Der Begriff der Hexis in Aristoteles ́ Nikomachischer Ethik


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1: Die Hexis im „Seelendiagramm“

Kapitel 2: Die Rolle der willentlichen Entscheidung und der Gewöhnung

Kapitel 3: Ist die Hexis unumkehrbar?

Kapitel 4: Die Entstehung der Hexis durch
a) Die Erziehung der Eltern beim Kind
b) Den Staat bei den Bürgern

Fazit

Einleitung

„Also: die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel allen Handelns ist.“1

Das ist die erste Definition der Eudaimonia, 2 die Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik gibt. Diese Eudaimonia (im Folgenden auch mit Glückseligkeit wiedergegeben) wird von Aristoteles als das höchste Gut beschrieben, auf das alles Handeln und Streben gerichtet ist. Dieses höchste Gut sei nämlich gekennzeichnet als ein Gut, das um seiner selbst willen erstrebt wird und nicht als Mittel zum Erreichen eines weiteren Ziels.3 Beim Menschen sei Glückseligkeit „[…] ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit.“4 Dies soll den Menschen von anderem, z.B. Tieren und Pflanzen, unterscheiden. Die Untersuchung dieser Tüchtigkeit (Tugend / Aretê) erfolgt in den Büchern II bis V (ethische Tugenden) und in Buch VI (dianoëtische Tugenden) der Nikomachischen Ethik. Als Beispiele ethischer Tugenden seien etwa Tapferkeit, Besonnenheit, Großzügigkeit, Hochsinnigkeit, Großgeartetheit, ruhiges Wesen, Aufrichtigkeit und gesellschaftliche Gewandtheit zu nennen.5 Zu den dianoëtischen Tugenden gehören Wissenschaft, Klugheit, sittliche Einsicht, Weisheit, Verstand und Kunstfertigkeit. Die letzteren gelten als lernbar, erfordern also Zeit und Erfahrung, wogegen die ersteren, die ethischen Tugenden, vor allem durch Gewöhnung entstehen.

„So werden wir auch gerecht, indem wir gerecht handeln, besonnen, indem wir besonnen handeln, und tapfer, indem wir tapfer handeln.“6

Aus diesem vielzitierten Satz wird die grundlegende Idee des Begriffes der Hexis (im Folgenden näher erklärt) deutlich. Dadurch, dass wir uns in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Weise verhalten, werden wir uns in einer ähnlichen Situation wieder ähnlich verhalten, wodurch sich eine gewisse Grundhaltung ergibt – eben eine Hexis (auch: Habitus). Es bildet sich gewissermaßen ein Verhaltensmuster heraus. Einer Situation, die einer vorhergegangenen ähnlich ist, wird mit ähnlichem Verhalten geantwortet. Je öfter dieser Vorgang wiederholt wird, desto fester wird die Grundhaltung.

Horn und Rapp schlagen folgende Definition vor:

„h. [hexis] ist bei Aristoteles ferner jene Disposition (diathesis), der gemäß der Disponierte für sich oder bezogen auf anderes gut oder schlecht disponiert ist (Metaph. V20). In diesem Sinn ist h. in der Ethik das, dem gemäß wir uns in bezug auf die Affekte (pathos) gut oder schlecht verhalten: gut verhalten wir uns, wenn wir das richtige Maß (die Mitte, mesotês) treffen, im andern Fall schlecht. […] Sie wird durch wiederholten, gleichartigen Umgang mit den Affekten erworben. […] Ist die h. einmal geformt, zeichnet sie sich durch Festigkeit aus, ja, wie es scheint, durch Irreversibilität.“1

