vertreten werden, wird deutlich, dass sich die Darstellungen der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Mittelmeerregion durchaus voneinander unterscheiden. Dies wirft die Frage auf, wie die angesprochene Wech- selbeziehung letztendlich charakterisiert werden kann. Ist sie tatsächlich von einer gegensei- tigen Einflussnahme geprägt, oder beeinflusst doch eher nur eine die andere Seite, sodass das Verhältnis zueinander unausgeglichen ist?

Für die Bearbeitung dieser Fragestellung werden in der vorliegenden Arbeit zunächst die zwei verschiedenen Werke einzeln betrachtet und die jeweilige Position bezüglich der zu untersuchenden Wechselbeziehung herausgearbeitet. Es folgt ein Vergleich der beiden Standpunkte und schließlich der Versuch, anhand weiterer Quellen eine Antwort auf die Frage zu finden. Hierbei soll auch das Konzept des Anthropozän berücksichtigt werden, welches die menschliche Einflussnahme auf die Umwelt in den Fokus nimmt.

Diese Arbeit untersucht eine Wechselbeziehung, die letztlich stellvertretend für alle Wech- selbeziehungen zwischen dem Menschen und anderen Ökosystemen steht.

1. Die Welt des Mittelmeeres in Fernand Braudels Herausgeberwerk

Die drei zu untersuchenden Kapitel des Werkes „Die Welt des Mittelmeeres“ von Fernand Braudel geben dem Leser einen Einblick in verschiedenste Bereiche der Mittelmeerwelt. Der Autor geht unter anderem auf geschichtliche, geografische, topografische und wirtschaftli- che Aspekte ein, die in der Mittelmeerregion beobachtet werden können, diese geprägt haben oder noch immer prägen. Der Mensch als beeinflussender Faktor einerseits und reagierender Faktor andererseits ist Teil von Braudels Ausführungen. Welche menschlichen Aktivitäten der Autor in seinem Text thematisiert, hängt von dessen Definition des Mittelmeerraumes ab. Umfasste diese Definition beispielsweise ausschließlich das Meeresbecken und die Küs- ten, so würden Aktivitäten in der Landwirtschaft wahrscheinlich keine Erwähnung in Brau- dels Ausführungen finden. Im Folgenden soll dargestellt werden, wie der Autor die Mittel- meerregion definiert.

1.1 Braudels Definition des Mittelmeerraumes

Schon aus dem Inhaltsverzeichnis des Herausgeberwerks geht hervor, dass sich Braudels Verständnis vom Mittelmeerraum nicht allein auf das Meer und dessen Küsten beschränkt. Besonders die Überschrift des Kapitels 2 gibt einen Hinweis darauf, welche Größe er der Mittelmeerregion tatsächlich beimisst: „Das Land“ wird in einem eigenen Kapitel themati- siert und zählt demzufolge neben dem Meer aus Sicht des Autors zum Mittelmeerraum. Auch Abulafia stellt fest, dass „der Mittelmeerraum Braudels […] eine Landmasse [war], die sich weit über die Küstenregionen und das eigentliche Meeresbecken hinaus erstreckte […]“ (Abulafia, 2014, S. 12). Braudels Text enthält unter anderem Ausführungen zu Hafen- städten wie „Venedig“ (Braudel, 1987, S. 7) und „Neapel“ (ebd., S. 15), zu Inseln wie „Korfu“ (ebd., S. 14) und „Sizilien“ (ebd.) sowie zu verschiedenen Küstengebieten Tunesi- ens oder Italiens. Anhand einer topografischen Karte kann ich als Leser die Zuordnung die- ser Städte, Inseln und Regionen zum Mittelmeerraum nachvollziehen, denn eine direkte Ver- bindung zum Mittelmeer ist jeweils gegeben. Neben den genannten Beispielen erwähnt Braudel jedoch auch Orte und Regionen, die meines Erachtens nicht zweifellos der Mittel- meerregion zugeordnet werden können. So liegen beispielsweise „Mekka […]“ (Braudel, 1987, S. 20) und „Schwarzafrika“ (ebd., S. 18) weit von der Küste des Mittelmeers entfernt. Dass bei der Definition des Mittelmeerraumes im Sinne Braudels jedoch die Nähe zum Mit- telmeer keine primäre Rolle spielt, wird auch in folgendem Textausschnitt deutlich:

