Identität und Individualisierung

Ein Vergleich zwischen Georg Simmel und George H. Mead


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.0 Individualisierung bei Simmel
2.1 Vergesellschaftung und Wechselwirkungen
2.2 Soziale Kreise
2.3 Konzentrische Kreise
2.4 Veränderung der Kreise und Rollen
2.5 Qualitative Individualisierung
2.6 Soziale Differenzierung und Individualisierung

3.0 Identität bei Mead
3.1 Symbolische Interaktion
3.2 Bewusstsein und Selbstbewusstsein
3.3 Die Entstehung von Identität: game und play
3.4 Das I, das Me und das Self (Identität)
3.5 Soziale Differenzierung und Identität

4.0 Vergleich von Individualisierung und Identität
4.1 Unterschiede
4.2 Gemeinsamkeiten

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Individualisierung bzw. Identität nach den soziologischen Klassikern Georg Simmel und George Herbert Mead. Doch was ist Individualisierung eigentlich? Seit dem 19. Jahrhundert bedeute Individualisierung nicht mehr Gleichheit, sondern Einzigartigkeit der Individuen (vgl. Abels 2010: 148). Mit Simmels Worten sei der Sinn des Individualismus „der Unterschied der Einzelnen, ihre qualitative Besonderung“ (Simmel 1900, S.493 zit. nach Abels 2010:148). Wie kann aber Individualisierung entstehen? Was macht sie aus? In welcher Form ist sie in die Gesellschaft eingebettet? Fragen wie diese werden unter anderem in der Hausarbeit beantwortet.

Zunächst folgt die Individualisierungstheorie von Georg Simmel, dessen Lebenslauf kurz vorgestellt werden soll. Georg Simmel wurde am 1. März 1858 in Berlin geboren. Dort studierte er 1876 Geschichte, Völkerpsychologie, Philosophie und Kunstgeschichte, wodurch sein soziologisches Denken beeinflusst wurde. Ebenfalls beeinflusst wurde Simmel vom Großstadtleben in Berlin. Dass Simmel jüdischer Abstammung war, hatte unterschiedliche Folgen: Zum einen wurde er für sein scharfsinniges Denken gelobt, zum anderen wurde er antisemitisch kritisiert und beleidigt (vgl. Nedelmann 2000: 127f).

Simmels Theorie geht von Vergesellschaftung und Wechselwirkung aus, die zu Beginn der Arbeit genauer beschrieben werden soll. Darauf aufbauend verdeutlicht Simmel im Modell der sozialen Kreise Vergesellschaftung und Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft. Außerdem fokussiert er sich auf die historische Entwicklung der Kreise und die Veränderung der Rollen. Danach wird erläutert, was qualitative von quantitativer Individualisierung unterscheidet und in welcher Form beide in die Gesellschaft eingebettet sind. Bevor Meads Theorie demgegenüber gestellt wird, soll auch dieser kurz vorgestellt werden. George Herbert Mead wurde am 27. Februar 1863 in South Hadley, Massachusetts geboren. 1887 begann er ein Philosophiestudium, das ihm aber ungenügend in Anbetracht der damaligen sozialen Probleme vorkam. 1888 wechselte Mead zu physiologischer Psychologie, weil die Herangehensweise zum Lösen philosophischer Fragen geistig unabhängiger sein sollte. Neben seinen Studienfächern wurde er insofern von seinem protestantischen Vater beeinflusst, dass Mead trotz fortschreitender Wissenschaft die moralischen Werte des protestantischen Christentums bewahren wollte (vgl. Joas 2012: 171f).

Voraussetzung für Meads Identitätstheorie sind der symbolische Interaktionismus sowie das menschliche Selbstbewusstsein. Daran anschließend wird erklärt, was game und play in der Entwicklungsphase des Kindes bedeuten und wie diese seine Identität formen. Fragen wie: Was bedeutet I, Me und Self und wie ist die Identität von der Gesellschaft abhängig? werden ebenso beantwortet. Abschließend folgt ein Vergleich der beiden Theorien, durch den die Unterschiede und Gemeinsamkeiten klar herausgearbeitet werden sollen.