Dass die sittliche Tüchtigkeit den festen Grundhaltungen zuzuordnen ist, wird in Kapitel 4 des zweiten Buches deutlich. Hier stehen zunächst drei seelische Phänomene zur Auswahl: irrationale Regungen / Affekte (von Lust und Unlust begleitete Empfindungen), Anlagen / Vermögen (befähigen uns die Affekte wahrzunehmen) und feste Grundhaltungen / Hexeis. Nach Aristoteles ist sittliche Tüchtigkeit keine irrationale Regung und keine Anlage, da wir nicht aufgrund unserer irrationalen Regungen und Anlagen als gut oder schlecht bezeichnet und gelobt oder getadelt werden, also nicht wegen des dass, sondern wegen des wie. Außerdem kämen irrationale Regungen ohne unsere Entscheidung einfach über uns, sittlich wertvolle Handlungen dagegen seien aber eine Form von Entscheidung. Darüber hinaus sei sittliche Tüchtigkeit ein Dauerzustand, der nur bei Grundhaltungen zu finden sei. So kommt er zu dem Schluss, dass sittliche Werte nur feste Grundhaltungen sein können.2

Die Hexis steht in enger Beziehung zur Mesotêslehre des Aristoteles, die nun in ihren Grundzügen dargestellt werden soll. Tugendhaftes Handeln ist nach Aristoteles die rechte Mitte zwischen Übermaß und Unzulänglichkeit. Wir haben in Situationen, in denen unsere Affekte in Erscheinung treten, die Möglichkeit, verschieden zu reagieren: Wir können z.B. übermäßig zornig reagieren oder zu wenig Zorn zeigen, als es in dieser Situation angemessen wäre. Schließlich können wir auch angemessen reagieren, also die rechte Mitte (mesotês) treffen. Schaffen wir das, handeln wir tugendhaft. Diese Mitte entspricht allerdings keinem arithmetischem Mittel, sondern ist immer eine Mitte in Bezug auf uns und hängt von der Person als auch von der Situation ab, ist also eine relative Mitte. Außerdem kann die rechte Mitte mal dem Übermaß, mal der Unzulänglichkeit näherstehen. Zum Beispiel liegt die Tapferkeit (die rechte Mitte) näher bei der Verwegenheit (dem Übermaß) als bei der Angst (der Unzulänglichkeit). In Kapitel 7 des zweiten Buches in der Nikomachischen Ethik zählt Aristoteles für die Tugenden jeweils die entsprechende Unzulänglichkeit und das entsprechende Übermaß auf. 3

In dieser Hausarbeit soll der Begriff der Hexis bei Aristoteles (in der Nikomachisichen Ethik) näher untersucht werden. Dazu möchte ich zunächst eine Einordnung in das „Seelendiagramm“ vornehmen (Kapitel 1), anschließend die Rollen der willentlichen Entscheidung und der Gewöhnung behandeln (Kapitel 2). Dann werde ich mich mit der Unumkehrbarkeit einer Hexis befassen (Kapitel 3) und zuletzt die Hexisbildung in der Erziehung und im Staat betrachten (Kapitel 4).

Kapitel 1: Die Hexis im „Seelendiagramm“

Bevor ich die Hexis in das „Seelendiagramm“ einordne, möchte ich kurz die Seelenlehre des Aristoteles wiedergeben.

Aristoteles teilt die Seele (psyche) in einen irrationalen / unvernünftigen (alogon) und einen rationalen / vernünftigen Seelenteil (logon). Der erstere beinhaltet zum einen den vegetativen Teil (phytikon), der sich aus Wachstum und Ernährung zusammensetzt und auch den Pflanzen eigen ist, zum anderen das Strebevermögen (orexis), das auch Teil von Tierseelen ist. Beim Menschen vermag das Strebevermögen jedoch in Verbindung zum rationalen Seelenteil zu stehen, und zwar insofern, als dass es auf diesen hört und ihm Gehorsam leisten kann. Dieser Teil des Strebevermögens ist also Streben der Vernunft gemäß, während der andere Teil Streben im Affekt (pathos) ist. Der rationale Teil der Seele gliedert sich wiederum in logistikon, etwa „das Überlegende“, – hier besteht die Verbindung zum vernunftgemäßen Streben – und epistemonikon, etwa der theoretisch denkende Teil.1 Dem logistikon sind die dianoëtischen Tugenden Klugheit (phronesis) und Kunstfertigkeit (techne) zuzuordnen, dem epistemonikon intuitive Vernunft (nous), Wissenschaft (episteme) und Weisheit (sophia).

