Unruhen in der Ständegesellschaft der Frühen Neuzeit anhand der Bauernaufstände in Süddeutschland von 1525


Hausarbeit, 2019
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Die Situation der Bauern in Oberschwaben vor 1525

2. Ursachen für den bäuerlichen Widerstand gegenüber der Herrschaft

3. Forderungen und Ziele der Bauern am Beispiel der Zwölf Artikel

4. Der Verlauf des Krieges

5. Die Folgen der Aufstände

6. Fazit

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Unter dem Begriff des Bauernkriegs werden eine Reihe zusammenhängender Aufstandsbewegungen subsumiert, welche ab 1524 vom Bauerntum ausgingen und ihren Kulminationspunkt 1525 in weiten Teilen Süddeutschlands hatten. Der Begriff „Bauernkrieg“ ist dabei nicht wirklich zutreffend, kämpfen doch auf Seiten der Bauern, welche den Großteil der ländlichen Bevölkerung bildeten, auch Bergleute, Handwerker und andere Bürger der unteren Gesellschaftsschichten.

Peter Blickle spricht daher im Zusammenhang mit den Bauernaufständen von der „Revolution des Gemeinen Mannes“.

Das Thema ist seit den 1970er-Jahren als Forschungsobjekt ein fester Bestandteil der deutschen Geschichtswissenschaft. Ein großer Verdienst dieses Forschungsbereichs ist es, den bäuerlichen Widerstand als Schlüssel für das zeitgenössische Verständnis von Herrschaft und Beherrschung, die ländliche soziale Differenzierung und den Einsatz bestimmter Normen zur Rechtsdurchsetzung und Rechtsverteidigung in der frühneuzeitlichen Kultur identifiziert zu haben. Günther Franz verstand den Bauernkrieg in seiner bereits 1933 veröffentlichten Studie beispielsweise als „eine politische Auseinandersetzung zwischen den zur Landeshoheit drängenden Territorialherren und den um die Wahrung ihrer Autonomie kämpfenden bäuerlichen Gemeinden.“1

Das Thema Bauernkrieg beschränkt sich dabei allerdings nicht auf den deutschen Raum, in der Schweiz kam es bereits im 13. Jahrhundert zu einer ersten Erhebung von Bauern, die gegen die Belastung seitens der habsburgischen Landvögte vorgingen und für ihre Freiheit kämpften.

An diese Erhebung schlossen sich bis ins 16. Jahrhundert hinein zahlreiche weitere Aufstände, bei denen sich die Bauern unter anderem gegen die Stadtobrigkeiten von Luzern, Bern oder Zürich verbündeten und sich dafür auf ihre „Freiheit und Altherkommen“ beriefen.2

Des Weiteren kam es wiederholt im 15. Jahrhundert im heutigen Österreich zu Unruhen. 1462 gab es im Erzstift Salzburg nach der Erhebung einer Weihsteuer durch den neuen Erzbischof einen Aufstand, 1478 schlossen sich Bauern zu einem Bund zusammen, um sich gegen die Türken zu behaupten.3

Gemeinsamkeiten all dieser Erhebungen bestanden hinsichtlich des Zieles, einen Bauernstaat unter kaiserlicher Oberhoheit zu errichten, sowie in der Berufung auf das „alte Recht“.4

In der vorliegenden Hausarbeit soll der Widerstand des „Gemeinen Mannes“ gegen die Obrigkeit, zu der die verschiedenen Herrschaften der Grundbesitzer, des Adels und der Klöster gehörten, nachvollzogen werden.

Der Fokus liegt dabei auf der Region Oberschwaben, wo die Leibeigenschaft und ihre sozialen Auswirkungen auf die Situation der Bauern im Vergleich mit anderen Landesteilen am deutlichsten zum Ausdruck kamen.

