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Zwei Sprachen – zwei Ansichten? Wie Bilingualität das Denken beeinflusst

Titel: Zwei Sprachen – zwei Ansichten? Wie Bilingualität das Denken beeinflusst

Bachelorarbeit , 2016 , 41 Seiten , Note: 1,5

Autor:in: Katharina Ortlieb (Autor:in)

Russistik / Slavistik
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Sprache schafft nicht Realität, sondern geht von den universellen Erfahrungen der Menschen aus und formuliert Realität sowohl ideell als auch materiell auf einzelsprachlich eigene Weise. Dass die über Jahrhunderte hinweg entstandenen Begriffe und Strukturen sich dabei von Sprache zu Sprache unterscheiden, führt zu einer einzelsprachlich spezifischen Weltansicht. Die Idee der einzelsprachlichen Weltansicht wird auf Wilhelm von Humboldt zurückgeführt, dessen sprachphilosophisches Denken gerade im Kontext neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wiederentdeckt wird. Man spricht von einer „Humboldt-Renaissance“ in den letzten zehn Jahren, was Anlass dazu gibt, das Prinzip der sprachlichen Relativität neu zu überdenken. In der vorliegenden Arbeit soll eine sprachphilosophische Neubetrachtung angestellt werden, auf das, was vor dem Hintergrund des Chomsky’schen Universalismus für absurd erklärt wurde, nämlich, dass einzelsprachliche Strukturen in direkter Weise auf Denkprozesse des Menschen Einfluss nehmen. Hierzu soll insbesondere die Betrachtung der Zweisprachigkeit unter sprachphilosophischen Gesichtspunkten neue Erkenntnisse beitragen. Wenn es stimmt, dass wir die Welt stets durch die strukturierende Brille einer Muttersprache wahrnehmen, was passiert dann, wenn ein Mensch zwei Muttersprachen hat? Denkt eine bilinguale Person in ihren jeweiligen Sprachen auf unterschiedliche Art und Weise und wechselt mit der Sprache ihre Weltansicht gleich mit? Aktuelle Erkenntnisse aus der Bilingualismusforschung können die Debatte um die sprachliche Relativitätstheorie erneut anregen, jahrhundertealtes Sprachdenken in ein neues Licht rücken und darüber hinaus die Zweisprachigkeit als individuellen und gesellschaftlichen Gewinn herausstellen.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Verhältnis von Sprache und Denken

2.1 Sapir, Whorf und die Sprachdeterminiertheit

2.2 Zurück ins 18. Jahrhundert: Humboldts Blick auf Sprache

2.3 Eine Neubewertung der Relativitätstheorie

3. Bilinguales Weltbild. Zwei Sprachen – zwei Identitäten

3.1 „Double thinking“. Die bilinguale Leistung

3.2 Weltansichten als Übersetzungsproblem

3.3 Emotion, Verhalten und kulturelle Zugehörigkeit

4. Mehrsprachigkeit als individueller und gesellschaftlicher Gewinn

4.1 Stolperstein Mehrsprachigkeit

4.2 Fremdverstehen: Bilingualität als Vermittlerin

5. Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Sprache und Denken unter besonderer Berücksichtigung der Bilingualität. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob bilinguale Personen in ihren jeweiligen Sprachen unterschiedlich denken und ob sie durch den Sprachwechsel ihre Weltansicht verändern.

  • Verhältnis von Sprache, Denken und Realität
  • Kritische Auseinandersetzung mit der Sapir-Whorf-Hypothese
  • Konzept der sprachlichen Weltansicht nach Wilhelm von Humboldt
  • Bilinguale Kompetenz als kognitiver Pluralismus
  • Identitätskonstruktion und kulturelle Zugehörigkeit bei Mehrsprachigkeit

Auszug aus dem Buch

3.1 „Double thinking“. Die bilinguale Leistung

– „Papa, ich will auch so ein Parfum haben wie du.“

– „Aha, gleich.“

Die Antwort meines bilingual russisch-deutschen Vaters ist eine konzeptuell russische Äußerung mit deutschen Worten, welche meinem Bruder (dessen deutlich dominante Sprache Deutsch ist) völlig unverständlich blieb, weil er in diesem Moment im deutschsprachigen Modus war. „Aha, gleich“ (Aga, sejčas/ Ага, сейчас) wird in der russischen Umgangssprache im ironischen Sinne von „Ja, ganz bestimmt“ oder „Das hättest du wohl gern“ verwendet. Eine solche Situation ist nicht ungewöhnlich, wenn zwei Sprachen aufeinandertreffen: mein Vater dachte russisch, aber sprach deutsch. Pavlenko (2014: 122) nennt das „L1 thinking for L2 speaking“, wobei es dem Sprecher selbst gar nicht unbedingt auffallen muss, dass er hier vergeblich versucht, die L2 zu sprechen, ohne seine Gedanken entsprechend umzustrukturieren. Bilingualität ist ein immer häufiger werdendes Phänomen und wird von unterschiedlichen Autoren unterschiedlich definiert, was dazu führt, dass in einigen Publikationen nur solche Personen bilingual genannt werden, die von frühester Kindheit an zwei Sprachen sprechen (2L1), und sich entsprechend durch einen hohen Grad an Sprachbeherrschung in beiden Sprachen auszeichnen. In anderen Publikationen hingegen werden auch solche Menschen darunter gefasst, die nach „der kritischen Spanne“ (Triarchi-Herrmann 2012: 17), sprich nach der Pubertät, eine zweite Sprache erworben haben (sukzessiv L2), welche aber im Alltag für die Sprecher eine große Rolle spielt, eventuell migrationsbedingt. In diesem Fall ist der Grad der Sprachbeherrschung zweitrangig, wichtig ist nur, dass die Person täglich mit zwei Sprachen hantiert, welche unterschiedlichen Lebensbereichen zugeordnet sind (i.d.R. Familiensprache ≠ Sprache der Umgebung). Ich möchte unter Bilingualität primär die Zugehörigkeit eines Menschen zu zwei Sprachgemeinschaften verstehen, und zwar insofern, als dass er hin und wieder unentschlossen ist, welche der Sprachen den „silent dialog with one’s soul“ (Pavlenko 2014: 208) dominiert, in welcher Sprache er also denkt.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein, beleuchtet die Rolle der Muttersprache für die Gedankenbildung und skizziert die wissenschaftliche Debatte um sprachliche Relativität und Determiniertheit.