Ein Vergleich der beiden Theoretiker ist aus dem Grund interessant, weil Simmel und Mead ungefähr zur gleichen Zeit gelebt und somit ähnliche soziale Phänomene beobachtet haben, woraus sie dann Schlussfolgerungen für ihre Individualisierungstheorien entwickelt haben. Die Theorien werden jedoch einerseits von einer sozialpsychologischen, andererseits von einer sozialphilosophischen Perspektive beleuchtet. Sind die Theorien wirklich so unterschiedlich oder ergeben sich bei genauerer Untersuchung Ähnlichkeiten? Und vor allem: Lässt sich das Thema der Individualisierung auf die Gegenwart übertragen?

2.0 Individualisierung bei Simmel

2.1 Vergesellschaftung und Wechselwirkungen

In seinem Werk „Soziologie“ (1908) untersucht Simmel den Individualisierungsprozess im Kapitel „Die Kreuzung sozialer Kreise“.

Allgemein sei der Begriff der Vergesellschaftung nicht mit dem der Gesellschaft gleichzusetzen, da Simmel den Begriff der Gesellschaft methodisch einsetze. Gesellschaft solle als Produkt und Resultat der Vergesellschaftung verstanden werden. Simmel zufolge entstehe Vergesellschaftung aus den Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen sozialen Akteuren (vgl. Jung 1990:83).

Die Akteure der Wechselwirkungen werden durch eigene Triebe und Interessen angetrieben, Beziehungen zu anderen Akteuren einzugehen. Mit Simmels Worten: „Diese Wechselwirkung entsteht immer aus bestimmten Trieben heraus oder um bestimmter Zwecke willen“ (Simmel 1908: 17). Je nach Ausprägung der Beziehung entstehe eine Vergesellschaftungsform, das heißt eine Form, nach der die Gesellschaft gestaltet werde. Die Akteure können demzufolge die Vergesellschaftung beeinflussen, weil sie diese mit ihren Beziehungen aktiv formen (vgl. Kippele 1998: 65).

Damit Individuen miteinander in Kontakt treten und sich wiederum die Vergesellschaftung bilden könne, seien drei Bedingungen (die soziologischen Apriori) nötig. Das erste Apriori besagt, dass wir andere Menschen im Alltag nur dann erkennen und Kontakt zu ihnen aufnehmen können, wenn sie unter eine allgemeine Kategorie fallen. Die Beschreibung des zweiten Apriori fokussiert sich auf die Doppelstellung des Individuums: Jeder gesellschaftlich eingebettete Mensch sei zum einen gesellschaftlich, weil er eine bestimmte Rolle oder Funktion erfülle, zum anderen aber auch nicht-gesellschaftlich, weil er spontan agiere. Durch die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem und nicht-gesellschaftlichem Teil werde eine soziale Dynamik bzw. eine Vergesellschaftung möglich. Das dritte Apriori wirke integrierend. Es besagt, dass jeder Mensch von einer natürlichen Ordnung ausgehe, in der er eine bestimmte Rolle erfüllen müsse (vgl. Kippele 1998: 66f).

2.2 Soziale Kreise

Nach Simmel sei der Ausgangspunkt zur Erklärung des Individualisierungsprozesses, dass Akteur und Gesellschaft in ständiger Wechselwirkung zueinanderstehen, d.h. sie beeinflussen sich gegenseitig. Die grenzenlose Stimulierung solle hierbei durch die Form des Kreises verdeutlicht werden (Nedelmann 2000: 134). Die sozialen Kreise, denen jedes Individuum angehört wie z.B. der Familie, Freunden oder Vereinen, sind Teil der Vergesellschaftung (vgl. Brock et al. 2007: 147).

