Die zu untersuchende Forschungsfrage innerhalb dieser Arbeit lautet wie folgt: Welche identitätsstiftenden Prozesse waren für den Wandel des Selbstverständnisses zum Judentum innerhalb des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) von besonderer Bedeutung?
"Hundsfott, wehr‘ Dich!‘" Mit diesem an einen Kampf anknüpfenden Aufruf versuchte der im Jahr 1893 gegründete C.V. seine jüdischen Mitbürger zu erreichen und sie anzuhalten, sich gegen den aufkommenden Antisemitismus zu erheben. Dies geschah in einer Zeit, in der die herrschende Agitation gegen die Juden immer größere Auswirkungen einnahmen und darüber hinaus von den Antisemiten versucht wurde, die jüdische Bevölkerung ihrer bürgerlichen Rechte zu berauben. Dabei nahm der C.V. eine ganz entscheidende Rolle im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus ein und führte zusätzlich zu einem Wandel des jüdischen Selbstverständnisses innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Diese identitätsbildenden Prozesse wurden durch verschiedene Debatten im Vereinsorgan Im deutschen Reich (IdR) gefördert. Diese Vereinszeitschrift erschien zwei Jahre nach der Gründung des C.V.‘s, am 1. Juli 1895. Der zeitliche Rahmen für diese Arbeit wurde auf die Epoche des wilhelminischen Kaiserreichs festgelegt.
Kennzeichnend für diese Phase war das "Aufkommen des Massenkonsums, die zarten Anfänge des Umweltschutzes und gesellschaftliche Reformbewegungen sowie viele wissenschaftliche Entdeckungen". In dieser facettenreichen und widersprüchlichen Epoche lebte die jüdische Minderheit seit den 1860ern auf rechtlicher Ebene gleichberechtigt. Die jüdische Gemeinschaft im deutschen Reich verband ein großes Interesse an akademischer Bildung, ihre orthodoxe Religiosität hingegen trat immer mehr in den Hintergrund. Der sich nun entwickelnde neuere und modernere Antisemitismus, schaffte es nicht nur salonfähig zu werden, sondern erreichte eine neue Form der Organisierung, bei der politische Parteien gegründet wurden. Unter der
Bedrohung des erstarkenden Antisemitismus entstanden in der jüdischen Bevölkerung Streitschriften zur Ermutigung der jüdischen Bevölkerung.
Raphael Löwenfeld forderte aus diesem Grund eine Vertretung, die unsere Zeit und unsere Stellung im Staate nicht versteht, durch eine andere zu ersetzen, die aus dem Geiste der gebildeten Mehrzahl heraus zu den Fragen der Gegenwart Stellung nimmt. Ausgehend von diesem Bittgesuch wurde schließlich der C.V. am 26. März 1893 gegründet.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Der historische Sachverhalt in der Wilhelminischen Epoche
- Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
- Entstehungskontext
- Ziele und Aufgaben des C.V.'s
- Politischer Standpunkt
- Verhältnis zu den innerjüdischen Ausrichtungen
- Der Wandel des jüdischen Selbstverständnisses innerhalb des Centralvereins
- Abwehr des Antisemitismus
- Deutsch-patriotische Identität
- Die Wahrnehmung des Judentums
- Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die identitätsbildenden Prozesse innerhalb des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) zur Zeit des Wilhelminischen Deutschland. Sie analysiert, wie der C.V. auf den aufkommenden Antisemitismus reagierte und wie sich das Selbstverständnis der jüdischen Bevölkerung im Kontext dieser Auseinandersetzung entwickelte.
- Die Rolle des C.V. im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus
- Der Wandel des jüdischen Selbstverständnisses innerhalb des C.V.
- Die Bedeutung von Deutsch-patriotischer Identität für die jüdische Bevölkerung
- Die Wahrnehmung des Judentums im Wilhelminischen Deutschland
- Die Auswirkungen des Antisemitismus auf die jüdische Gesellschaft
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung bietet einen historischen Kontext für die Untersuchung und stellt die Forschungsfrage vor. Kapitel 2 befasst sich mit der Situation der Juden im Wilhelminischen Deutschland und dem Aufstieg des Antisemitismus. Kapitel 3 widmet sich dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, seiner Entstehung, seinen Zielen und seinem politischen Standpunkt.
Kapitel 4 untersucht die identitätsbildenden Prozesse innerhalb des C.V., insbesondere die Abwehr des Antisemitismus, die Entwicklung einer deutsch-patriotischen Identität und die Wahrnehmung des Judentums.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.), Identität, Juden, Wilhelminisches Deutschland, Selbstverständnis, Deutsch-patriotische Identität, Vereinszeitschrift „Im deutschen Reich“
- Arbeit zitieren
- Sophie Schönherr (Autor:in), 2019, Identitätsbildende Prozesse im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zur Zeit des Wilhelminischen Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507123