Wie aus der Definition der Hexis nach Horn / Rapp zu entnehmen ist, beziehen sich die ethischen Tugenden auf die Affekte. Tugendhaft handeln heißt, auf Affekte in der richtigen Art und Weise zu reagieren.

Die Affekte habe ich bezüglich des Strebevermögens erwähnt: Streben im Affekt. Die ethischen Tugenden entsprechen der richtigen Reaktion auf das Erleben dieser Affekte. Diese Richtigkeit drückt sich aus als die rechte Mitte (mesotês), die sich zwischen Übermaß und Unzulänglichkeit befindet. Durch eine Hexis also, die auf die rechte Mitte zielt, erlangen wir sittliche Tüchtigkeit. Nun lassen sich die Affekte nahe des Strebevermögens lokalisieren und recht eindeutig in das „Seelendiagramm“ eingliedern.

Die ethischen Tugenden haben wir im Laufe unseres Proseminars bei dem vernunftgemäßen Streben verortet. Die Hexis, die uns zur rechten Mitte und somit zur sittlichen Tüchtigkeit führt, überschneidet sich mit den ethischen Tugenden. Die anderen möglichen Hexeis, die uns zu Übermaß und Unzulänglichkeit führen, müssen von diesem Bereich verschieden sein. Während die „mittlere Hexis “ also den ethischen Tugenden entspricht und somit dem vernunftgemäßen Streben nahesteht, sind die anderen genannten Hexeis in Richtung des unvernünftigen Seelenteils zu lokalisieren. Denn entsprechend dem Übermaß oder der Unzulänglichkeit zu handeln kann nicht gleich vernünftig oder vernünftiger sein, als ein Handeln nach der rechten Mitte, ein Handeln mit sittlicher Vortrefflichkeit. Ich lokalisiere diese zwei Extreme also nahe dem Streben im Affekt, dem unvernünftigeren Teil des Strebevermögens. Ich möchte das„Seelendiagramm“ im Folgenden entsprechend der Arbeit in unserem Proseminar mit darin eingefügter Hexis visualisieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie oben erwähnt sind die rechte Mitte (im Diagramm kurz: Mitte) und die ethischen Tugenden deckungsgleich. Die beiden davon abweichenden Extreme Übermaß und Unzulänglichkeit habe ich in Richtung des unvernünftigen Seelenteils lokalisiert. Man muss sich die relativ große grüne Fläche nun als Ansammlung vieler Punkte denken, wobei jeder Punkt für eine Hexis stehen kann. Denn eine Hexis kann in jedem Teil des grünen Bereichs ausgebildet werden. Je näher sie der Mitte (den ethischen Tugenden) ist, desto tugendhafter ist das Handeln der Person, zu der diese Hexis gehört.

Kapitel 2: Die Rolle der willentlichen Entscheidung und der Gewöhnung

Was man unter einer Hexis bezogen auf die Nikomachische Ethik versteht ist nun erläutert, wie auch ihre Position im „Seelendiagramm“. Nun möchte ich mich mit der Frage beschäftigen, welchen Einfluss willentliche Entscheidung und Gewöhnung auf das Entstehen und die Festigung einer Hexis haben.

Die grundlegende Idee ist, „daß aus den wiederholten Einzelhandlungen die festen Grundhaltungen hervorgehen“1. Eine Hexis für tugendhaftes Handeln entsteht also durch tugendhafte Einzelhandlungen, die wiederholt auftreten. Hier scheint es mir wichtig zu erwähnen, dass ein tugendhaft Handelnder nach Aristoteles in einer bestimmten Verfassung2 sein muss, die Folgendes einschließt:

1. Wissentlichkeit: Dies ist in Bezug auf die Freiwilligkeit gemeint. Ein tugendhaft Handelnder kann kein Unwissender und somit kein Unfreiwilliger sein.3
2. Willensentscheidung: Hierbei geht es darum, dass jedes tugendhafte Handeln die willentliche
Entscheidung für eben dieses Handeln voraussetzt.
3. Unerschütterlichkeit: Es soll eine Art dauerhafte Disposition vorliegen, in einer bestimmten Weise zu Handeln – eine Hexis.

