Kinderarmut. Herausforderungen an die Sozialpolitik in Deutschland und Schweden


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung zum Thema Armut

3. Armutsgefährdung von in Deutschland lebenden Kindern- Zahlen und Fakten

4. Ursachen von Kinderarmut in Deutschland

5. Auswirkungen familiärer Armut auf die Entwicklung der Kinder

6. Kinderarmut im Vergleich der aktuellen Sozialpolitik zwischen Schweden und Deutschland

7. Sozial- und familienpolitische Handlungsaufforderung

8. Fazit

Literaturnachweise

Internetquellen

1. Einleitung

„Unsere Gesellschaft ist arm an Kindern, aber reich an armen Kindern“ (Jüttner 2007: o. A.).

Dieses Zitat formulierte SPD- Fraktionschef Wolfgang Jüttner anlässlich der Vorstellung des Deutschen Kinderreports 2007.

Nicht nur in der EU auch in Deutschland leben immer mehr Menschen in Armut (vgl. Boeckh 2010: 57). Lange Zeit galt Kinderarmut in Deutschland als unbedeutendes Randphänomen, obwohl diese Problematik hierzulande keine Seltenheit darstellt. Im Gegenteil, in Deutschland ergab eine Längsschnittanalyse, dass in den Jahren 2000 bis 2010 rund 8,6 Prozent der deutschen Kinder Armutserfahrungen gemacht haben. Diesbezüglich lebten 6,9 Prozent dieser Kinder in Haushalten, welche mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen mussten (vgl. UNICEF 2013: 1). Wirtschaftliche und soziale Umbruchprozesse, welche seit Anfang der neunziger Jahre ein Auseinanderdriften der Gesellschaft begünstigt haben, bewirkten im letzten Jahrzehnt zum Teil intensive wissenschaftliche und politische Diskurse hinsichtlich der Auswirkungen relativer Einkommensarmut auf die Kinder. So ist sich die Armutsforschung weitestgehend einig darüber, dass besonders die Kinderarmut in den letzten dreißig Jahren auf ein hohes Niveau angewachsen ist. Deutschland würde noch wesentlich schlechter dastehen, käme es zu einer Kürzung oder gar einem Wegfall staatlicher Transferleistungen. Dennoch fallen die politischen Ansätze zu dürftig aus als das von einer Sozialpolitik für Kinder die Rede sein kann. So wird einerseits das Problem der Kinderarmut in Wissenschaft und Medien thematisiert und andererseits in der Politik nahezu übergangen (vgl. Beisenherz 2013: 9f.). Angesichts dieser Situation versucht die vorliegende Arbeit, sich der Armutsproblematik von Kindern anzunähern. Allerdings wäre es vermessen, die Thematik in den vorliegenden Ausführungen umfassend bearbeiten zu können. Dies wäre im vorgegebenen Rahmen nur stark vereinfacht realisierbar. Insofern kann die umfassende Thematik lediglich angeschnitten werden. Anfänglich erfolgt dazu eine Begriffsklärung der Armut und insbesondere der Kinderarmut. Darüber hinaus wird besonderer Wert darauf gelegt, die Ursachen und Folgen von Armut auf die Sozialisation von Kindern aufzugreifen, um die Vielschichtigkeit der Armutsauswirkungen zu verdeutlichen. Überdies wird das Phänomen Kinderarmut hinsichtlich der aktuellen Sozialpolitik im Ländervergleich zwischen Schweden und Deutschland betrachtet und letztlich die Handlungsanforderungen an die Sozialpolitik formuliert.

2. Begriffsklärung zum Thema Armut

„Armut gehört zu den Begriffen, die zwar fest im Alltagsbewusstsein verankert sind, unter denen aber jede/r etwas anderes versteht“ (Butterwegge 2000: 21). Demgemäß ist laut Butterwegge der Armutsbegriff aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Zudem weist er auf die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten hin, die verschiedene Sichtweisen erzeugen. Es ist festzustellen, dass es kein einheitliches Verständnis von Armut gibt. Mit dem vieldeutig verwendeten Begriff Armut werden ökonomische und soziale Randlagen beschrieben und in politischen, öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten wird diesem ein unterschiedlicher Stellenwert zugeschrieben. Das daraus resultierende uneinheitliche und verzerrte Bild ist kaum zu entzerren. Außer Diskussion steht aber, dass die Armut zunimmt, auch wenn sie sich einer eindeutigen Messbarkeit entzieht (vgl. ebd. 22). „ Armut ist mehr, als nur wenig Geld zu haben. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Freiheit, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden“ (Butterwegge 2000: 22).