2.3 Konzentrische Kreise

Zu Beginn der phylo-, und ontogenetischen Entwicklung finde sich der Mensch gleichgültig mit seinem Umfeld ab. Er sei an sein Schicksal gebunden und folglich auch an die Personen mit ähnlicher Abstammung, denn je nach Abstammung gehöre das Individuum zufällig einem anderen sozialen Kreis an. So ist der erste und engste soziale Kreis die Familie (vgl. Simmel 1908: 305). „So umschließt die Familie eine Anzahl verschiedenartiger Individualitäten, die zunächst auf diese Verbindung im engsten Maße angewiesen sind“ (Simmel 1908: 305). Sei der Kontakt zwischen den Mitgliedern solchermaßen eng und fehlen andere Sozialisationserfahrungen, so werde die Sozialisation hauptsächlich durch die Familie bestimmt (vgl. Brock et al. 2007: 148).

Darüber hinaus gehöre das Individuum noch weiteren Kreisen an, die den Familienkreis konzentrisch einschließen wie beispielsweise eine Dorfgemeinschaft oder Nation. Dabei sei das Individuum ebenso nach Abstammung an die jeweiligen Kreise gebunden und müsse bestimmte Pflichten in seiner Rolle erfüllen (vgl. ebd.: 148). Allerdings könne hierbei noch keine Individualität entstehen, denn „je enger und homogener die eigene Gruppe das Individuum einschließt, desto weniger individuell ist die Persönlichkeit im Vergleich zu den anderen Gruppen“ (Kippele 1998: 70). Zur Entwicklung der Individualität ist demnach mehr persönlicher Freiraum und Unabhängigkeit zur Gruppe notwendig.

2.4 Veränderung der Kreise und Rollen

Seit dem 15. Jahrhundert bewirke die kulturelle Ausdifferenzierung der Moderne, dass die Individuen aus engen Kreisen freigesetzt werden und nach freiwilligen Neigungen und Interessen Kontakte zu anderen Kreisen knüpfen können. Sie finden sich nicht mehr in homogenen, sondern in zunehmend heterogeneren Kreisen zusammen (vgl. Brock et al. 2007: 148). Das beginne schon mit der Tatsache, dass beispielsweise ein Mann dem Kreis seiner Familie, der Familie der Frau, dem Beruf, einem Verein usw. angehöre (vgl. Simmel 1908: 311). Je nach Interessen nimmt das Individuum somit an mehr Kreisen als zuvor teil.

Die Kreise schneiden sich in einer Schnittmenge. Daraus gehe dann die Individualität hervor, die durch die verschiedenen sozialen Kreise beeinflusst werde (vgl. Brock et al. 2007: 149). An je mehr Kreisen das Individuum teilnehme und je einzigartiger damit die Gruppenkombination werde, desto individueller und einzigartiger werde auch die Persönlichkeit. Zudem werde es immer unwahrscheinlicher, dass ein anderes Individuum an denselben Kreisen teilnehme und sich diese in den gleichen Punkten schneiden (vgl. Kippele 1998: 71 und 74). Je nach Kreis nimmt das Individuum eine andere Rolle ein z.B. Ehemann, Staatsbürger, Sohn usw. Weiterhin sind mit den Rollen verschiedene Interessen, Normen und Werte verbunden, sodass das Individuum vermehrt in „Konflikte äußerer und innerer Art“ gerate. Somit komme es zum sogenannten seelischen Dualismus (Simmel 1908: 313). Das bedeute jedoch nicht, dass es in dieser Zerrissenheit zwischen den unterschiedlichen Gruppeninteressen zur Schizophrenie komme. Vielmehr werde sich das Individuum mit steigender Anzahl von Gruppeninteressen stärker seines Ichs bewusst (vgl. Kippele 1998: 75).

In differenzierten und modernen Gesellschaften müsse das Individuum lernen, wie es einerseits mit dem zwanghaften Eintritt in unterschiedliche Kreise und andererseits mit den resultierenden Rollenkonflikten umgehe (vgl. Brock et al. 2007: 150). Es gelinge nicht vielen Menschen die Widersprüche zwischen dem Selbst und der Umwelt zu ertragen und nach absoluter Authenzität zu leben. Gelinge dies, so könne die eigene Identität gewahrt werden (vgl. Kron et al. 2009: 45).