Im ersten Kapitel soll zunächst die Lebenssituation der Bauern innerhalb der Sozialstruktur der ländlichen Gesellschaft zur damaligen Zeit dargestellt werden. Daran anknüpfend werden im nächsten Abschnitt die Hintergründe und Ursachen der Aufstände erörtert. Dabei stehen Fragen hinsichtlich der Gründe für den Widerstand der Bauern gegen die feudale Herrschaft im Vordergrund. Das dritte Kapitel beschäftigt sich anschließend am Beispiel der „Zwölf Artikel“, die Memminger Bauern 1525 gegenüber dem Schwäbischen Bund erhoben und mit denen sie ihre Rechte geltend zu machen versuchten, mit den Forderungen und Zielen der Bauernbewegung.

Im darauffolgenden Abschnitt soll der Verlauf der Bauernaufstände, von ihrem Beginn im Januar 1525 mit der Bildung sogenannter Bauernhaufen in Oberschwaben und am Bodensee bis zu ihrer Niederschlagung durch den Schwäbischen Bund im Juli, nachgezeichnet werden, ehe im letzten Kapitel deren Folgen für die Gesellschaft der Frühen Neuzeit aufgezeigt werden.

Das Fazit fasst die Ergebnisse abschließend zusammen.

1. Die Situation der Bauern in Oberschwaben vor 1525

Um die Ursachen, die zur Erhebung der Bauern führten, nachvollziehen zu können, ist es zunächst einmal notwendig, einen detaillierten Blick auf ihre Lebenssituation am Vorabend des Bauernkrieges zu richten. Die Ausführungen hierzu folgen in erster Linie der umfassenden Studie Sabeans aus dem Jahr 1972, worin dieser die sozialen Verhältnisse in Oberschwaben in den Jahren vor 1525 untersucht hat.

Die Bauern in dieser Region sahen sich aus verschiedenen Gründen sowohl wirtschaftlicher als auch sozialer Natur, zahlreichen Belastungen ausgesetzt.

In wirtschaftlicher Hinsicht sind hier vor allem die Verpflichtungen gegenüber den Herren zu nennen.

Die Herrschaft, der sie unterworfen waren, machte sich für die Bauern vorrangig als ökonomisches und rechtlich-politisches Abhängigkeits- und Gewaltverhältnis bemerkbar.5

Dieses gestaltete sich so, dass die Bauern ihren Grund-, Gerichts-, und Landesherren Treue und Gehorsam schworen und im Gegenzug von ihnen Schutz und Schirm sowie die Wahrung des lokalen Rechts und Herkommens zugesichert bekamen.6

Es existierten fünf Herrschaftsbeziehungen, in deren Rahmen Abgaben zu erfolgen hatten. Im Falle der Zehntherrschaft waren dies der Groß- und Kleinzehnt, bei der Grundherrschaft Zins, Naturalien und Besitzwechselgebühren. Bei den übrigen, Gerichtsherrschaft, Leibherrschaft und Landesherrschaft, waren die Abgaben ebenfalls in Form eines Zinses oder durch Dienste und Steuern zu entrichten.7

Jedes dieser Aneignungsverhältnisse hatte zur Folge, dass sich die Bauern in ihrer eigenen Existenzsicherung zunehmend bedroht sahen. Neben der Belastung durch die herrschaftlichen Forderungen wurde der Status als Leibeigener ohne eigene Rechte von den Bauern als drückend empfunden.8

Auf der Grundlage dieses Verhältnisses wurden zwischen beiden Parteien Verträge abgeschlossen, die es den Herren erlaubten, einen Teil der Arbeitserträge, die die Bauern über das zur eigenen Reproduktion Notwendige hinaus erwirtschafteten, einzufordern.

Diese Verträge wurden in der Regel auf „drei Lebtag“ abgeschlossen, d. h. dass ein Hof über zwei Generationen verliehen wurde.

Für die Bauern waren die Verträge aus wirtschaftlicher Sicht von wichtiger Bedeutung, da der Großteil von ihnen Lehen von einem Grundherrn besaß.