„So erstreckt sich denn der Mittelmeerraum vom ersten Ölbaum, dem man von Norden kom- mend begegnet, bis zum ersten dichten Palmenhain, der in der Wüste vor einem erscheint“ (Braudel, 1987, S. 18). Braudels Definition der Mittelmeerregion umfasst somit nicht nur das Meer und die daran anschließenden Küstengebiete, sondern orientiert sich vor allem an der mediterranen Vegetation und deren Ausbreitung. Dem Autor zufolge dienen Ölbäume und Palmen als Indikatoren für die Grenzen des Mittelmeerraumes.

1.2 Menschen auf dem Wasser – Schifffahrt, Wellen und Wetterverhältnisse

Braudels Beschreibung der mediterranen Welt beginnt folgendermaßen: „In diesem Buch fahren Schiffe übers Meer; Wellen nehmen ihren Gesang auf […]“ (Braudel, 1987, S. 7). Bereits hier zeigt sich die Wechselbeziehung zwischen Mittelmeer(-raum) und Mensch. Ei- nerseits befahren Schiffe das Meer – sie wurden und werden vom Menschen erbaut, um sich auf dem Wasser fortbewegen zu können. Mittlerweile gilt das Mittelmeer nicht mehr als „Hindernis“ (ebd., S. 44), „Begrenzung“ (ebd. S. 37) oder „bis zum Horizont reichende Schranke“ (ebd.). Im Gegenteil – heutzutage wird meist problemlos mit Schiffen „übers Meer“ (ebd., S. 7) gefahren, es dient als „Verbindung“ (ebd., S. 44) und ist im Laufe der Zeit Teil eines „vollständig[en] Verkehrsnetz[es]“ (ebd., S. 57) geworden. Der gesamte Mittel- meerraum stellt laut Braudel „ein[en] Bewegungsraum“ (ebd.) dar, in dem es „Straßen zu Land und zu Wasser“ (ebd.) gibt. Es ist den Menschen gelungen, sich das Meer als Ver- kehrsweg zunutze zu machen. Die Aussage des Autors, dass „jeder das Meer befahren, es sich unterjochen“ (ebd., S. 47) will, weist auf eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Mensch und Mittelmeer hin. Es scheint, als würde das Meer an Stärke und Einfluss verlieren und sich nur noch dem durch menschliche Aktivitäten bestimmten Geschehen unterordnen.