2. Zum Verhältnis von Sprache und Denken: Dieses Kapitel analysiert die Sapir-Whorf-Hypothese, ihre radikale Interpretation und die kritische Neubewertung im Kontext der Humboldt’schen Sprachphilosophie.

3. Bilinguales Weltbild. Zwei Sprachen – zwei Identitäten: Der Hauptteil untersucht die kognitiven Prozesse bei bilingualen Personen, das Phänomen des "Double thinking" und wie Sprachen konzeptionell strukturiert sind.

4. Mehrsprachigkeit als individueller und gesellschaftlicher Gewinn: Hier werden Vorurteile gegenüber Mehrsprachigkeit widerlegt und Bilingualität als wertvolle kognitive Kompetenz sowie als Brücke zum Fremdverstehen dargestellt.

5. Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen: Das Fazit fasst die Kernergebnisse zusammen und plädiert dafür, Mehrsprachigkeit als persönlichen und gesellschaftlichen Gewinn in einer pluralistischen Gesellschaft zu begreifen.

Schlüsselwörter

Bilingualität, Sprache und Denken, Sprachliche Relativität, Sapir-Whorf-Hypothese, Wilhelm von Humboldt, Weltansicht, Identität, Mehrsprachigkeit, Kognitive Flexibilität, Konzeptuelle Restrukturierung, Interkulturelle Kommunikation, Sprachphilosophie, Zweisprachigkeit, Kulturelle Identität, Neurobiologische Grundlage

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie Sprachen das Denken und die Weltsicht beeinflussen, insbesondere bei Personen, die mit zwei Sprachen aufwachsen oder diese täglich nutzen.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung sprachphilosophischer Theorien (Sapir, Whorf, Humboldt), die kognitiven Auswirkungen von Bilingualität und die Rolle von Sprache für kulturelle Identität.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es zu klären, ob bilinguale Sprecher in den verschiedenen Sprachen unterschiedlich denken und ob sie beim Sprachwechsel ihre Perspektive auf die Welt (Weltansicht) anpassen.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?

Die Autorin verwendet eine sprachphilosophische und linguistische Analyse, gestützt durch eine Literaturübersicht und die Auswertung aktueller Studien zur Bilingualismusforschung.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil widmet sich dem „Double thinking“, Übersetzungsproblemen, dem Einfluss von Sprache auf Emotionen und Verhalten sowie dem Konzept der Mehrsprachigkeit als individueller Gewinn.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die wichtigsten Begriffe sind Bilingualität, Sprachliche Relativität, Weltansicht, Kognitive Flexibilität und Interkulturelle Kommunikation.

Was bedeutet „Double thinking“ im Kontext der Arbeit?

Es beschreibt die Erfahrung bilingualer Sprecher, dass Konzepte einer Sprache nicht nahtlos in die andere übersetzbar sind und wie die Person ihre Gedanken entsprechend der aktivierten Sprache umstrukturiert.

Wie beeinflusst eine zweite Sprache die kognitive Wahrnehmung laut der Autorin?

Sprache fungiert als "Aufmerksamkeitslenker". Das Erlernen einer zweiten Sprache erweitert das Repertoire an Kategorisierungen, was die kognitive Flexibilität erhöht, anstatt das Denken zu limitieren.

Wird Zweisprachigkeit als Hindernis oder Vorteil bewertet?

Die Autorin bewertet Mehrsprachigkeit eindeutig als wertvolle Ressource und persönlichen Gewinn, der zu einer erweiterten Sichtweise und besserem interkulturellen Verständnis beiträgt.

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Details

Titel
Zwei Sprachen – zwei Ansichten? Wie Bilingualität das Denken beeinflusst
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Slawistik)
Veranstaltung
Slawische Sprachwissenschaft
Note
1,5
Autor
Katharina Ortlieb (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2016
Seiten
41
Katalognummer
V507161
ISBN (eBook)
9783346076922
ISBN (Buch)
9783346076939
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilingualität Zweisprachigkeit Mehrsprachigkeit Sprachphilosophie Sprachwissenschaft Relativitätstheorie
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Katharina Ortlieb (Autor:in), 2016, Zwei Sprachen – zwei Ansichten? Wie Bilingualität das Denken beeinflusst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507161
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  41  Seiten
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