Das waren entweder Erblehen, bei denen die Abgaben auf unbegrenzte Zeit festgelegt wurden, oder Fallehen, bei denen der Hof nach dem Erlöschen des Vertrags an den Herrn zurückfiel, welcher ihn anschließend gegen Entrichtung einer Gebühr, „Erschatz“ genannt, weiter zu verleihen pflegte.9

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde unter anderem in Ravensburg damit begonnen, Erblehen in Fallehen umzuwandeln, um die Abgaben regelmäßig berichtigen zu können. Dass die Höfe zu dieser Zeit üblicherweise auf „drei Lebtag“ verliehen wurden und der Zins während der Vertragsdauer nicht berichtigt werden konnte, bedeutete für die Grundherren finanzielle Probleme. Um ihre Einkünfte zu erhöhen, ließen sie Verträge ab 1540 nur noch auf Lebenszeit eines Ehepaares laufen und forderten einen Erschatz.

In der Zeit vor dem Bauernkrieg hatten sie lediglich die Möglichkeit, den Zins zu erhöhen.10

Sabean kommt durch seine Untersuchungen aber zu dem Schluss, dass beispielsweise das Kloster Weingarten seine Höfe für lange Zeiträume verlieh, ohne den Zins nach Ende des Vertrags zu erhöhen. Andere Klöster und Städte hätten genauso verfahren. Zusammenfassend stellt er fest: „Obwohl sich die Abgaben nicht erhöhten, konnten wir eine Entwicklung feststellen, die darauf abzielte, die Lehenszeit zu verkürzen beziehungsweise die Art des Lehens zu ändern.“11

Ein weiterer Faktor, der zur Verschlechterung der bäuerlichen Situation beitrug, war der seit Beginn des 16. Jahrhunderts einsetzende Bevölkerungszuwachs. Für die Bauern wurde es zunehmend schwieriger, Bau- und Brennholz in ausreichender Menge zu bekommen.

Weil die Hoheit über die Waldgebiete den Grundherren oblag und es den Bauern nicht erlaubt war, auf diesen Lehensgütern Holz zu fällen, ergab sich das Problem, dass nicht mehr genügend Holz für die in ihrer Anzahl stetig zunehmenden Höfe vorhanden war. Dadurch waren die Bauern auch in dieser Hinsicht auf ihre Herren angewiesen, wollten sie an das dringend benötigte Holz kommen.12

Darüber hinaus wurde es infolge des Bevölkerungswachstums schwieriger, die Aufteilung eines Gutes zu verhindern. Gab es in früheren Verhältnissen anderswo genug Land, sodass Familienangehörige den Hof verlassen konnten, war dies nun angesichts der Tatsache, dass es immer weniger offenes Land gab, nicht mehr möglich. Die Herren versuchten aus diesem Grund, die Erben zum Verkauf ihrer Anteile an einen einzigen Familienangehörigen zu zwingen und wenn das nicht gelang, begannen sie Erblehen zu kaufen und diese in Fallehen umzuwandeln.13

Die größte Belastung für die Bauern stellte jedoch die Leibeigenschaft dar, welche die persönliche Abhängigkeit von einem Leibherrn bezeichnet, und die im Unterschied zu anderen Regionen in Oberschwaben für die Untertanen deutlich zu spüren war.14

Sie äußerte sich durch zahlreiche Einschränkungen bezüglich der Möglichkeit, den Wohnsitz zu ändern, und der Freiheit, zu heiraten und zu erben.

Zudem hatten die Leibeigenen im Falle eines Todes einen sogenannten Todfall in Form der Abgabe des besten Stück Viehs und des besten Kleidungsstücks zu entrichten.