Andererseits geht aus der zu Beginn dieses Abschnittes zitierten Textstelle hervor, dass im Meer Wellen entstehen, die an Kraft zunehmen können. Sie haben damit das Poten- zial, die Schifffahrt der Menschen zu beeinträchtigen. Je nach Stärke der Wellen kann dies bis zum Kentern des Schiffes führen, was wiederum eine Gefahr für die Besatzung an Bord darstellt. Um Schiffsunglücke oder andere negative Folgen zu vermeiden, versuchen Men- schen seit jeher, die Bauweise ihrer Gefährte so gut wie möglich an die Bedingungen im beziehungsweise auf dem Wasser anzupassen. Braudel beschreibt im Kapitel „Das Meer“ verschiedenste Schiffstypen, die im Laufe der Zeit „langsam, sehr langsam weiterentwi- ckelt“ (ebd., S. 49) wurden. So sind beispielsweise „die Galeeren lediglich für die ruhige sommerliche See geeignet“ (ebd., S. 54), im Winter hingegen „muß [beim Einsatz dieser Schiffe] mit […] Schiffbruch“ (Braudel, 1987, S. 55) gerechnet werden. Da solche Katastro- phen möglichst vermieden werden sollten, wurde mit der Zeit ein weiterer Schiffstyp entwi- ckelt, die sogenannte „Kogge“ (ebd., S. 52). Diese war auch „hohem Wellengang […] und winterlichem Unwetter gewachsen“ (ebd.). Galeeren und Koggen sind nur zwei von ver- schiedensten Schiffstypen, die Braudel in seinem Text hinsichtlich „der Entwicklung des Schiffbaus im Mittelmeer“ (ebd., S. 56) beschreibt. Er verdeutlicht damit, dass die Menschen immer wieder auf die natürlichen Gegebenheiten im maritimen Raum reagieren und sich an diese anpassen müssen. Dies zeigt sich nicht nur in der allmählichen Entwicklung der ein- zelnen Schiffstypen, sondern auch in der Anordnung einer sogenannten „Winterruhe“ (ebd., S. 49) durch die „besorgten Städte und Staaten“ (ebd.). Mit dieser Bestimmung wurde dem Autor zufolge unter anderem in Venedig noch im 16. Jahrhundert „das Reisen zur Winter- zeit“ (ebd.) verboten. Grund hierfür waren „heftige Stürme“ (ebd., S. 47) und „Orkane“ (ebd., S. 45), die laut Braudel im Herbst und Winter charakteristisch für das Mittelmeer sind. Es zeigt sich, dass nicht nur das Wasser selbst eine potenzielle Gefahr darstellt, sondern auch die im Mittelmeerraum vorherrschenden maritimen Wetterverhältnisse einen erheblichen Einfluss auf das Leben der Menschen haben können. Diese müssen sich Braudels Beschrei- bungen zufolge je nach Jahreszeit stets an die Bedingungen auf hoher See anpassen.

Die Wechselbeziehung zwischen Mittelmeerraum und Mensch wird in Braudels Text nicht nur hinsichtlich der Schifffahrt und den damit verbundenen Gefahren beleuchtet. Der Leser erhält auch einen Einblick in das Gewerbe der Fischerei. Inwiefern Braudel die gegenseitige Einflussnahme zwischen Mensch und Mittelmeerregion anhand dieses Gewerbes darstellt, soll im folgenden Abschnitt beschrieben werden.

1.3 Fischerei und Landwirtschaft im Mittelmeerraum

In Braudels Text heißt es: Der „kleingewerbliche Fischer […] übt also einen Doppelberuf aus“ (Braudel, 1987, S. 41). Neben der Fischerei ist es dem Autor zufolge die Arbeit in der Landwirtschaft, die für viele an der Mittelmeerküste lebenden Menschen unabdingbar ist. Ein kleingewerblicher Fischer ist meist nur aufgrund der Ausübung zweier Berufe überhaupt in der Lage, die eigene „Familie durch[zu]bringen“ (ebd.). Dies liegt dem geringen Fischbe- stand im Mittelmeer zugrunde. Da es „nicht sonderlich fischreich“ (ebd., S. 38) ist, sind die kleingewerblichen Fischer gezwungen, „gleichzeitig aus dem Boden und aus dem Wasser [ihren] Nutzen [zu] ziehen“ (ebd., S. 41). Hieraus ergibt sich eine Abhängigkeit der Fischer von den Gegebenheiten im Mittelmeerraum: Sie sind darauf angewiesen, dass trotz der geringen Fischbestände immer noch ausreichend viele Fische in ihre Netze gehen. Nur so können die Erhaltung ihrer beruflichen Existenz und die Ernährung der eigenen Familie ge- währleistet werden.