Der Begriff Armut definiert sich anhand unterschiedlicher Ansätze, wobei ein Ansatz sich auf Statistiken und Erhebungen stützt und der andere das subjektive Armutsempfinden in den Vordergrund stellt. In der statistischen Herangehensweise stellen die absolute und die relative Armut zwei zentrale Begriffe dar. Diese Form der absoluten Armut als physische Existenzbedrohung ist in Deutschland, im Gegensatz zu Entwicklungsländern, nur in Ausnahmefällen anzutreffen. Dagegen ist die in diesem Zusammenhang diskutierte Armut von Kindern überwiegend eine relative Armut, welche sich in eingeschränkten Lebenschancen der Betroffenen im Verhältnis zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft darstellt. Zudem ist die Berechnung relativer Armut ein kompliziertes statistisches Verfahren, wobei diesbezüglich die Armutsmessung über das Einkommen eine weit verbreitete Methode ist. Wer weniger als sechzig Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, gilt anhand der EU-Definition als armutsgefährdet. Somit leben von Armut betroffene Kinder zumeist in einkommensarmen Haushalten. Da sich viele Messungen zur Arbeitsbestimmung ausschließlich auf die finanziellen Ressourcen beziehen, sollte Armut mehrdimensional erfasst werden, da neben der finanziellen Situation verschiedene Lebensbereiche, wie z. B. die kulturelle Versorgung oder die soziale Lage, betroffen sind (vgl. Kalbitz 2010: 2ff.).

3. Armutsgefährdung von in Deutschland lebenden Kindern- Zahlen und Fakten

Nach der Erhebung LEBEN IN EUROPA (EU-SILC) 2013 ist derzeit fast jede sechste Person Deutschlands von Armut gefährdet. Dieses Ergebnis entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung oder fast 13 Millionen Menschen (vgl. Statistisches Bundesamt 2014:1).

Überdies führen seit geraumer Zeit statistische Erhebungen über die Zunahme der Kinderarmut zu vielfältigen Diskursen. In diesem Zusammenhang weisen lokale Armutsberichte insbesondere auf eine Erhöhung der Kinderzahl unter den Sozialhilfeempfängern hin (vgl. Beisenherz 2013: 28). So lebten beispielweise im Jahre 2003 circa 1,08 Millionen Kinder in Haushalten mit Sozialhilfebezug und schon Ende 2004 stieg diese Zahl auf 1,45 Millionen. Mit dem 2005 erlassenen „ Vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz IV)“ verschärfte sich die Situation. Dies hatte 2009 eine Steigerung auf über 1,7 Millionen von Armut betroffenen Kindern zur Folge und bewirkt damit eine Gesamtanzahl in Deutschland von ca. 2,5 Millionen Kindern. Vergleichsweise äußert sich das Bild der relativen Einkommensarmut, welches bestätigt das Kinder öfter als Erwachsene von Armut betroffen sind. So stieg die Gesamtarmutsquote anhand von SOEP1 - Daten des 3. Armuts-und Reichtumsberichts von 12 Prozent im Jahr 1998 auf 18 Prozent im Jahr 2005. Im übereinstimmenden Zeitraum erhöhte sich die Kinderarmutsquote von 16 auf 26 Prozent (vgl. Kalbitz 2010: 7). Somit ist jedes siebte Kind von Armut betroffen und lebt in einer Familie, die weniger als 50 Prozent des finanziellen Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Zudem lebt die Hälfte aller in Deutschland weilenden Kinder in finanziell unsicheren Verhältnissen und 6,6 Prozent aller Kinder empfangen Sozialhilfe. Die letztere Prozentangabe ist die doppelte Menge des Bevölkerungsdurchschnitts (vgl. Arbeiterwohlfahrt 2008). Da Armut mehrdimensional zu betrachten und als materielle sowie immaterielle Problemlage zu verstehen ist, muss neben der Einkommenssituation der Familie die Lebenslage der Kinder Beachtung finden (vgl. Butterwegge 2000:76).