2.5 Qualitative Individualisierung

Der Begriff der Authenzität leitet zur qualitativen Individualisierung über. Nach Simmel gibt es nicht nur einen quantitativen Bereich der Individualisierung, der sich durch die Anzahl der Kreise bestimmt, sondern auch einen Qualitativen. Dieser gehe auf den Individualisierungsbegriff des 19. Jahrhunderts zurück, der für „Freiheit ohne Gleichheit“ und somit für Unverwechselbarkeit stehe (vgl. Schroer 2000: 312). Diese einzigartige Individualisierung basiere auf dem individuellen Gesetz. Das bedeute, dass jeder Einzelne seine Handlungen individuell gestalte und sich dabei an den bereits gemachten Erfahrungen orientieren könne. Individualität entstehe aus der Vergesellschaftung und sei aus diesem Grund nicht als eigenständiger, aus dem Inneren kommender Trieb anzusehen. Aber auch die Erfahrungen, die der Einzelne im Laufe seines Lebens macht und die Voraussetzung für das individuelle Gesetz seien, entstehen einerseits aus eigenen Ansichten, andererseits aus den Reaktionen der Anderen. Die Summe daraus bilde das individuelle Gesetz (vgl. Abels 2010: S.164f).

In Zeiten der Massengesellschaft sei die Hervorhebung der qualitativen Individualisierung jedoch schwierig umsetzbar, da es für den Einzelnen schon feststehende Strukturen gebe. Simmel untersucht die qualitative Individualisierung anhand des Großstadtlebens. Die Großstadt biete für die Arbeitsteilung vorteilhafte Bedingungen wie z.B. große Kreise mit vielen verschiedenen menschlichen Leistungen. Gleichzeitig werden die Individuen aber auch räumlich zusammengedrängt und konkurrieren um ihre Leistungen. Folgen des Großstadtlebens seien Blasiertheit und Distanz, die aus der Vielzahl von Individuen hervorgehen. Das Leben entwickle sich immer mehr zu einem „Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung“, da Individualität neben individuellen Prinzipien auch nach dem verlangt, was die anderen Individuen über einen denken (Abels 2010: 171-173).

2.6 Soziale Differenzierung und Individualisierung

Mit dem Begriff der sozialen Differenzierung meine Simmel, dass sich die Gesellschaft sowie die Individuen evolutionär weiterentwickeln (vgl. Junge 2009: 16). Da Gesellschaft und Individuum in einer wechselseitigen Beziehung zueinanderstehen, hat die soziale Differenzierung der Gesellschaft einen unmittelbaren Einfluss auf die Individualisierung.

Durch das Bevölkerungswachstum nehme die soziale Differenzierung zu, die Menschen wenden sich interessengeleitet immer größeren, heterogenen Gruppen zu, die sich im Verlauf immer mehr angleichen. Allein ihre Mitglieder grenzen sich durch Konkurrenz und Spezialisierung voneinander ab. Der Mensch sei ein „Unterschiedswesen“, das heißt, er neige dazu, sich von anderen unterscheiden zu wollen. Daraus ergebe sich zum einen die Möglichkeit der Individualisierung, zum anderen lockerere Beziehungen als in einer kleinen Gruppe einzugehen (vgl. Junge 2009: 18). Die Mitglieder seien weniger voreinander abhängig, sie müssen nur noch Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen (vgl. Kippele 1998: 72).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Identität und Individualisierung
Untertitel
Ein Vergleich zwischen Georg Simmel und George H. Mead
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V507242
ISBN (eBook)
9783346059154
ISBN (Buch)
9783346059161
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Klassiker, Mead, Simmel
Arbeit zitieren
Jana Cordes (Autor), 2017, Identität und Individualisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507242

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