Was nicht mit Einnahmen aus dem Fischfang finanziert werden kann, muss ein Fischer durch Tätigkeiten in der Landwirtschaft ausgleichen. Er bestellt „seinen Garten und seinen Acker“ (Braudel, 1987, S. 41) und ist damit auf eine gewisse Qualität des Bodens angewiesen. Auch dies deutet auf eine Abhängigkeit des Menschen von den Gegebenheiten im Mittelmeerraum hin. Braudel stellt die „Gewinnung des Bodens“ (ebd., S. 21) im Kapitel „Das Land“ als sehr mühsam und langwierig dar und spricht in diesem Zusammenhang von den „Tücken der Geologie und des mediterranen Klimas“ (ebd., S. 21). Voraussetzung für eine landwirt- schaftliche Nutzung der Böden ist dem Autor zufolge deren Fruchtbarmachung, die „erst in unserem Jahrhundert“ (ebd., S. 22) – also im 20. Jahrhundert - abgeschlossen wurde. Dazu musste zunächst „das unselige Wasser bekämpf[t]“ (ebd., S. 22) werden, denn „jede medi- terrane Ebene [stand] ursprünglich unter Wasser […]“ (ebd.). Anfangs waren die Menschen machtlos gegenüber den natürlichen Gegebenheiten in den Ebenen rund um das Mittelmeer. An reichliche Ernten war nicht zu denken. Dies beeinflusste das Leben der Menschen inso- fern, als dass sie spezielle Anlagen zur Entwässerung der Gebiete sowie zur Herbeileitung frischen Wassers entwickelten (Braudel, 1987) und infolge dessen den Boden landwirt- schaftlich nutzen konnten. Hier beginnt sich das Verhältnis zwischen Mensch und Mittel- meerraum zu verschieben: Der Eingriff in die Natur und die damit verbundene Umgestaltung der Ebenen ist ein Zeichen für den wachsenden Einfluss des Menschen in der Mittelmeerre- gion. Die „Eroberung“ (ebd., S. 22) des Bodens vollzog sich zwar „überaus langsam […]“ (ebd.), hat jedoch zur Folge, dass „die Ebene [heute] rücksichtslos mit modernsten Mitteln ausgebeutet [wird], ob im Getreide- oder im Weinbau“ (ebd., S. 23). Braudel stellt die Wech- selbeziehung zwischen Mensch und Mittelmeerraum hier als grundlegend verändert zuun- gunsten der Mittelmeerregion dar.

1.3.1 Großfischerei und mangelnde Artenvielfalt

Was die kleingewerbliche Fischerei betrifft, so spricht Braudel von einer „ziemlich scho- nenden“ (ebd., S. 40) Methode, die ihm zufolge wohl auch in Zukunft „erhalten bleiben“ (ebd.) wird. Die Fänge größerer Schiffe jedoch, „drohen das Meer zu erschöpfen“ (ebd., S. 39). Dies könnte laut Fachmann Nino Caffiero künftig ein Verbot der Großfischerei im Mittelmeer zur Folge haben. Braudel führt in diesem Zusammenhang das Beispiel des Schwertfisches an, der aufgrund von Überfischung auszusterben droht (Braudel, 1987, S. 39). Damit verdeutlicht der Autor, dass der Mensch durch seine Handlungen auch auf die Mittelmeerfauna einen großen Einfluss ausübt und das Verhältnis zur Mittelmeerregion dementsprechend negativ geprägt ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Fernand Braudels "Die Welt des Mittelmeeres" und Alexis Marrants "Mittelmeer in Gefahr". Die Wechselbeziehung von Mensch und Mittelmeerregion
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Mare Nostrum. Das Mittelmeer und die Literatur
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V507097
ISBN (eBook)
9783346063649
ISBN (Buch)
9783346063656
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Mittelmeerregion, Wechselbeziehung, Fernand Braudel, Mittelmeer in Gefahr, Die Welt des Mittelmeeres, Ökosystem, Alexis Marrant
Arbeit zitieren
Sarah Meister (Autor), 2018, Fernand Braudels "Die Welt des Mittelmeeres" und Alexis Marrants "Mittelmeer in Gefahr". Die Wechselbeziehung von Mensch und Mittelmeerregion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507097

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