Zu bedenken gilt, dass die erhobenen Zahlen und Fakten nicht statisch zu betrachten sind, sondern aufgrund unterschiedlicher Erhebungsdesigns und verwendeter Datenquellen einer großen Varianz unterliegen. In fachspezifischen Diskursen besteht aber gemeinsame Übereinstimmung, dass die Daten des SOEP die soziale Realität am präzisesten treffen (vgl. Hübenthal 2009: 33).

4. Ursachen von Kinderarmut in Deutschland

Ausschlaggebend für die Armutsgefährdung von Kindern sind die Arbeitsmarktbedingungen, die Soziale Lage und Stellung ihrer Familie und die Ausgestaltung des Sozialstaates. Die Normalarbeitsverhältnisse offenbaren sich in einer fortschreitenden Auflösung und münden in prekären und befristeten Leih- und Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen, so dass immer häufiger Familien kein ausreichendes Erwerbseinkommen erwirtschaften können (vgl. Hübenthal 2009: 26). Trotz steter Erwerbstätigkeit der Eltern erzielen sie lediglich ein Einkommen im Niedriglohnbereich und sogar bei einer Vollzeitbeschäftigung eines Elternteils lebt mittlerweile jedes zehnte Kind in einer relativen Einkommensarmut (vgl. Kalbitz 2010: 11). Diese Entwicklung bedeutet, dass viele Arbeitnehmer auf staatliche Unterstützung zurückgreifen müssen, um ihre und die Grundversorgung ihrer Familie gewährleisten zu können (vgl. Europaparlament 2010: o. A.). In diesem Zusammenhang wird von sogenannten „working-poor“ Haushalten gesprochen, die überdies eine kontinuierliche Steigerung zu verzeichnen haben (vgl. Kalbitz 2010: 11).

Ferner ist neben dem sich zersetzenden Idealbild der lebenslangen gut entlohnten Vollzeitbeschäftigung, auch ein umfassender Wandel herkömmlicher Familien- und Haushaltsstrukturen als Ursache von Kinderarmut zu registrieren. Der klassischen Ehepaarfamilie weichen immer mehr nichtehelichen Familienformen. Dazu gehören z. B. Haushalte Alleinerziehender oder nichteheliche Lebensgemeinschaften. Allerdings geht es bei diesem Argument nicht um die eigentliche Familienform, sondern vielmehr darum, dass die letzteren Formen aus sozialstaatlicher Perspektive derzeit nur gering abgesichert sind (vgl. Hübenthal 2009: 27).

Eine weitere Ursache für Kinderarmut liegt den derzeitigen sozialstaatlichen Interventionen zu Grunde. Trotz unzweifelhafter Anstrengungen von Seiten des Sozialstaates, die Kinderarmutsrate zu senken, konnte doch nur eine eingeschränkte Wirkung auf die zuvor genannten Ursachen erreicht werden (vgl. ebd.: 28). Trotz der Erhöhung des Kindergeldes, verschiedener Steuererleichterungen sowie anderer sozialpolitischer Maßnahmen und letztendlich einer reduzierten Kinderarmut um seit Jahren konstante 40 Prozent, ist Deutschland im Ländervergleich zwischen Dänemark, Schweden und Finnland weit entfernt von der 80 prozentigen Reduktionsquote. Im Vergleich der OECD- Länder befindet sich die Reduktionsleistung Deutschlands einige Prozente unter dem Durchschnitt und liegt im mittleren Feld (vgl. Henning 2008: o. S.).

[...]


1 Das Sozio-oekonomische Panel stellt für die sozial-, verhaltens- und wirtschaftswissenschaftliche Grundlagenforschung Mikrodaten bereit

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut. Herausforderungen an die Sozialpolitik in Deutschland und Schweden
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V507218
ISBN (eBook)
9783346058317
ISBN (Buch)
9783346058324
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armutsgefährdung, Kinderarmut, Armut, Sozial- und familienpolitische Handlungsaufforderung, Sozialpolitik, Auswirkungen familiärer Armut, Armutsproblematik, Einkommensarmut, Kinderarmutsrate, soziale Sicherungssysteme, Steuer-und Familienpolitik, Bildungsförderung, sozialstaatliche Grundsicherung
Arbeit zitieren
Ines Schrötter (Autor), 2016, Kinderarmut. Herausforderungen an die Sozialpolitik in Deutschland und Schweden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507218

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