Hier haben wir also schon eine Verbindung zwischen Hexis und Entscheidung bezüglich sittlich trefflichen Handelns. Allerdings sind sie hier als verschiedene Punkte aufgezählt. Ist die Entstehung einer Hexis selbst schon an eine bewusste Entscheidung gebunden? Kinder können an tugendhaftes Handeln lediglich gewöhnt werden und somit schon von den Eltern zu einer bestimmten Hexis hingeführt werden (siehe dazu auch Kapitel 4 dieser Hausarbeit). Aber die Kinder entscheiden sich noch nicht bewusst für die ethischen Tugenden. Mit dieser Frage nach unserem Einfluss auf die Entwicklung von Tugenden beschäftigt sich auch Christof Rapp in „Aristoteles: Die Nikomachische Ethik “, herausgegeben von Otfried Höffe. Auch Rapp betont Aristoteles´ Ansicht, man könne schlechte Handlungen nicht mit dem Verweis auf eine schlechte Hexis entschuldigen, da der Anfang einer Hexis in unserer Macht stünde.4 Doch wie können wir die Entstehung dieser Hexis beeinflussen, wenn sie durch lange Gewöhnung in der Kindheit ihren Anfang nimmt? Rapp schreibt, dass Kinder lediglich „an tugendanaloge Handlungen gewöhnt werden, die tugendhafte Eigenschaft entsteht erst durch verantwortlich getroffene Entscheidungen.“5 Die Schwierigkeit scheint mir nun zu sein, zu differenzieren, ob man sich für eine Hexis entscheidet oder für die Tugend – oder macht das überhaupt einen Unterschied? Eine Hexis an sich kann vielleicht lediglich durch Gewöhnung entstehen, die Hexis zu tugendhaftem Handeln jedoch benötigt eine bewusste Entscheidung. Doch entscheidet man sich dann auch bewusst für eine Hexis zu Übermaß oder Unzulänglichkeit?

[...]


1 ARISTOTELES, Nikomachische Ethik. Übersetzung nach Eugen Rolfes. Hrsg.: Günther Bien 1972: Hamburg Seite 11, 1097b21

2 “[…] Begriff für das Lebensglück oder gelingende Leben […]”, HORN, Christoph, RAPP, Christof 2008: Wörterbuch der antiken Philosophie. München, Seite 158

3 vgl. ARISTOTELES, Hrsg.: BIEN 1972, Seite 10, 1097b6

4 ARISTOTELES, Nikomachische Ethik. Übersetzung von Franz Dirlmeier von 1969. 2003: Stuttgart, Seite 17, 1098a16

5 vgl. ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Buch II, Kapitel 7

6 ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Seite 35, 1103b1

1 HORN und RAPP 2008, Seite 189

2 vgl. ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Buch II, Kapitel 4

3 vgl. ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Buch II, Kapitel 5-9

1 vgl. ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Buch I, Kapitel 13

1 ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Seite 68, 1114a10

2 ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Seite 40, 1105a30

3 vgl. ARISTOTELES, Übers.: Dirlmeier 2003, Buch III, Kapitel 1-3

4 vgl. HÖFFE, Otfried (Hrsg.) 1995: Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Berlin, Seite 131

5 HÖFFE 1995, Seite 132

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Hexis in Aristoteles ́ Nikomachischer Ethik
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V507243
ISBN (eBook)
9783346060679
ISBN (Buch)
9783346060686
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Ethik, Tugend, Tugendethik, Haltung, Hexis, Antike, Philosophie, Eudaimonia
Arbeit zitieren
Philipp Stein (Autor), 2016, Der Begriff der Hexis in Aristoteles ́ Nikomachischer Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507243

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