Bei den Beschränkungen zur Eheschließung kam dem Begriff der „Genossenschaft“ eine wichtige Bedeutung zu. Sie war der Verbund derer, die Leibeigene desselben Herrn waren. Heiratete ein Bauer eine Frau außerhalb dieser Genossenschaft, wurde ihm eine Buße auferlegt, was mit weitreichenden erbrechtlichen Konsequenzen verbunden war: „Da nach schwäbischem Landrecht die Kinder dem Stand der Mutter folgten, entglitt dem Leibherrn des Mannes der Zugriff auf die Vermögenswerte seines Leibeigenen […] Besaß der Eigenmann ein Erblehengut von seinem Leibherrn, so war dieser rechtlich gezwungen, das Gut den erbberechtigten, nun aber nicht mehr seiner Leibherrschaft unterstehenden Kindern zu leihen […]“15

Für die „ungenossam“ Verheirateten hatte dieser Umstand zur Folge, dass Teile ihres Besitzes an Gütern konfisziert wurden. Beispielsweise gab es in Weingarten eine Bestimmung, die dem Kloster neben den üblichen Todfallabgaben die Hälfte des Vermögens zusprach, wenn Leibeigene starben.16

Als Erklärung für die Beweggründe, weshalb sich die Herren dazu gezwungen sahen, ihre Untertanen durch die Verschärfung der persönlichen Abhängigkeiten enger an sich zu binden, kann unter anderem die im Zuge der hohen Menschenverluste durch die Pestepidemien des 14. Jahrhunderts massenhaft einsetzende Landflucht in die entvölkerten Städte, „die bessere rechtliche und soziale Stellungen und vor allem bessere Verdienst- und Lebensbedingungen boten“, herangezogen werden.17

Als Mittel für ihre restriktive Politik dienten ihnen das „Verbot, den Schutz- und Schirmherrn frei zu wählen, sowie die Verhinderung der Freizügigkeit und der Flucht in die Stadt.“18

Weiterhin wussten sie dieses System persönlicher Abhängigkeiten sowohl ökonomisch, um ihren Anteil an den Gewinnen aus der Landwirtschaft zu optimieren und so eine Art Ausgleich für die Einbußen aufgrund der Agrarkrise zu erreichen, als auch politisch, um ihre Herrschaftsrechte auszuweiten und sich zu Herren einheitlicher Untertanenverbände aufzuschwingen, zu nutzen.19

Angesichts des Konfliktpotentials der Leibeigenschaft mag es nachvollziehbar erscheinen, dass die oberschwäbischen Bauern in Form der Zwölf Artikel ihre Aufhebung sowie die Abschaffung des Todfalls forderten.

Die wirtschaftliche Belastung und die rechtliche Benachteiligung führten sie in eine ausweglose Situation, in der sie zunehmend ihre Freiheit zugunsten der wirtschaftlichen und politischen Interessen ihrer Leibherren einbüßen mussten.

[...]


1 Franz, Günther: Der deutsche Bauernkrieg, S. 2f.

2 Franz: Geschichte des deutschen Bauernstandes, S. 133f.

3 Ebd., S. 135

4 Ebd.

5 Holenstein, André: Bauern zwischen Bauernkrieg und Dreissigjährigem Krieg, S. 26

6 Ebd., S. 27

7 Ebd., S. 35

8 Ebd.

9 Sabean: Landbesitz und Gesellschaft, S. 22

10 Ebd., S. 25

11 Ebd., S. 35

12 Ebd., S. 38

13 Ebd., S. 45

14 Endres, Rudolf: Ursachen, in: Buszello (Hrsg.): Der deutsche Bauernkrieg, S. 234

15 Blickle: Die Revolution von 1525, S. 44

16 Ebd.

17 Endres: Ursachen, S. 236

18 Ebd.

19 Ebd., S. 238

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Unruhen in der Ständegesellschaft der Frühen Neuzeit anhand der Bauernaufstände in Süddeutschland von 1525
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V507470
ISBN (eBook)
9783346057501
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unruhen, ständegesellschaft, frühen, neuzeit, bauernaufstände, süddeutschland
Arbeit zitieren
Roderick Fabian (Autor), 2019, Unruhen in der Ständegesellschaft der Frühen Neuzeit anhand der Bauernaufstände in Süddeutschland von 1525, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507470

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